Karneval oder auch Fasching naht, ein Brauchtum, dass zumindest in Deutschland ohne Alkohol nur halb so schön wäre. Das ist nicht überall so. Dazu erschien 1969 ein Buch der amerikanischen Ethnologen MacAndrew und Edgerton „Betrunkenes Betragen„, die beschrieben wie Kulturen weltweit unterschiedlich mit Alkohol umgehen. Der Schriftsteller und Psychiater Jakob Hein hat die ethnologische Weltreise wiederentdeckt, übersetzt und 2024 neu aufgelegt. Die Kernaussage daraus: „Was wir tun, wenn wir Alkohol getrunken haben, ist alles eine Frage der Kultur.“ Mit der deutschen Kultur im Allgemeinen und mit Heino im Besonderen beschäftigt sich der folgende Beitrag.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
Heino sorgt mit seinem neuen Song Ein kleines Gläschen am Morgen und der Videopremiere am 10.04.2025 für Aufsehen. Das Musikvideo zeigt ihn entspannt mit einem Glas in der Hand, begleitet von Model Micaela Schäfer (die für Aufsehen im „Supertalent“ 2011 gesorgt hat).
Heinos Inszenierung erinnert an die lange Tradition von Trinkliedern in Opern, Schlagern und Faschingszeit oder auf dem Münchner Oktoberfest. Da beschreibt die Therapeutin und Medizinethnologin Brigitte Veiz über „Das Oktoberfest Masse, Rausch und Ritual“ und den dazu gehörenden Trinkritualen und Wiesnliedern als „rituelle Gesänge“.
Trinklieder in Opern: Von Falstaff bis La Traviata

Die Opernwelt ist reich an Liedern, die dem Alkohol huldigen. Schon Falstaff in Die lustigen Weiber von Windsor wusste: „Als Büblein klein an der Mutter Brust, da war der Sekt schon meine Lust!“ Osmin, der Haremswächter in Die Entführung aus dem Serail, preist ebenfalls den Genuss: „Wein ist ein schönes Getränk!“ Auch in Der Barbier von Sevilla gibt es eine augenzwinkernde Warnung: „Wer im Wein sich ganz verlor und so voll betrunken ist, setzt mir keinen Floh ins Ohr, denkt der alte Radulist.“ Und in La Traviata wird beim Kennenlernen von Violetta und Alfredo freudig aufgefordert: „O trinkt in durstigen Zügen!“ Diese musikalische Tradition zeigt, dass Alkohol seit Jahrhunderten als Genussmittel und gesellschaftliches Bindeglied betrachtet wird.
Die Darstellung von Alkohol in der Popkultur steht oft im Kontrast zu diesem Trend. In Opern wie Die lustigen Weiber von Windsor besingt Falstaff seine Liebe zum Sekt, während in La Traviata die Trinkszene das Vergnügen betont.

Auch moderne Serien wie Mad Men und The White Lotus inszenieren Alkohol als selbstverständlichen Teil des sozialen Lebens.
In Mad Men gibt es zahlreiche Szenen, in denen bei Bürofeiern exzessiv getrunken wird. Eine ikonische Szene zeigt Don Draper und seine Kollegen bei einer ausgelassenen Feier im Büro, wo Whiskey in Strömen fließt und die Grenzen zwischen Arbeit und Vergnügen verschwimmen. In The White Lotus verkörpert Jennifer Coolidge die exzentrische Tanya McQuoid, die sich regelmäßig mit Alkohol betäubt und dabei eine tragikomische Figur abgibt. Diese Darstellungen suggerieren, dass Alkohol nicht nur akzeptiert, sondern oft als „cool“ und erstrebenswert dargestellt wird.
Doch Heino belässt es nicht dabei: Er bewirbt seinen Song aktiv auf verschiedenen Plattformen wie der Bild, was ihm zusätzliche Aufmerksamkeit sichert. Diese gezielte Selbstinszenierung sorgt für Diskussionen, denn mit der scheinbaren Verherrlichung von Alkoholkonsum am frühen Morgen bricht er ein gesellschaftliches Tabu.
