Du betrachtest gerade Metathesiophobie – Ellens Zweifel oder wie subjektive Überzeugungen die Realität formen

Die Protagonistin Ellen wurde im Beitrag „Sommerlügen“ im UniWehrsEL eingeführt. In den Gedanken „Über die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen“ (frei erdacht), reflektierte die ältere Dame über die Neugestaltung ihres Lebens. Nachdem Ellen weiß, dass die Kinder und Enkelkinder künftig mehr in ihr eigenes Leben investieren wollen, als sich um ihre Bedürfnisse kümmern zu wollen, beschließt sie sich selbst mehr Vertrauen zu schenken. Denn sie spürt, dass die Angst zunehmend ihr Leben bestimmt. Angst vor dem Alleinsein, Angst sich auf den Weg zu anderen Menschen zu machen, weil sie gerade im doppelten Sinn das Gefühl hat, „den richtigen Weg nicht zu finden„.

Ellen sitzt alleine am Tisch. Die Familie ist fort. Sie kennt sich aus. Es gibt für die meisten Ängste eine lateinische Bezeichnung, damit kann man das Gefühl erklären, in eine Schublade stecken, aber leider nicht wirklich bekämpfen oder besiegen. Denn gerade auf Kampf will und kann sich Ellen im Moment nicht einlassen.

So heißt ihr Zauberwort „Metathesiophobie“ und passt in die Schubladen, auf der groß „Veränderungen“ draufsteht. Manche Menschen haben Angst vor dem Arbeitsplatzwechsel, obwohl sie längst das Gefühl haben, zum alten Eisen zu gehören. Andere wollen auf keinen Fall aus ihrer Wohnung ausziehen, auch wenn sie nach dem Auszug der Kinder längst zu groß geworden ist.. Neue Lebensumstände sind immer mit Konsequenzen verbunden; lieb gewordene Routinen werden durchbrochen, Rituale wie der morgendlich gewohnte Rundgang zum Bäcker werden sich verändern. Ellen kennt diese Gefühle der Selbstsabotage, sie möchte gerne vieles anders gestalten, aber etwas blockiert sie innerlich.

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Seitdem sie erzählt hat, die Kinder würden weniger kommen und darum habe sie mehr Zeit, wird sie häufiger eingeladen. Das freut sie, aber, was keiner weiß, wie immer gibt es aber in ihrem Inneren ein „Aber“. Mit der Einladung kommt nun wieder eine altbekannte Angst hinzu.

Ellen starrt auf die Einladung mit der Wegbeschreibung: „Haus am Hang, alte Eiche, Nebelpfad“. Sie zweifelt, diesen abgelegenen Ort je zu finden; sofort setzt das bekannte Gefühl der völligen Überforderung ein. Sie ist es gewohnt, ihre eigenen Gefühle zu analysieren, denn sie ist viel alleine. Sofort hakt sie die Einladung gedanklich ab: „Klar, dass mein Arbeitsgedächtnis mit diesen vagen Wegbeschreibungen, die mir die Gastgeber zumuten, nichts anfangen kann. Mit einer solchen Herausforderung kann ich unmöglich umgehen. Wo um Himmelswillen könnte das sein, wie könnte ich da hinkommen? Mit dem Auto – geht nicht. Wer weiß, ob das überhaupt anspringt … mit dem Taxi? Viel zu teuer … so wichtig ist mir das nun auch wieder nicht … Einen Bekannten fragen? Nein, dann will der bestimmtauch von mir irgendeine Gefälligkeit haben …“

Sie schmunzelt: „Mir geht es ja gerade wie dem Mann in Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“. Wie war das doch gleich? Nichts borgen, weil der dann auch was borgen könnte, etc. …am Schluss der Satz „Behalten Sie doch ihren Hammer!““

Und weiter erklärt Ellen sich, warum sie unmöglich diese Einladung annehmen kann. „Es weiß ja keiner, dass ich unter Antizipationsangst leide, manchmal sind meine kognitiven Fähigkeiten dann wie blockiert. Du liebe Güte, ‚Nebelpfad‘“, sie starrt auf die Adresse auf der Einladung, „Nomen est omen! Wie soll denn im Nebel ein Mensch irgendwelche Orientierungspunkte finden?“

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Ellen gerät in Gefühle der kognitiven Dissonanz (auch unser Beitrag „Gedanken zu Alltagskonflikten„). Sie mag so gerne zu den Gastgebern gehen, freut sich, weil sie eingeladen ist, weil man sie mag, sie schätzt. Aber sie kann einfach nicht, es gibt zu viele Hindernisse. Sie weiß aus Erfahrung, sie findet neue Wege prinzipiell nur sehr schwer und überhaupt eigentlich hat sie weder Zeit, noch Lust irgendwo hinzugehen. „Zuhause ist es doch am schönsten“, denkt sie und dann: „gleich wächst mir wie bei Pinocchio eine lange Nase …“

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Besonders schwierig empfindet Ellen, dass sie eigentlich weiß, warum sie sich nicht traut zu gehen. Mit jedem: „Ich finde es ja doch nicht“, bestätigt sie ihre eigene kognitive Verzerrung. Sie entwickelt ein Vermeidungsverhalten, weil sie ihre tiefsitzenden „Versagungsängste“ spürt. Ihre selektive Wahrnehmung  ist auf „Hindernisse“ programmiert.  

