Du betrachtest gerade Lesung „Unerhört! – Der Dichterling oder: Solche Insekten giebts die Menge“ (1781) von Juliana Hayn

Im Schauspiel Darmstadt gibt es eine neue Lesungsreihe mit den „Unerhörten“ – Autorinnen aller Epochen, die zu lange im Schatten standen. Juliana Hayns Lustspiel „Der Dichterling, oder: Solche Insekten giebts die Menge (1781)“ nimmt den literarischen Betrieb (des 18. Jahrhunderts) aufs Korn und lässt uns auch heute noch schmunzeln

Sehr geehrte Redaktion,

die szenische Lesung am Staatstheater Darmstadt von der Dichterin Juliana Hayns (über sie kann man auch im Goethezeitportal nachlesen) „Der Dichterling“ hat mir nicht nur wegen ihres sprachlichen Witzes Freude bereitet, sondern vor allem, weil sie auf überraschend moderne Weise Fragen nach Spiegelung, Autorenschaft und Geschlechterverhältnissen verhandelt. Hayns Lustspiel von 1781 ist mehr als eine Gelehrtensatire: es ist ein Spiegelkabinett literarischer Selbstbilder, in dem sich Geniekult, Eitelkeit und Marktmechanismen verzerren und sichtbar werden.

Im Seminar „Unter Spiegeln“ lernten wir Spiegel als dynamische Modelle des Erkennens kennen: Sie reproduzieren, verzerren, multiplizieren und beobachten zugleich. Hayns Stück nutzt genau diese Funktionsweisen.

Image by alanajordan from Pixabay

Nehmen wir zum Beispiel Ludwig von Bergthal über den das Goethezeitportal schreibt: „Das Lustspiel verspottet in der Tradition der Gelehrtensatire den jungen Protagonisten Ludwig von Bergthal, der sich für ein Genie hält, und sich beispielsweise mit seinen Trauerspielen brüstet, in denen pro Akt mindestens zwei Frauen in Ohnmacht fallen.“ Ihn sehe ich als ein verzerrtes Spiegelbild des „Originalgenies“: in seinem Auftreten spiegelt sich die kulturelle Projektion auf männliche Schaffenskraft, zugleich offenbart der Spiegel seine Leere; das Genie als leere Hülle, die nur durch das Ansehen und die Repräsentationsstruktur des Literaturbetriebs Bestand hat.

Über seine Gegenspielerin schreibt das Goethezeitportal „ist die ihm als Braut zugedachte Juliane
(die den Vornamen der Autorin trägt), die begabt mit praktischer Vernunft seine Eitelkeit durchschaut und mit Hilfe eines wirklich gelehrten Mannes Ludwig als „Dichterling“ à la mode entlarvt
„. In meiner Betrachtung fungiert Juliane dabei wie ein korrigierender Spiegel: sie reflektiert Ludwig klar, ohne zu blenden, entlarvt seine Rhetorik als Show und macht sichtbar, wie sehr die Geniebegriffe sozial konstruiert sind.

Hayns Lustspiel erschien 1781 in Wien; im Spannungsfeld der aufklärerischen Umbrüche: Österreich stand unter der aufgeklärten Despotie Josephs II., während in den damaligen britischen Kolonien Nordamerikas die Unabhängigkeitskriege tobten.

Zeitgleich arbeitete Goethe in Weimar an seinem Trauerspiel Iphigenie. Diese epochale Lage erklärt die Dualität des Stücks: äußerlich ein Lustspiel, innerlich politisch und kulturkritisch. Iphigenie fand schon einmal in einem unserer Beiträge Erwähnung. Die Lesung „Unerhört! Begegnungen mit Autorinnen“ am 16. Januar 2026 im Staatstheater Darmstadt war ein eindrucksvoller Höhepunkt der interdisziplinären Kooperation zwischen dem Teilprojekt Theaterwesen Lost in Archives (LMU München, Cornelia Goethe Centrum Uni-Frankfurt, Universität der Bundeswehr) und dem Theater. Vorgestellt wurde das Schauspiel „Dido“ von Charlotte von Stein – das einzige Drama der Autorin, entstanden im Winter 1795/96.

Image by Jossy_Justino from Pixabay

Ich möchte die Handlung des „Dichterling“ kurz zusammenfassen: Im Zentrum steht das junge selbsternannte Genie Ludwig von Bergthal, ein selbstverliebter Schriftsteller, der sich als großes Genie stilisiert. Er prahlt mit pathetischen Trauerspielen, in denen regelmäßig Frauen in Ohnmacht fallen; sein Auftreten ist theatralisch, voll Überhöhung und leerem Pathos. Sein Vater, ein alter Herr von Bergthal, hat ihm die adlige Braut Juliane versprochen. Juliane ist klug, praktisch vernünftig und erkennt Ludwigs Eitelkeit sofort. Sie liebt stattdessen den biederen Doktor Kranz und will einer unglücklichen Verbindung entkommen.

