Du betrachtest gerade Teil 1: Städel Museum Führung SoSe 26 Pfarrer Schnell – was Bilder zu Spiegeln, Krise und Hoffnung erzählen

Das Städelmuseum in Frankfurt ist immer einen Besuch wert – besonders unter der kompetenten Führung durch Pfarrer Schnell. Genau dies durften 27 Studierende mit ihrer Seminarleiterin Dr. Elke Wehrs von der U3L am 11.6.26 erleben. Begonnen bei Bildern der Dauerausstellung, die 700 Jahre Kunstgeschichte zeigt. Weiter zu den Installationen des weltbekannten Künstlerduos Michael Elmgreen (Däne) und Ingar Dragset (Norweger), die seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Letzlich (ohne Führung) bestand auch die Möglichkeit, die große Sonderausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ in unseren Kleingruppen zu erkunden.

Beginnen wir mit der Dauerausstellung, die das unerschütterliche Fundament des Hauses zeigt und chronologisch durch die Epochen führt. Angefangen von Alten Meistern (vor 1800). Sie zeigt herausragende Bestände der europäischen Malerei, darunter Werke von Renaissance-Größen, religiöse Altäre und barocke Meisterwerke. Viele von ihnen durfte wir bei den wiederholten Führungen durch Pfarrer Schnell, passend zu unseren jeweiligen Seminarthemen kennenlernen. Wir bestaunen die Trinität der Meister von Flémalle. Er gilt in der Kunstgeschichte als einer der Erfinder des „Bild-im-Bild-Spiegels“ und hat Meisterwerke geschaffen, die tiefe Krisen und unerschütterliche Hoffnung darstellen. [1]

Im Städel Museum hängen seine berühmten Flémaller Tafeln, die nach jahrelanger Restaurierung wieder im Alten Meister-Bereich zu sehen sind. Die Altarbilder von Robert Campin im Städel zeigen den Kern des christlichen Erlösungsgedankens aus einer tiefen existenziellen Krise heraus. Die ultimative Krise (Der Gnadenstuhl), eine der Tafeln, zeigt Gottvater, der den toten, geschundenen Körper Jesu Christi nach der Kreuzigung im Schoß hält. Es ist das Bild maximaler Trauer, des Todes und der scheinbaren Ausweglosigkeit (die Krise der Menschheit). Die Hoffnung auf Heilung (Heilige Veronika) auf der anderen Tafel zeigt die Heilige Veronika, die das Schweißtuch mit dem Antlitz Christi hält. Dieses Tuch galt im Mittelalter als das mächtigste Symbol der Hoffnung. Es versprach den Menschen Trost, Sündenvergebung und die Hoffnung auf das ewige Leben.

Es git auch die Verbindung zum Thema „Spiegel“ (Der Werl-Altar). Auch wenn auf den Frankfurter Tafeln kein physischer Spiegel zu sehen ist, ist Robert Campin berühmt dafür, das Thema Spiegel in die europäische Malerei eingeführt zu haben. Noch spektakulärer: Im Spiegel sieht man die Reflexion des Künstlers selbst und des Besuchers, der theoretisch vor dem Bild steht. Campin nutzte den Spiegel also genau wie die modernen Künstler, um die Grenze zwischen der realen Welt des Betrachters und der gemalten Scheinwelt aufzuheben. Auf seinem berühmten Werl-Altar (von 1438, heute im Prado in Madrid) malte Campin an der Rückwand einen konvexen Rundspiegel. Dieser Spiegel zeigt – genau wie die moderne Installation „The Cloud“, die unten stehend besprochen wird – den Raum verzerrt und verkleinert im Hintergrund.

Wir blicken auf das Bild aus dem Alten Testament von Abraham Bloemaert. Es zeigt die Errettung der vom Verdursten in der Wüste bedrohten Israeliten durch Moses, der mit seinem Stab eine Quelle zum Sprudeln bringt. Höchst dramatisch wird das Geschehen ins Bild gesetzt, wobei mehr die Reaktionen der Menschen als der Wundertäter und das Wunder selbst hervorgehoben werden. Krise und Hoffnung bildet den emotionalen Kern dieses Bildes. Das Werk von Abraham Bloemaert fängt genau den alles entscheidenden Wendepunkt ein, an dem eine existenzielle Katastrophe in Rettung umschlägt. Pfarrer Schnell erklärt uns, es gehe um Todesangst und Verzweiflung und den Verlust des Glaubens. In ihrer schieren Verzweiflung meutert das Volk gegen Moses. Sie haben jede Hoffnung verloren und zweifeln an Gott. Bloemaert stellt die Menschen im Vordergrund mit extrem verdrehten, dynamischen Körpern dar. Man sieht ihnen den physischen und psychischen Schmerz der Krise förmlich an. Dann naht die plötzliche Hoffnung und Rettung in Form eines göttlichen Wunders. Genau in diesem Moment der maximalen Krise schlägt Moses mit seinem Stab gegen den Felsen. Das überlebenswichtige Wasser schießt heraus. Das Bild zeigt die Sekunde, in der die Hoffnung zurückkehrt. Die Menschen gieren nach dem Wasser, füllen Krüge und reiten auf einer Welle der puren Erleichterung. Die Katastrophe ist abgewendet. In der christlichen Kunstgeschichte hat diese Szene noch eine viel größere Dimension der Hoffnung. Das Wasser aus dem Felsen gilt als Vorausdeutung (Präfiguration) auf die christliche Taufe und auf Jesus Christus, der in der Krise der Sünde die ewige Rettung bringt.

Welche Tiere erkennen Sie noch bei Cornelis de Heem, im „Prunkstillleben“ und „kopullierenden Spatzen„? Cornelis de Heem(1657) hatten wir bereits bei unserer letzten Führung kennengelernt.

Das Bild verbindet all diese „Krise und Hoffnung“ und „Unter Spiegeln“ auf humorvolle und hintersinnige Weise über das barocke Konzept der Vergänglichkeit (Vanitas) und eine aktuelle, reale Museums-Infiltration.

  • Die getarnte Krise (Vanitas): Auf den ersten Blick zeigt das Bild prunkvollen Überfluss – reife Früchte, Austern und kostbares Geschirr. Doch im Barock war das eine Warnung vor einer tiefen Krise. Alles auf dem Tisch verfault bereits im nächsten Moment. Das Essen schimmelt, Maden kriechen hinein. Es symbolisiert die Vergänglichkeit des irdischen Lebens (eine existenzielle Krise).
  • Die Hoffnung auf neues Leben: Genau hier kommen die kopulierenden Spatzen am linken Bildrand ins Spiel. Während das leblose Essen verrottet (Tod/Krise), sorgen die Vögel mitten im Bild wild für Nachwuchs. Sie verkörpern die unbändige Natur, die Fortpflanzung und damit die Hoffnung auf den Fortbestand des Lebens entgegen dem Verfall.

Die Verbindung zum Thema „Spiegel“ zeigt sich in den glänzenden Oberflächen: Cornelis de Heem nutzt in diesem Bild zwar keinen Wandspiegel, dafür aber hochglanzpoliertes Silbergeschirr und feine Gläser. Der verzerrte Raum zeigt sich, wenn wir nah an das Bild herangehen, sehen Sie auf der Rundung der silbernen Kanne und der Gläser winzige Reflexionen des Atelierfensters. Genau wie das Spiegelmosaik in der Installation „The Cloud“ (siehe unten) brechen diese geschwungenen Metalloberflächen das Licht und spiegeln dem Betrachter eine künstliche Realität vor.

Der aktuelle Clou ist die direkte Verbindung zu „The Cloud“ im Städel! Es gibt eine topaktuelle, direkte Verbindung im Städel Museum: Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset (die Schöpfer von „The Cloud“) hat eine große Ausstellung namens „Stillleben mit Gemüse“ aufgebaut. Dabei haben sie hyperrealistische Figuren direkt vor die alten Meister gesetzt. Eine ihrer Figuren steht nachdenklich und starrt genau auf dieses Früchtestillleben von Cornelis de Heem! Es ist schon ein ganz besonderes Erlebnis, wenn plötzlich ein sehr menschlich wirkendes Kunstwerk den Blick auf das eine oder andere Bild versperrt.

Die Rede ist von Installationen des weltbekannten Künstlerduo Michael Elmgreen (Däne) und Ingar Dragset (Norweger), die seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Ihre Ausstellung läuft vom 20. Mai 2026 bis zum 17. Januar 2027. Pfarrer Schnell erklärt uns das Konzept: Unter dem unkonventionellen Titel „Stillleben mit Gemüse“ bespielt das Duo das Museum mit zeitgenössischen Skulpturen und ortsspezifischen Installationen, in einem atemberaubenden Stil. Elmgreen & Dragset sind bekannt für ihren feinen Humor, ihre gesellschaftskritischen Untertöne und die Art und Weise, wie sie gewohnte Museumsräume komplett auf den Kopf stellen. Sie hinterfragen soziale Identitäten und die Mechanismen des Kunstbetriebs auf sehr zugängliche, visuell überraschende Weise.

