Du betrachtest gerade „Lily und Lily“ zwei Lebenswelten im Spiegel eines Doppelgängerpärchens – Identität und Rollendiffussion

Ein Leser des UniWehrsEL hat unsere Empfehlung, doch mal einen Abstecher in die Kurstadt Bad Kissingen zu wagen, wörtlich genommen und auch gleich das dortige Theater aufgesucht. Mit Lily & Lily verzauberten die Theatergastspiele Fürth am 6. Oktober das Publikum im Kurtheater Bad Kissingen. Die Komödie des französischen Autorenduos Pierre Barillet und Jean-Pierre Gredy entführte die Zuschauerinnen und Zuschauer ins glitzernde Hollywood des Jahres 1935 – eine Welt voller Ruhm, Klatsch und Intrigen. Gleichzeitig geht es um die unterschiedlichen Lebenswelten von Zwillingen und die Thematik der Identität: Was bleibt von einer Person, wenn sie in die Kleidung und die Rolle einer anderen schlüpft?

Liebes Redaktionsteam,

Lily da Costa, exzentrischer Filmstar und nach einer durchzechten Nacht alles andere als in Bestform, steht vor einem Scherbenhaufen: Ihr Ehemann Vlady will ihr intimes Tagebuch verkaufen, ihr aus dem Gefängnis geflohener Exmann Doug versteckt sich in ihrem Kleiderschrank, und Zimmermädchen Yvette sowie Butler Odilon planen eine Entführung. Gleichzeitig soll eine Pressekonferenz Lilys Karriere retten – doch Lily ist zu betrunken, um sie selbst abzuhalten.

Da erscheint ihre Zwillingsschwester Deborah, die ein gänzlich anderes Leben führt: Als Ehefrau des puritanischen Pastors Jonathan lebt sie auf einer Farm in Minnesota. Sie verkörpert das Bild der bescheidenen Hausfrau, während Lily als glamouröser, begehrter und öffentlich zur Schau gestellter Hollywoodstar erscheint. Der Rollentausch, den Lilys Manager Sam einfädelt, bringt diese beiden Frauenwelten direkt miteinander in Kontakt: Er steckt Deborah in Lilys Kleid – und plötzlich muss sie vor der Presse jene Frau darstellen, die sie äußerlich zwar ist, innerlich aber nicht.

Glamour Image by Daniil_Kondrashin from Pixabay

Diese beiden Orte wirken wie Spiegelwelten: Auf der einen Seite stehen Luxus, Öffentlichkeit und ein Leben, in dem Lilys Aussehen und Auftreten Teil ihrer Karriere sind. Auf der anderen Seite liegen ländliche Abgeschiedenheit, Religion und das Bild einer pflichtbewussten Ehefrau. Doch der Gegensatz ist nicht so einfach, wie er zunächst scheint. Lilys Villa bedeutet nicht automatisch Freiheit: Sie wirkt erschöpft vom dauernden Funktionieren als Star, von den Erwartungen an ihr Auftreten und davon, dass andere über ihr Leben und ihren Ruf verfügen wollen. Bei ihr lässt sich ein Burnout geradezu erahnen – nicht als Diagnose, sondern als Eindruck einer Frau, die den Anforderungen ihrer Rolle kaum noch standhält. Deborah wiederum hat die vermeintliche Sicherheit des Farmlebens, aber offenbar auch den Wunsch, aus den engen Grenzen ihres Alltags auszubrechen.

Der Rollentausch bringt diese Spiegelwelten durcheinander. Lilys Manager Sam steckt Deborah in Lilys Kleid, und plötzlich soll sie vor der Presse die Filmdiva geben. Deborah bringt frischen Wind in Lilys Umgebung: Ihre Freundlichkeit und Unbefangenheit passen nicht zu den Intrigen, an die dort alle gewöhnt sind. Zugleich ist sie leicht lenkbar, weil sie den Männern in ihrem Umfeld kaum widerspricht. Ihre Gutmütigkeit ist liebenswert, macht sie aber auch verletzlich. Lily dagegen erscheint zunächst hart und herrisch, weiß sich jedoch in einer Welt zu behaupten, in der andere ständig versuchen, sie auszunutzen. Das Stück lädt dazu ein, die schnellen Urteile über beide Frauen zu hinterfragen: Ist Deborah wirklich nur naiv? Ist Lily tatsächlich bloß unerträglich? Oder sind beide auf unterschiedliche Weise an die Erwartungen ihrer Umgebung angepasst?

Gerade darin liegt mehr als ein komischer Verwechslungseffekt. Die Gegenüberstellung macht sichtbar, wie eng Frauen an bestimmte Rollen gebunden werden: hier die pflichtbewusste Ehefrau, deren Leben von Haushalt, Glauben und den Erwartungen ihres Mannes geprägt ist; dort der sexy Filmstar, dessen Aussehen und Auftreten Teil seines Berufs und seines Marktwerts sind.

