Du betrachtest gerade Oper Frankfurt: „Written on Skin“ (George Benjamin), Engel in einer verlorenen Welt oder „Gott ist tot“? Fragen an Nietzsche und Bloch

Ein Beitrag von I. Burn

Sir George Benjamins Oper „Written on Skin“ eröffnet unter dem Eindruck unseres Seminars „Spiegeln: Geschichte, Metaphorik des Spiegelns“ eine dichte, beunruhigende Reflexion darüber, wie Erzählung, Identität, Macht und Begehren sich gegenseitig spiegeln, verzerren und zerstörerisch entladen. Benjamin und Martin Crimp schufen mit diesem Werk eines der eindringlichsten Musiktheaterstücke unserer Zeit: Zwischen mittelalterlicher Legende und moderner Reflexion entfaltet sich ein packendes Drama um Kontrolle, Kunst und Selbstermächtigung, in dem die zerstörerische Kraft der Wahrheit zur Kulmination aller Spiegelungsprozesse wird.

Legende, Mythenraum und historische Unschärfe

Die Oper „Written on Skin“ greift die seit dem 12. Jahrhundert überlieferte Legende vom verspeisten Herzen auf — eine Erzählung, die bereits bei Tristan‑Stoffen erscheint. Die Erwähnung bezieht sich auf die Version des Tristan‑Stoffs von Thomas d’Angleterre (Thomas of Britain meist datiert um 1170). Sie wurde von Wilhelm von Cabestany variiert und später kehrte sie in Boccaccios Decamerone,  in der Erzählung Novelle 4,9 (vierter Tag, neunte Erzählung) wieder. Sie nutzt die historische Unschärfe um Wilhelm von Cabestany (möglicher Herkunftsort Cabestany im Roussillon; biographische Fakten sind spärlich) um Mythenraum und Erzählung in den Vordergrund zu rücken:

Handlungszusammenfassung: Liebe, Verrat, Enthüllung:

Drei Engel erwecken eine mittelalterliche Welt: den herrischen Protector, seine zunächst fügsame Frau Agnès und den jungen Boy, den ein Engel spielt.

(Der Boy wurde von uns auch erwähnt in unserem Beitrag zum „Yearning Man“ – Image by Sunriseforever from Pixabay).

Der Boy soll den Protector in einer Buchmalerei verherrlichen; seine Anwesenheit weckt jedoch bei Agnès Sehnsüchte. Sie bittet ihn, das Porträt einer „echten“ Frau zu malen und erkennt sich später darin, woraufhin zwischen ihr und dem Boy eine leidenschaftliche Affäre entsteht. Der Protector, blind für den Verlust seiner Kontrolle, demütigt Agnès und verweigert die Konfrontation. Verrat, Enthüllung und Vergeltung folgen: der Boy legt dem Buch des Protectors eine Seite mit minutiösen Liebesbeschreibungen bei, der Protector lässt ihn töten und serviert Agnès unwissentlich das Herz des Getöteten. Als sie die Wahrheit erkennt, löst sich ihre Bindung zur Gewalt; sie stürzt sich vom Balkon. Die Engel beobachten das Geschehen mit kalter Faszination und ziehen weiter.

Regiekonzept: Kaleidoskop und Gegenwartsbezüge

Laut der Regie von Tatjana Gürbaca ist Sir George Benjamins Written on Skin ein Kaleidoskop, das immer neue Bilder entstehen lässt. Es geht um eine Dreiecksbeziehung, wie sie auch in anderen berühmten Opern zu finden ist, etwa Debussys Pelléas et Mélisande oder

Bergs Wozzeck (zu Büchners Woyzeck und Bergs Oper Wozzeck lesen sie auch unseren Beitrag „Narrisch Welt, schön Welt“); Eifersuchtsdramen sind in der Opernliteratur gut vertraut.( Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay)

Dennoch geht der Stoff über ein reines Beziehungsdrama hinaus. Die mittelalterliche Legende vom gegessenen Herzen bietet allerlei Überlegungen für die Zuschauer: Es geht um Kontrolle in dem patriarchalen System des Protectors, um Unterwerfung, Sinnlichkeit und Revolte. Verhandelt wird das Verhältnis von Sprache und Bild, von Bildern im Kopf der Frau und des Protectors und den daraus folgenden Taten. Mit diesen Themen ist die Oper sehr in der Gegenwart verhaftet.

Figurenkonstellation: Adam‑und‑Eva‑Motiv und Selbstermächtigung

Das Stück beginnt mit den drei Engeln, die auf die Welt blicken. Zwar scheint es so, dass die drei Engel eine mittelalterliche Welt beschreiben; doch könnte es ebenso die Gegenwart sein. Deshalb lässt die Regie das Stück nicht ausschließlich im Mittelalter spielen, sondern findet im Bühnenbild und in den Kostümen immer wieder Anknüpfungspunkte zur Gegenwart. Zu sehen ist eine Hügellandschaft: ein unfertiger Planet. Die Landschaft besteht aus identischen Dreiecken und formt eine abstrakte Version der Erde. Es ist also keine realistische Darstellung der gegenwärtigen Erde, sondern ein offener Raum zur eigenen Reflexion des Publikums.

