Du betrachtest gerade „Replik:A – der erste Versuch“ Meinhardt & Krauss bot „Leistungsschau in Sachen Robotik“

Es wurde als Puppentheater angekündigt, so gingen die Erwartungen in diese Richtung, aber es kam ganz anders. Das Stück der Compagnie Meinhardt & Krauss, im Theater Alte Mühle aufgeführt, hatte den geheimnisvollen Titel Replik:A – der erste Versuch (Assoziationen zu Rafik Schamis wunderbaren Buch „7 Doppelgänger“ sind durchaus legitim). Das Projekt kann mit gutem Gewissen als „Leistungsschau in Sachen Robotik“ beschrieben werden, die gleichzeitig verstörend und faszinierend wirkt. 

Im Nachhinein lässt sich leichter zusammenfassen, was die zentralen Themen und Inhalte des dargebotenen Stücks eigentlich sind, denn anfangs herrschte durchaus Ratlosigkeit. Kein Wunder, dass das Projekt als „Leistungsschau in Sachen Robotik“ beschrieben wird, die gleichzeitig verstörend und faszinierend wirkt. Im Kern geht es um die künstlerische Auseinandersetzung mit der Thematik der Grenze zwischen Mensch und Maschine:

Das „Unheimliche Tal“ (Uncanny Valley): Die Inszenierung erschafft einen Ort auf der Bühne, an dem ein menschlicher Protagonist auf verschiedene Versionen seiner selbst trifft.

Dazu brachten wir auch schon einen Beitrag zu einer Ausstellung in Wien (2019), in der es um Robotikforschung ging. „Uncanny Valley“ beschreibt einen paradoxen Effekt in der Akzeptanz dargebotener simulierter Figuren beim Menschen und findet zum Beispiel bei Filmen und der Bewertung durch den Zuschauer Anwendung. Masahiro Mori entdeckte, die Akzeptanz einer technisch simulierten, menschenartigen Entität steigt nicht stetig mit der Menschenähnlichkeit dieser Figur, sondern verzeichnet innerhalb einer bestimmten Spanne einen starken Einbruch.

Die Doppelgänger: Der menschliche Akteur (ein Tänzer) wird mit vier (oder je nach Deutung mehreren) Repliken konfrontiert – darunter Puppen, digitale Avatare und ein lebensgroßer robotischer Humanoid.

Das Doppelgängermotiv erscheint in Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann”. Sie erschien 1816 als erste Erzählung im ersten Teil des Sammelbandes Nachtstücke. Der Anfang wurde in reiner Briefform verfasst
und beginnt mit einem sonderbaren Brief des jungen Studenten Nathanael an Lothar, den Bruder seiner Verlobten Clara. Der Brief erzählt von einer schrecklichen Begegnung des Studenten mit einem Wetterglashändler, der ihn aufgesucht hatte, um ihm seine Ware anzubieten. Doch Nathanael schickte ihn weg, drohte ihm, wenn er nicht gehen würde und der Mann ging von selbst. Im Rückblick auf seine Kindheit wird klar, warum diese Begebenheit so traumatisch war.

Existenzielle Fragen: In einer Welt von Gentechnologie und künstlicher Intelligenz stellt das Stück die Frage nach der menschlichen Einzigartigkeit und ob der Mensch als biologisches System durch seine eigenen Schöpfungen überholt wird.

Technik-Mix: Es handelt sich um „Cinematic Theatre“, das klassisches Schauspiel und Tanz mit moderner Videokunst und Robotik verknüpft. 

Die Künstler der Compagnie Meinhardt & Krauss, so kann man es in der anschließenden Publikumsbefragung erfahren, sehen ihr Stück als eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Schöpfungsgewalt und der Suche nach Identität in einer technisierten Welt. 

Hier sind die zentralen Gedanken der Künstler zu ihrer Idee:

Gottähnliche Schöpfung: Die Künstler ziehen eine Parallele zu religiösen oder mythologischen Schöpfungsmythen. Sie beschreiben, dass wir heute „Gott oder den Göttern gleich“ künstliche Intelligenzen und humanoide Roboter erschaffen.

Modernisierung des Doppelgänger-Motivs: Das klassische literarische Motiv des Doppelgängers wird durch die Fortschritte in Gentechnologie, KI und Robotik in die Gegenwart geholt. Für die Künstler ist der Doppelgänger heute kein bloßes Hirngespinst mehr, sondern eine reale technologische Möglichkeit.

Kampf um Einzigartigkeit: Die Idee basiert auf dem Spannungsfeld zwischen dem menschlichen Drang nach Individualität und der gleichzeitigen Sehnsucht (oder dem Albtraum), die Welt durch Vervielfältigung zu optimieren oder zu unterhalten.

Blick hinter den Spiegel: Der Protagonist (getanzt von Ludger Lamers) soll stellvertretend für den Zuschauer einen „Blick hinter den Spiegel“ wagen. Es geht darum, das eigene „andere Ich“ oder den „dunklen Zwilling“ zu konfrontieren und dabei das Staunen, aber auch das Gruseln neu zu lernen.

„Nothing is original“: Mit Bezug auf ein Zitat von Jim Jarmusch hinterfragen sie die Originalität des Menschen an sich, wenn dieser beginnt, sich selbst technisch zu replizieren. 