„The Cloud“

Gemeinsam mit Pfarrer Schnell gelangen wir zur Installation „The Cloud“ (Die Wolke). Sie ist das spektakuläre Herzstück der aktuellen Elmgreen & Dragset-Ausstellung im Städel Museum. Es handelt sich dabei um die lebensechte Kulisse eines hypermodernen Nobel-Restaurants, das das Künstlerduo mitten in den Museumsraum hineingebaut hat. Die Installation ist Teil eines meisterhaften Verwirrspiels.

Was genau ist „The Cloud“? Das können wir bei unserer exzellenten Führung durch Pfarrer Schnell erfahren. Zunächst geht es um Täuschung. Schon als wir den Bereich bei der großen Treppe betreten, die normalerweise hinab zur Kunst der Moderne führt, standen wir plötzlich in einem komplett eingerichteten, luxuriösen Restaurant. Alles wirkte absolut real. Es gibt eine einzige „Gästin“. Mitten im leeren Restaurant sitzt eine täuschend echte, hyperrealistische Skulptur einer jungen Frau. Sie bewegt sich nicht und ist völlig in ihr Smartphone vertieft, auf dem ein FaceTime-Anruf läuft. Die Atmosphäre ist beeindruckend. Der Raum strahlt eine unheimliche, melancholische Stille aus. Das Restaurant wirkt wie in der Zeit eingefroren. Durch die Erläuterungen Pfarrrer Schnells erschließt sich uns die tiefere Bedeutung. Es geht um Arbeit vs. Luxus.

Wir finden uns in einer Welt mit unendlich vielen Spiegeln. Diese Installation passt genau zu unserem Seminar „Unter Spiegeln“. „The Cloud“ bildet ein monumentales Spiegelmosaik und zeigt sich als ein ganz zentrales Element, um die Themen Selbstdarstellung, Social Media und die digitale Scheinwelt visuell auf die Spitze zu treiben. Das Städel Museum verwandelt sich hier in eine Kulisse, in der wir als Besucher unweigerlich Teil des Kunstwerks werden. Erklären lässt sich dies mit dem Phänomen der ultimativen „Selfie-Location“. Pfarrer Schnell erklärt uns dies im Sinne einer endlosen Dokumentation. Michael Elmgreen betont, dass in unserer heutigen Gesellschaft ein enormer Druck herrscht, jedes herausragende Erlebnis sofort digital zu dokumentieren. Es entsteht ein sogenannter „Filter-Effekt“. Die unzähligen, gebrochenen Spiegelflächen laden uns als Besucher magisch dazu ein, das Smartphone zu zücken. Sie spiegeln die heutige „Bilderflut“ und das Bedürfnis wider, sich in einer exklusiven Umgebung (wie diesem Luxus-Restaurant) perfekt zu inszenieren. Und doch zeigt sich eine Isolation inmitten von Reflexionen. Das bedeutet, sich selbst sehen, aber einsam sein. Während wir uns in den Spiegeln unendlich oft selbst sehen, sitzt die hyperrealistische Skulptur der jungen Frau völlig isoliert an ihrem Tisch. Sie starrt nur auf ihr Telefon. Das bedeutet eine „digitale Wolke“. Die Spiegelwände brechen die Realität in tausend kleine digitale Fragmente auf. Sie symbolisieren „die Cloud“, in der unser Leben heute als reiner Datensatz und Profilbild existiert, während die echte, physische Verbindung verloren geht.

Ein weiterer Aspekt ist das Spiel mit der Illusion. Das Mosaik verzerrt den realen Museumsraum und dehnt ihn scheinbar unendlich aus. Wir betreten dadurch eine Welt, in der die Grenze zwischen dem, was echt ist (das Restaurant, die Kunst, wir selbst) und dem, was nur Schein ist (die Reflexionen, die Skulptur), komplett verschwimmt. Übrigens stammt das imposante Spiegelmosaik im Hintergrund gar nicht von Elmgreen & Dragset selbst, sondern ist eine permanente Wandarbeit des berühmten Schweizer Künstlers John Armleder, welche das Duo genial in ihr Luxus-Restaurant integriert hat!

Foto: E. W.

Und selbstverständlich haben wir vor Ort schon ein Foto in den Spiegeln gemacht. Und klar interessiert uns, wie sich dieses Spiel mit Schein und Sein in der Bürolandschaft darunter fortsetzt.

Elmgreen & Dragset machen damit die extremen Spannungen zwischen harter Arbeit und purem Luxus, zwischen gesellschaftlicher Ambition und digitaler Illusion physisch im Museumsraum spürbar.

Der Beitrag wird fortgesetzt …