Die Engel sind rätselhafte Figuren. Mit ihnen können verschiedene Ideen verknüpft werden, etwa die philosophische Frage: Ist Gott tot? (Nietzsche: „Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken: Wohin ist Gott? Rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!“ Mit diesen Worten beginnt Friedrich Nietzsches berühmtes Textstück aus der „Fröhlichen Wissenschaft“. Protagonist ist der „tolle Mensch“, der Wahnsinnige und Seher, der vom Volk nicht verstanden wird. Denn er verkündet Unerhörtes: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet.“(vgl. Beitrag DLF 2021 – Image by GDJ from Pixabay)

Die Oper übt Kritik an der Zivilisation und übt Religionskritik, das macht sie so aktuell. Dabei bedient sie sich auch des Tübinger Philosoph Ernst Bloch, ein Zeitgenosse Heideggers, der ebenfalls in der religionskritischen Spur Friedrich Nietzsches wandelte. Der Marxist Bloch deutete das Neue Testament politisch,legte den humanistischen Kern frei . Das zeigt sich in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“: „Die Wahrheit des Gottesideals ist einzig die Utopie des Reichs, zu dieser ist gerade die Voraussetzung, dass kein Gott in der Höhe bleibt, indem ohnehin keiner dort ist oder jemals war.“

Die Engel sind Beobachter der Menschen; sie müssen mitansehen, wie sich die Menschen überschätzen. Stürzen sich die Menschen selbst ins Unglück? Dieser Frage soll auch im Bühnenbild nachgegangen werden. In einer Szene stürzt ein Flugzeug auf die Erde herab. Machen sich die Menschen das Leben gegenseitig zur Hölle? (Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen“) oder auch zum Weiterdenken unser Beitrag „schmutzige Hände“ – Image by Alexas_Fotos from Pixabay)

Die Beziehung von Agnès und dem Protector könnte auch an Adam und Eva als erste Menschen erinnern. Mich persönlich erinnert es auch an Tschaikowskys Einakter „ Iolanta in der Regie von Evgeny Titov. Da wird auf eine traditionelle Interpretation verzichtet und der Fokus auf gesellschaftliche Fragen zum heutigen Europa gelegt. Die biblische Analogie, ist faszinierend im Vergleich der Inszenierungen mit Gemälden wie Albrecht Dürers „Adam und Eva“, die die Fragilität des Paradieses und die Konsequenzen der Erkenntnis verdeutlichen.

Agnès war vierzehn Jahre alt, als sie den Protector heiratete, und sie kann weder lesen noch schreiben. Der Protector weiß auch nicht genau, was er ist — um seinen Ruhm für die Nachwelt festzuhalten, braucht er den Buchmaler, den Boy. Agnès entwickelt ihren eigenen Willen, nachdem sie zum ersten Mal „Nein“ zum Protector gesagt hat. Sie will nicht nur die Frau des Protectors sein, sein Anhängsel, sondern als eigenständige Person wahrgenommen werden. Sie ist auf der Suche nach Liebe und findet diese in der körperlichen Zuneigung des Boys. Wie bei Adam und Eva müssen Protector und Agnès erkennen, dass sie nicht im Paradies gemeinsam gelebt haben, sondern in einer Hölle. Liebe bedeutet für Agnès, gesehen zu werden. Der Protector will diese Liebe über die Erstellung des Buchs erreichen: Mit dem Buch wird er sichtbar und unsterblich, aus seiner Sicht.

Der Protector kann Agnès keine körperliche Zuneigung geben; er ist ein zu großer Denker. In diese Lücke stößt der Boy hinein. Für den Protector offenbart sich ein Abgrund, als er von der körperlichen Beziehung zwischen Boy und Agnès liest — ein Schlag ins Gesicht für ihn. Um die Kontrolle wiederzuerlangen, schreitet er zu der fürchterlichen Tat. Agnès’ Biss in das Herz des Boys soll ihre Strafe für den Ehebruch sein; doch sie wird dadurch zur Erkenntnis gelangt. Agnès’ größte Eigenschaft ist ihre Neugier. Sie führt dazu, dass sie Grenzen bricht und auslotet. Agnès’ Erkenntnis nach dem Verzehr des Herzens ist schmerzhaft; sie ist der endgültige Bruch mit dem Protector. Die Hölle tut sich auf.

Thema: Sprache, Bild und performative Wahrheit

Image by Airgilstudio from Pixabay

Für mich endet Written on Skin nicht mit einer fertigen Antwort, sondern mit einem Spiegel, in dem ich mich selbst wiedererkenne und zugleich fremd werde. Die Oper hat mich getroffen, weil sie zeigt, wie Bilder und Worte unsere Identität formen und wie die Wahrheit, einmal sichtbar, Machtverhältnisse aufbrechen kann — oft schmerzhaft, manchmal befreiend. Ich verlasse das Haus mit dem Gefühl, dass auch ich ein Teil dieser Spiegelung bin: Beobachter, Urteilender, Mitverantwortlicher. Durch das Zusammenspiel von alten Mythen und modernen Bildern fordert das Stück das Publikum auf, über patriarchale Machtstrukturen, Selbstermächtigung, Kritik an der Zivilisation nachzudenken. Das Mittelalter wird metaphorisch zur Mimikri, heutiger oder zukünftiger Engel in einer verlorenen Welt mit der alles entscheidenden Frage: wer hat eigentlich die Kontrolle und die Macht?

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