Der Satz „Der Tag, an dem sie aufhörte, ihre Kinder zu lieben“ ist der Beginn einer Geschichte aus dem Erzählband „Sommerlügen“ von Bernhard Schlink, der im Jahr 2010 erschien. Unter der Überschrift „Die Reise nach Süden“ beginnt eine Geschichte, in der Schlink Lebensentwürfe,Emotionen, verpasste Gelegenheiten“ innerhalb einer Familie und im Lebenslauf thematisiert. „Sie“ lebt in der Seniorenresidenz, wird von ihren Kindern und Enkelkindern umsorgt und stellt trotzdem fest, dass ihre Gefühle, genauso wie ihr Geruchs- und Geschmackssinn ihr über Nacht abhanden gekommen sind. Eine irritierende Erkenntnis für sie selbst, genau wie für ihre Familie, die sie plötzlich verändert findet, es aber zunächst einer schweren Erkrankung zuschreibt.
In der Geschichte steht dieser, für uns vielleicht als ‚radikal‘ empfundene Satz, für einen schmerzhaften Prozess der Entfremdung und der Auflösung von so etwas wie ‚Lebenslügen‘.
Er beschreibt keinen vorübergehenden Zustand, sondern eine endgültige Zäsur im Lebenslauf. In der Geschichte von Schlink erkennt die Protagonistin, eine ältere Dame, wie

ihre mütterliche Liebe, als ‚bedingungslos und ‚ewig‘ geltend, erlischt. (Über „Mutterliebe“ oder getanzte Emotionen gab es schon einen Beitrag „M(other)„) Die Liebe der Mutter ,kann in verschiedenen Formen auftauchen. Sei es als Abhängigkeitsverhältnis wie in Strindbergs Stück Mutterliebe oder als Überforderung einer Frau in Mutter.Liebe von Susanne Heinrich, einem Gemälde in Gestalt einer Madonna mit Kind wie es im Frankfurter Städel zu bewundern ist oder als Tanzperformance einer litauischen Tänzerin in M(other) auf der Tanzplattform Rhein-Main.
Die Erkenntnis des Aufhörens einer Liebe zu den eigenen Kindern oder Enkelkindern markiert diesen einen Moment, indem eine Frau aus ihrer gesellschaftlich und familiär zugeschriebenen Rolle ausbricht. Es wirft die Fragestellung auf: „Was bleibt einer Frau, die sich über die Mutterrolle definiert hat, wenn ihre Identität als „liebende Mutter“ wegfällt?
Schlink nutzt diese Provokation, um die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben, jenseits von Verpflichtungen zu thematisieren.
Das Motiv der Mutter, die ihre Kinder nicht mehr lieben kann oder die diese Liebe verliert, bricht mit den stärksten gesellschaftlichen Tabus und findet sich in verschiedenen Kontexten:

Neben besagten „Sommerlügen“ (2010) von Schlink, finden wir die Ersetzbarkeit der „Mutterliebe“, gezeigt im Film M3GAN von 2023. Die Protagonistin Meghan ist eine hochentwickelte, fiktive KI‑Puppe, gebaut von der Robotikingenieurin Gemma, die als lebensechte Begleiterin für das verwaiste achtjährige Kind Cady fungiert. Unser Beitrag zu „KI und Ethic“ spricht auch das Medea-Mythos an (Euripides/Christa Wolf). Da geht es um die extremste Form einer ‚zerstörerischen‘ Mutterliebe, in der Kränkung durch den Mann zum Mord an den Kindern führt.
Lionel Shriver bringt die Thematik in „Wir müssen über Kevin reden“ (2003). Es geht um die Ambivalenz einer Mutter, die von Anfang an, keine Bindung zu ihrem Kind aufbauen kann. Evas Sohn Kevin hat eine furchtbare Gewalttat begangen: In der Schule hat er mehrere Menschen getötet. Von allen verurteilt und von jetzt an auf sich selbst gestellt, findet Eva den Mut, sich in aller Offenheit den quälenden Fragen auszusetzen: Hätte sie ihr Kind mehr lieben sollen?
In „Frau im Dunkeln“ (2006) lässt Elena Ferrante eine Mutter ihre Kinder verlassen, weil sie sich durch sie erstickt fühlt. Sie reflektiert anschließend über die Kälte und gleichzeitig Erleichterung, die dieser Bruch mit sich brachte. Leda hat ihre Kinder als junge Frau verlassen. Als langfristige Folgen zeigen die erwachsenen Töchter eine schmerzhafte Distanz, betrachten die Mutter mit Argwohn und Kälte.
Auch Doris Lessing nimmt sich in „Das fünfte Kind“ (1988) dieser Thematik an. Eine Mutter entfremdet sich von ihrem Kind. Sie empfindet es als fremdartig und bösartig. Gibt es eine Kraft der unerschütterlichen Mutterliebe? In „Eine Frau“ (1987), einem autobiographischem Werk, beschreibt die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux die ambivalente Beziehung zu ihrer Mutter. Während der Demenz der Mutter wandelt sich die kindliche Liebe in eine Mischung aus Pflichtgefühl, Befremden und einer fast klinischen Distanz. Liebe kann sich Angesichts von Verfall und Alter wandeln.
Bernhard Schlink thematisiert in „Die Enkelin“ die tiefe Kluft zwischen den Generationen. Die Enkelin Sigurd wächst in einer völkischen Gemeinschaft auf und ist ideologisch soweit – in diesem Fall geht es um einen Großvater – entfernt, dass ein Bruch unvermeidlich scheint. Politische oder religiöse ‚Unterschiedlichkeiten‘ führen dazu, dass Kinder ihre Eltern oder Großeltern nicht mehr lieben können, weil die moralische Basis fehlt.
Gesellschaftliche Umbrüche und neue Lebensentwürfe
„Der Tag, an dem sie aufhörte, ihre Kinder zu lieben“ zeigt in der Literatur die Radikalität der individuellen Freiheit, entgegen der Kraft der biologischen und sozialen Erwartung, die an eine Mutter oder Großmutter gestellt wird. Auch das Motiv der Entfremdung, bei dem Kinder oder Enkelkinder die emotionale Bindung zu Mutter oder Großmutter verlieren oder aktiv abbrechen, gilt als zentrales Thema der Gegenwartsliteratur. Es wird oft genutzt, um gesellschaftliche Umbrüche oder das Scheitern von Lebensentwürfen darzustellen.
In der Literatur ist dieses Phänomen mit verschiedenen Motiven verknüpft. „Toxic Parents“ bedeutet den Abbruch der Beziehungen erwachsener Kinder, weil sie ihre Eltern als „toxisch“ empfinden und sich vor ihnen schützen wollen.
Auch die „Großmutter-Idylle“ verschwindet zunehmend. Wie schreibt doch Peter von Matt: «Die böse Grossmutter ist interessanter als das reine Idyll». Während in älterer Literatur die Großmutter als aufopfernde, selbstlose Frau dargestellt wird, wie beispielsweise in „Heidi“, verfolgt die moderne Großmutter eigene Interessen. Die Enkel finden schlicht keinen Bezug mehr zu ihr.
Nicht nur in der Literatur wird das Ende der Liebe von Enkelkindern zur Großmutter als schleichende Entfremdung, der ein radikaler Bruch folgt, wahrgenommen. Dieser entscheidende Tag markiert den Übergang von kindlicher Nähe zu erwachsener Distanz bis hin zur (ideologischen) Ablehnung. Es ist weniger persönliche Abneigung, als ein systematischer Verlust von emotionalem Zugang.
Folgen wir dem literarischen Trend des Jahres 2026 macht sich ein neuer Blick auf Eltern oder Großeltern im Alter bemerkbar, der sogenannten „Ent-Idealisierung“.
Die erwachsenen Kinder distanzieren sich von den „Lebenslügen“ und Erwartungen der Älteren. Unter dem Begriff „Grandparent Alienation“ wird der Verlust des Interesses zwischen Enkelkindern, etwa ab dem 10. Lebensjahr, an den Großeltern diskutiert. Es fehlt an emotionaler Bindung und einer gemeinsamen Wertebasis.
Es entstehen Loyalitätskonflikte, weil Kinder und Enkelkinder die Ablehnung der eigenen Mutter oder des Vaters gegenüber Großmutter oder Großvater übernehmen. Ein Phänomen der gescheiterten Beziehung der Eltern. Im sogenannten „Emotionalen Erbgang“ werden Animositäten und Vorurteile unbewusst geteilt.
