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Ödön von Horváth enthüllte in seinen Stücken nicht eigentlich armselige Menschen, sondern Zustände, die armselig machen. Ihn interessierten fatale Randepisoden mehr als sozialkritische Phrasen. ‘Glaube Liebe Hoffnung’ gilt als eines der wichtigsten Werke des österreichisch-ungarischen Autors” so beschrieb es Cornelie Ueding im Deutschlandfunk 2016. Immer wieder erfährt dieses Stück Neuinszenierungen. So auch im Staatstheater in Mainz. Dazu erreichte uns ein Leserbrief:

Guten Morgen, liebes UniWehrsEL

Zu “Glaube, Liebe, Hoffnung”: schon der Titel ist einer Bibelstelle aus den Paulusbriefen entnommen. Im Kern des Stücks geht es um den verzweifelten Kampf einer jungen Frau um gesellschaftliche Teilhabe, wie sie an bürokratischen Hürden und kleinbürgerlicher Missgunst, ihr Ziel ein selbstbestimmtes Leben zu führen, scheitert. Elisabeth braucht Geld für einen teuren Gewerbeschein. Dieses kann sie nicht aus eigenen finanziellen Mitteln aufbringen, weil sie eine Geldstrafe abzubezahlen hat. Sie hat ohne Gewerbeschein gearbeitet, dafür gab es die Geldstrafe. Als sie sich nun Geld von einem Gerichtsmediziner leiht und der dieses Geld zurückfordert, weil sie ihm die Geldstrafe verschwiegen hat, und er dachte ihr Vater sei Zoll-Inspektor, muss sie ins Gefängnis und wird vorher gekündigt. Nun muss sie vom Wohlfahrtsamt leben und gerät an einen verliebten Polizisten, welchem sie die Gefängnisstrafe verschweigt. Als ihm ein Kollege von der Gefängnisstrafe erzählt, fühlt er sich getäuscht und entzieht ihr den freiwilligen Unterhalt. Sie ist vermutlich ungewollt schwanger und beschließt ins Wasser zu gehen. Jedoch wird sie gerettet von einem Jungen, der in die Zeitung kommen will. Am Ende stirbt sie an gebrochenem Herzen bzw. Unterkühlung, nachdem die anderen Personen sie wiedererkannt haben.

Die Inszenierung von Jan Friedrich beim Staatstheater Mainz geht dieses ernste Thema überraschend abstrakt an. So werden die Figuren verfremdet gezeigt. Der Präperator, der Elisabeth das Geld leiht, sieht zum Beispiel wie ein mexikanischer Toter zum Fest der Toten aus. Die Arbeitgeberin von Elisabeth sieht aus wie eine verrottete Mumie. Die Polizisten sehen aus wie tote grüne Spielzeugsoldaten. Das Setting hat schwarzen Humor und zeigt die Kleinbürger als (Halloween-)Monster. Eine Arbeitslose sieht aus wie Mutter Theresa mit grellen Tattoos. Zwischen den fünf Szenen bis zu Elisabeths Tod werden idyllische deutsche Schlagermelodien der 1970er Jahre von den Flippers, Vicky Leandors, Roger Whittaker, Nicole gesungen. Sie sollen wohl die Hoffnung von Elisabeth bildlich anzeigen, dass sie auf die Hilfe der Mitmenschen hofft. Die Anderen ihr jedoch die Hilfe verweigern.

Theatergänger mit skurrilem Sinn für Humor werden voll auf ihre Kosten kommen. Nachdem das Stück meistens mit Kostümen aus den 1930er Jahren gespielt wird, sind diese Monsterfiguren eine willkommene Abwechslung. Ob die Inszenierung dazu beiträgt mehr Empathie für benachteiligte und ausgegrenzte Menschen zu empfinden steht in den Sternen. Vielleicht wird der Bildungsauftrag des Stücks damit verfehlt. Da hilft es auch nicht, dass Ödin von Horvarth als einzig optisch normaler Mensch auftritt und den sozialen Charakter des kritischen Volkstücks betont, und sich dabei selbst aus seiner Anleitung für seine Stücke zitiert. Mitleid mit Elisabeth konnte der verständige Theaterbesucher aufgrund der vielen Inszenierungsgags nicht empfinden.

Hättest du Lust dir das Stück anzuschauen?

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:29. Dezember 2021
  • Lesedauer:3 min Lesezeit