Du betrachtest gerade Charlotte von Steins Drama „Dido“, Handeln nach Platons Prinzip „der schönen Seele“

Die Lesung „Unerhört! Begegnungen mit Autorinnen“ am 16. Januar 2026 im Staatstheater Darmstadt war ein eindrucksvoller Höhepunkt der interdisziplinären Kooperation zwischen dem Teilprojekt Theaterwesen Lost in Archives (LMU München, Cornelia Goethe Centrum Uni-Frankfurt, Universität der Bundeswehr) und dem Theater. Vorgestellt wurde das Schauspiel „Dido“ von Charlotte von Stein – das einzige Drama der Autorin, entstanden im Winter 1795/96. Charlotte von Stein lässt die Hauptfigur nach dem Prinzip der schönen Seele handeln. Das Prinzip der schönen Seele knüpft an die europäische Antike und Platon an; in der Weimarer Klassik fand es großen Anklang, etwa in Friedrich Schillers Schrift „Über Anmut und Würde“ (1793).

Charlotte von Stein (1742 -1827) war Autorin, Zeichnerin, Hofdame am Weimarer Hof und eine zentrale Figur der deutschen Klassik. Sie wirke über Jahrzehnte im kulturellen Leben von Weimar mit. Sie schrieb Dramen, Prosatexte und Briefe. Sie war eine gute literarische und politische Netzwerkerin. In ihren Texten behandelt sie Themen wie emotionale Abhängigkeiten, Rollenbilder, Macht und weibliche Selbstbehauptung. Sie war mehr als die Muse von Goethe und Schiller. Schiller drängte Charlotte von Stein das Drama Dido zu veröffentlichen. Doch sie hielt es zurück, weil sie selbst mit der Qualität des Stückes unzufrieden war. Die Darmstädter Zuschauer hatten nun die einmalige Gelegenheit sich selbst ein Bild von dem Stück Dido von Charlotte von Stein zu bilden.

Die Lesung wurde von den Schauspielerinnen Gabriele Drechsel und Stefanie Steffen vorgetragen, die Regisseurin Olivia Müller-Elmau inszenierte das Stück szenisch. Zur Verfügung standen für die Lesung eine Tafel mit Weintrauben und jede Menge Requisiten. Alle Figuren der Handlung wurden von den zwei Schauspielerinnen dargestellt. Einzelne Rollen wurden vom Publikum satzweise vorgelesen.

Dido wird zur Musterfigur für Anstand, Sittlichkeit und Tugend; sie bleibt unbeirrbar, selbst wenn äußere Bedrohungen das politische Gefüge erschüttern. Während die Oper Dido und Aeneas von Purcell (1689) und die Wiederaufnahme 2022 an der Oper Frankfurt unter der Inszenierung von Barry Kosky großen Zuspruch fand, ist Steins Bühnenstück weitgehend unbekannt.

Charlotte von Stein ist vielen Frankfurtern durch ihre platonische Beziehung zu Goethe ein Begriff; häufig wird sie jedoch nur als Randfigur der Literaturgeschichte und als bloße Freundin Goethes abgetan.

In „Dido“ bezieht sich Stein nicht auf die bekannte Version Vergils, die auch die Grundlage von Purcells Oper bildet, sondern auf die ältere Erzählung des Justinus.

Das Drama stellt zentrale Fragen rund um das Thema Herrschaft:

·         Wer trägt die Verantwortung für das Volk?

·         Welche Ansprüche stellt das Patriarchat an die Frau als Herrscherin?

·         Wie geht Dido mit Gewalt um? Hört sie auf Freunde?

·         Wie steht die Königin zu Liebe und Treue?

Diese Themen besitzen nach wie vor große gesellschaftliche Relevanz. Dido, die Königin von Karthago, erhält vom jetzigen König Jabes einen Heiratsantrag, den sie wegen ihres Treueversprechens an ihren verstorbenen Ehemann ablehnt. Jabes droht daraufhin, Kartago den Krieg zu erklären und will Dido zur Heirat bewegen. Die drei Gelehrten des Hofes – Orgon (Dichter), Dobus (Philosoph) und Aratus (Geschichtsschreiber) – unterstützen Jabes mit Intrigen. Um der Situation zu entkommen, will Dido ihren Thron aufgeben; ihr Bruder, der im Ausland ist, soll an ihrer Stelle herrschen. Die Figur des Dichters Orgon ist eine Anspielung auf Goethe den Dichter. Sein Dialog ist aus einem Briefwechsel zwischen Charlotte von Stein und Goethe entlehnt.

