Du betrachtest gerade Wer die Nachtigall stört

Die Nachtigall war es wohl, die unserem Webmaster bei seiner abendlichen Heimkehr ein wunderbares Liedchen sang, das er so schnell nicht mehr vergessen wird. Er hat die Szene spontan fotografiert und aufgenommen.

Ihr Gesang ist nicht nur einzigartig, sondern ist auch immer wieder fester Bestandteil in Literatur und Schauspiel.


Nicht nur die US-Amerikanerin Harper Lee hat unter dem Titel „Wer die Nachtigall stört“ 1960 ein berühmtes Buch über den amerikanischen Süden geschrieben, in dem Kindheit, Heranwachsen und Rassismus in den Südstaaten eine große Rolle spielen. Auch William Shakespeare lässt Romeo und Julia im Dialog Bezug auf den bekannten Singvogel nehmen:

Die Kurzzusammenfassung im Theaterkompass Darmstadt von 2008: “In Verona herrschen Familienfehden und eine tödliche Seuche, die Pest. Die Familien Montague und Capulet liegen unversöhnlich miteinander im Streit. Zwischen deren Kindern Romeo und Julia dagegen bricht eine rauschhafte aber verbotene Liebe aus: Ein zufällig getauschter Blick, eine geheime Hochzeit, ein einziger Tanz auf dem Vulkan.

Doch der Hass fordert seinen Tribut: Erst fliegen die Worte, dann die Fäuste und plötzlich ist Julias Cousin tot. Der Täter: Romeo! Er muss aus Verona fliehen und zwischen Nachtigall- und Lerchenruf bleibt nur Zeit für eine einzige Liebesnacht. Wo Seuche und Familienzwist die Grenzen der eigenen Freiheit bestimmen, setzen Romeo und Julia auf eine nicht ungefährliche List. Am Ende liegen 52 Stunden und ein Schlaftrunk zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Liebe und Tod“.

JULIA.
Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub’, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

ROMEO.
Die Lerche war’s, die Tagverkünderin,
Nicht Philomele; sieh den neid’schen Streif,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt:
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunst’gen Höh’n:
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

Romeo und Julia ist an deutschen Theatern ein Dauerbrenner.

Dazu auch ein Leserbrief, der erzählt, wie das bekannte Theaterstück in einer Neuinszenierung zum Zeitzeugen wird.

Liebes UniWehrsEL,

das Staatstheater Darmstadt führt Romeo und Julia in einer stark gekürzten Fassung auf, statt drei Stunden auf eine Stunde vierzig. Das lässt etliche Nebenstränge weg und verdeutlicht den Konflikt zwischen den Häusern. Zentral ist nun das Fest am Anfang bei dem sich Romeo und Julia kennenlernen.

Dieser Moment wird quasi eingefroren und es gibt eine Vorausschau: Am Ende sind die Hauptfiguren tot. Als Geister werden sie in einer aufwendigen Lichtinstallation schattenhaft auf zwei weiße Leinentücher projiziert. Die Schauspieler sind darauf verzerrt zu erkennen. Die Gesichter sind mit Bleistift nachgemalt und verfremdet.

Dazu spielt Prokofjews berühmte Melodie aus Romeo und Julia bedeutungsschwer. Dieser Moment wird mehrfach im Stück gezeigt. Dies ist also der Kern der Inszenierung. Stark gekürzt ist hingegen der Moment als Romeo Tybalt ersticht. Diese Szene wirkt wie nebenbei gesetzt. Es ist kein Zufall, sondern Romeo begeht diese Tat in vollem Bewusstsein.

 Eine weitere Entscheidung der Regie ist, Julia wirkt so gar nicht weiblich. Sie hat kurz geschorene Haare wie z.B.“Ninetta“ aus Giocchino Rossinis “Diebischen Elster“. Ninetta bekommt die Haare als Strafe für den vermeintlichen Diebstahl geschoren. Die Darmstädter Julia hingen wählt diese Frisur selbst. So wirkt sie freundlich ausgedrückt androgyn oder unfreundlich, wie ein Kerl. Das ist auf Szenenfotos verwirrend, weil es aussieht, als ob sich zwei Männer küssen. Dafür wirkt Romeo weiblich, mit langen Haaren und einem Ohrring.

In dieser Inszenierung weiß Julia genau was sie will und gibt den Takt an. Romeo zieht mit. Sind beide wirklich ineinander verliebt oder nutzt Julia Romeo, um sich aus den Fesseln der eigenen Familie zu lösen? Paris – der zweite Verehrer von Julia – ist jedenfalls leidenschaftlicher und zielstrebiger als Romeo. Er möchte Julia gerne heiraten. So hat er eine größere Rolle, als sonst in dem Stück üblich. Julias Mutter ist die Clanchefin und bestimmt den Ton. Einen Vater von Julia scheint es nicht zu geben.

Im Gegensatz zum modernen Aussehen und Auftreten von Julia und Romeo steht die sehr antiquiert wirkende deutsche Übersetzung von Frank-Patrick Steckel. Manchmal muss der Zuhörer genau überlegen, was denn mit dem Gesagten “gemeint” ist. Das steht schon im Widerspruch zu den modernen Kostümen und dem dunklen Setting der Bühne. Es wirkt so gedrechselt und gestelzt.

 Ziemlich gekürzt ist auch die Rolle der Amme von Julia. In der Frankfurter Inszenierung war sie als lebenskluge Frau dargestellt worden, welche die Beziehung von Julia mit Romeo positiv begleitet. In der Darmstädter Fassung bleibt ihre Vermittlung in Liebesdingen blass. Genauso wie die Motivation des Priesters – er will die Streitigkeiten der Clans beenden mit der Trauung – in Darmstadt will er höchstens die überschießenden Hormone des Liebespaars beendigen.

Relativ unklar bleibt für den Zuschauer warum sich die zwei Clans hassen. Dafür gibt es keine Erklärung. So kommt die Auseinandersetzung auf der Straße ziemlich aus heiterem Himmel. Kurz gerät auch die Balkonszene. Julia und Romeo wachen miteinander auf und sprechen über die Nachtigall. Das Ende des Stücks ist nicht wie erwartet der Tod des Liebespaares in der Gruft, sondern die Retroschleife der oben bereits erwählten Festszene.

Fazit: Der Regisseur Christoph Mehler verengt das Stück auf einen bestimmten Moment, welchen er groß hervorhebt. Viele andere Aspekte der Handlung werden nur kurz gestreift oder gar nicht durchdacht.

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:16. Mai 2022
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