Ellen reflektiert nachts nach ihrer Tanzstunde (Beitrag Ellen und das Wagnis der Resonanz – Oder: Wie man das „Ja, aber“ wegtanzt) über Gerhart Hauptmanns Drama „Und Pippa tanzt!“ und vergleicht ihre inneren Zweifel mit Figuren des Stücks. Sie erkennt, dass wahre Lebensfreude und Spontaneität sich nicht durch Kontrolle oder Verstand festhalten lassen, sondern blinden Vertrauens bedürfen. Ellen hat vor, ihre Gedanken auch in einem öffentlichen Vortrag für ältere Hörer zu Gehör zu bringen.
In dieser Nacht, in der das „Ja, aber!“ weggetanzt wurde, zieht Ellen aus ihrem Bücherregal kein trockenes Psychologie-Lehrbuch, sondern das berühmte Märchendrama „Und Pippa tanzt!“ von Gerhart Hauptmann.
Sie selbst fragt sich, warum Hauptmanns „Pippa“ ihr im Kopf herumspukt und erkennt, es ist dieser tanzende Funken gegen die Starre, die sie so fasziniert. In Hauptmanns Stück ist Pippa eine zarte, italienische Glasbläsertochter im kalten, düsteren Riesengebirge. Ihr Tanz ist wie ein Schmetterling oder ein glühender Funke aus dem Ofen. Sie verkörpert das reine, ungreifbare Leben, die Schönheit und die Sehnsucht. Ellen erkennt sich darin wieder: Sie selbst war in ihrer kognitiven „Winterstarre“ gefangen – blockiert durch ihr ewiges Grübeln –, bis der Tango in ihr dieses kleine, lebendige „Pippa-Fünkchen“ entzündet hat.
Sie reflektiert darüber, dass die vier Männer in Hauptmanns Drama ihre eigenen inneren Anteile spiegeln. Beim Blättern durch die Seiten erinnert sie sich wieder. Im Drama begehren vier sehr unterschiedliche Männer das tanzende Wesen Pippa. Da ist der Glashüttendirektor, der das Schöne rational besitzen und verwalten will. Für Ellen ist das genau wie ihr innerer Kritiker, der das Tanzen erst einmal wissenschaftlich analysieren muss! Dann gibt es noch den wilden Waldschrat Huhn, der für Ellen die dumpfe, rohe Triebkraft verkörpert. Und den alten, weisen Wann, einen Magier des Geistes. Sie erinnert sich an den blinden, idealistischen Handwerksburschen Michel Hellriegel, der Pippa am Ende im Herzen weitertanzen sieht, obwohl sie rein physisch zerbricht.
Ellen blättert weiter im Buch auf und begreift im Sinne der Tiefenpsychologie – sie kann es nun einmal nicht lassen, – dass diese Männer ihre eigenen inneren Kräfte widerspiegeln. Wenn sie zu viel nachdenkt, „erwürgt“ ihr innerer Direktor die Leichtigkeit des Tanzes. Sie muss wie Michel werden: blind vertrauen, die Kontrolle abgeben und die Musik im Inneren spüren.
Ellens Gdankenwelt

Nach drei Stunden unerquicklichen Schlafs setzt Ellen sich an ihren Schreibtisch und beginnt einen Vortrag vorzubereiten, der sich an ältere Zuhörer richten soll. Gedanklich blickt sie in eine Runde mit zwanzig Teilnehmenden – allesamt „Best Ager“ mit einem beeindruckenden Fundament an Lebenserfahrung.