Und was wäre, wenn sie gedanklich eine Wende einschlagen würde und aus der „Unmöglichkeit“ eine „Chance“ werden ließe. So eine kognitive Umstrukturierung wirkt zuweilen wunderbar!

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Ellen schwingt sich trotz aller Bedenken in ihren Kleinwagen und kurvt in Richtung „Haus am Hang, alte Eiche, Nebelpfad“. Nach nicht unbeträchtlicher Mühe ist es ihr gelungen, das uralte Navi in die Gänge zu bringen. Wie erwartet schaltet sich schon in der vermuteten Nähe des Einladungsortes die Stimme auf dem Navigationsgerät ein: „Wenn möglich, bitte wenden!

„Das ist mal wieder typisch?“ beginnt sie mit sich selbst ein Zwiegespräch: „Wenn ich jetzt meine Therapeutin fragen würde, bekäme ich die Auskunft, ich hätte mich im Griff des Confirmation Bias befunden. Ich war so fest davon überzeugt, den Weg sowieso nicht zu finden, dass ich auf irgendwelche Straßenschilder erst gar nicht geachtet habe. Und klar hat sich mal wieder für mich bestätigt, ich brauche nicht losfahren, weil ich sowieso nicht da ankomme, wo ich hinwill!“

Ellen schnaubt vor Wut: „Wie jetzt? ‚Sackgasse‘?? Es war klar, hier gibt es weder ein Haus noch sonst was, wollten die mich veräppeln, oder wie darf ich das jetzt verstehen?“

Und wieder klingt wie durch eine Watte die vorwurfsvoll klingende Stimme dieser Therapeutin: „Ihr Gehirn hat die Realität so effizient gefiltert, sie wären wahrscheinlich sogar an einem rosa Elefanten vorbeigefahren, solange das Navi ihnen gesagt hätte, bei der nächsten Ampel bitte links abbiegen …“

Nach der dritten Ehrenrunde steigt Ellens Cortisolspiegel bedenklich, sich selbst beruhigend erklärt sie sich: „Mein inneres Navigationssystem hat soeben aufgegeben!“

Sie bemerkt nicht ihren Tunnelblick, der darauf fixiert ist, Fehler zu machen. Fast wäre sie sogar an dem riesigen Torbogen mit der Aufschrift „Willkommen Ellen“ vorbeigefahren. „Das kann nur eine optische Täuschung sein, eine Lichtbrechung durch die Tannennadeln“, jammert sie völlig enerviert.

Sie hält an, greift auf die Packung mit den CBD Fruchtgummis zurück, denn sie hat irgendwo gehört, dass sie Angst lösen. „Ich gebe auf, jetzt ist sowieso alles schon gelaufen,“ entspannt sie sich. Da ploppen Weg und Schild in ihr Bewusstsein. Was sie nicht weiß, es ist kein magischer Nebel, der sich plötzlich lichtet, sondern eine Gestalt-Umstrukturierung. Ihr Gehirn wechselt vom Modus „Suchen und Aufgeben“ in den Modus „Du wirst es schaffen!“

Ellen parkt vor dem Haus. Die Gastgeber eilen ihr mit einem Glas Sekt ihr entgegen: „Du hast uns gefunden, bravo!“

„Wissenschaftlich gesehen“, sagt Ellen und nimmt einen tiefen Schluck aus dem Sektglas, „habe ich lediglich meine Inattentional Blindness durch eine strategische Zufuhr von Glukose überwunden!“

Ihr Gastgeber blinzelt. „Schön, ich nenne es dann einfach mal, öfters mal die Brille putzen! Komme herein, liebe Ellen.“

Wer mehr über die amüsanten Fallstricke unserer Wahrnehmung erfahren möchte, kann die Studien zur selektiven Aufmerksamkeit lesen oder sich bei der Max-Planck-Gesellschaft über kognitive Forschung informieren. Oder einfach weniger Grübeln und sich mehr zutrauen!

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:24. Januar 2026
  • Lesedauer:6 Min. Lesezeit