Du betrachtest gerade Barockfest Darmstadt: „Lacrimae“ – Tränen der Freude und Trauer. Matinee zwischen Renaissance, Barock, Gegenwart

„Lacrimae – Tränen der Freude und Trauer“ lädt zu einer berührenden Matinee, die Renaissance, Barock und Gegenwart sinnlich miteinander verknüpft. Am 04. Juni fand im Foyer des Großen Hauses am Staatstheater Darmstadt im Rahmen des Barockfestivals vom 31.05. bis 15.06. die Matinee Lacrimae statt.

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Tränen und Freude – bei besonders schönen Erlebnissen können wir häufig nicht anders: Wir müssen weinen. Und das in allen möglichen Situationen: Wir reagieren mit Tränen auf ein stark positives Gefühl, um das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen. Zu diesem Schluss kommt Oriana Aragon der University of Yale, die zusammen mit ihrem Team eine Studie zu diesem Thema durchgeführt hat, die in einer der nächsten Ausgaben der Fachzeitschrift „Psychological Science“ veröffentlicht wird. Um die Hypothese zu prüfen, zeigten die Forschenden Studienteilnehmern Fotos von Säuglingen mit unterschiedlich infantilen Gesichtszügen (rundes Gesicht, große Augen) und maßen ihre Reaktionen in Relation zur infantilen Ausprägung der Gesichter.

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Diese psychologische Einsicht bildete einen passenden Auftakt für den Liederabend: Wo Worte oft versagen, öffnet Musik jene Räume, in denen Tränen als Ausdruck von innerer Ausgleichsbewegung zulässig werden. Lena Sutor‑Wernich führte durch den Abend mit einer Stimmlichkeit, die sowohl John Dowlands dunkle Sehnsucht als auch die zarten Nuancen der italienischen Komponistinnen zu berühren wusste. Die eigens für die Matinee uraufgeführte Komposition von Elena Postumi spannt den Bogen weiter – sie antwortet auf historische Klänge mit zeitgenössischer Sprache und macht so erfahrbar, wie Lieder Abgründe und Erhebungen unserer Gefühle spiegeln.

In einem Programm aus lautenbegleiteten Liedern, intimen Arien und einer eigens für den Abend uraufgeführten Komposition öffnet sich ein Klangraum, in dem Sehnsucht, Klage und Trost einander gegenüberstehen. Lena Sutor‑Wernich und die Uraufführung von Elena Postumi führen das Publikum durch Stimmen vergangener Jahrhunderte bis in die Gegenwart – eine Stunde der Achtsamkeit, in der Musik Erinnerungen weckt, Verletzlichkeit zeigt und zugleich Kraft schenkt.

Lena Sutor‑Wernich, die seit der Spielzeit 2019/20 ein Engagement als Mezzosopranistin am Staatstheater Darmstadt hat, machte mit jedem Ton spürbar was Freude oder Trauer bedeutet. Sie führte durch den Liederabend mit einer Authentizität, die mich gerührt hat. Ihre Leidenschaft für Oratorium und Lied und die Erfahrung, Hauptrollen in Barockopern gesungen zu haben, geben ihrem Vortrag die Tiefe, die diese Musik verlangt.

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In Verbindung mit dem Seminar „Überlebenskunst in bewegten Zeiten“ gewann der Liederabend zusätzliches Gewicht: Überlebenskunst bedeutet nicht nur Widerstandsfähigkeit im engen Sinn, sondern auch die Fähigkeit, Trauer und Freude zugleich zu tragen, sie zu erkennen, ihnen Raum zu geben und aus ihnen Kraft zu ziehen. Die Werke im Programm – vom klagenden Dowland bis zu den impulsiven Stimmen der italienischen Komponistinnen – wurden so zu Lehrstücken: Wie gehen Menschen vergangener Jahrhunderte mit Verlust, Sehnsucht und sozialer Begrenzung um? Wie verwandeln sie Schmerz in Kunst? Die Matinee bot Antworten, nicht als abstrakte Theorie, sondern als unmittelbar erfahrbare Praxis. Wer das Seminar besucht hat, wird die Parallelen spüren: die Musik lehrt Achtsamkeit für das Eigene und Fremde, Übung im Mitfühlen und in der Umwandlung von Erschütterung in Gestaltung – Fähigkeiten, die in bewegten Zeiten das Überleben verankern.

John Dowland, dessen Leben von Kummer und Suche geprägt war, klingt im Programm eindringlich nach. Geboren 1563 in London (möglicherweise nahe Dublin), bemühte er sich jahrelang vergeblich um eine Anstellung als Hofmusiker bei Königin Elisabeth I.. Erst auf dem Kontinent fand er Beschäftigung: in Wolfenbüttel, Kassel und ab 1598 für acht Jahre am dänischen Hof. Reisen führten ihn bis nach Florenz und Venedig, wo er die neuesten Stilrichtungen aufnahm. Die Rückkehr nach England brachte mit dem Echo dieser Einflüsse große Aufmerksamkeit und machte ihn zum einflussreichsten englischen Komponisten seiner Zeit. 1612 erhielt er schließlich die erhoffte Hofstelle, doch zu diesem Zeitpunkt war sie für seinen Ruf nicht mehr entscheidend.