Dann kommt noch die Einordnung nach Nebenfiguren und soziale Schichten hinzu: Frederike, Julianes Zofe, bildet ein Gegenbild zur adligen Welt: sie liebt Wilhelm, Ludwigs Bediensteten, in einer romantischen Verbindung, die zeigt, dass Liebe und Vernunft nicht allein Klassenfragen sind. Der Druck des literarischen Marktes tritt durch Buchdrucker, Kritiker und andere Autoren zutage; diese realen Akteur*innen bestimmen Ruhm, Druckauflage und Reputation – die Institutionen, die das „Genie“ formen. Schließlich tritt der gelehrte Herr von Brukner auf, dessen kritische Kenntnis die Fassade Ludwigs beschädigt: Ludwig wird als „Dichterling“ entlarvt – ein aufgeblasener Schwätzer ohne substanzielle Genialität. Seine Spielschulden und sein Ruhm enden damit, dass Juliane frei ist, den Doktor Kranz zu heiraten, und die vermeintliche Geniegestalt bloßgestellt dasteht.

Lassen Sie mich bitte auch eine zeitliche Einordnung vornehmen und den kulturgeschichtlicher Kontext bestimmen: 1781 gehört das Stück zur späten Phase des Sturm und Drang und zur Zeit des beginnenden Klassizismus; der Geniekult jener Jahre idealisierte das männliche Originalgenie (Beispiele: die Verehrung junger Sturm-und-Drang-Autoren, die Shakespeare statt der antiken Normen feierten). Hayn positioniert sich kritisch gegen diesen Kult und dessen Markt: statt heroischer Alleingestaltung zeigt sie die sozialen Mechanismen hinter Ruhm und Autorschaft. Besonderheit: Hayns Lustspiel ist eines der seltenen dramatischen Zeugnisse des 18. Jahrhunderts, das von einer Frau stammt und Autorenschaft sowie den literarischen Betrieb thematisiert — ein Thema, das in zeitgenössischen Romanen zwar vorkommt, in dramatischer Form aber kaum von Frauen selbst verhandelt wurde.

Image by falco from Pixabay

In diese Zeit fällt auch das bürgerliche Trauerspiel Kabale und Liebe, dass Nahid Ensafpour uns in dem Beitrag „Geschlechterdifferenz im 18. Jahrhundert“ beschrieb. Es wurde zwischen 1782 und 1783 von Friedrich Schiller verfasst und im April 1784 erstmals aufgeführt. Das Drama ist ein charakteristisches Beispiel für den Sturm und Drang. Ursprünglich hatte Schiller sein Stück Luise Millerin genannt. Auf Anraten von August Wilhelm Iffland, der nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Verfasser von Theaterstücken bekannt war, gab Schiller dem Stück später den Titel Kabale und Liebe.

Florian Donath liest in Darmstadt sowohl den selbstverliebten Dichter Ludwig von Bergthal als auch den netten, etwas schüchternen Doktor Kranz, den Juliane sich selbst als Bräutigam ausgesucht hat. Ludwigs Selbstsicherheit macht es dem Publikum vergnüglich, dem vermeintlichen Genie beim Fall zuzusehen: Er entpuppt sich weder als aufmerksamer Ehemann, noch als tüchtiger Geschäftsmann oder wahrhaftiger Dichter, sondern als jemand, der anderen Menschen Gedanken stiehlt und sie als seine eigenen verkauft. Zur Strafe muss das „Genie“ wieder die Schulbank drücken und seine Schulden abarbeiten – ein Versuch des Vaters, ihm die Flausen auszutreiben und die Illusion vom souveränen Original zu zerstören.

Anneke Gries verkörpert die coole Juliane: lässig im Studierzimmer des Dichterlings sitzend, kommentiert sie seine Genieideen von der Seitenlinie als bloßen Unsinn; scharf, bissig und klug. Paul Trempnau liest die Freundin und den Diener Wilhelm, der sich vom Herrn zum Mitläufer des Geniekults verführen lässt und damit zeigt, wie sich Macht und Ideologie auch in unteren Schichten reproduzieren.

