Du betrachtest gerade Disneys Pinocchio: vom Schlaraffenland,  Arbeitsethos, Amerikanern im zweiten Weltkrieg

Angeregt vom Seminar Puppen als Seelenverwandte hat sich der Kulturbotschafter des UniWehrsEL erneut mit Disneys „Pinocchio“ (1940) beschäftigt – einem seiner allerersten Disney‑Filme, die er als Kind liebte. Der Film beginnt mit dem liebenswerten Spielzeugmacher Geppetto, der eine besonders gelungene menschenähnliche Puppe herstellt und als seinen Sohn aufzieht.

Liebe Freunde des UniWehrsEL,

Im Film ist Geppetto der einsame, aber sehr begabte Handwerker, der aus einem Stück Holz einen lebendigen Jungen erschafft – ein Akt, der aus Liebe, Sehnsucht nach Gesellschaft und dem Wunsch nach Verantwortung entsteht. Diese Motive finden ein historisches Gegenstück in der Erzählung Pygmalion, der Gestalt aus der griechischen Mythologie, der aus seiner künstlerischen Begabung eine Statue (Galatea) formt und sich in sie verliebt, bis die Götter ihr Leben einhauchen.

Pygmalion finden wir auch in „Hoffmanns Erzählungen“ – da ist die Figur eine Vorlage für die Puppe Olympia. Das himmlisch schöne Geschöpf Olympia, von Hoffmann als Professor Spalanzanis Tochter anerkannt, erinnert auch heute noch an die Wirkung technischer Wunderwerke. Das macht die Geschichte von Spalanzanis Olympia gestern wie heute aktuell. In der griechischen Mythologie führt sie zu Pygmalion und seiner aus Elfenbein geformten Galatea. Aphrodite erhörte Pygmalions Flehen und erweckte Galatea zum Leben. Diesem Wunsch entspricht heute die japanische Firma „Orient Industry“ und produziert weibliche lebensecht wahrnehmbare Sexpuppen.

Einer Puppe Leben einhauchen, das geschieht, als die blaue Fee den hölzernen Pinocchio zum Leben erweckt. Von diesem Moment an fühlt sich Geppetto verantwortlich für seinen hölzernen Sohn und schickt ihn zur Schule. Geppetto handelt aus einer Sehnsucht heraus, ein Vater zu sein – er will nicht nur ein starres Kunstwerk, sondern einen Sohn, für den er sorgen kann. Pygmalion hingegen ist von ästhetischer Idealisierung angetrieben; er schafft ein perfektes Ideal, das seine eigenen Wünsche und Vorstellungen widerspiegelt, ohne zunächst die Verantwortung für Galatea zu übernehmen.

In der italienischen Vorlage von Pinocchio von Carlo Collodis ist das Arbeitsethos besonders zentral. Die Holzpuppe Pinocchio verweigert Arbeit und Schule wird aber durch harte Lektionen – die Verwandlung in einen Esel und den Schiffbruch, sowie die Liebe seines Vaters – zur Einsicht gebracht, dass Fleiß, Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein notwendig sind um ein „echter“ Junge zu werden. Die Geschichte ist somit ein Lehrstück über die Wichtigkeit von Arbeit und die Gefahren der Faulheit, wie sie im bürgerlichen Arbeitsethos des 19. Jahrhunderts tief verankert sind.

Dabei denke ich auch an Hänsel und Gretel von Humperdinck, wo die Kinder in den Wald geschickt werden nicht aus Armut, sondern, weil sie den Topf zerbrochen haben und der Wald eine Strafe zur Besserung aus Sicht der Mutter sein soll.

Die blaue Fee und Jiminy Grille fungieren in dem Disneyfilm als moralische Autoritäten, deren Gehorsam ein zentrales Leitmotiv der Geschichte ist. Die blaue Fee verkörpert das höchste göttliche Prinzip: Sie schenkt Pinocchio das Leben und legt die Bedingung fest, dass er ein „guter Junge“ werden muss. Ihr Auftrag ist eindeutig – nur wer den Weg der Rechtschaffenheit wählt, darf die menschliche Gestalt erlangen. Damit wird Gehorsam gegenüber einer höheren, fast übernatürlichen Ordnung als Voraussetzung für persönliche Vollendung dargestellt. Pinocchio muss sich also ihrem göttlichen Gebot unterordnen und kann die Voraussetzung, um ein guter Junge zu werden nicht selbst mitbestimmen.

Jiminy Grille, der vom König der Vögel zum Gewissen ernannt wird, repräsentiert die irdische, alltägliche Autorität. Er ist Pinocchios ständiger Begleiter, gibt ihm Ratschläge und warnt vor den Verlockungen von Fuchs und Kater, Stromboli und John.

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Sein Auftrag ist, Pinocchio zu leiten und ihn immer wieder zur Verantwortung zu rufen. Auch seinem Begleiter der Grille kann sich Pinocchio nicht einfach entziehen, sondern muss letztendlich dem Rat der Grille folgen, ob es ihm gefällt oder nicht, um die Anforderung zu erfüllen, ein guter Junge zu sein.

Meine persönliche Lieblingsrolle war Harald Juhnke als der ehrenwerte John. Mit seiner markanten Stimme verführt er Pinocchio, mit ihm zu kommen und ein Leben als Künstler zu führen. Für mich war das ein besonders reizvoller Moment: Juhnkes Stimme liegt zwischen Kumpel und Freund, sie wirkt nie bedrohlich. Genau diesen Freund, den ich mir als Kind immer gewünscht habe, verkörpert John. Die von ihm beschriebene Puppenwelt erscheint mir als ein Paradies, in das ich als Kind gerne aufgenommen worden wäre.

Umso enttäuschter war ich dann von der durch Pinnocchio erlebten tatsächlichen Marionettenwelt Strombolis. Statt eines bunten Künstlerlebens ist das Theater trist, grau und wirkt wie eine Gefangenschaft – kein schönes Künstlerleben, sondern ein Ort, an dem Freiheit versprochen, aber nie erreicht wird. Heute lese ich Pinocchios Eintritt in das Marionettentheater als Warnung vor dem Müßiggang.

Das Scharaffenland, ein beliebtes Motiv in Märchen (z. B. bei den Brüdern Grimm), sollte den Menschen in Zeiten von Hunger und Not Trost spenden. Es ist ein Ort des Überflusses und der Faulheit. In Pinocchio wird diese Faulheit mit Eseln gleichgesetzt: die Bewohner von Strombolis Theater werden zu Eseln, also zu dummen, trägen Wesen, die am Ende verkauft und harter körperlicher Arbeit zugeführt werden. Das Schlaraffenland‑Motiv steht zudem für einen vermeintlich sinnlosen Konsumrausch der westlichen Welt.

Dazu auch unser Beitrag „Schlaraffische Exzesse„. Das wunderbare Lebkuchenhaus im Märchen bei Hänsel und Gretel kontrastiert nicht nur die tatsächliche Behausung der beiden im Wald verirrten Kinder, sondern gipfelt auch in der Erfüllung eines uralten Menschheitstraums. Im Schlaraffenland herrscht Nahrungsüberfluss, fließen Honig und Milch, wachsen Trauben in den Mund. Hier gibt es keine mühselige Arbeit, stattdessen einen Jungbrunnen, denn dieses Land im Nirgendwo ist auch zeitlos.

In Pinocchio wird diese Botschaft unterschwellig gesetzt: Geppettos Sorge, Jiminys Gewissen und die trügerische Verlockung von John stehen für verantwortungsbewusste Arbeit, während Strombolis graues Theater die Gefahr des Müßiggangs und des falschen Versprechens von Freiheit verkörpert.

Als Pinocchio 1940 erschien, befand sich die USA im Übergang von der Großen Depression zu einem Krieg, der massive Produktions‑ und Arbeitsanstrengungen erforderte. Die Verheißung, die John im Film mit seiner charmanten, fast väterlichen Stimme gibt – ein Leben als Künstler, ein „Paradies“ jenseits von Mühsal und Not – traf auf ein Publikum, das noch immer unter Mangel und Armut litt.