Die bewusste Abkehr von Familienmitgliedern, die als ‚belastend‘ empfunden werden, zeigt toxische Strukturen. Hier wird das Aufhören der Liebe als Akt der Selbstbehauptung der jüngeren Generation gewertet
„Willkommen und Abschied“ (Goethe) oder „Über die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen“ (frei erdacht)
Es war kein lauter Knall, der die Erde von einer Sekunde auf die andere erbeben ließ und damit das Ende einer langen Ära markierte, sondern ein langsames Erlöschen. Ganz ähnlich einer Glühbirne, die noch einmal aufflackert, deren Draht dann unbemerkt reißt.
Ellens 70.ter Geburtstag ist weniger ein Triumphzug der Beständigkeit, als das Hereinbrechen eines unerwarteten Ereignisses, das sie nie für möglich gehalten hätte. Es beginnt mit einem herrlichen Wintertag, der das Herannahen des Frühlings prophezeit und in ihr eine stille Vorfreude auf Kommendes erweckt. Sie sieht sich selbst an einer langen Tafel sitzen, im Kreis ihrer Lieben, die sie freudig lächelnd ansehen.

Doch als sie die Terrasse betritt, erkennt sie es in ihren Gesichtern. Es ist kein Hass, denn der wäre ein Zeichen der Enttäuschung oder der inneren Verbundenheit gewesen. Es war eine gläserne Wand, die sich zwischen ihnen erhob, eine Atmosphäre der höflichen Gleichgültigkeit.
Thomas, der ihr früher bei der Gartenarbeit geholfen hatte und den sie darum ganz besonders in ihr Herz geschlossen hatte, sieht an ihr vorbei, hin zu seiner Schwester, während er ihr ein Glas Sekt reicht. Sein Blick ist leer, wie beim Anblick eines ausgedienten Möbelstücks, das seinen Zweck erfüllt hat und nun nur noch im Weg steht.
Seine Schwester Bella, wie sie sie früher liebevoll genannt hat, nickt zustimmend, ohne Worte teilt sie seine Verachtung für diese alte Frau, die Ellen nun geworden ist. Wie war die kleine Bella früher auf ihren Schoß geklettert, um Geschichten von früher zu hören. Dieses „Oma erzähl mal, erklang plötzlich wieder in ihren Ohren.“
Jetzt tippten beide auf ihren Handys herum, wahrscheinlich, um die Zeit für diese Pflichtveranstaltung schneller herumzubringen. Wenn sie aufblicken, ist kein Glitzern in ihren Augen mehr, nur die kühle Distanz Fremder, die in einem Wartezimmer nebeneinander sitzen und gehen möchten.
Ellen begreift, die unsichtbaren Fäden, die eine Familie zusammenhalten, sind gerissen. Zuhören, verzeihen, lieben, gehört der Vergangenheit an. Das Jahr 2026 wird zu einem des kollektiven Vergessens. Sie haben gemeinsam beschlossen, dass diese alte Dame hier am Tisch künftig in ihrem inneren Leben keine Rolle mehr spielen wird. Ein letzter äußerer Abschied, ist diese stumme Veranstaltung heute hier am Tisch. Ellen versteht in diesem Moment, Fragen nach einem: „Was ist mit uns passiert?“ hätten nur Vorwürfe nach sich gezogen, vielleicht sogar eine weitere Eskalationsstufe hervorgerufen, der dann nur noch ein Schweigen folgen wird. Sie erkennt für sich, nicht die Angst, die Familie zu verlieren, erzeugt dieses Gefühl. Vielmehr ist es eine unerwartete, bittere Freiheit. Weder ein geduldiges Warten, noch da Betteln um ein Gespräch bringen das zurück, was sie einst als ein großes Glück empfunden hat.

Das Licht ist ausgegangen und sie begreift, es wird Zeit, auch ohne sich selbst in den liebenden Augen der Kinder und Enkelkinder zu spiegeln, wird sie erkannt, anerkannt und geliebt. Dazu passt auch unser Beitrag „Sich erkennen, erkannt und anerkannt werden„.