Auf dem Papier schreibt sie schwungvoll: Gerhart Hauptmann: „Und Pippa tanzt!“ und fügt für sich selbst gedanklich hinzu: „Hoppla, da stolpere ich doch wieder über Hartmut Rosa und seine Resonanz.“
Gerhard Hauptmanns Märchendrama beschäftigt sich mit Pippa, die das reine, ungreifbare Leben verkörpert, das tanzende Fünkchen. Um sie herum gruppieren sich vier Männer, die versuchen, dieses Fünkchen zu greifen. Da stellt sich uns doch die Frage: Wo im Alltag begegnet uns dieser Versuch, das Lebendige zu kontrollieren?“
In Ellens Gedankenwelt bricht ein Herr M., ein pensionierter Oberstudienrat, der meldet sich wie immer sofort. „Im Grunde ist der Glashüttendirektor doch unser eigener Verstand, Ellen. Er will Pippa kaufen, sie besitzen, sie in ein System pressen. Das ist genau das, was wir tun, wenn wir eine neue Erfahrung sofort intellektuell zerpflücken, statt sie einfach zu erleben.“
Ellen überlegt, wie sie ihm ganz professionell antworten würde, ohne ihn merken zu lassen, wie wenig sie ihn eigentlich schätzt. „Exakt!“ Dabei spürt sie, wie ihr eigener Tangokurs in ihr arbeitet. „Man versucht“, so würde sie ihm ganz professionell antworten, „das Leben administrativ zu verwalten. Ich gestehe Ihnen etwas: Ich war letzte Woche bei einer Probestunde für Tango Argentino.“
Klar würde ein Raunen und Schmunzeln durch den Raum gehen und Frau Dr. Th., eine ehemalige Psychotherapeutin, würde wie immer lächelnd wissen, was das für Ellen eigentlich bedeutet hat und würde darum fragen: „Und was hat Ihr innerer Glashüttendirektor getan, Ellen?“
Ellen wird in diesem Moment vieles über sich selber klar, als sie gedanklich antwortet: „Er hat ein Excel-Sheet im Kopf erstellt!“ Schmunzelnd gibt sie vor sich selber zu: „Er hat Schritte gezählt und die Biomechanik des Beckens analysiert. Und wissen Sie, was das Resultat war? Totale Starre. Ich habe meinem Partner Claus permanent auf die Füße getreten. Ich war wie der alte, dumpfe Riese Huhn bei Hauptmann – gefangen in einer rohen, ungeschickten Materie, die sich nach dem Geist sehnt, ihn aber fast zerdrückt.“
Sofort würde Frau K. einfallen, die wie immer in der ersten Reihe Platz genommen hätte: „Weil Sie den Fehler gemacht haben, den Hartmut Rosa als ‚Verfügbarmachung‘ beschreibt.“ (SWR Hartmut Rosa: „Das Verfügbarmachen der Welt erzeugt Monster“) Sie würde sich zu allen umdrehen, „Rosa sagt doch, dass Resonanz unverfügbar ist. Man kann sie nicht erzwingen, man kann sie nicht herbeirechnen. Sie passiert nur, wenn man sich verletzlich macht und loslässt.“
„Genau das ist der Punkt“, denkt Ellen und die Augen leuchten ihr. „Erst als der Tanzlehrer uns bat, die Augen zu schließen, passierte etwas. Ich musste blind werden. Und wer ist in Hauptmanns Drama blind? Michel Hellriegel, der junge Träumer. Erst als Michel physisch nichts mehr sieht, kann er Pippas Tanz im Herzen wirklich spüren und mit ihr fliegen.“
Irgendeiner im Raum, vielleicht Herr M,. würde dann alle seine Weisheit ins Spiel bringen und bemerken: „Das ist das Paradoxon des Alterns und des Lernens im Alter“, und dabei leicht überheblich den Zeigefinger heben. „Wir haben so viel Wissen angehäuft – einen riesigen Apparat an Kontrolle. Manchmal müssen wir uns künstlich ‚blind‘ machen, um wieder in Resonanz mit der Welt zu treten. Wir müssen das ‚Ja, aber‘ verlernen.“
Ellen legt den Stift beiseite. „Das ist mein Fazit für heute. Wenn wir im Leben nur wie der Direktor verwalten oder wie Huhn klammern, bleibt Pippa für uns stumm. Wir müssen den Mut aufbringen, wie Michel Hellriegel zu werden: Uns dem Rhythmus des Augenblicks anzuvertrauen, ohne zu wissen, wo der nächste Schritt hinführt. Ob beim Tango im Nordend oder im echten Leben.“
Ellen packt ‚Pippa‘ wieder in den Bücherschrank und spürt ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit. Sie hat die Theorie verstanden – und demnächst, so nimmt sie sich fest vor, wird sie wieder ausprobiert. Ganz ohne Bücher.