Dido flieht mit Hilfe des Priesters Alberico aus Karthago. Ihre Vertraute versucht, die Abwesenheit der Königin zu verschleiern. Im Exil erfährt Dido, dass ihre Vertraute festgenommen wurde, und beschließt, zurückzukehren. Die Lage spitzt sich zu: Der Priester opfert sich selbst, um einer Ermordung durch Jabes zu entgehen; Elissa entgeht nur knapp einem Mordkomplott einer wütenden Menge.

Dido nimmt schließlich das Angebot von Jabes an, ordnet eine Feier an, bei der ein Stier geopfert werden soll – stattdessen opfert sich die Königin selbst mit dem Messer, das für den Stier bestimmt war.

Warum ist Aneas Abwesenheit bedeutend?

Im Gegensatz zur berühmten

Oper „Dido und Aneas“ von Henry Purcell verzichtet Charlotte von Steins Bühnenstück vollständig auf die klassische Liebesbeziehung zwischen Dido und Aeneas.

Aneas ist in „Dido“ nicht nur abwesend, er spielt überhaupt keine Rolle im dramatischen Geschehen. Ohne die romantische Verstrickung wird Didos Entscheidung nicht als Folge einer Herzensangelegenheit, sondern als Ausdruck ihrer inneren Prinzipien dargestellt.

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Sie handelt nach dem Ideal der schönen Seele – ein Konzept, das auf Platon und Plotin von Kalokagathia zurückgeht und welches die Weimarer Klassik aufgreift, die das Streben nach ethischer Vollkommenheit betont. In Purcells Oper wird Didos Tragödie stark durch die Liebesgeschichte mit Aeneas getrieben; ihr persönlicher Verrat wird zum Symbol für den Untergang des Staates. Von Steins Version hingegen stellt die politische Verantwortung der Herrscherin und die Staatsphilosophie in das Zentrum des Stücks: Dido muss zwischen Treue (innere Verpflichtung zu ihrem verstorbenen Gemahl), den Forderungen des Kriegsgegners Jabes und den Intrigen ihres eigenen Hofes wählen. Die fehlende Liebesbeziehung verhindert, dass Dido als „Geliebte“ reduziert wird. Stattdessen bleibt sie Herrscherin, die eigenständig über ihr Reich und ihr Schicksal entscheidet – ein Bild, das die „unsichtbaren Frauen“ des 18. Jahrhunderts ins rechte Licht rückt.

Was können moderne Frauen aus Dido lernen?

Dido zeigt, dass man eigene Werte nicht aufgeben muss, selbst wenn Politik, Wirtschaft oder gesellschaftliche Erwartungen einen zu kompromittieren versuchen. Sie stellt das Wohl ihres Volkes über persönliche Wünsche und erinnert daran, dass Führungspositionen (ob im Beruf, in Vereinen oder in der Politik) immer mit einer ethischen Pflicht verbunden sind. Statt sich passiv dem Krieg zu ergeben, sucht Dido nach alternativen Wegen (Flucht, Exil, Rückkehr). Moderne Frauen können daraus lernen, in schwierigen Situationen nach unkonventionellen Lösungen zu suchen, anstatt sich von scheinbar unüberwindbaren Hindernissen lähmen zu lassen. Dido opfert sich selbst, weil sie ihr Prinzip der „schönen Seele“ nicht verraten will. Das ermutigt dazu, persönliche Integrität über äußere Belohnungen oder Statussymbole zu stellen. Das Stück Dido bietet ein Modell für autonome, werteorientierte Entscheidungsfindung

Abgrenzung zur Puppe?

Dido unterscheidet sich grundlegend von einer Puppe, weil sie ein eigenständiges handelndes Subjekt ist. Sie trifft Entscheidungen über Politik, Treue und ihr eigenes Schicksal, wobei ihr Handeln von einem inneren moralischen Prinzip – dem Ideal der schönen Seele – geleitet wird. Im Gegensatz dazu wird eine Puppe wie Olympia in Hoffmans Erzählungen von außen gesteuert; ihre Bewegungen, Gesten und Worte entstehen nur durch die Hand des Puppenspielers. Schließlich steht Dido symbolisch für Selbstbestimmung und für die Stimme unsichtbarer Frauen im 18. Jahrhundert. Die Puppe hingegen verkörpert Fremdbestimmung und das Gefüge von Macht und Kontrolle, das Frauen historisch oft erlebten. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht, warum Didos Geschichte als Modell für weibliche Selbstbestimmung dient, während die Puppe das Gegenbild von Manipulation und Fremdsteuerung darstellt.

Danke an den Kulturbotschafter des UniWehrsEL für den Beitrag und an Pixabay für die Bereitstellung der Bilder.

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:30. Januar 2026
  • Lesedauer:6 Min. Lesezeit