Das Stück legt zugleich offen, wie männliche Machtstrukturen funktionieren: Männerbünde – in diesem Fall das Netz aus Autoren, Verlegern, Kritikern und Förderern – agieren als hermetische, selbstreferentielle Räume, in denen Aufmerksamkeit, Aufstieg und Legitimität untereinander verteilt werden. Frauen wie Juliane oder Frederike bleiben in diesen Konstellationen oft außen vor oder werden nur als Dekor und Projektionsfläche gebraucht. Die männliche Solidargemeinschaft schützt Status und Zugang; abweichende Stimmen werden marginalisiert oder lächerlich gemacht. Hayns Satire macht diese Exklusion sichtbar: Das vermeintliche Genie ist Produkt eines männlich dominierten Systems, das Anerkennung verschafft, Preise verteilt und Narrativen Autorität verleiht – oft auf Kosten von Frauen, deren Leistungen nicht im selben Maße gespiegelt oder belohnt werden.

Das Stück fordert uns auf, die Metaphorik des Spiegelns auf die Autorinnenschaft zu richten: Während Männer in der Dramentradition lange als originäre Schöpfer und „Originale“ dargestellt wurden, bleiben weibliche Schreibende häufig Randerscheinungen, deren Spiegelbild verzerrt oder ganz ausgelassen wird. Hayn stellt das explizit in den Raum: Juliane (als Figur und Namensträgerin) repräsentiert Autorinnenschaft, die nicht durch heroische Selbstinszenierung, sondern durch praktische Vernunft und Beobachtungskraft wirksam wird. So knüpft Hayn an eine andere Spiegelung an – nicht die heroische, sondern die kritische Reflexion als Schaffensform.

Diese Beobachtung bekommt heute, im Kontext feministischer Debatten, besondere Brisanz. Warum schaffen es Männer oft leichter, Gehör zu finden? Ein Teil der Antwort liegt in den institutionellen Spiegeln: Literaturbetrieb, Theaterwesen, Verlagswesen und Kritik haben lange männliche Modelle reproduziert und so männliche Stimmen reflektiert und verstärkt. Der Geniekult, der Hayns Persiflage nötig machte, ist kein bloß historisches Phänomen; seine Erblast besteht in strukturellen Mechanismen, die Sichtbarkeit, Anerkennung und Prestige ungleich verteilen. Hayns Lustspiel fragt still, aber deutlich: Wem wird das Recht zugestanden, als „Original“ zu gelten, und wer bleibt Kopie, Randfigur oder gar unsichtbar?

Die Lesung regt dazu an, weitere Fragen zu stellen: Inwiefern spiegeln heutige Medien und Literaturpreise noch immer stereotype Erfolgsbilder? Welche Rolle spielen performative Selbstinszenierung und Netzwerke (die ‚modernen‘ Drucker, Kritiker, Autoren des 18. Jahrhunderts) beim Zugang zu Sichtbarkeit? Und nicht zuletzt: Wie verändert sich das Bild des Genies, wenn wir es jenseits des männlichen Universalgenies denken – als Netzwerk, als kollektive Praxis, als verhandelbares Ergebnis von Bedingungen statt als metaphysische Gabe?

Hayn selbst selbst entlarvt den Mythos des Universalgenies – denken wir an Goethe als Inbegriff des allumfassenden Schöpfers – und zeigt, wie lächerlich und schädlich diese Überhöhung sein kann. Ihre Haltung lädt dazu ein, das Genie-Begriffspaket zu dekonstruieren: Wenn Genialität als kulturelles Etikett fungiert, dann sind die Mechanismen seiner Zuerkennung politisch und sozial veränderbar. Gerade Feminismus und aktuelle Debatten um Repräsentation fordern eine solche Dekonstruktion: Sichtbarkeit darf nicht länger an traditionsreiche, aber exklusive Mythen geknüpft sein.

Image by InCulture from Pixabay

Abschließend bleibt die Erkenntnis der Lesung. Hayns „Der Dichterling“ nimmt nicht nur ein historische Sonderstellung ein, sondern zeigt sich als ein reflexiver Spiegel auf (literarische) Machtverhältnisse, der den Zuhörer heute lehrt, kritischer auf die Funktionen des Sichtbarmachens und Verbergens zu schauen. Wir sollten den Spott der Juliana ernst nehmen – als Aufforderung, die Rolle der Frauen als Autorinnen im Literaturbetrieb zu hinterfragen und den Frauen ihren Anteil am Literaturbetrieb zugestehen.

Mit freundlichen Grüßen

Simon Syntax

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:10. Juni 2026
  • Lesedauer:8 Min. Lesedauer