Der Vergleich mit einem Puppenspieler ist dabei besonders aufschlussreich. Der Puppenspieler hält die Fäden, doch das Publikum richtet seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Puppe. Heino übernimmt die Rolle des Spielers, während die von ihm verkörperte Kunstfigur die Puppe ist. Die Fäden, die er zieht, sind vor allem mediale Inszenierung, gezielte Selbstvermarktung und das bewusste Spiel mit gesellschaftlichen Tabus. Durch das ständige Wechseln der Kostüme und das Einbinden von bekannten Gesichtern wie Micaela Schäfer bleibt die Puppe, als die öffentliche Figur Heinos, stets flexibel und anpassungsfähig.
Während viele das Lied als humorvolle Hommage an gesellige Trinkrituale verstehen, äußern Kritiker Bedenken, dass der Song problematische Botschaften transportieren könnte. In einer Zeit, in der laut Deutschlandfunk der Konsum alkoholischer Getränke sinkt und alkoholfreie Alternativen an Beliebtheit gewinnen, wirkt Heinos Inszenierung wie ein nostalgischer Gegenentwurf an bessere Zeiten – ein seelenloser Kommerz, der die heimatliche Sehnsucht ausnutzt, um ein längst vergangenes Bild von Geselligkeit zu verkaufen. Der Puppenspieler zieht bewusst die Fäden, um ein Gruppengefühl zu erzeugen, das mehr Manipulation als echte Verbundenheit ist.
Heino hat sich über Jahrzehnte hinweg zu einer Kunstfigur entwickelt, die fast schon wie eine Puppe auf der Bühne agiert. Die markante Augenbraue, die tiefe Bassstimme und das unverwechselbare Outfit bilden ein festes Kostüm, das es ihm ermöglicht, verschiedene Rollen zu spielen, ohne seine eigentliche Persönlichkeit preiszugeben. Wie ein Marionettenspieler kann er schnell zwischen nostalgischer Schlager‑Romantik und provokativer Moderne wechseln – im aktuellen Video wird die Figur des unbeschwerten Trinkers wieder einmal hervorgehoben. Durch diese identitätslose Maske kann er kontroverse Botschaften transportieren, ohne persönlich dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das Publikum sieht nicht den Menschen hinter der Maske, sondern die Figur, die es bereits aus früheren Auftritten kennt.
Warum jedoch besuchen so viele Menschen gerade solche Konzerte? In einer Zeit, in der gesellschaftliche Unsicherheiten – sei es wirtschaftlicher Druck, Klimawandel oder soziale Spannungen – zunehmen, bietet ein Konzert mit bekannten Schlagerklängen und einer vertrauten Figur wie Heino einen Rückzugsort, in dem alles einfach und vorhersehbar erscheint.
Das gemeinsame Singen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl; das Ritual des „Gläschens am Morgen“ wird zum Symbol für Zusammenhalt einer Gruppe; das hat etwas mit Nähe und Distanz zu tun, wie man es auch bei Beobachtungen zur Thematik der Nachbarschaften heute feststellt. Wie sangen doch schon die „Wildecker Herzbubn“ (1990) in ihrem Song „Hallo, Frau Nachbarin“ so schön:
An meim Hauserl steht a Bankerl, da sitz I gern und trink mein Wein
Und mein Blick geht oft hinüber in den Nachbargarten nei,
Denn die Aussicht ist so schön wenn sie auf der Leiter steht
Und beim Kirschen pflückcken mir den Kopf verdreht.…
Viele Besucher verbinden Heinos Musik mit ihrer eigenen Jugend oder mit einer idealisierten Vergangenheit, in der das Leben scheinbar unbeschwerter war. Die bewusste Grenzüberschreitung – etwa das Zeigen von Alkoholkonsum am frühen Morgen – weckt zudem Neugier und das Bedürfnis, Teil einer kontroversen Diskussion zu sein. Und nicht zuletzt garantieren das zeigen einer idealisierten Landschaft (Villa am Meer), scheinbar unbeschwerte Fröhlichkeit, die ‚glamouröse‘ Begleitung durch Micaela Schäfer und die eingängigen Melodien reinen Unterhaltungswert, scheinbar unabhängig von tieferen Botschaften.
In einer unsicheren Welt suchen Menschen nach Ankerpunkten, die Stabilität und Vertrautheit signalisieren. Heinos Auftritte liefern genau das – eine heile Welt, in der das Glas immer halb voll ist und das Publikum gemeinsam anstößt, ohne sich mit den komplexen Realitäten des Alltags auseinandersetzen zu müssen.
