Film: „The Ugly Stepsister“ oder Aschenputtels „Spieglein, Spieglein an der Wand“ neu gedacht
Stepsister
Aschenputtel von den Brüdern Grimm kennt jeder; genau wie den gesprochenen Spiegeldialog der bösen Königin „Spieglein, Spieglein … „. Die Geschichte lässt sich aber auch als Body-Horror-Film darstellen. „The Ugly Stepsister“ versucht sich darin, die Aschenputtel-Geschichte als Satire widerzugeben. Innere Werte sind da nicht gefragt, äußere Schönheit geht über alles. Die norwegische Regisseurin Emilie Blichfeldt lebt „auf großem Füßen“. Grund genug an gesellschaftlichen Schönheitsidealen zu verzweifeln. Der Film ist nun Oscar-nominiert. Eine Leserin des UniWehrsEL findet dies durchaus schreibenswert.
Hallo, liebes UniWehrsEL,
Emilie Blichfeldts Body Horrorfilm „The Ugly Stepsister“ (zu deutsch die hässliche Stiefschwester) von 2025 schildert, wie Elvira durch chirurgische Umformung und gesellschaftlichen Druck zur Ware für einen Prinzen gemacht wird — ein Bild dafür, wie Spiegel als Schönheitsbilder Einfluss auf den Körper nehmen und wie Körper ökonomisiert werden können.
Im Königreich Swedlandia entbrennt ein Konkurrenzkampf zwischen Elvira und ihrer unbestreitbar „schönen“ Stiefschwester Agnes, nachdem die ehemals vertraute Beziehung der beiden durch den Tod von Agnes‘ Vater Otto und die ökonomische Verarmung der neuen Haushaltsgemeinschaft zerbricht. Rebekka, Elviras Mutter, erkennt nach Ottos Tod, dass kein Erbe gesichert ist – die Bank greift zu – und ihr Überleben hängt nun an der Heiratschance der Töchter. (Image by JuliusH from Pixabay)
Elvira bemüht sich verzweifelt, die Aufmerksamkeit des Prinzen zu gewinnen, der als begehrter Junggeselle einen Auswahlball veranstaltet. Ohne Adelstitel und das konforme Äußere bleibt ihr gesellschaftlicher Aufstieg verwehrt; daher unterwirft Rebekka ihre Tochter einer rabiaten körperlichen Umformung. Sie engagiert den windigen Schönheitsdoktor Dr. Esthétique, der mit chirurgischer Grobheit Elviras Zähne, Nase und Augen modifiziert: Zahnspange wird gewaltsam entfernt, das Nasenbein mit Hammer und Meißel gebrochen und neu arrangiert, künstliche Wimpern werden fadenscheinig ins Lid eingenäht — Prozeduren, die die instrumentelle Ökonomie von Schönheit und die Gewalt der Normierung sinnfällig machen.
Unserem Sommersemester-Seminar „Unter Spiegeln: Geschichte und Metaphorik des Spiegelns“ vorauseilend haben wir gelernt, Spiegel als kulturelle Technologien zu lesen, die Identität nicht nur abbilden, sondern produzieren und regulieren. Vor diesem hermeneutischen Hintergrund erscheint Emilie Blichfeldts The Ugly Stepsister nicht nur als radikale Märchenrevision, sondern als moderne Variation einer literarischen Topic: Wie in Oscar Wildes Der seltsame Fall des Dr. Dorian Gray wird das Spiegelbild hier zur Projektionsfläche und zum instrumentellen Medium normativer Begehrenskulturen. Während Dorian Gray die Korruption der Seele durch das bewahrte, moralisch degradierte Abbild erkundet, verlegt Blichfeldt die Korruption in das Fleischliche — der Spiegel ruft nicht nur inneren Verfall hervor, sondern legitimiert physische Eingriffe, die Körper zu marktfähigen Objekten formen.
Schönheit ist immer wieder ein Thema im UniWehrsEL. So auch bei den Überlegungen Was ist Schönheit?, wo es um die Thematiken des Schönheitswahns und der Selbstoptimierung geht. Auch in unserer Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik“, ging es in Teil XXII, um die Reflektionen i. Burns zu Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“, der äußerlich ewig jung bleibt, innerlich aber alt und hässlich wird. Im Städel Museum gilt Tizians „Bildnis eines jungen Mannes als der Prototyp für Schönheit.
Anstatt die Märchenlogik „Und sie lebten glücklich…“ zu reproduzieren, dekonstruiert Blichfeldt jenes Versprechen als ideologisches Konstrukt, dessen Erfüllung junge Frauen teuer bezahlen. Die filmische Erzählweise verlagert das Spiegelmotiv von reflektierender Oberfläche in eine aktive Gewalttechnik: Spiegel bedeuten hier nicht Erkenntnis, sondern Leistungsprüfung. Das berüchtigte „Schau doch mal in den Spiegel“ wird zur Aufforderung zur Normkonformität — wer dem Bild nicht entspricht, gilt als mangelhaft, ökonomisch gefährdend und veränderungsbedürftig.
