„Nickelodeon“ (1976) – keine Verwechslung mit dem Kindersender – ist eine furiose Actionkomödie über Dreharbeiten, Rivalitäten und Zufälle, die zugleich weit mehr als Unterhaltung ist. In der Arte-Mediathek bis 09. August abrufbar lässt sich der Film ideal als „Spiegel“ im Sinne unseres Seminars „Spiegeln – Kultur, Geschicht, Metaphorik des Spiegelns“ lesen: als Geschichte darüber, wie im Bild Identität entsteht, wie Selbsterkenntnis in Eitelkeit kippen kann und wie Schönheit und Inszenierung den Blick auf sich selbst und andere formen.
Seitenhieb auf den Kapitalismus

Chicago, 1910: Leo Harrigan ist zunächst nur ein Mann mit einem Auftrag, der nach außen so etwas wie einen Neuanfang sucht, nachdem er als Anwalt gescheitert ist. Seine Arbeit löst einen Machtkampf aus. Der Produzent H. H. Cobb setzt ihn als Autor für Stummfilm-Szenen ein, während die Patentgesellschaft ihm als Produzent belauert. Die Patentgesellschaft nutzt ihr Monopol und setzt die Filmemacher unter Druck. Die Patengesellschaft will Gewinn machen. Ein Seitenhieb auf die kapitalistische Gesellschaft. Der Film spiegelt die damalige Einstellung der Filmemacher im Jahr 1976 zum Kapitalismus.
Der Film zeigt kein Hollywoodidyll, denn schon am ersten Drehtag wird auf die Kamera geschossen. Inmitten von Chaos und Wut steht plötzlich Tom Greenway – „Buck“ (Burt Reynolds) – und seine Entscheidung, nach einem harten Boxkampf die Seiten zu wechseln, verändert alles. Von da an steht Buck an Martys Seite, und aus einem Zufall wird ein Neubeginn, der die ganze Dynamik der Gruppe neu formt.
Ein Jahr später ist das Team längst eingespielt; Slapstick, Tempo, komische Treffer, romantische Funken, alles entsteht aus der Energie des Moments, nicht aus starren Drehbüchern. Doch Cobb hat eine Schwäche: Kontrolle. Als er ihre gemeinsamen Szenen schließlich neu zusammensetzt und als willkürliches Programm im Ladenkino präsentiert, fühlt es sich weniger nach Kreativität, als Verrat an der Kunst an. Das Team wird entlassen, ihre Arbeit wird zu Material; und plötzlich steht jeder Einzelne allein da, obwohl sie doch alles gemeinsam geschaffen hatten.
Schlechte Arbeitsbedingungen in Hollywood ein Spiegel auf heute?
Atlantic Pictures bietet einen Ausweg, ein neues Kapitel, Hollywood als Versprechen. Aber auch hier ist die Luft dünn. Unfaire Arbeitsbedingungen, enger werdende Grenzen, die langsam jede Hoffnung zerfressen. In der Nacht, wenn das Licht endlich verstummt, entscheiden sie sich für etwas Gefährliches:

Sie brechen ein, um Ausrüstung zu stehlen; nicht aus Gier, sondern aus einem Trotz, der nur aus Stolz geboren wird. Sie wollen wieder selbst entscheiden, selbst gestalten wie ein Film aussehen soll. Doch gerade weil sie sich das Recht auf Kontrolle zurückholen, wird ihnen später niemand mehr die Frage abnehmen, wer wen wirklich beeinflusst.
Der Preis ist hoch: Eifersucht, Misstrauen, Unterstellung. Harrigan glaubt, Buck benutze ihn; Buck dagegen fühlt sich gedemütigt und ausgenutzt. Beziehungen zerbrechen, Freundschaften werden zu Feindschaften, und selbst Kathleen muss erleben, wie schnell Nähe in Konkurrenz kippen kann. Trennungen hinterlassen Narben, aber nicht unbedingt das Ende der Beziehungen.
Filme sind mehr als eine Ware?
1915 treffen sie sich schließlich wieder, zur Uraufführung von D. W. Griffiths „Die Geburt einer Nation“. Der Ort, das Ereignis, der Glanz des aufblühenden Mediums: Es ist wie ein Zusammentreffen der Vergangenheit mit der Zukunft. Und dann steht Cobb da, mit neuen Plänen, neuen Verträgen, mit dem Blick eines Mannes, der begreift, dass Film mehr sein kann als Ware. Größer, besser, international und vor allem: gut bezahlt. Doch für Harrigan und Buck bleibt die Unsicherheit: Glaubt man wirklich an den nächsten Schritt? Ist man schon zu müde, zu verletzt, zu alt, um noch einmal zu vertrauen?
Der Regisseur Bogdanovich wollte bei „Nickelodeon“ den Stil der frühen Filmära konsequent umsetzen, scheiterte zunächst aber bei den Produzenten.
Erst 2009 entstand für die US-DVD eine schwarzweiße „Director’s Cut“-Version. Der Film ist insgesamt als Hommage an die Stummfilmzeit gestaltet: Dramatische Höhepunkte stehen dabei weniger im Vordergrund; stattdessen wirkt die Handlung vor allem wie eine Abfolge aneinandergereihter Gags.
Wer kontrolliert die Bilder?
