Im Sommerseminar beschäftigen sich die Studierenden mit Krise und Hoffnung — Über Lebenskunst in bewegten Zeiten. Nick Hornbys Stück Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst, in der Komödie am Kurfürstendamm in Berlin, passt zu diesem Thema wie ein Prisma: Es betrachtet eine intime Krise, verhandelt verlorene Nähe und zeigt zugleich Wege zurück zur Hoffnung.
Liebe UniWehrsEL-Lesende,
In zehn Gesprächen sezieren Luise und Tom ihre Ehe wie Patienten eine Wunde; Brexit, Identität und berufliche Enttäuschung treten als äußere und innere Erschütterungen hinzu. Die Bühne wird zum Labor für Lebenskunst: Nicht durch große Gesten, sondern durch ehrliche Alltagsgespräche, Beobachtung eines anderen Paares und das gemeinsame Aushalten von Widersprüchen finden die Figuren pragmatische Wege, ihre Beziehung neu zu ordnen.

Für das Seminar (Leitung: Dr. Elke Wehrs, Termin: Donnerstag 12 – 14 Uhr, Präsenzveranstaltung Raum SH 5.101 Uni Campus West) bietet das Stück einen präzisen Fallstoff: Es erlaubt, Krise als dynamischen Prozess zu begreifen, in dem Hoffnung nicht als naiver Optimismus, sondern als lernbare Praxis erscheint — Verhandeln, Zuhören, Umdeuten und kleine, wiederholte Handlungen, die Vertrauen zurückerobern. Hornbys Drama lädt dazu ein, theoretische Konzepte von Resilienz, Ambivalenz und Beziehungsarbeit mit lebensnahen Situationen zu verknüpfen und so die Frage zu prüfen, wie Lebenskunst in bewegten Zeiten konkret aussehen kann.
Nick Hornby ist ein bekannter englischer Autor, der mit Romanen wie High Fidelity, About a Boy oder How to Be Good ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelt. Die Schauspieladaption von Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst ist quasi ein psychologische Fallstudie einer Beziehung. Zwei Menschen treffen sich, um ihre gemeinsame Beziehung zu sezieren. Hat diese Beziehung eine Zukunft oder haben sich beide einfach auseinandergelebt? Besteht also noch Hoffnung auf eine Änderung?
Mann und Frau gehen zur Eheberatung. Das wäre für den Zuschauer kein reizvolles Szenario. Statt auf einem Sofa mit dem Therapeuten geht es im Original in ein britisches Heiligtum: den Pub. Der Pub ist kein Ort, an dem nur getrunken wird — er ist aus Sicht eines Briten ein verlängertes Wohnzimmer. Ein Ort der Geborgenheit. Ein Transitraum des Glücks. Statt in einer sterilen, anonymen Therapiepraxis wird das Gespräch in eine heimelige Atmosphäre verlegt. Im Pub kann jene Stimmung entstehen, die offenes Reden möglich macht. In der anschließenden offiziellen Therapie ist das Paar zugunsten eines guten Eindrucks vor der Autorität des Therapeuten gezwungen, sich in ein bestimmtes Licht zu rücken. Zwanglos wird es nur in der Umgebung des Pubs.
Heiko Senst verkörpert Tom als ewigen Rebell: rau, nostalgisch für vergangene Zeiten und zugleich verletzlich in seinem Frust über verpasste Chancen. Nina Kronjäger gibt Luise als engagierte Ärztin, beruflich souverän, in der Beziehung oft die erwachsenere, verantwortungsbewusste Kraft. Das Zusammenspiel der beiden bringt die inneren Gegensätze des Paars klar zur Geltung: Toms lautstarke Trotzreaktionen treffen auf Luises ruhiges, pflichtbewusstes Ausharren — und gerade in dieser Spannung entstehen die dramatischen Momente, aber auch die Wege zur Verständigung.
Doch wie soll die Regie von Amina Gusner dieses englische Lebensgefühl auf eine deutsche Bühne transportieren? Peter Alexander sang von „Die kleine Kneipe“ und präsentierte ein deutsches Kneipen-Idyll. Bei Inas Nacht wird dem Zuschauer eine typische Hamburger Kneipe präsentiert.