Sein Name war verbunden mit Stücken wie „I saw my lady weep“, „Flow, my tears, fall from your springs“, „If my tears could create“, „Unquiet thoughts, my weary heart“ und „Lend me your ears, good people“ – alles Lieder mit Lautenbegleitung, die seine tiefe Empfindsamkeit ausdrücken. Er selbst beschrieb eines seiner Lautenstücke lapidar: „Semper Dowland, semper dolens“ – immer Dowland, immer traurig.

Diese Melancholie ist Teil seiner Kunst, doch sie führt zu etwas Größerem. 1610 erschien in der Sammlung „A Musicall Banquet“ sein Lautenlied „In Darknesse Let Me Dwell“: ein klagender, fast tröstlicher Abschied vom Leben und eine Einladung an den Tod. Die düsteren Texte unterlegte Dowland mit markanten Dissonanzen und ungewöhnlichen Harmonien; die Musik wirkt eindringlich – zum Weinen schön. Lena Sutor Wernich machte diese Stimmen unmittelbar erlebbar, sodass die Traurigkeit im Saal spürbar wurde.

Als Kontrast zu den historischen Liedern wurde eine eigens für die Matinee uraufgeführte Komposition für Stimme, Laute und Harfe von Elena Postumi (1994) präsentiert. Postumi – in Rom und Leipzig ausgebildet, mit Erfahrung u. a. am Gewandhaus und als Korrepetitorin in Darmstadt, Reykjavik und Bergen – setzte historische Klangfarben in moderne Räume; ihre Musik spannte einen berührenden Bogen von Dowlands dunkler Sehnsucht zur Gegenwart, ohne das Alte zu kopieren.

Der Liederabend öffnete neben Dowland ein Fenster zu Stimmen, die viel zu lange im Halbschatten verharrten – Stimmen voller Leidenschaft, Feuer und zarter Zerbrechlichkeit. Rosa Giacinta Badalla (um 1663–um 1715) wuchs in Bergamo auf und trat mit fünfzehn in das Benediktinerinnenkloster der Heiligen Radegundis in Mailand ein. Zwar bleiben viele Details ihres Wirkens im Verborgenen, doch ihre Musik fand ihren Weg über Abschriften bis nach Frankreich. In ihren Melodien schimmern eine erstaunliche Erfindungslust und stellenweise eine virtuose Kühnheit, die von der künstlerischen Brillanz der Sängerinnen in ihrem Kloster zeugen. Lena Sutor Wernich schenkte Badallas Stimmen zärtliche Aufmerksamkeit: ihre feinen Linien atmeten neu, ihr inneres Glühen flackerte auf und berührte unmittelbar.

Francesca Caccini – Tochter des berühmten Giulio Caccini – trat ebenfalls mit unvergleichlicher Präsenz hervor. Aufgewachsen in einem Haus, das von Musik pulsierte, reiste sie bis zum französischen Königshof nach Paris und begeisterte als Sängerin sowie als gefühlvolle Begleiterin auf Laute, Gitarre und Cembalo. Ihr „Primo libro delle musiche“ (1618) und ihre Bühnenwerke sind voller Farben und Sinnlichkeit; Sutor Wernich erkundete diese Facetten mit einer Wärme und Intensität, die das Publikum tief berührte. Und dann Barbara Strozzi – ohne musikalische Dynastie im Rücken, dennoch zur strahlendsten Stimme der venezianischen Barockwelt geworden. Ihre Arien, Kantaten und Duette öffneten wie intime Briefe ans Herz: zärtlich, doch voller unerschütterlicher Kraft. Dank ihrer Verbindungen in Venedig und dem Unterricht bei Francesco Cavalli entstand Musik, die sowohl verletzlich als auch unerschrocken klingt – und im Vortrag so unmittelbar wirkte, dass man das Gefühl hatte, ihr Herzschlag sei im Raum zu hören.

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Diese Matinee verband nicht einfach historische Melodien, sie setzte Klangräume frei, in denen Freude und Trauer sich berührten. Es war, als öffnete jede Komposition ein Fenster in eine andere Lebenswelt: Dowlands verzweifelte Sehnsucht, Badallas klösterliche Intensität, Caccinis kunstvolle Eleganz, Strozzis intime Größe – und immer wieder Sutor‑Wernichs Stimme, die dazwischen Schichten von Bedeutung und Gefühl zueinander führte. Ich war nicht nur gefühlvoll ergriffen; ich war zu Tränen gerührt, weil die Aufführung eine Ehrlichkeit besaß, die das Publikum nicht zur Oberfläche, sondern in eine gemeinsame Erfahrung von Verletzlichkeit und Schönheit führte.

Lena Sutor‑Wernich sang nicht nur Lieder; sie erzählte Lebenswege. Ihre Darbietung machte deutlich, dass die historischen Biografien wie Dowlands vergebliche Hoffnungen am Hof, Badallas klösterliche Praxis, Caccinis und Strozzis je eigene Kämpfe um Anerkennung keine musealen Kuriositäten sind, sondern lebendige Beispiele menschlicher Widerständigkeit und Einfallsreichtum. Ich verließ den Saal mit einem Herzen, das zugleich schwer und froh war: schwer von den Geschichten, froh über die Schönheit, die aus ihnen gewachsen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:10. Juni 2026
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