You are currently viewing Die Kunst des feinen Humors

Der deutsch-australische Starregisseur Barrie Kosky hat viele Ideen zu den Themen, die die Welt bewegen, welche da sind Liebe, Hass und Tod. Eine der Zentralgestalten, die alle diese drei Themen bedient, ist Don Giovanni. Optisch düster, musikalisch fein nuanciert präsentiert er Mozarts Helden, der weder Moral noch Verantwortung kennt und dessen Lebensziel die Eroberung jeweils eines von ihm favorisierten weiblichen Wesens ist.

Dazu erhielt ich heute einen sehr humorvollen Leserbrief.

Guten Morgen, liebes UniWehrsEL,

gestern hat die Staatsoper Wien die Premiere von Don Giovanni gestreamt. In einer Inszenierung von Barry Kosky. Dieser hat das Stück auf eine schwarze Felsenlandschaft und im ersten Akt in einer Gartenlandschaft spielen lassen. Gärten sind heilsame Orte. Menschen kommen dort gerne zusammen. Bei Kosky sind das Brautpaar Masetto und Zelina sehr wild aufeinder. Er trägt sie auf Händen. Das ist wörtlich zu sehen. Don Giovanni hat bei Kosky eine Liebesbeziehung zu seinem Diener Leporello. Sie bilden ein Team. Sie sind eine Einheit. Die anderen Figuren stören da nur. So hat der Tod für Don Giovanni keine Schrecken. Er lacht ihn aus. Zwar stirbt Don Giovanni kurzfristig. Aber wie Jesus entsteigt er dem Grab und geht seiner Wege. Eine typische Interpretation von Kosky. Da stirbt auch die Carmen eben nicht, sondern steht nach ihrer Ermordung einfach fröhlich wieder auf. So ist es halt am Theater. Es ist laut, es ist bunt, es wird gestorben, aber dann stehen sie wieder auf.

Donna Anna ist bei Kosky stylisch unterwegs. Klar hat sie Don Oktavio im Schlepptau. Der wirkt bei Kosky etwas selbstbewusster. Nicht so weinerlich, wie ihn andere Inszenierungen gerne hinstellen. Doch wer ist eigentlich Don Giovanni? Ein Verführer? Ein großer Schelm? Leporello ist beweglich und sehr agil. Ein Diener, der den Servicegedanken seinen Herren glücklich zu machen, zutiefst verinnerlich hat. Don Giovanni und Leporello sind körperlich total in Form. Beide haben Waschbrettbäuche. Stählerne Muskeln. Da wird dem Publikum etwas geboten. Beide sind selbstverliebt, egozentrisch und wild. Donna Elvira Don Giovannis vermeintliche Ehefrau ist ebenfalls leicht entflammbar. Seinen Lügen glaubt sie sofort. Sie ist emotional, stürmisch, leidenschaftlich.

Masetto der Bauer ist hemdsärmlich. Ein Schläger. Der nicht lange nachdenkt, sondern handelt. Zelina muss sein Temprament abfedern. Ihn wie ein Kind wiegen. Ihn beruhigen. Don Giovanni ist für sie aufregend, eine Abwechslung. Aber auch geheimnisvoll und einschüchternd. Aber ihre übergroße Neugier lässt alle Vorsicht zurück. So erlebt der Zuschauer eine interessante Charakterstudie der Figuren durch Barry Kosky. Der neue erfrischende Blick auf eine der meistgespielten Opern der Welt ist somit sichergestellt. Musikalisch glänzt die Aufführung ebenso. Was will der Zuschauer mehr.

OPER OHNE PUBLIKUM

Schauen Sie sich noch mehr von Kosky an, der sich selbst als „schwules, jüdisches Känguru“ bezeichnet. Auch zu Themen wie Liebe und Schmerz schöpft er aus dem Vollen und macht auch vor Wagner nicht halt. Barrie Kosky bringt die Kunst des Lachens auf die Bühne. Genau das, was wir im Moment gut gebrauchen können.

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:6. Dezember 2021
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