Doch auch Lilys vermeintlich glamouröse Freiheit hat ihren Preis. Ihr Körper, ihre Skandale und sogar ihr Tagebuch werden zur Ware, über die andere verfügen wollen. Deborah wiederum scheint in der Sicherheit ihres häuslichen Lebens gefangen – und sehnt sich offenbar nach etwas anderem. Keine der beiden Lebenswelten ist also einfach die bessere: Die eine verspricht Anerkennung, aber verlangt ständige Inszenierung; die andere bietet Ordnung, aber kann Selbstbestimmung begrenzen.

Das führt zum Seminarthema „Doppelgänger – Identität im Duplikat“. Lily und Deborah sehen einander zum Verwechseln ähnlich, doch ihre Lebenswege und Charaktere unterscheiden sich. Wenn Deborah Lilys Kleid trägt, übernimmt sie zunächst nur deren äußere Zeichen. Aber die Umgebung glaubt, damit auch Lily vor sich zu haben.

Was ist Identität – Image by ZERIG from Pixabay

Das Stück fragt so, ob Identität im Gesicht, in der Kleidung und in den gesellschaftlichen Erwartungen steckt – oder in den eigenen Entscheidungen und Erfahrungen. Zugleich zeigt der Doppelgänger, dass ein anderes Leben nicht unerreichbar fern sein muss: Es kann im Spiegelbild der eigenen Person auftauchen.

Kleine Exkursion: Was eigentlich Identität ausmacht, beantwortet Prof. Gabriele Lucius-Hoene (Abteilung für Rehabilitationspsychologie des Psychologischen Instituts der Universität Freiburg): „Identität [engl. identity; lat. idem derselbe], [BIO, PER, SOZ], beschreibt die Art und Weise, wie Menschen sich selbst aus ihrer biografischen Entwicklung (Biografie) heraus in der ständigen Auseinandersetzung mit ihrer sozialen Umwelt wahrnehmen und verstehen. Wichtige Bestimmungsstücke, die in die Konstitution der eigenen Identität eingehen, sind z. B. Geschlecht, Alter und soziale Herkunft, Ethnizität, Nationalität und Gruppenzugehörigkeiten, Beruf und sozialer Status, aber auch persönliche Eigenschaften und Kompetenzen. Die Identitätskonstitution verlangt die Abgleichung einer reflexiven Betrachtung des eigenen Selbst mit den Rückmeldungen des sozialen Umfelds (Identität und Selbst, organisationale Identifikation, SIDE-Modell); um eine best. Identität für sich beanspruchen zu können, muss der Mensch sie in sozialen Interaktionen aushandeln. …“

Zwillinge -Image by Darkmoon_Art from Pixabay

Zurück zur Rezension: Besonders berührt hat mich dabei die besondere Bindung von Zwillingen. Lily und Deborah teilen nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine gemeinsame Herkunft und eine Nähe, die den Rollentausch überhaupt erst möglich macht. Gleichzeitig sind sie keine austauschbaren Kopien. Ihre Verschiedenheit zeigt, wie unterschiedlich sich zwei Menschen entwickeln können, selbst wenn sie dieselben äußeren Voraussetzungen teilen. Im Verlauf des Geschehens kann die Ähnlichkeit zunächst für Verwechslungen und Manipulation genutzt werden; zugleich eröffnet sie den Schwestern die Chance, einander neu zu sehen.

Kurze Exkursion zur Zwillingsforschung (Zwillinge – eine besondere Geschwisterdynamik
Twins – a special dynamic among siblings, Dr. Inés Brock): “ … Auf drei wesentliche
Ergebnisse soll sich dabei fokussiert werden: „Zwillinge brauchen einander und ihnen geht es besser wenn sie im körperlichen und emotionalen Kontakt zu- und miteinander stehen. Zwillinge ergänzen und fördern einander in der Entwicklung und kultivieren ein nonverbales gegenseitiges Verständnis. Zwillinge gehen Autonomieschritte verspätet und erreichen keine vollständige psychische Unabhängigkeit voneinander – auch wenn sie getrennt werden. …“

Zurück zur Rezension: Deborah begegnet einer Welt, die sie bislang nur aus der Ferne kennen konnte, und Lily erhält durch ihre Schwester einen ungewöhnlichen Blick auf sich selbst. Auch die Vorurteile zwischen den beiden Lebenswelten geraten ins Wanken. Hollywood erscheint nicht nur als dekadente Scheinwelt, sondern auch als Ort, an dem Lily ihre Unabhängigkeit behauptet – allerdings zu einem hohen persönlichen Preis. Die Farm wiederum ist nicht einfach das moralisch reine Gegenbild: Deborahs Ehemann Jonathan ist religiös streng und möchte seine Frau offenbar unter Kontrolle halten. Dass er Hollywood ablehnt, von Lilys Villa, Ruhm und Geld aber beeindruckt ist, legt einen Widerspruch offen. Die Begegnung der Schwestern kann deshalb mehr als eine Verwechslungskomödie sein: Sie schafft die Möglichkeit zur Aufklärung über die eigenen Vorurteile und darüber, was hinter den Fassaden der jeweils anderen steckt.