Oder stellen wir uns eine Kneipe als Ort vor, an dem sich typischerweise Fußballfans die Klinke in die Hand geben. Ein Ort, der so gar nichts mit dem englischen Pub gemein hat — wie Donald Trump wenig Gemeinsames mit der Queen.
Die Queen fiel nie aus ihrer Rolle; mit stoischer Gelassenheit zog sie Termine durch. Spontanes Plaudern in eine Kamera, wie Trump es liebt, wäre der kontrollierten Queen fremd. Sie menschelte nicht; sie war das Oberhaupt — stets etwas unnahbar. Trump hingegen zeigt offen seine Zuneigung oder Ablehnung, wie ein Kind.
Der Vergleich verdeutlicht die Schwierigkeit, Hornbys Konzept eins zu eins auf eine deutsche Bühne zu übertragen. Der Hamburger — man denke an Olaf Scholz — ist eher wortkarg, also ein ganz anderer Typus, als Hornby ihn sich beim Verfassen wohl vorgestellt hat.
Das Buch umfasst zehn Gespräche zwischen Luise und Tom, in denen sie Fortschritte und Rückschläge ihrer Ehe verhandeln. Die Idee kam Hornby 2019, als er die langwierigen Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU verfolgte. Dieses monatelange Tauziehen um die Trennung ging mit vielen Verletzungen einher; es spaltete Familien in Befürworter und Gegner.
So wird der Brexit zum großen Thema zwischen dem Paar: Luise als Ärztin ist mit einem internationalen Publikum verbunden — die Menschen im Krankenhaus stammen aus vielen Ländern; sie müssen zusammenarbeiten und zusammenleben. Es geht um Einheit im Krankenhausapparat.
Tom hingegen, ein arbeitsloser Musiker, sehnt sich nach den guten alten Werten des Empire. Ein starkes England, das zuerst seine eigenen Bedürfnisse bedient. Früher sei das Leben auf der Insel einfacher gewesen, das Musikerleben planbarer; Tom war ein unangepasster Held in seinem eigenen Mikrokosmos: jung, schön. Nun ist er älter und trägt das Etikett des Arbeitslosen, des Tagediebs. Seine Frau hat beruflich Erfolg gehabt — jenes Leben, das er sich selbst gewünscht hätte. Wenn die Mehrheit den Brexit ablehnt und das Referendum als Schnapsidee abtut, will Tom der Rebell sein. Er bekennt sich dazu, Brexit-Befürworter zu sein, sieht sich als Held. Mit kindlichem Trotz hat er etwas getan, das in einer international orientierten Gesellschaft als schlimm gilt. Sein Verhalten führt zu einer handfesten Krise mit Luise. Tom wirkt wie ein pubertierender Teenager gegenüber der erwachsenen Luise.
Die höchste Eskalationsstufe erreicht die Beziehung von Luise und Tom in dem Moment, als Tom beschließt, aus dem gemeinsamen Haushalt mit Frau und Kindern auszuziehen. Es ist sein persönlicher Brexit: ein Bruch aus einer Emotion heraus — „Du verstehst mich einfach nicht — ich will hier weg.“ Er verrät Luise nicht, wohin er gezogen ist. Die Situation scheint verfahren, die Beziehung am toten Punkt.
Doch in einer überraschenden Wendung öffnet sich ein Fenster der Versöhnung: Beim gemeinsamen Karaoke-Singen werden Toms Bedürfnisse plötzlich für seine Partnerin hörbar.
Das Singen ist für mich etwas ganz typisch Britisches. Als ich Anfang der 2000er Jahre in Brighton im Palace Pier spazieren ging, war Karaoke ein sehr populäres Freizeitvergnügen für Paare: laut, ungehemmt, gemeinschaftlich — ein Ort, an dem Verletzlichkeit spielerisch Eingang fand und Nähe durch gemeinsames Bloßstellen entstand. Ob das heute noch in derselben Form so verbreitet ist, scheint fraglich; digitale Freizeitformen, Streaming‑Kultur und veränderte Kneipenlandschaften haben manches Ritual ersetzt. Dennoch bleibt das Prinzip wirksam: Gemeinsame, unperfekte Performances schaffen Momentum für Versöhnung und Offenheit — und das macht Karaoke nach wie vor zu einem passenden Motiv in Hornbys Stück.