Die Idee, dass ein einfacher, ehrlicher Junge durch Mut und Verantwortung zu einem echten Menschen wird, spiegelte den Wunsch nach sozialem Aufstieg wider, den viele Amerikaner nach den Entbehrungen der Depression hegten. Johns verführerisches Bild einer freien, kreativen Existenz bot einen emotionalen Gegenpol zu den harten Kriegsanstrengungen, ohne jedoch die Notwendigkeit von Arbeit zu negieren.

Gleichzeitig vermittelte der Film, dass das verlockende „Paradies“ nur dann erreichbar ist, wenn man Verantwortung übernimmt, wie Pinocchio es schließlich tut.

Das Paradies war auch Thema in unserem Beitrag „L’Invisible an der Oper Frankfurt – Die Zerbrechlichkeit des Paradieses„. Die Inszenierung von L’Invisible an der Oper Frankfurt regt durchaus zu Diskussionen an. Gerade weil sie nicht nur die Sehnsucht des Menschen nach einem Paradies verhandelt, sondern auch dessen Fragilität. Das berühmte Gemälde Im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch oder das Bild „Paradiesgärtlein“ im Städel Museum Frankfurt zeigen eine idyllische Welt voller Schönheit. Doch Bosch deutet bereits die Vergänglichkeit dieses Paradieses an – es ist eine fragile, trügerische Vision, die jederzeit verloren gehen kann. Im Paradiesgärtlein gibt es keinen Müßiggang. Und so steckt auch hinter der Figur des Pinocchio eine Botschaft, die Arbeit, Disziplin und Opferbereitschaft als patriotische Tugenden glorifiziert.

Die blaue Fee, die Pinocchio zum Leben erweckt, wurde von vielen als Symbol für die USA selbst interpretiert – ein Land, das aus Not erwacht, um eine neue, verantwortungsvolle Rolle in der Welt zu übernehmen. Johns Versprechen, das zunächst wie ein leichter Ausweg wirkt, wird im Film durch die graue Realität von Strombolis Theater entlarvt – ein Bild, das amerikanische Zuschauer an die Gefahren von Bequemlichkeit und Konsumismus erinnerte, gerade in einer Zeit, in der Ressourcen rationiert wurden.

Durch diese Doppelbödigkeit – Verheißung von Freiheit, aber gleichzeitig Hinweis auf die Notwendigkeit von Arbeit – half Pinocchio, das amerikanische Selbstverständnis im Krieg zu festigen: Das Land könne sich aus der Not erheben, doch nur, wenn jeder Einzelne seine Pflicht erfüllt. Die Geschichte von Pinocchio, John und dem Schlaraffenland wurde somit zu einer subtilen, aber wirksamen Moral‑ und Motivationsquelle für das amerikanische Volk, das sowohl mit den Nachwirkungen der Depression als auch mit den Anforderungen des zweiten Weltkriegs konfrontiert ist.

Im politischen Kontext wird es genutzt, um zu zeigen, dass es kein gutes Leben ohne harte Arbeit gibt. Der christliche Arbeitsethos, der Arbeit als gottgewollte Berufung versteht und auf Fleiß, Disziplin und Verantwortung baut, bildet die Grundlage des modernen Kapitalismus – eine Idee, die bereits von Karl Marx kritisch analysiert wurde.

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Pinocchio ist mehr als ein Kinderfilm; er ist eine moralische Parabel, die das Schlaraffenland‑Motiv nutzt, um zu verdeutlichen, dass echte Freiheit nur durch Arbeit, Verantwortung und Disziplin erreicht werden kann. Die verführerische Stimme von John lockt, doch das triste Marionettentheater erinnert daran, dass Müßiggang letztlich in Gefangenschaft endet. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs wirkte diese Botschaft besonders stark, weil sie den amerikanischen Zuschauer gleichzeitig tröstete und zu weiterem Einsatz für das Gemeinwohl anspornte.

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:28. Januar 2026
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