Aber der Schlaf will nicht kommen, irgendetwas fehlt. Und plötzlich weiß sie, was es ist. Die Theorie muss in die Praxis umgesetzt werden. Und gedanklich malt sie sich aus, wie genau sie verfahren könnte, wenn sie dazu den Mut hätte –

oder ist alles vielleicht nur ein Traum? Wie die improvisierte Tanztherapie im Seminarraum
„Wissen Sie was?“, sagt Ellen und bricht mit der starren akademischen Tradition. „Wir reden hier über Verkörperung und Resonanz. Aber wir tun es im Sitzen. Lassen Sie uns die Tische beiseiteschieben.“
Ein erstauntes Gemurmel geht durch den Raum. Doch die Neugier siegt. Innerhalb von zwei Minuten ist die Mitte des Seminarraums auf dem Campus Bockenheim frei. Zwanzig Studierende stehen im Kreis.
„Ich möchte mit Ihnen eine klassische Übung aus der Tanz- und Bewegungstherapie machen“, erklärt Ellen. „Sie nennt sich ‚das Spiegeln‘. Sie basiert auf den Ansätzen von Marian Chace, einer Pionierin der Tanztherapie. Es geht um intersubjektive Synchronisation – genau das, was uns laut Psychologie hilft, das rationale Grübeln abzuschalten.“
Schritt 1: Der Impuls – Ellen bittet die Gruppe, sich im Kreis aufzustellen. „Ein Partner beginnt mit einer ganz einfachen, alltäglichen Bewegung. Kein Tanzen im klassischen Sinne. Einfach ein Heben des Arms, ein Wiegen der Hüfte oder ein rhythmisches Verlagern des Gewichts.“
Schritt 2: Das kollektive Spiegeln – Frau Sommer macht den Anfang. Sie atmet tief aus und lässt ihre Schultern im Kreis rollen. Sofort greift die gesamte Gruppe die Bewegung auf. Zwanzig Menschen rollen synchron die Schultern. Ellen spürt, wie die anfängliche Skepsis im Raum schwindet. Das synchrone Feuern der Spiegelneuronen beginnt.
Schritt 3: Der Dialog ohne Worte – Nun bittet Ellen die Studierenden, Paare zu bilden. Einer ist Michel Hellriegel (der Führende), einer ist Pippa (die Spiegelnde). „Schließen Sie für einen Moment die Augen, bevor Sie beginnen. Atmen Sie synchron. Wenn Sie die Augen öffnen, bewegt sich Michel – und Pippa folgt ohne Zeitverzögerung, wie ein Schatten im Spiegel.“
Ellen wählt Herrn Meier als Tanzpartner. Irgendwie denkt sie an Ernst Ludwig Kirchner und sein „Tanzendes Paar“ von 1920. Er hebt langsam die rechte Hand, als würde er eine unsichtbare Wand berühren. Ellen folgt ihm sofort. Ihre Finger schweben Millimeter vor seinen. Sie denkt nicht mehr darüber nach, wie das aussieht. Ihr innerer Glashüttendirektor hat Feierabend.
„Und jetzt“, ruft Ellen in den Raum, während sich die Paare fließend bewegen, „wechseln Sie die Führung dynamisch! Kein Kommando. Spüren Sie einfach, wann der Impuls des Partners endet und Ihr eigener beginnt.“
Im Raum entsteht eine faszinierende Stille, die nur vom Rascheln der Kleidung und dem Rhythmus des Atmens erfüllt ist. Die starre akademische Atmosphäre hat sich komplett aufgelöst. Nach fünf Minuten bittet Ellen alle, innezuhalten.
Frau Dr. Thalbach, die ehemalige Psychotherapeutin, blickt gerührt in die Runde. „Das ist phänomenal, Ellen“, sagt sie leise. „In der Psychologie nennen wir das kinästhetische Empathie. Ich habe meinen Partner nicht nur gesehen, ich habe seine Absicht in meinen eigenen Muskeln gespürt, bevor er die Bewegung überhaupt ausgeführt hat.“
Herr Meier lässt die Arme sinken und lächelt. „Mein Kopf ist vollkommen leer. Kein ‚Ja, aber‘ mehr. Hauptmann hatte recht: Wenn Pippa tanzt, schmelzen die eisigen Mauern des Verstandes.“
Nach diesem aufregenden Tag zwischen Hörsaal, Tanztherapie und Gerhart Hauptmann ist Ellens Kopf endlich zur Ruhe gekommen. Das ewige „Ja, aber“ hat für heute Sendepause. Lächelnd zieht sie die Decke bis zum Kinn und lauscht dem leisen Rauschen des Frankfurter Nachtwinds vor ihrem Fenster. In ihren Gedanken tanzen keine Buchstaben mehr, sondern nur noch zarte, schwingende Bilder.