Es gelingt Hornby in den zehn Sitzungen, das Paar wieder anzunähern. Was zunächst wie ein harter Bruch aussieht, wird gekittet — auch, weil die beiden heimlich ein anderes Paar beobachten: Dessen Probleme erscheinen so monströs, dass die eigenen plötzlich leichter lösbar wirken. Die Paartherapie wird zu einem gemeinsamen Erlebnis; das Paar wird zu Verbündeten gegen die Therapeutin. Am Ende hat sich das Paar im Pub selbst therapiert. Das Glück ist wiederhergestellt, wie bei einem Computer, bei dem man einfach die Reset-Taste drückt. Alles löst sich in Wohlgefallen auf, und so kann der Zuschauer hochzufrieden nach Hause gehen. Alle Probleme sind in rund 90 Minuten gelöst.
Als Gegenentwurf zum sich ewig streitenden Paar tritt in Zwischenszenen der Kneipenwirt als dauerhafter Single auf.
Er scheint sein Leben so zu gestalten, wie er will: unverheiratet, unabhängig, routiniert im Alltag der Kneipe. Immer wieder telefoniert er mit seiner Mutter und berichtet ihr von seinem Alltag — und rechtfertigt sich zugleich für seine Lebenswahl. Warum muss er sein Singleleben erklären? Diese Frage wirft das Stück auf und stellt die Gültigkeit des Idealbildes vom Paarleben infrage. Wird das Paarsein nicht oft überschätzt? Der Wirt lebt ein anderes Konzept von Geborgenheit: nicht unbedingt intim geteilt, sondern in der vertrauten Routine mit Stammgästen, in einer Gemeinschaft, die weniger Verpflichtung als Beständigkeit bedeutet. Sein Dasein wirkt nicht zwangsläufig ärmer; es ist eine gleichwertige Alternative zum Ideal der romantischen Partnerschaft und bietet eine stille, stoische Form von Lebenskunst, die in der heutigen Streitkultur durchaus attraktiv erscheint.
Das erinnert an die gute alte Zeit der 1990er bis 2003 Jahre, als in einer Talkshow nach einer Stunde die Probleme der Welt gelöst schienen und der Zuschauer hoffnungsfroh vom Sofa aufstand — alles halb so wild. Davon geht die Welt doch nicht unter. Was ist schon Hoffnung gegen ein erfülltes Leben in der Praxis? Es braucht keine Utopie, wenn die Realität stets positiv erscheint.
Die entspannte 90er-Jahre‑Zeit, die im Stück anklingt — als Talkshows nach einer Stunde scheinbar die Welt ordneten und der Zuschauer beruhigt aufs Sofa zurückkehrte — steht in scharfem Kontrast zur heutigen aufgeheizten Stimmung. Heute wird jeder Zwischenfall zur Großmeldung, jede Äußerung sofort geteilt, kommentiert und neu interpretiert; Aufmerksamkeit ist zur Währung geworden, jeder Tweet kann eine Debatte entfachen und Debatten radikalisieren. Diese permanente Beschleunigung verstärkt Unsicherheit und verschärft Konflikte statt sie zu verhandeln.
Deshalb ist eine Forderung nötig:
mehr Gelassenheit — als kulturelles Ziel und als alltägliche Praxis. Gelassenheit bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern die Fähigkeit, Abstand zu gewinnen, zuzuhören und Unschärfen auszuhalten; sie heißt, Konflikte nicht reflexhaft zu eskalieren, sondern dialogisch zu bearbeiten. Hornbys Stück macht Mut, kleine, wiederholte Akte des Verstehens und des gemeinsamen Aushaltens zu üben — eine Rezeptur, die in Zeiten von Empörungsbeschleunigung relevanter ist denn je. Mehr Gelassenheit würde öffentliche Debatten entschärfen, Beziehungen stabilisieren und Raum schaffen für konstruktive Veränderung.
Liebe Grüße
Shelly Neshville