Die grotesken Schönheitsprozeduren — die schmerzhaften Korrekturen an Nase und Wimpern, das Schlucken vermeintlicher Wundermittel — lesen sich als groteske, aber konsequente Visualisierung dessen, was hinter dem heutigen Selbstoptimierungsdiskurs steht. Blichfeldt treibt die Devise „Wer schön sein will, muss leiden“ wortwörtlich auf die Spitze und legt damit offen, wie sehr Körper zur Ressource, zur Investition und zur Verhandlungsmasse geworden sind. Die Mutterfigur, die ihre Tochter ohne Betäubung „optimiert“ und zugleich die Beerdigung des Ehemanns verunmöglicht, verkörpert die perverse Prioritätensetzung einer Gesellschaft, die ästhetische Form über menschliche Würde stellt.
Blichfeldt nutzt das Genre des Body Horror, um diese Instrumentalisierung bloßzulegen: Kontrollierte, aber drastische Eingriffe — gewaltsames Entfernen der Zahnspange, das Zertrümmern des Nasenbeins mit Hammer und Meißel, das Annähen falscher Wimpern, das Schlucken von vermeintlichen Wundermitteln — treten als performative Rituale der Normierung hervor. Die opulente Ausstattung fungiert dabei weniger als ästhetische Folie denn als Legitimation jener Hierarchie: prunkvolle Kleider und kuratierte Accessoires verkörpern die Ästhetik der Herrschaft, während Nahaufnahmen die Zerstörung des Innenlebens durch äußerliche Anpassung sichtbar machen. (Image by LoganArt from Pixabay)
Aus feministischer Perspektive gehört der Film in eine Kontinuität gegenwärtiger Arbeiten, die Körperpolitik, Jugend- und Schönheitswahn radikal überzeichnen. Dabei ist The Ugly Stepsister kein bloßer Schockfilm: Sein Body-Horror fungiert als epistemisches Instrument — er macht sichtbar, was die polierte Oberfläche verschleiert: die Schmerzen, die Entfremdung, die ökonomische Instrumentalisierung weiblicher Körper. Gleichzeitig hebt Blichfeldt die einfache Dichotomie von Gut und Böse auf: Täterinnen und Opfer sind gleichermaßen Produkte sozialer Bedingungen; die Gewalt reproduziert sich durch Generationen und Instanzen.
Besonders eindringlich ist die Kritik an unserer Gegenwartskultur der Selbstvermarktung: Influencer-Ästhetiken, Casting-Mechaniken und algorithmisch verstärkte Ideale schaffen ein Idealbild von Weiblichkeit, das gezielte Optimierung verlangt. Der Film zeigt, wie diese Ideale kollektive Verantwortung verschleiern, indem sie individuelle Eitelkeiten zu privaten Makeln reduzieren, statt die strukturellen Ursprünge in den Blick zu nehmen.
Der Film verschiebt die ursprüngliche Märchenthematik: Wo einst ein Liebesversprechen Erlösung verhieß, steht nun die ökonomische Bedingung der Heirat im Zentrum; die Frau ist Ressource für sozialen Aufstieg. Blichfeldt löst die einfache Dichotomie von Gut und Böse auf — Mutter, Töchter, Stiefschwester sind gleichermaßen Täterinnen und Opfer eines Systems, das Schönheit als kapitalisierbares Asset begreift.
Die Regisseurin Blichfeldt steht mit ihrer Kritik am Optimierungs-bzw. Schönheitswahn nicht allein: Derzeit reagieren auffällig viele Regisseurinnen mit feministischen Body‑Horror-Erzählungen (z.B. etwa unser Beitrag The Substance) auf Genderklischees und eingefahrene Geschlechterrollen. In dieser Filmwelle wird Körpergrauen zur kritischen Methode: Die Überzeichnung materieller wie symbolischer Gewalt macht sichtbar, wie Schönheitsnormen, Selbstoptimierung und häusliche Ökonomien Frauen disziplinieren und entmündigen.
The Ugly Stepsister fordert nicht nur ästhetisch heraus, sondern politisch: Der Spiegel ist hier keine neutrale Reflexionsfläche, sondern ein Machtinstrument, das Körper formt und Lebensbedingungen verteilt. Blichfeldts radikale Märchenrevision ist daher mehr als eine Provokation des Horrors — sie ist ein Aufruf, die Produktionsbedingungen von Idealbildern zu analysieren und zu verändern, statt immer neue, noch feinere Optimierungsrituale zu erfinden. Elviras Weg ist kein moralischer Makel einer einzelnen Person, sondern das Symptom einer falschen Kultur, in der Selbstoptimierung, Tradwife‑Romantisierung und marktvermittelte Schönheitspolitiken gemeinsam eine reale Gewalt‑ und Abhängigkeitsstruktur erzeugen. (Image by ThankYouFantasyPictures from Pixabay)
Die „Tradwives“, Frauen, die sich bewusst für das traditionelle Rollenbild entscheiden, kennen wir aus Ira Levins Frauen von Stepford. Sie stehen für eine Rückkehr zu alten Werten, die in der heutigen Gesellschaft oft kritisch hinterfragt werden. Doch was passiert, wenn diese Entscheidung nicht aus freiem Willen, sondern durch Manipulation und Kontrolle getroffen wird? Levins Geschichte wirft einen kritischen Blick auf die Gefahren, die in der Rückkehr zu überholten Geschlechterrollen liegen, und fordert den Leser auf, die Balance zwischen Tradition und Fortschritt zu finden (dazu auch unser Beitrag Barbie und der Wow-Effekt).
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