Zentral ist dabei das Motiv des Filmemachens selbst: Die Kamera im Film ist nicht nur Werkzeug, sondern ein Machtinstrument. In Chicago, 1910, beginnt alles mit dem Kleinkrieg um Rechte und Patente – die Motion Picture Patents Company (MPPC) will die Bilder kontrollieren, als wären sie Besitz. In diesem Konflikt spiegelt der Film Kulturgeschichte: Technologie schafft Möglichkeiten, aber auch neue Abhängigkeiten. Was gezeigt werden darf, entscheidet darüber, wer gesehen wird – und wer nicht. Der „Spiegel“ ist also nicht neutral: Er zeichnet nicht einfach ab, sondern formt den Blick.
Und dann kommt Buck (Burt Reynolds) – der Mann, der im Film wie ein lebendiger Werbespot für Männlichkeit wirkt. Mit seinem kolossalen Schnauzbart und der Macho-Attitüde steht er für jene Schönheit, die sich nicht nur zeigt, sondern verlangt wird. Der Film erinnert daran, dass Reynolds in den Siebzigern als führendes Sexsymbol galt, inklusive jener Inszenierung, die bis heute nachhallt: Burt Burt Reynolds posierte 1972 nackt auf einem Bärenfellteppich für ein Shooting in der Frauenzeitschrift „Cosmopolitan“. Nacktheit, Pose, Bärenfell – ein Bild, das weniger über Intimität erzählt als über ein kontrolliertes Image und Sichtbarkeit eines Schauspielers. Genau hier wird das Spiegeln besonders spannend: Schönheit ist im Film nicht nur Thema, sie ist ein Mechanismus. Das „Schöne“ wird zum Mittel, um Macht zu bekommen – auf der Leinwand wie außerhalb davon.
Doch der Film bleibt nicht bei der glänzenden Oberfläche stehen. „Nickelodeon“ zeigt, wie aus ungewollten Zufällen Kunst wird: Kathleen Cooke angerempelt, fliegt auf die Nase – und aus dem Missgeschick entsteht eine Szene, die später zum Erfolg führt. Das ist mehr als Comedy. Es ist eine Metapher für Kreativität als Spiegelprozess: Das, was zuerst „daneben“ geht, wird im Nachhinein gerahmt, geschnitten, erzählt. Die Wirklichkeit wird nicht nur abgebildet, sie wird umgedeutet. Und damit wird auch die Frage nach Selbsterkenntnis scharf: Wer steuert die Geschichte – oder wird sie gesteuert? Reagiert man aus Einsicht, oder aus Image? Ist das Lachen Befreiung, oder nur ein weiterer Versuch, die eigene Darstellung zu optimieren?
Besonders deutlich wird das an der Rolle von Alice (Tatum O’Neal) und ihrer „Romeo-und-Julia“-inspirierten Storyline. Hier spiegelt sich kulturhistorisches Denken: Klassische Formen und Erzählmuster werden auf frühe Filmproduktionen übertragen; als könnten sie die „neuen“ Bilder erst legitimieren. Der Film zeigt: Selbst wenn man beginnt, zufällig zu drehen, endet man bei Dramaturgie. Man braucht eine Struktur, um das Chaos wie Wahrheit wirken zu lassen. Auch das ist Spiegelmetaphorik: Der Zufall braucht eine Perspektive, und die Perspektive produziert eine Art „Wirklichkeit“.
Selbsterkenntnis vs. Eitelkeit?
Was heißt das nun für Burt Reynolds und die zentrale Frage von Selbsterkenntnis versus Eitelkeit? Buck scheint zu profitieren: Er wird zum Hauptdarsteller, sein Auftreten findet Publikum, sein Bild wird zum Versprechen. Aber gerade weil der Film Erfolg aus Inszenierung macht, steckt darin eine leise Ambivalenz: Der Mann im Spiegel ist immer auch der Mann, der sich selbst ins rechte Licht setzt. Der Schnauzbart, die Posen – sie sind nicht nur Requisiten, sondern Symbole für eine Identität, die sich nicht allein aus Innenleben speist, sondern aus dem Blick anderer.
Im Seminar „Spiegeln – Kultur, Geschicht, Metaphorik des Spiegelns“ lässt sich „Nickelodeon“ besonders gut als Spiegel der Gesellschaft lesen: Die Filmproduktion im Setting von 1910 zeigt, wie Bilder nicht nur Wirklichkeit abbilden, sondern sie ordnen, umdeuten und damit Macht über Publikum, Arbeit und Beziehungen erzeugen. Anhand von Harrigan und Buck wird sichtbar, wie Selbsterkenntnis und Eitelkeit ineinandergreifen, denn wer im Bild kontrolliert, wer gesehen wird und wie Kunst zur Ware wird, entscheidet am Ende auch darüber, wer wozu gehört.
Ebenso wirft der ständige Wechsel von Verträgen, Schnittfassungen und Rollen die Frage auf, wie kulturelle Vorstellungen von Erfolg, Autorität und „Genialität“ jeweils neu zusammenmontiert werden. So wird der Film selbst zum Metaphernraum: Jede Szene im Kino ist ein Spiegel und zugleich ein Experiment, welche Seiten des Menschen darin herausgefordert oder verzerrt werden.
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL


