Das aktuelle Seminar Krise und Hoffnung – Über Lebenskunst in bewegten Zeiten spiegelt sich auch im Retropopstück „Ciao Ragazzki“ wider. Am letzten Samstag fieberten wieder Millionen deutsche Fans dem deutschen Beitrag für den ESC 2026 entgegen. Viele hofften, endlich wieder einen lustigen Beitrag für den ESC zu erleben, so wie früher mit Gildo Horns „Gildo hat euch lieb“ oder Stefan Raabs „Wadde hadde dudde da“. Letztes Jahr mochte eine Leserin des UniWehrsEL besonders den Beitrag „Espresso Machiatto“ von Tommy Cash, an den Ragazzki gedanklich anknüpfen.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
Der ESC-Beitrag von 2025 mit dem Titel Espresso Macchiato des estnischen Künstlers Tommy Cash war ein satirischer Blick auf Klischees über Italien mit allerlei Assoziationen über das Land wie Mafia, Amore, Spaghetti. Der Song hatte einen selbstironischen Unterton. Mancher Zuschauer empfand ihn auch als eine Satire auf den modernen Drang in der Gesellschaft nach Erfolg (no stresso). Tommy Cash spielt eine liebenswürdige Figur, die sich in ein italienisches Setting begibt.
Mit Flugzeug nach Italien. Er wird bei seinem Auftritt von einem wilden Fan umarmt und von einer Securitytruppe beschützt. Der Fan entpuppt sich als Teil der Show. Diese spielerische Herangehensweise an das Bühnenbild und die Darstellung seines Charakters ermöglicht es Tommy Cash (vielleicht eine namentliche Anspielung auf Jonny Cash den berühmten Countrysänger?), das Publikum mit einem Augenzwinkern zu unterhalten. Marti Fischer kämpft aktuell mit Ragazzki um ein Ticket für den ESC. Die Zusammenarbeit von Marti Fischer mit dem Sprachkünstler Bodo Wartke ist erwähnenswert.
Im Beitrag Bodo Wartke: Ja-Sager mit Wow-Effekt stellten wir ihn und seinen spezifischen Humor vor. Da ging es um die offene oder implizite Angst des „starken Geschlechts“ vor Frauen, die besonders selbstbewusst oder dominant auftreten.
Die Zusammenarbeit mit Wartke erklärt, warum Marti Fischer Teilnehmer des deutschen ESC 2026 ist. Zusammen erlangten Wartke und Fischer mit dem zufälligen YouTube-Hit und Rap „Barbaras Rhabarberbar“ große Aufmerksamkeit. Dieser humorvolle Song ist ein humorvolles Beispiel für einen deutschen Zugenbrecher. Er entwickelte sich zu einem Hit in 2024 zu dem Menschen weltweit tanzten.
Nun hofft Marti Fischer an diesen Erfolg mit dem neuen Projekt anzuknüpfen. Ragazzki besteht aus Marti Fischer und David „Miirtek“ Starosciak, die bereits seit Jahren gemeinsam kreativ sind. Mit ihrer Mischung aus markanten 80er Jahren-Synthesizern und modernen Beats kreieren sie eine Klangwelt, die sowohl nostalgisch als auch zeitgemäß ist. Diese Kombination lässt die Leute in eine farbenfrohe Welt eintauchen, in der Lebensfreude und Humor das Steuer übernehmen – ein Konzept, das für den ESC prädestiniert ist.
Mit ihrem frischen Stück „Ciao Ragazzki“ bringen sie eine humorvolle Note in den Wettbewerb, die in diesen bewegten Zeiten besonders willkommen ist. Die provokante Frage „Wer will nicht schon Rente mit 40?“ ist nicht nur ein witziger Einstieg, sondern spiegelt auch die Sehnsüchte und Ängste der heutigen Gesellschaft wider.
Sind wir nicht alle auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Hamsterrad, nach einer Lebenskunst, die uns mehr Freude bereitet?
Auf der Bühne ist eine Pizzeria, eine Tankstelle und ein altes rotes Auto zu sehen. Das Szenario erinnert an die 1980er. Marti Fischer tritt in einem blauen Sakko und einem coolen schwarzen Diskohemd auf, während David mit einer polnischen Mütze in neonfarbenem Grün und einer lässigen weißen Turnhose erscheint. Ragazzki ist eine Wortmischung aus dem italienischen „Hallo, Jungs“ und dem polnischen „cześć“ (hallo), was direkt auf Davids Herkunft hinweist.
Die Bühne ist weit und verfügt über einen Tisch aus einem italienischen Restaurant. Neben der Tankstelle ist auch eine Diskothek angedeutet. Im Promovideo wird jedoch keine Tankstelle gezeigt, sondern eine Plattenbausiedlung, alles in ein positives Licht getaucht. Die Plattenbausiedlung symbolisiert den Flair der Großstadt wie Berlin. Aber in einem positiven Licht bedeutet es, die Möglichkeiten, sich auszuleben.
Ziel der Titelhelden ist es, dem trüben Alltag zu entfliehen – ein Wunsch, den schon Udo Jürgens mit „Ich war noch niemals in New York“ zum Ausdruck brachte (dazu auch unser Beitrag „Sehnsuchtsorte„).
Diesen Gedanken greift auch Marti und Davids Lied auf: Raus aus dem tristen Alltag und rein in die Party. Das Ganze wird von vier Tänzern umrahmt, die eine eigens für den Song entwickelte Choreografie präsentieren. Die Melodie zu „Ciao Ragazzki“ ist recht schlicht, doch die Botschaft ist umso packender.
Hoffnung liegt in der Vergangenheit. Es ist der Versuch einer Flucht in den Eskapismus – eine Zeit, in der alles in Ordnung ist, ohne Krisen, dafür mit viel Spaß. Den Eskapismus kennen wir aus unserem Beitrag zu „Struwwelpeter“ und seinen schaurig-schönen Geschichten. Gut gefallen hat mir der fliegende Robert, der bei den Fischen landet. Hans Magnus Enzensberger hat ihm ja im Kontext von Eskapismus ein Denkmal gesetzt.
Diese Rückschau lässt uns die 1980er Jahre als eine Zeit wahrnehmen, die gerade lange vorbei scheint. Es gab kein Internet, keine Social Media, keine Smartphones, und alles wirkt entschleunigt.
Die Faszination für vergangene Jahrzehnte, insbesondere die 1980er Jahre, kann psychologisch gut nachvollzogen werden. Tatsächlich bietet der Blick zurück oft eine Form des Eskapismus, einen Rückzug in eine Zeit, die als weniger komplex und stressreich empfunden wird. In einer Welt, die von ständigem Wandel und digitaler Überstimulation geprägt ist, suchen viele Menschen nach Stabilität und Vertrautheit – und genau diese finden sie oft in nostalgischen Erinnerungen.
In den 1980er Jahren war das Leben (vermeintlich) entspannter und entschleunigter (sagt zumindest eine Umfrage in der Tagesschau von 2026 aus). Die Abwesenheit von sozialen Medien bedeutete weniger Druck und Vergleich mit anderen, was vielen einen Raum für individuelle Entfaltung gab. Musik und kulturelle Ausdrucksformen dieser Zeit, wie die Disco-Ära, standen für Freiheit und Lebensfreude, die viele Menschen heute zurückwünschen.
Ein zentrales Element von Ragazzkis Auftritt ist auch die Verbindung zu Italien, das in der deutschen Kultur einen besonderen Status einnimmt. Für viele Deutsche ist Italien nicht nur ein Urlaubsland, sondern ein Sehnsuchtsort, der mit Lebensfreude, Genuss und der „Dolce Vita“ assoziiert wird. Die Vorstellung von italienischer Leichtigkeit und dem Genuss des Lebens spiegelt sich in den bunten und fröhlichen Elementen des Auftritts wider.
Die italienische Kultur ist durch ihre Kulinarik, ihre Kunst und ihre Ästhetik geprägt. Die Pizzeria auf der Bühne symbolisiert nicht nur italienisches Essen, sondern auch das gesellige Beisammensein und die Freude am Leben. Die Versatzstücke aus der italienischen Sprache und den Traditionen in Ragazzkis Musik erwecken in den Zuhörern nostalgische Gefühle und wecken die Erinnerung an sonnige Tage an der italienischen Riviera.
Die „Dolce Vita“ soll dem Zuschauer vermitteln, dass es wichtig ist, das Leben zu feiern, und diese Botschaft wird durch Martis und Davids Auftritt stark unterstrichen. Dabei findet ein spielerischer Dialog zwischen der deutschen Sehnsucht nach Italien und den leichtfüßigen Klängen des Italo-Pops statt. Dadurch entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit, das über nationale Grenzen hinweggeht – eine Einladung, die Sorgen des Alltags hinter sich zu lassen und das Leben zu genießen.
Allerdings gibt es unter den Zuschauern auch kritische Stimmen, die Ragazzkis Beitrag als „gefühltes“ Plagiat des Songs von Tommy Cash ansehen. Die Ähnlichkeiten im humorvollen Umgang mit italienischen Klischees führen zu dieser Wahrnehmung. Einige Fans empfinden die Darbietung als eine Wiederholung der satirischen Elemente des Vorjahres, was die Diskussion über Kreativität und Originalität im ESC anheizt. Marti und David geben an, die Idee zu „Ciao Ragazzki“ im gemeinsam Italienurlaub gehabt zu haben, weil sie dort immer mit Ragazzi von den Einheimischen begrüßt worden sind.
Gerade in Krisenzeiten treten Künstler wie „Ciao Ragazzki“ oder Tommy Cash als Lebenskünstler hervor, die dem Publikum mit ihrer Kunst Hoffnung schenken.

Der Narr ist beim Publikum besonders beliebt, vermutlich weil er dem Publikum erlaubt, seine Sorgen für einen Moment zu vergessen. Der Song „Be a clown“ von Cole Porter (verfilmt mit Kevin Kline) beschreibt genau das: Die Fähigkeit, in den schwierigsten Momenten zu lachen, ist ein unschätzbares Gut.
Bedauerlicherweise hat der Song nicht gewonnen, sondern die Show von Sahra Engels mit „Fire“. Doch unabhängig vom Ausgang bleibt die Botschaft bestehen: Hoffnung und Lebenskunst sind in bewegten Zeiten essenziell. Und ich hoffe, dass das Publikum auch in Zukunft mehr solcher Beiträge im ESC sehen dürfen, die zum Lachen und Träumen anregen.
Auch Nachdenkliches wie „Europapa“ von Joost Klein hat ja durchaus Potential.
Liebe Grüße
Shelly Neshville







