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Heute erreichte mich ein Leserbrief, der Gedanken über Musik und Stille anstößt. Auslöser war der Themenabend „Musik der Stille“ beim „Lauschangriff“ im Staatstheater Darmstadt. Der Lauschangriff ist eine musikalische Reihe, die sehr unterhaltsam ist. Sie findet unregelmäßig während der Spielzeit statt und hat immer ein Motto.

Liebes UniWehrsEL,

was ist Musik der Stille? Gar keine Musik ist falsch. Es kann getragene Musik sein, Trauermusik bei einem traurigen Anlass, ernste Musik. Es passt in die vergehende Herbstzeit des Novembers die im kalten dunklen Winter endet. Musikalische Beispiele sind Choräle, Bachkantaten, Geistige Musik, Spirituelle Klänge, Gregorianik.

Am Schönsten als Musikbeispiel ist sicherlich das Intermezzo aus der Oper Cavalleria Rusticana. Es ist ein Moment des Innehaltens. Danach verrichten alle Personen der Oper ihr Tagwerk weiter. Ein zweites Beispiel ist das Werk Elias von Mendelsohn-Bartholdy, welches mit der Stille des Augenblicks spielt.

Doch welche Musik als entspannend vom Hörer empfunden wird, ist sehr individuell. Im Allgemeinen muss man sich in unserer Gesellschaft Gehör verschaffen. Es herrscht ein Kampf darum, gehört zu werden. Jeder will der Lauteste sein, ob bei HiFi-Stereo-Anlagen, Autos, Radiosendern, Fernsehanstalten, in der Werbeindustrie oder bei Popmusikproduktionen. Hier verfolgt die Musikindustrie den Trend, immer lautere und druckvollere Produktionen zu machen, worunter die Natürlichkeit und Dynamik der Musik leidet. Je lauter die Musik ist, desto größer die technische Reichweite der Funkwellen. Zudem wird noch versucht, dem Sender einen „sendertypischen“ Sound zu geben.

In dem Vortrag wurde gefragt, wann man sich das letzte Mal bei einem Musiktheaterstück tiefenentspannt hat. Mir ist dazu die Oper Tiefland von Eugen d’Albert eingefallen, die ich einmal an der Oper Frankfurt gehört habe. In der Ouvertüre sieht der Zuschauer einen Hirten auf einen Berg zu seinen Schafen laufen. Es ist ein Moment des Glücks für den Schäfer. Denn im Tiefland wartet auf den Schäfer das Unglück. Mit Tiefland ist die unruhige Stadt gemeint, deren Regeln der Schäfer nicht verstehen kann und die ihn ins Unglück stürzt, so dass er am Ende der Oper zurück auf seinen Berg geht. Beim Vortrag erwies sich die geistliche Musik von Oliver Messiaen als sehr entspannend. Dort konnte der Zuhörer die Seele baumeln lassen. Oliver Messiaens Der heilige Franziskus war in 2019 am Staatstheater DA zu bewundern. Auf der Playliste kam auch Maurice Ravel vor. Sowie Mahlers 5. Sinfonie als Ausschnitt für den Film „Der Tod in Venedig“ von Luchino Visconti aus dem Jahr 1971. Nach zwei Stunden ging das Publikum in aller Stille auseinander und hatte einen besinnlichen Theaterabend.

„Musik weckt Stille und schafft Raum“, so betitelte der Violinist Yehudi Menuhin seinen Beitrag in dem Sammelband „Ein Hauch der Gottheit ist Musik – Gedanken großer Musiker“ aus dem Jahr 1999. Da schreibt er nun davon, dass ein vollkommenes Stillschweigen für ihn heilig sei, weil es die Stille in Herz und Geist bedeute. Kein gefühlloses oder unbarmherziges Schweigen, sondern ein Schweigen, „in welchem sich unsere innersten Schwingungen, unsere ureigenste Stimme – nicht die, die uns und andere verstellt – den Freunden, der Familie, der Welt offenbart“. Schweigen, so lese ich an anderer Stelle, habe so viele Seiten wie der Lärm. Metaphorisch zählt er das „Schweigen des Lebens“ auf, das dem Öffnen einer Blume gleiche, oder dass des Todes und der Furcht.

Die schweigenden Stellen, in der Musik fälschlicherweise Pausen genannt, so Menuhin, seien ihm als Musiker die liebsten, „die wie der leere Raum zwischen zwei aufgeladenen Gewitterwolken die Kraft des Blitzes in sich tragen“. Auch das Schweigen nach einer Aufführung der „Chaconne“ von Bach in einer großen Kirche, nennt Menuhin, „ein Schweigen gemeinsamer Verbundenheit und Verehrung. Musik weckt Stille und schafft Raum“. Verbunden ist die „Charconne“ mit einer großen Trauer, den Themen Tod und Auferstehung. Bachs starkes Musikstück ist kurz nach der Nachricht vom Tode seiner Frau entstanden.  

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:28. November 2021
  • Lesedauer:4 min Lesezeit