Liebe Izzy Neven,
herzlichen Dank für deine Antwort auf Frauen in Filmen oder Sex Sells. Dazu sind mir weitere Aspekte eingefallen. Sex Sells versuchte bereits mit dem Film Striptease (1996) und Demi Moore, die als um das Sorgerecht für ihre Tochter kämpfende Mutter auftritt, das Publikum zu locken. Für die Schauspielerin Demi Moore zahlte sich ihr Spiel mit den Reizen damals auch finanziell aus: Für die Rolle der Stripteasetänzerin Erin Grant erhielt sie eine Gage von 12 Millionen US-Dollar – ein Rekord für eine Frau in Hollywood zu jener Zeit. Auch hier setzte die Werbung auf einen spektakulären Trailer mit Demi Moore. Der Film brachte schlechte Kritiken und eine Goldene Himbeere (Anti‑Oscar) ein, spielte weltweit 113,3 Millionen US-Dollar bei einem Budget von 50 Millionen Dollar – kein finanzieller Misserfolg für die Produzenten, und schon gar nicht für Demi Moore.

(dazu auch unser Beitrag „The Substance„)
Dass die Strategie „Sex Sells“ nicht immer erfolgreich ist, zeigt der Film Showgirls unter der Regie von Paul Verhoeven. Die Hauptrolle der jungen Nomi Malone, die mit einem Koffer nach Las Vegas kommt, um dort als Tänzerin Karriere zu starten – ein wenig wie Pretty Woman – verlangt von Elisabeth Berkley einen vollen Körpereinsatz, der sich jedoch nicht lohnte. An den Kinokassen erzielte Showgirls mit einem Budget von 45 Millionen Dollar nur 37,7 Millionen US-Dollar. Trotzdem wurde der Film im Video‑Verleih und beim DVD‑Verkauf ein immenser Erfolg und spielte über 100 Millionen Dollar ein. Elisabeth Berkley verlor dennoch ihre Hollywood‑Karriere.
Demi Moore hat sich mit dem im Blog bereits besprochenen Film The Substance eindrucksvoll im Kino zurückgemeldet. Auch in The Substance geht es um das Thema „Sex Sells“, wenn die Schauspielerin und Tänzerin Elisabeth Sparkle nicht mehr als attraktiv genug wahrgenommen wird, um ihre Aerobic‑Sendung im TV weiterzuführen. Mithilfe eines Zaubertranks, der namensgebenden Substanz, wird sie vermeintlich wieder jung und zu einer perfekteren Version ihrer selbst – eine Anspielung auf das Bildnis des Dorian Gray.

(um letzteren geht es auch im Beitrag „Was ist Schönheit„) Eine besonders interessante männliche Perspektive zum Thema Schönheit findet sich im kleinsten Bildnis, das das Städel Frankfurt ausstellt – Tizians „Bildnis eines jungen Mannes„. Der Jüngling trägt ein weißes Hemd, das unter einer blauen, golddurchwirkten Jacke hervorscheint; sein Hut und die stark beschnittenen Arme rücken dem Betrachter ungewöhnlich nahe. Das kleine Format erzeugt eine intime Atmosphäre. Beim Betrachten dieses Bildes denkt der Beobachter vielleicht an Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray.
In deiner Antwort, liebe Izzy, ging es um den Film Jennifer’s Body .mit Megan Fox als sexy Schülerin. Du schreibst, der Film setzte ausschließlich auf Fox’ körperliche Attraktivität. Enge Kleidung, provokante Posen und ein ständiger Verweis auf „Sexyness“ dominierten die Werbekampagne. Kritiker bemängelten, dass das eigentliche feministische Narrativ – die Selbstfindung einer jugendlichen Frau in einer von Männern dominierten Welt – von der reinen Sexualisierung der Hauptfigur überschattet wurde.

Das Beispiel Megan Fox zeigt jedoch, dass die Wirkung von körperlicher Attraktivität für eine Schauspielerin nur in begrenztem Maße dauerhaften Erfolg sichern kann. Megan Fox hat ihr Aussehen durch zahlreiche Operationen dem Schönheitsideal Hollywoods angepasst. Genauso wie bei der fiktiven Schauspielerin Elisabeth Sparkle nagt an der echten Megan Fox der Zahn der Zeit; ihre vielen Eingriffe lassen das Gesicht sehr statisch wirken. Deshalb ist Megan Fox die Idealbesetzung für Filme wie Subservience, in dem sie in einem Science‑Fiction‑Thriller eine Androidin spielt – auch dieser Film wurde im Blog besprochen unter der Überschrift:

KI-Ethik und ihr Missbrauchspotential – dystopische Filme wie „Subservience“
Amanda Seyfried hat in mehreren Produktionen die Rolle der Gegenspielerin übernommen. Neben Jennifer’s Body und Housemaid wirkte sie bereits im Kultfilm Girls Club Vorsicht bissig mit, der auf dem amerikanischen Elternratgeberbuch Queen Beens and Wannebaes über High‑School‑Gruppen basiert. Autorin Tina Frey verwandelte das Buch in eine Komödie, später in ein Musical. Der Film dreht sich um die „Plastics“, die in der High‑School die oberste Schicht der sozialen Hierarchie anführen – ein weiteres Beispiel dafür, wie Schönheitsideale das Zentrum der Handlung bilden. Seyfried machte sich mit dem Clip zu „Jingle Bells Rock“ bei den Teenagern nahezu unsterblich.

Queen Beens and Wannebaes, dazu brachten wir auch den Beitrag „Halloween oder wenn’s mich nur gruseln würde„. Es ging um das Ausleben als Provokation der Umwelt – Lehrer und Mitschüler – ist nur an einem einzigen Tag des Jahres möglich: an Halloween. Dort kann die Frau ungestraft etwas anderes als die sonst „angepasste“ Schülerin sein. Erdacht worden ist diese Figur von der amerikanischen Satirikerin Tina Fey. Sie hat „Mean Girls“ auf der Grundlage eines englischsprachigen Elternratgebers erdacht (Rosalind Wiseman’s 2002; Queen Bees & Wannabes).
Amanda Seyfried übernimmt in mehreren Produktionen die Rolle der Gegenspielerin und verkörpert dabei unterschiedliche Facetten weiblicher Archetypen. In Jennifer’s Body und Housemaid ist sie die vernunftgesteuerte, nerdige Freundin oder auch die mütterliche Figur, die den Protagonistinnen mit kühlem Kopf und analytischem Denken entgegentritt. In Housemaid wird sie zur mütterlichen Aufsichtsperson, die Ordnung und Logik in ein von Chaos geprägtes Umfeld bringt – ein Gegenpol zu den rein sexuellen Verlockungen, die das „Sex Sells“-Motto verkörpern.
Bereits im Kultfilm Girls Club Vorsicht bissig (basierend auf dem Elternratgeber Queen Beens and Wannebaes – frei übersetzt Königsbienen und andere Möchtegern bzw. Nachahmer) spielte Seyfried mit. ‚Möchtegerne‘ sind Personen, die versuchen jemand zu sein oder zu einer Gruppe zu gehören, der sie eigentlich nicht angehören. Der Begriff wird oft abfällig benutzt. Die Geschichte um die „Plastics“, die die oberste Schicht der High‑School‑Hierarchie bilden, ist ein Paradebeispiel für die Fixierung auf Schönheitsideale. Die Selbstironie der späteren Musicalversion, in der die Figuren ihre eigenen Klischees bewusst überzeichnen, unterstreicht die Frage: Wann darf eine Frau sexy sein? Der Song „Sexy“ der Rolle Karen Smith (gesungen von Kate Rockwell) spielt dabei mit dem Spannungsfeld zwischen Selbstbewusstsein und gesellschaftlicher Erwartung.
Aber auch, dass eine junge Frau noch in der Selbstfindung ist und noch gar nicht so recht einschätzen kann, was Emanzipation ist. Das knüpft gedanklich an die Rolle von Sydney Sweeney an, die auch noch in der Selbstfindung ist. Die Vermarktung der Schauspielerin in der Öffentlichkeit hast du bereits mit der erwähnten „Jeanswerbung“ angesprochen. Diese Kampagne illustriert, wie Medien gezielt sexuelle Provokation einsetzen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, und damit das Prinzip „Sex Sells“ weiter befeuert.„Jeanswerbung“ ist

eine Werbeaktion, die ihre körperliche Erscheinung in den Vordergrund stellt und bewusst mit sexueller Provokation arbeitet. Im Slogan „Sydney Sweeney hat tolle Jeans“ wird auf das englische Wort „Genes“ für Gene angespielt. Der Marke wird Eugenik vorgeworfen. Die Freie Universität definiert: „Der Begriff Eugenik stammt von den griechischen Worten eu (gut) und genos (Familie, Vererbung) und beschreibt die populäre Auffassung des 20. Jahrhunderts, Vererbungs- und Selektionsregeln uneingeschränkt auf Menschen anwenden zu können und so die Leistung und Qualität der Gesellschaft zu beeinflussen.
Demi Moore spielt zurzeit in der TV‑Serie The Landman die Erbin Cami Miller eines Mineralölkonzerns. Die Serie erzählt vom Alltag in der texanischen Ölindustrie. Der Schauspieler Billy Bob Thornton spielt die Hauptfigur, einen Krisenmanager. Dabei werden die weiblichen Hauptrollen sehr klischeehaft dargestellt: Während die Männer als hart arbeitend und ständig im Krisenmodus gezeigt werden, beschränken sich Frauen – insbesondere die Mutter und die Tochter – auf Shopping, Fitness‑Studio‑Besuche und das Pflegen ihres Aussehens.
In der neunten Folge geht die Tochter zur Universität, doch anstatt sich mit dem Lehrstoff auseinanderzusetzen, organisiert die Mutter statt einer Aussprache mit der anderen Studentin lieber einen Hotelbesuch und eine Poolparty. Die andere Studentin wird als „seltsam“ dargestellt, weil sie nicht dem Schönheitsideal von Mutter und Tochter entspricht. Die Serie Landman überzeichnet diese Rollenbilder stark; die Frauen werden fast wie Puppen dargestellt, zu reinen Waren für die Männer, ein bloßes Anhängsel.
Fazit – Der wiederholte „Puppengedanke“ in diesen Filmen und Serien verdeutlicht, wie stark das Bild der Frau noch immer auf ihr Aussehen und ihre Sexualität reduziert wird. Trotz hoher Gagen und kurzfristiger Erfolge bleibt die langfristige Gleichberechtigung gefährdet, wenn Frauen weiterhin primär als Waren und nicht als eigenständige Akteurinnen wahrgenommen werden. Nur ein konsequenter Wandel hin zu echten Rollen, in denen Frauen nicht nur als Objekt, sondern als handelnde Personen mit eigenen Zielen und Fähigkeiten auftreten, kann das Frauenrecht nachhaltig stärken.
Liebe Grüße
I. Burn