Heinos neue Inszenierung ist damit mehr als nur ein Song; sie ist ein bewusstes Puppenspiel, das Identität, Nostalgie und gesellschaftliche Sehnsüchte miteinander verknüpft. Ob dies ein cleverer Schachzug oder eine fragwürdige Botschaft ist, bleibt dem Publikum überlassen – doch die Diskussion darüber ist ein klares Zeichen dafür, dass Heino nach wie vor im Gespräch bleibt.
Wandel des Alkoholkonsums: Ein neuer Trend?
Laut einem Bericht von Deutschlandfunk (DFL) nimmt der Alkoholkonsum ab, während alkoholfreie Biergetränke immer beliebter werden. Ist dies eine neue Tugend oder ein gesellschaftlicher Wandel? Während Musik und Kultur oft die gesellige Seite des Trinkens betonen, zeigt die Realität eine zunehmende Abkehr von übermäßigem Konsum.
Psychologisch gesehen verstärken solche Inszenierungen die Normalisierung von Alkoholkonsum. Zuschauer könnten unbewusst die Botschaft aufnehmen, dass Alkohol ein unverzichtbarer Bestandteil von Erfolg, Entspannung und sozialer Interaktion ist. Dies steht im Gegensatz zu den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, die einen bewussteren Umgang mit Alkohol fördern. Während die Realität sich zunehmend von exzessivem Konsum entfernt, bleibt die Popkultur oft in nostalgischen Bildern verhaftet.
Alkohol und Gesellschaft: Warum ist er so anerkannt?
Alkohol hat eine lange Geschichte als gesellschaftlich akzeptiertes Genussmittel. Er dient als Symbol für Feierlichkeiten, Geselligkeit und sogar Status. Doch nicht immer war er so selbstverständlich: Die USA versuchten in den 1920er Jahren mit der Prohibition, den Alkoholkonsum zu unterbinden – ein Experiment, das spektakulär scheiterte. Die Serie Boardwalk Empire zeigt eindrucksvoll die Auswirkungen der Prohibition. Statt Alkohol zu eliminieren, florierte der Schwarzmarkt, und Gangster wie Nucky Thompson nutzten die Gelegenheit, um illegale Geschäfte aufzubauen. Die Prohibition führte nicht zu weniger Konsum, sondern zu mehr Kriminalität – ein Lehrstück darüber, wie tief Alkohol in der Gesellschaft verankert ist.
Eine besonders dramatische Szene verdeutlicht den brutalen Kampf um die Kontrolle des illegalen Alkoholhandels. In einem düsteren Lagerhaus am Hafen von Atlantic City treffen sich Schmuggler und Gangster, um eine Lieferung von hochprozentigem Whiskey aus Kanada zu verteilen. Die Atmosphäre ist angespannt, das Licht flackert über die Kisten mit geschmuggeltem Alkohol. Plötzlich stürmen rivalisierende Gangster herein – Maschinengewehre rattern, Glas zersplittert, und die Luft ist erfüllt von Rauch und Schreien. Nucky Thompson, der Strippenzieher hinter dem Geschäft, beobachtet das Chaos aus sicherer Entfernung, während seine Männer versuchen, die Kontrolle zurückzugewinnen.
Diese Szene zeigt eindrucksvoll, dass die Prohibition nicht zu weniger Alkohol führte, sondern zu einem brutalen Untergrundkrieg um die Kontrolle des Geschäfts. Statt einer Lösung für Alkoholsucht zu bieten, schuf das Verbot eine neue Ära der organisierten Kriminalität, in der Gewalt und Korruption an der Tagesordnung waren. Boardwalk Empire macht deutlich, dass die Illegalität von Alkohol nicht das Problem löste, sondern es nur in dunklere, gefährlichere Bahnen lenkte.
Fazit: Zwischen Tradition und Wandel
Heinos neuer Song reiht sich in eine lange Tradition von Trinkliedern ein, doch die gesellschaftliche Realität verändert sich. Während Musik weiterhin die gesellige Seite des Alkohols feiert, zeigt sich ein Trend hin zu bewussterem Konsum. Die Geschichte der Prohibition lehrt uns, dass Verbote selten erfolgreich sind – vielmehr ist es die gesellschaftliche Einstellung, die den Umgang mit Alkohol prägt.






