You are currently viewing “Poor Things” – Schrecken, Staunen, Wow-Effekt

„Poor Things“ das neueste Meisterwerk von Filmemacher Yorgos Lanthimos („The Favourite“) besticht besonders durch seine visuelle Vielfalt. Schwarz-Weiß-Szenen erstrecken sich über den gesamten Filmanfang und verleihen dem Film eine ganze besondere Wirkung. Korrespondieren sie doch mit Bella Baxters kindlich-begrenzter Perspektive des Erlebens der Welt. Spätestens als Bella aus ihrer vertrauten Umgebung im Londoner Haus ausbricht und in Lissabon, als zweiter Etappe ihrer Entdeckung der Welt, die Faszination dieser Stadt erlebt, kommt der Zuschauer aus dem Staunen, ob einer zuweilen überwältigenden Farbenpracht, nicht mehr heraus. In der dritten Etappe dominiert die Armut Alexandrias, in der vierten die sexuelle Moral in Paris, am Ende kommt die Heimkehr und Heimfindung zurück nach London. Der Film, auf dem Roman von Alasdair Gray beruhend, wurde 2024 mit 4 Oscars prämiert. Es gelingt ihm etwas, dass vielleicht immer seltener als Kinoerlebnis geschieht, das Changieren zwischen Schrecken, Erstaunen und Wow-Effekt.

Teilweise schockierend, erscheint die frankensteinartige Wiederbelebung und Emanzipierung der jungen Bella Baxter, die von Emma Stone glaubhaft und beeindruckend verkörpert wird. Sie hat damit ihren zweiten Oscar gesichert. Den ersten bekam sie für La-La-Land, Spitzname von Los Angeles in Kalifornien, ein englischer Slang-Begriff für Realitätsverlust, den sie mit Ryan Gosling verkörperte. Weitere Oscars heimste “Poor Things” für die besten Szenenbilder und Kostüme ein.

 „Poor Things“, zu übersetzen mit „Arme Dinger“ beginnt mit einer unglücklich verheirateten Frau, die sich von einer Londoner Brücke stürzt. Sie wird von einem wahnsinnigen Chirurgen, grandios verkörpert von Willem Dafoe, wiederbelebt. Er selber schwankt zwischen Wahnsinn und Genie, ähnelt dem Geschöpf Frankensteins mit seinen zahlreichen Narben und produziert wunderbare Dinge, wie schillernde Seifenblasen, die er während jeder seiner Mahlzeiten ausstößt. Im Laufe des Films erfährt der Zuschauer, wie er Opfer der Experimente seines Vaters wurde, aber selber als vermeintlicher Sieger über seinen Körper hervorging.

Bella nennt ihren Ziehvater später „Gott“ („God“). Godwin Baxter hat es als „Experiment“ verstanden, das zerstörte Gehirn einer jungen Frau, die er rettete als sie von einer Brücke sprang, durch das ihres ungeborenen Kindes zu ersetzen. In seinem „Experiment“ geht es um die Frage, wie lernt der kindliche Geist, gefangen in einem wunderschönen Körper einer jungen Frau, die Welt zu entdecken. Muss Bella zunächst wie ein Kleinkind alles ganz neu erlernen. bewegt sich zunächst ungeschickt und spricht kindlich abgehackt in kurzen Sätzen, gleicht sich ihre Sprache, im Verlauf des Films den immer eloquenteren Gedankengängen an. Diese Entwicklung kann nur gelingen, indem sie aus dem für sie angedachten eingeschlossenem Raum ausbricht.

Dem Zuschauer präsentiert sich damit eine Coming-of-Age-Story – bereits häufigeres Thema im UniWehrsEL. Es dreht sich um das ganz besondere Erleben des Erwachsenwerden, das unbeschwert, aufregend und tragisch sowohl vom Protagonisten selbst, als auch vom außenstehenden Beobachter wahrgenommen werden kann. Bellas körperlich-geistigen Fortschritte werden vom jungen Medizinstudenten Max McCandles, gespielt von Ramy Youssef, dokumentiert. Gutmütig, liebevoll, großzügig erscheinend, verliebt sich Max in Bella, die nach und nach ihre eigene Sinnlichkeit mit sich selbst experimentierend erforscht.

Max erhält von seinem Mentor Baxter die Erlaubnis, Bella zu heiraten. Die Bedingung ist, nicht nur mit Baxter zusammen zu wohnen, sondern auch für immer in dem von Baxter gewählten Radius eingeschlossen zu bleiben. Dies soll der zwielichtige Anwalt Duncann Wedderburn, herrlich narzisstisch dargestellt von Mark Ruffalo, dokumentieren. Neugierig geworden, wer denn auf einen solchen Ehevertrag eingehen mag, entdeckt und verführt er die willig-naive Bella.