Ein spannender Vergleich bietet die US-amerikanische Musical-Dramedy-Serie Crazy Ex-Girlfriend (2015–2019) von Rachel Bloom und Aline Brosh McKenna. Sie kehrt das sexistische Klischee der „verrückten Ex-Freundin“ um, indem sie die Geschichte aus der Perspektive der betroffenen Frau erzählt. Was zunächst wie eine obsessive Verfolgung wirkt – Rebecca zieht spontan nach West Covina, um ihrem früheren Freund nachzustellen –, wird im Verlauf der Serie in einen komplexeren Zusammenhang gestellt; mit psychischer Erkrankung und gesellschaftlichen Vorstellungen von Romantik. Die Serie macht auch deutlich, wie populäre Liebesgeschichten selbstschädigendes Verhalten als romantisch verklären können.

Der Vergleich mit Lily & Lily liegt nicht darin, Lily mit Rebecca gleichzusetzen oder ihr eine Diagnose zuzuschreiben. Vielmehr geht es um die Frage, wer das Verhalten einer Frau deutet – und aus wessen Blickwinkel. Wird Lily als launische, unerträgliche Diva betrachtet, oder auch als Frau, die unter dem Druck des Starruhms steht und sich nach einer Pause sehnt?

Während Crazy Ex-Girlfriend ein abwertendes Vorurteil gegenüber verrückten Exfreundinnen aufbricht, spielt Lily & Lily mit dem Bild der unberechenbaren Filmdiva und lässt zugleich erkennen, dass hinter der öffentlichen Rolle ein eigener Mensch mit Wünschen und Grenzen steckt. In beiden Fällen lohnt es sich, nicht beim Klischee stehenzubleiben.

Auch die Männerfiguren verkomplizieren die vermeintlich klaren Gegensätze. Pastor Jonathan verurteilt Hollywoods Dekadenz, ist aber von Lilys Villa, ihrem Ruhm und ihrem Geld durchaus beeindruckt. Und Lilys Ehemann will aus ihrem Tagebuch Profit schlagen – ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig Kontrolle Lily über ihr eigenes öffentliches Bild zu haben droht. So stellt die Komödie auch die Frage, ob Deborahs Gutmütigkeit in einer solchen Umgebung eine Tugend oder eine Gefahr ist – und ob Lilys Härte nicht zumindest teilweise eine Überlebensstrategie darstellt.

Rebecca Lara Müller übernimmt die anspruchsvolle Doppelrolle von Lily und Deborah. Sie muss zwei äußerlich identische, innerlich aber sehr verschiedene Frauen kenntlich machen und zugleich die komödiantischen Verwechslungen tragen. In dieser Doppelrolle wird die zentrale Frage des Stücks besonders anschaulich: Was bleibt von einer Person, wenn sie in die Kleidung und die Rolle einer anderen schlüpft?

Stufen der Entwiklung Image by geralt from Pixabay

Kleine Exkursion zu Identitäts- vs. Rollenverwirrung (Sind Sie sich unsicher, wer Sie sind?) von Anna Drescher : „In der Psychologie ist Identität dein Gesamtgefühl dafür, wer du bist. Sie setzt sich aus den unverwechselbaren Eigenschaften oder Merkmalen zusammen, die dich einzigartig machen, darunter deine Werte, Überzeugungen, Ziele, Lebenserfahrungen und die Geschichte, die du dir selbst über dein Leben erzählst (Erikson, 1968)“. Der Psychologe Erik Erikson (1968) sieht es als eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben im Jugendalter, den Konflikt zwischen Identität und Rollenverwirrung zu lösen (vgl. Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson 1902-1994).

Zurück zur Rezension: Lily & Lily unterhält mit rasanten Verwicklungen und regt zugleich dazu an, über weibliche Lebensentwürfe, gesellschaftliche Rollen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben nachzudenken. Der Abend zeigt: Ein Doppelgänger ist nicht bloß eine Kopie – manchmal macht er erst sichtbar, wie viele Perspektiven in einer Person stecken.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL