Du betrachtest gerade Schauspiel Frankfurt „Die Frau vom Meer – ODER: FINDEN SICH RUDIMENTE EINER UR-FISCHART IM MENSCHLICHEN GEMÜT?“

Die aktuelle Inszenierung von Henrik Ibsens Die Frau vom Meer – ODER: FINDEN SICH RUDIMENTE EINER UR-FISCHART IM MENSCHLICHEN GEMÜT? am Schauspiel Frankfurt, geleitet von Regisseurin Barbara Bürk, knüpft an das Seminar „Anima(l) Tiere als Spiegelbilder menschlicher Seelenzustände“ an. Dort wurde diskutiert, wie Fische im Meer ein archetypisches Bild innerer Sehnsüchte und Konflikte widerspiegeln. Bürk greift diese Idee auf, indem sie Ellidas Meersehnsucht als zentrales Symbol für ihr inneres Seelenleben nutzt und damit Ibsens Auseinandersetzung mit der Einsamkeit in einen zeitgenössischen, psychologischen Kontext überführt. Dazu ein Leserbrief mit Dank!

Sehr geehrte Redaktion des UniWehrsEL,

Henrik Ibsen gibt mit seinen bekannten Stücken immr wieder neue Denkanstöße. Ob „Nora“, „Gespenster“ oder „Hedda Gabler“, seine Stücke reizen zu weiterführenden Überlegungen zeitgenössiger Themen. Sei es zu Geschlechterrollen bei Hedda oder Statusaufwertung durch Heirat, aber auch zu Profitgier und verfehltem Leben bei „Borkman“. So stößt auch die die jüngste Aufführung von Henrik Ibsens Die Frau vom Meer am Schauspiel Frankfurt auf großes Interesse.. Die Regie Barbara Bürks schafft es, Ibsens zeitlose Auseinandersetzung mit der Einsamkeit des Menschen in einen modernen Kontext zu übertragen und dabei überraschend vielschichtige Bedeutungen zu entfalten.

Ellida erscheint als eine Frau, deren Seele von einer unstillbaren Sehnsucht nach dem Meer durchdrungen ist; das Wasser wird zum Symbol für ihr inneres Verlangen nach Freiheit und Ungebundenheit. In ihrem Seelenzustand spürt sie eine ständige Spannung zwischen der Verpflichtung gegenüber ihrem Ehemann und dem Drang, sich einem fremden, unbekannten Ruf hinzugeben, den das Meer verkörpert.

Auch das Meer ist ein häufig wiederkehrendes Thema im UniWehrsEL. Um es selbst in sich zu spüren, bietet die „Phantasiereise zum Meer“ (unser Beitrag) ein wunderbares Erlebnis.

Im Gegensatz zu den anderen Figuren, die von Selbstzweifeln und Verzweiflung geplagt sind, ruht Ellida in sich selbst. Sie wirkt, als habe sie eine innere Ruhe gefunden, die dem stillen, klaren Wasser einer abgelegenen Bucht ähnelt. Diese innere Stabilität lässt sie jedoch nicht untätig; vielmehr treibt sie ihr Wunsch nach einem Leben jenseits der engen Grenzen der Provinz an.

Durch die tiefe Verbindung Ellidas mit dem Meer wird deutlich, dass ihr inneres Wesen nicht nur von Einsamkeit, sondern auch von einer fast animalischen Kraft geprägt ist, die nach Ganzheit und Selbstverwirklichung strebt. Die Regie schafft es, diese komplexe innere Dynamik sichtbar zu machen, indem sie das Meer als Spiegel ihrer Sehnsüchte und Ängste nutzt.

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Der Regisseurin Barbara Bürk gelingt diese Vermittlung an das Publikum, durch die Figur Ellida. Sie verkörpert die Metapher des Fisches/der Meerjungfrau durch subtile Andeutungen, nicht durch äußere Insignien wie etwa einen angeklebten Fischschwanz.Es ist vielmehr die intensive Darstellungsweise der Schauspielerin Melanie Straub, die durch ihr Spiel diese intensiven Gefühle zum Ausdruck bringt.

Ibsen greift in diesem Drama ein für die heutige Zeit sehr wichtiges Thema auf: die Einsamkeit des Menschen. Trostlose Einsamkeit hat schon der Dichter Ovid benannt. Jedoch hat sich die Einsamkeit zum Problem für das Individuum und für die Gesellschaft entwickelt. Einsamkeit wird in der deutschen Sprache auch mit den Wörtern Abgeschiedenheit, Abgeschnittensein, Verlassenheit oder gesellschaftliche Isolation verknüpft.

Der Priester, der sich bewusst in eine Klause zurückzieht, hat die Einsamkeit bewusst selbst gewählt und sucht vielleicht die Verbundenheit mit Gott. Bei Ibsen ist diese Einsamkeit der Figuren jedoch nicht aus eigenem Wunsch heraus gewählt, sondern wird von den Figuren als schmerzhaft empfunden. Anders ist es, bei der Figur Stockmann aus „Ein Volksfeind„, ebenfalls von Ibsen verfasst, das das Schauspiel Frankfurt 2022 zeigte. In der Einsamkeit erdenkt Stockmann seinen Plan zur vermeintlichen Rettung der Badeanstalt. Einsamkeit kann also durchaus produktiv sein.

Ellida, die Hauptfigur in „Die Frau vom Meer“ ist einsam. Etwas tief in ihr drin zieht ihre Seele zum Meer hin. Sie versucht, mit dem Meer einen Mangel zu kompensieren. Auch andere Figuren in diesem Stück fühlen sich einsam, so auch Arnholm.Den hat der Hauherr Wangel als Gast in sein Haus gebeten. War er früher Hauslehrer von Tochter Bolette, so soll er jetzt Abwechslung für Ellida bringen. Arnholm aber meint, er solle um die Hand von Bolette anhalten. Die Regisseurin Barbara Bürk nutzt solche Verwechslungen, um eine slapstickartige Abfolge von Dialogen einzubauen. Arnholm wird zum verklemmt-lüsternen Kauz in Sandalen, der heiraten möchte, aber nicht kann.

In einem Stück, in dem es weniger komisch zugeht, sorgt der schräge Tourist Lyngstrand, gespielt von Christoph Pütthoff für Komik. Lyngstrand nutzt seine Einsamkeit, um in ausgedehnten künstlerischen Phantasien eine ideale Beziehung zu konstruieren. In diesen Vorstellungen erschafft er Frauen, die zugleich Bewunderer und Muse sind, aber nie wirklich greifbar werden. Die Fantasien beruhen häufig auf einer Projektion seiner eigenen Sehnsüchte: er idealisiert das weibliche Gegenüber als vollkommen verständnisvoll und zugleich unerreichbar, was die Distanz zwischen ihm und realen Frauen verstärkt.

Durch diese innere Konstruktion entsteht ein schwieriges Verhältnis zu tatsächlichen Frauen: Lyngstrand erkennt in ihnen nur die Unvollkommenheiten, die er in seiner Vorstellung bewusst ausschließt. Das führt zu einer Haltung, in der er reale Beziehungen als störend für seine künstlerische Selbstfindung empfindet und gleichzeitig von ihnen enttäuscht ist, weil sie nicht den von ihm erschaffenen, perfekten Bildvorstellungen entsprechen. Diese Spannung zwischen idealisierter Fantasie und der Unzulänglichkeit der Wirklichkeit hält ihn in einem Zustand permanenter innerer Isolation.

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Lyngstrand zieht sich bewusst in seine Tagträume zurück, weil er die reale Gesellschaft als unzugänglich empfindet. Diese Selbstisolation dient ihm als Schutz vor Ablehnung und als Raum, in dem er ein vollkommenes, aber rein imaginäres Bild einer Partnerin erschafft. In diesen Phantasien ist er der alleinige Regisseur: Er bestimmt, wann und wie die Frau erscheint, und er bleibt gleichzeitig der einzige Beobachter. Auf diese Weise erlebt er eine Form von Kontrolle, die in einer echten Beziehung unmöglich wäre.

Die typische Machtfantasie eines Incels – der Begriff steht für Männer, die „unfreiwillig“ im Zölibat leben, die also keinen Sex haben – zeigt sich hier in der Vorstellung, über das Begehren und die Handlungen einer Frau zu verfügen, ohne jemals reale Interaktion zu riskieren. Lyngstrand spricht in den Szenen häufig skeptisch darüber, ob Frauen seine künstlerische Vision überhaupt verstehen könnten, was eine unterschwellige Ablehnung gegenüber dem weiblichen Geschlecht offenbart.

Durch diese Darstellung wird Lyngstrand für das Publikum zu einem Symbol für die Gefahr, die in einer selbstgewählten Isolation und in der Konstruktion unerreichbarer Partnerideale liegt. Der Charakter verdeutlicht, wie das Festhalten an einer idealisierten, aber unerreichbaren Vorstellung von Nähe nicht nur echte Beziehungen verhindert, sondern auch zu einer feindseligen Haltung gegenüber Frauen führen kann.

Über seinem Leben schwebt aber schon der lauernde Tod. Bolette gespielt von Amelle Schwerk erstickt an der Langeweile und Einsamkeit des Ortes, an dem sie aus ihrer Sicht festhängt. Die Provinz bietet ihr kein aufregendes Leben, sondern führt zu Einsamkeit.

Die Schwester Hilde gespielt von Christina Geiße leidet unter dem Verlust der Mutter; zur Frau aus dem Meer hat sie keine Beziehung aufbauen können, und auch der Vater ist nicht präsent, da er sich zur Aufgabe gemacht hat, die Beziehung zu seiner Frau aus dem Meer zu retten. Alle Figuren empfinden die Einsamkeit als schlecht. Sie wünschen sich eine Welt, die besser funktioniert.

Von dieser Welt ist Ellida ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den anderen Figuren empfindet sie die Fürsorge ihres Partners als zu viel. Sie schwankt zwischen der Bindung an ihren Partner (gespielt von Uwe Zerwer) und dem Wunsch nach Freiheit mit einem Fremden.

Das Meer steht sinnbildlich für den Freiheitsdrang von Ellida. Sie hat den großen Wunsch, ungebunden zu sein. Die Figuren rund um Ellida sind liebenswert und aus Sicht eines neutralen Beobachters alle etwas exzentrisch. Selbstzweifel wie die anderen Figuren plagen Ellida dagegen nicht; sie ruht in sich selbst – wie das Meer, das ebenfalls ein geschlossenes System ist. Daher fällt es den anderen Figuren schwer, mit Ellida in Kontakt zu treten.

Ellida wird oft als kranke oder hysterische Frau betrachtet. Ibsen hat sich in seinem Drama auch mit Gruselwesen beschäftigt; so könnte Ellida als seine Version der kleinen Meerjungfrau angesehen werden. Sie bleibt jedoch eine Frau aus Fleisch und Blut, keine Nixe mit Fischschwanz, trägt aber dennoch ein unnahbares, fast nymphenhaftes Etwas in sich.

In der Inszenierung greift die Regie im Bühnenbild den amerikanischen Spielfilm The Forbidden Planet (deutsch: Alarm im Weltall, 1956) auf. Der Film zeigt einen Wüstenplaneten mit einer ausgestorbenen Zivilisation; die Vorlage war Shakespeares Der Sturm. Am Ende des Films stellt sich heraus, dass die Umgebung durch die Gedanken und Gefühle der Menschen geprägt ist. Einsame Menschen produzieren quasi eine trostlose Landschaft.

Dennoch sollte der Zuschauer kein rein ernstes Drama erwarten. Der Regie gelingt es, zwischen ernster Tonalität und Humor eine Brücke zu bauen. Die Figuren rund um die Titelfigur lassen das Publikum herzlich lachen – nicht über die Figuren, sondern mit den Figuren. Über Lyngstrand schwebt bereits der Tod, dennoch ist er eine komische Person, die den Zuschauer zum Lachen bringt. Natürlich wird auch das Beziehung‑Drama zwischen Ellida und ihrem Mann verhandelt, aber auch hier gibt es heitere Momente, Gefühle der Annäherung und Verbundenheit.

In der Inszenierung wird zudem die Frage nach „wieviel Fisch steckt im Menschen?“ aufgegriffen. Der Naturwissenschaftler Ernst Hackel vertrat in seinem 1868 erschienenen Werk Die natürliche Schöpfungsgeschichte die These, dass Mensch und Fisch gar nicht so unähnlich seien.

Vielleicht begründet dies auch, dass unsere Sehnsucht nach allem, was das Meer verkörpert, so tief in uns steckt. Dazu auch die Ausstellung und unsere Beschreibung zu „Tiefenrausch.

Fazit

Das Stück Die Frau vom Meer erschien 1888. Barbara Bürks Inszenierung Die Frau vom Meer ODER: FINDEN SICH RUDIMENTE EINER UR-FISCHART IM MENSCHLICHEN GEMÜT? wird im Jahr 2026 gezeigt und verbindet Ibsens scharfsinnige Analyse menschlicher Einsamkeit mit einer visuellen und stilistischen Referenz zu Science‑Fiction‑Mythen, wodurch das alte Drama überraschend zeitgemäß wirkt. Die Produktion zeigt, dass Einsamkeit nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern ein gesellschaftliches Phänomen ist, das sowohl zerstörerisch als auch kreativ sein kann. Durch die gekonnte Mischung aus Tragik und Humor wird das Publikum nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken über die eigenen inneren „Meere“ angeregt.

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:21. Januar 2026
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