Mit ihm geht sie nach Lissabon, stürzt sich in das Abenteuer Leben. Umwerfende Bilder einer bunt-schillernden Traumwelt, mit der berückenden Melancholie des Fado und Bildern der völlig enthemmten Bella, die als Victoria Blessington wiedererkannt wird. Sie selbst fühlt sich als Bella Baxter, weiß nichts mehr von ihrer früheren Identität.

Duncan verzweifelt an sich selbst, an Bellas Erkundung der Welt, an seiner Eifersucht. Da hilft auch die Entführung auf ein unfassbar luxuriöses Kreuzfahrtschiff nicht. Immer mehr ergibt er sich seiner Spielleidenschaft. Um das gewonnene Geld wird ihn Bella später erleichtern. Denn sie ,entwickelt, unterstützt durch die Mitreisenden die weltgewandte Martha, glaubhaft gespielt von Hanna Schygulla, und umwerfend charmant Jerrod Charmichael als Harry Astley, ein soziales Gewissen.

Harry zeigt Bella in Alexandria das Säuglingssterben in den Slums, was sie veranlasst, den Glücksspielgewinn Duncans den Armen zu schenken. Tragisch-komisch, die Geldübergabe an zwei Offiziere des Schiffs, denen sie das Geld in die Hände drückt und die versprechen, es sofort an die Armen weiter zu geben. Ein filmischer Hinweis darauf, wo das Geld für die Armen schließlich bei Spendengeldern landet.

Zahlungsunfähig müssen Bella und Duncan das Schiff in Paris verlassen, wo Bella zu ihrer Freude auf Mrs. Swiney trifft, die Bella zeigt, wie man mit Sex, Spaß haben kann und gleichzeitig Geld verdient. In dieser Welt, in der nur das Lustprinzip der Männer zählt und Bella zum ersten Mal auf die negativen Seiten der vermeintlichen Freuden stößt, entwickelt sie Freundschaft zur Prostituieren Toinette. Sie lernt sozialistische und feministische Grundlagen und beschließt Medizin zu studieren.  

Als Bellas Ziehvater „God“ unheilbar an Krebs erkrankt, kehrt Bella nach London zurück. Sie beschließt Max zu heiraten, wird aber bei der Trauung von ihrem Exmann Alfie gestört und über ihre frühere Identität aufgeklärt. Sie folgt Alfie und erfährt, was Grausamkeit bedeutet, will er sie doch ‚beschneiden‘ lassen, um sie ruhig zu stellen. Bella wollte sich in ihrem früheren Leben umbringen, Anfangsszene des Films, als sie sich von der Brücke stürzt und von God ‘gerettet’ wird, weil sie ihre Schwangerschaft und das damit verbundene Leben nicht ertragen konnte.

Zum historischen Hintergrund: Aufbegehren galt bei Frauen früher als ‚hysterisch‘. Hysterie stammt aus dem Altgriechischen „ὑστέρα hystéra“, was „Gebärmutter“ bedeutet. Als Auslöser galt das Umherwandern der Gebärmutter, wenn eine Frau sich ihrer angeblichen Bestimmung verweigere – ständig schwanger zu sein. Symptome der Hysterie sah man in extremen Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüchen, Zuckungen oder Ohnmachtsanfällen, gegen welche Frauen unter anderem Masturbation unter ärztlicher Aufsicht verschrieben wurde (zu diesem Zweck wurde der Vibrator erfunden). Der Psychoanalytiker Freud war, dass überzeugt, Symptome der Hysterie zeigten sich durch körperlich Symptome, hinter denen psychische Beschwerden, aber auch das Aufbegehren der Frauen gegen die Männer, lauerten.

Bella überwältigt ihren grausamen Exmann Alfie und lässt seine schwere Verletzung im Hause Baxters behandeln. Alfie Blessington‘s Gehirn wird gegen das einer Ziege ausgetauscht. Nachdem „God“, ihr Ziehvater, friedlich eingeschlafen ist, leben Bella und Max, ihr ehemaliger Beobachter und Assistent von “God” mit allen friedlichen Lehrmeister:innen aus der Vergangenheit, einschließlich Ziege, glücklich zusammen. Und wenn sie nicht gestorben sind …

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:12. April 2024
  • Lesedauer:8 min Lesezeit