Die technische Umsetzung von

„Replik:A“ ist eine enge Verzahnung von darstellender Kunst und moderner Ingenieursleistung. Die Compagnie Meinhardt & Krauss arbeitet hierbei mit spezialisierten Partnern zusammen, um die Grenzen zwischen biologischem Körper und technischer Kopie zu verwischen. 

Das Stück wurde unter anderem beim Festival Science & Theatre in Heilbronn gezeigt, einem Ort, der explizit den Austausch zwischen Wissenschaft (Robotik-Forschung) und Theaterkunst fördert. 

Details zur technischen Zusammenarbeit und Realisierung:

Der lebensgroße Android: Das Herzstück der technischen Umsetzung ist ein humanoider Roboter, der als einer der vier Doppelgänger auftritt. Dieser ist so programmiert, dass er komplexe Bewegungsabläufe ausführen kann, die im Pas de deux mit dem menschlichen Tänzer (Ludger Lamers) synchronisiert sind.

Interdisziplinäres Team: Für die Entwicklung solcher robotischen Bühnenfiguren kooperiert die Compagnie oft mit Experten aus den Bereichen Robotik und KI. Die Herausforderung liegt darin, die Roboter nicht nur funktional, sondern „theatral“ agieren zu lassen, um das Gefühl des Unheimlichen (Uncanny Valley) zu erzeugen.

Cinematic Theatre & Video: Die technische Zusammenarbeit umfasst auch die Integration von Live-Video und digitalen Avataren. Die Übergänge zwischen dem realen Körper auf der Bühne und seinen projizierten oder robotischen Repliken werden durch präzise Steuerungssoftware ermöglicht.

Sensorik und Interaktion: In der modernen Mensch-Roboter-Kollaboration, wie sie auch in diesem Stück künstlerisch thematisiert wird, kommen oft Systeme zum Einsatz, die auf die Bewegungen des Menschen reagieren. Im Stück führt dies zu einer Interaktion, bei der der Roboter nicht nur starr ein Programm abspult, sondern als echter „Bühnenkollege“. wahrgenommen wird. 

Und wie reagierte das Publikum in Bad Vilbel auf „Replik:A“?

Zu beobachten war eine Mischung aus Faszination und tiefem Unbehagen.

Der Schock-Moment: Viele Zuschauer berichteten von einem Moment der Orientierungslosigkeit. Durch die perfekte Silikonhaut und die flüssigen Bewegungen des Roboters war für das Auge oft erst auf den zweiten Blick erkennbar, wer der Mensch und wer die Maschine ist.

Emotionale Ambivalenz: Das Publikum schwankte zwischen Mitleid mit der „gefangenen“ Maschine und einer instinktiven Abstoßung (dem klassischen Uncanny Valley-Effekt). Besonders die Szene, in der der Roboter auf dem Stuhl „atmet“ oder lacht, wurde als sehr verstörend wahrgenommen.

Bewunderung der Präzision: Die technische Leistung, den Tänzer Ludger Lamers absolut synchron mit einem programmierten Roboter interagieren zu lassen, sorgte für großen Applaus. Es wirkte nicht wie eine Vorführung, sondern wie ein echtes Duett.

Diskussionsstoff: Die Zuschauer stellten sich Fragen wie: „Wann verliert ein Mensch seine Seele an die Technik?“ oder „Sind wir bereits selbst zu Repliken geworden?“.

Replik:A“ ist Teil einer größeren künstlerischen Reihe, die sich mit der Stellung des Menschen in der modernen Welt befasst:

Katalog der großen Kränkungen der Menschheit: Die Compagnie arbeitet an einer Serie, die wissenschaftliche und philosophische Umbrüche thematisiert.

Teil 3: „als ES über uns kam“ – Eine Auseinandersetzung mit Freud und der Macht des Unbewussten.

Teil 4: „Die zweite Realität“ – Hier wird untersucht, wie die natürliche Welt zum gestaltbaren Objekt unserer technisierten Gegenwart wird.

Sacre 4.0: Ein weiteres aktuelles Projekt, das klassische Musik (Le Sacre du printemps) mit modernster Bühnentechnik und Videokunst verbindet. 

In den 1920er Jahren, in der gesellschaftliche Konventionen und moralische Werte noch stärker ausgeprägt waren, stellte Bartók (unser Beitrag zu „Der wunderbare Mandarin“) mit seiner Pantomime ein Hassobjekt dar, welches nicht nur die konservativen Kritiker verärgerte, sondern auch die politischen Instanzen der Stadt Köln auf den Plan rief. Bartók hatte seine Pantomime bereits 1924 abgeschlossen.

Zu der Zeit waren solche Stücke gerade in Mode. Igor Stravinsky brachte sein Skandalstück „Sacre du Printemps“ 1913 heraus, welches ebenfalls für einen großen Skandal sorgte. Bei der Uraufführung zu Stravinskys Ballett kam es zu einer Schlägerei. Es kam es zu Tumulten, die die Musik kaum hörbar machten, und die Polizei registrierte 27 Verletzte. Die Gründe für die Empörung sind vielschichtig: War es die als „hässlich“ empfundene Musik, die Choreografie von Vaslav Nijinsky oder die Bühnenbilder von Nicholas Roerich? Auch die Opern von Alban Berg, wie „Lulu“ oder „Wozzeck“, sorgten für großes Aufsehen bei der Uraufführung, und Lulu wurde schnell verboten.

Aktuelle Informationen zu kurzfristigen Spielplanänderungen oder neuen Workshops finden Sie direkt auf der offiziellen Webseite von Meinhardt & Krauss.