Du betrachtest gerade Schauspiel Frankfurt: Tennessee Williams „Süßer Vogel Jugend“, Transitort ohne Hoffnung  

Die Nachtkritik deklariert es als Missbrauch und Intrigen, die eine toxische Mischung in Tennessee Williams‘ „Süßer Vogel Jugend“ ergeben. Der Regisseur Max Lindemann habe den Südstaaten-Klassiker in Frankfurt als „kühle Versuchsanordnung“ inszeniert. Von einer „ordentlichen Lautstärke“ berichten alle Kritiken. „Forever Young“: Süßer Vogel Jugend erschien 2003 als Taschenbuch. Im Roman von Tennessee Williams geht es um die Rückkehr des Mannes in die Stadt seiner Jugend – um gescheiterte Erwartungen und betrogene Hoffnungen. Als einen brodelnden Gegenwartstext versteht die Nachtkritik das Stück, lobt Signe Raunkjær Holms Bühnenbild, mit dem riesigen Kasten, einem museumsartig anmutendem Ballsaal, in dem die Protagonisten klein wie Mäuse wirkten, die zuweilen laut schreiend weite Distanzen überwinden müssten.

Bittere Desillusionierung ist der Zündstoff im Drama „Süßer Vogel Jugend’‘. Wie der Titel schon verheißen lässt, dreht sich alles um den Verlust der Jugend. An Williams Text hat sich der Regisseur Max Lindemann orientiert, als er im Schauspiel Frankfurt das Stück über die Konsumgesellschaft und ihre Glücksversprechungen präsentierte. Dazu finden Sie hier einen Leserbrief, mit herzlichem Dank!

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Was gibt einem jungen Menschen Hoffnung auf eine glückliche Zukunft? Das ist die Kernfrage aus dem Stück „Süsser Vogel Jugend“. Die Hauptfigur Chance Wayne (Arash Nayebbandi) hat zehn Jahre damit verbracht, berühmt zu werden. Als Star wollte er triumphierend in die triste Kleinstadt in den USA in den Südstaaten zurückkehren. Dazu hat er die einzige Waffe eingesetzt die er hatte, seine Jugend, seine Schönheit und seine sexuelle Anziehungskraft auf Frauen. Nun stellt er fest, dass die Zeit an ihm vorbei gegangen ist. Zehn Jahre älter und er ist immer noch kein landesweiter Star. Kein berühmter Schauspieler, sondern ein Bademeister. Aus seiner Sicht eine Witzfigur und Versager.

Da wittert er die letzte große Chance: einen Vertrag mit einer berühmten Schauspielerin. Sie hat die Verbindungen. Sie weiß, wie es im Filmgeschäft zugeht. Also stürzt er sich berechnend in eine Affäre mit der Frau, die aus seiner Sicht alles hat – Ruhm, Verbindungen, aber keine Schönheit mehr.

Die Schönheit hat der Held selber noch, aber für wie lange? Er trinkt und er wirft sich Pillen ein. Doch seine Hoffnung erweist sich als trügerisch. Die Frau will ihn nicht fördern. Sie verlangt Leistung im Bett und im Leben. Die alternde Schauspielerin hat selber Hoffnungen. Sie träumt vom Comeback und neuen großen Rollen; zudem Hoffnung auf einen liebevollen Partner.

Doch sie erkennt in Chance Wayne, den Titelhelden des Stücks von Tennessee Williams, nur „das Monster“. Er möchte sich an ihr bereichern. Sie kennt sein Wesen. Sie ist selbst ein Monster. Tennessee Williams benutzt den Terminus „Monster“ für Egoisten. Letztlich dreht deren Leben sich nur um sich selbst

So einen Egoisten hatten wir auch in „Das Abschiedsdinner“ – Aspekte der Lebens- und Freundschaftsoptimierung“ kennen gelernt. Da traf ein Paar auf einen hoch neurotischen Freund. Dessen Leben gleicht einem Trümmerfeld. Er steckt in der beruflichen Sackgasse, sein Therapeut ist verstorben, seine Liebesbeziehung zerbrochen. Von den Wechselfällen des Lebens hat er nichts verstanden. Er ist wie der Sänger Falco es beschreibt, ein „Egoist„, bei dem sich alles nur um ihn selbst dreht …immer schön alles wegtherapieren; es lebe der Kapitalismus der solche Möglichkeiten schafft!

Die Schauspielerin lässt ihren jungen Liebhaber fallen, in dem Moment, wo ihr die Reporterin die Nachricht vom vermeintlichen Comeback vermittelt. Sie wird zu genau dem Monster, das sie projektiv dem Liebhaber zuschreibt.

Der nicht mehr ganz junge Mann trauert seiner Jugend hinterher. Damals hatte er die perfekte Beziehung mit einem Mädchen aus dem Ort. Für sie will er nun endlich berühmt werden. Er möchte akzeptiert werden von der Gesellschaft. Von den Jungs der Kleinstadt. Dabei erkennt er nicht, dass er seine Jugendliebe bereits verloren hat. Er hat sie bei seiner ersten Rückkehr mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt, aufgrund seines wilden Lebens als Liebhaber aller möglichen Frauen.

Mit der Geschlechtskrankheit musste das Mädchen erwachsen werden. Sie soll die Stütze ihres Vaters sein, eines Politikers. Sie konfrontiert den Vater damit, dass er die Beziehung zu dem damals unschuldigen Jungen vereitelt hat und ihm so die fixe Idee auf Ruhm kam. Sie verlor den Jungen und die Möglichkeit auf eine Schwangerschaft, nachdem sie die Geschlechtskrankheiten hatte. Die Hoffnung ist ihr verloren gegangen, und aus ihr spricht nun Verbitterung.

Ihr Bruder hat durch den Titelhelden seine Schwester verloren und hat sie zum Arzt gebracht. Deshalb verstehen sich die Geschwister nicht mehr. Der Bruder hofft auf Frieden, wenn er den Titelhelden bestraft, für die Schändung seiner Schwester. Der Vater beklagt den Sittenverfall und hofft auf ein Comeback der guten alten Zeiten.

Bild von Tama66 auf Pixabay

Das Stück handelt davon, wie Menschen an der Vergangenheit festhalten und dabei die Zukunft verpassen. Die Hoffnung richtet sich auf eine Wiederherstellung der Vergangenheit. Hoffnung kann also sehr trügerisch sein. Das Bühnenbild zeigt ein Hotelzimmer. Ein Transitort ohne Hoffnung. Sehr clean ohne Ausweg ein Sinnbild für die Hoffnung auf eine geordnete Vergangenheit. Was wäre, wenn Hoffnung die Menschen in eine falsche Richtung lenken würde?

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:27. März 2026
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