Alltagskultur: „Yearning Man“ – Hoffnung auf Wiederkehr des ’sehnsüchtigen‘ Männertypus
Eher schweigsam, dafür sehr gefühlvoll; mit Geschenken überraschen, die sie beiläufig einmal als Wunsch geäußert hat, verletzlich und einfühlsam, das ist der sogenannte „Yearning Man“. Der Männertypus des ’sehnsüchtigen‘ Mannes hat in den vergangenen Monaten für große Aufmerksamkeit in den Schlagzeilen gesorgt.
Sehr geehrte Redaktion des UniWehrsEL,
Einige Männer betonen laut ihre „harte Seite“ im öffentlichen Raum, flüchten in Superheldenfantasien und in nostalgische „Damals war alles besser“ – Ideen, um mit martialischem Gehabe beim anderen Geschlecht zu punkten. In der Politik provozieren Tabubrecher wie Donald Trump mit rücksichtslosen Auftritten, und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz wählt eine karge, kalkulatorische, auf Effizienz getrimmte Sprache — seine Äußerung über ein vermeintliches „Problem im Stadtbild“ durch Migration wird von vielen als verletzend und diskriminierend empfunden.
Demgegenüber stehen literarische Fluchten in andere Welten, in denen Zurückhaltung, innere Spannung und Sehnsucht wieder Raum gewinnen; aus dieser Schere zwischen lauter Machtdemonstration und stillem Zurückziehen wächst der ‚Sehnsuchtsmann‘ — ein aufmerksamer, verletzlicher Typus, dessen andere Art von Stärke Nähe, Verantwortung und Resilienz neu definiert. Im Nachgang zum Seminar „Krise und Hoffnung — Überlebenskunst in bewegten Zeiten“ frage ich mich, welche Rolle Hoffnung im Alltagsleben spielt — und ob gerade in bewegten Zeiten eine neue Sehnsucht beim Leser nach einem neuen Männertyp in der Literatur entsteht oder der Wunsch, ihm in der Phantasie zu begegnen, größer wird.
er Macho setzte lange auf Lautstärke, Dominanz und Selbstdarstellung; Gefühle wurden verborgen oder instrumentalisiert, Nähe oft als Besitzanspruch behandelt. Der neue Typus — der sogenannte „Yearning Man“ — zeichnet sich dagegen durch stille Intensität aus: er sagt wenig, fühlt viel, merkt sich beiläufige Details, zeigt Zuneigung in kleinen Gesten und ist bereit, Verletzlichkeit zuzulassen. Hoffnung bei diesem Typ ist weniger theatralisch als beharrlich: sie zielt auf Verbindung, Vertrauen und beständiges Alltagsglück. (Image by Sunriseforever from Pixabay)
Literaturbeispiele verdeutlichen die Bandbreite dieses Sehnsuchtsbildes:
und Heathcliff (unser Beitrag zu Emily Brontës Roman Wuthering Hights) sind klassische Figuren, die Sehnsucht und Zurückhaltung verbinden — wobei Heathcliffs Sehnsucht in Rachsucht und Selbstzerstörung kippt und damit zeigt, dass Sehnsucht allein nicht automatisch emotionale Reife bedeutet. (Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay)
Neuere Popkulturfiguren wie Conrad Fisher aus der Serie The Summer I Turned Pretty (Der Sommer an dem ich schön wurde) verkörpern die moderne Variante dieser literarischen Figur: zurückhaltend, leidend im Stillen, aber zu tiefen Gesten fähig (etwa die Reise nach Paris um die Hauptfigur in ihrer Entwicklung zu unterstützen), und erklären, warum das junge, meist weibliche Publikum darauf so stark reagieren.
Der Boom von Romance und Romantasy auf dem Stand der Buchmesse Frankfurt 2025 sowie Bestseller wie Rebecca Yarros’ Fourth Wing zeigen, dass Sehnsucht in Medien und Mode wieder beliebter bei der weiblichen Leserschaft werden — Symbole der Liebe, leuchtendes Rot und Herzmotive kehren zurück auf die Buchdeckel. (Image by MissMilly from Pixabay)
Ernesto in Donizettis Oper Don Pasquale (unser Beitrag) ist ein prominentes Opernbeispiel: er ist der treue, leidenschaftliche Liebhaber, loyal seinem Onkel gegenüber, in Konflikte geraten, doch poetisch und verlässlich in der Garten-Szene. Ernesto ist kein Macho; seine Hoffnung manifestiert sich im Aushalten, in Loyalität und in der Bereitschaft, Verletzlichkeit zu zeigen — Eigenschaften, die dem Yearning Man entsprechen, aber ohne die zerstörerische Komponente mancher literarischer Antihelden.
Ein anderes Beispiel aus dem Opernkosmos ist Pelléas aus Maeterlincks Drama (unser Beitrag) und Debussys Oper als ein zutiefst träumerischer, sensibler und passiver Charakter: seine verbotene, tragische Liebe zu Mélisande, seine Innerlichkeit gegenüber dem eifersüchtigen, dominant auftretenden Golaud und sein fataler Tod — er wird von seinem Bruder aus Eifersucht erschlagen — zeigen eine extreme, lyrische Form der Sehnsucht. Pelléas sehnt sich nach Melisande und geht auf ihre Bedürfnisse ein, während sein Bruder Melisande als Kind betrachtet. Pelleas Verlangen ist ein Sehnen nach Liebe und Zuneigung. (Bild von Pete Linforth auf Pixabay)
In die gleiche Richtung geht auch die Figur des Boy in der Oper Written on Skin. Der Boy nimmt Agnes als Person wahr und wird für seine Schüchternheit und Zurückhaltung von ihr belohnt durch körperliche Zuneigung. Trotzdem ist the Boy auch hinterlistig, wenn er den Wunsch von Agnes nach Sichtbarkeit im Buch mit einem Text anstatt eines Bildes beantwortet. Pelléas, Ernesto und the Boy stehen im Kontrast zu aus heutiger Sicht toxischen Charakteren wie Heathcliff oder zu aktuellen politischen Akteuren.
Gesellschaftliche Daten untermauern diesen Wandel: Trotz weniger Dates sehnen sich viele Frauen nach emotionaler Tiefe in Partnerschaften — eine US-Studie zeigt, dass große Mehrheiten feste Beziehungen bevorzugen. Gleichzeitig bleibt die Warnung: Sehnsucht muss von Selbstreflexion und gesunden Grenzen begleitet werden, sonst droht die Verwandlung in toxische Obsession. (Image by Anita_Morgan from Pixabay)
Hoffnung als Alltagskompetenz heißt demnach: verletzlich bleiben können, ohne die eigenen Grenzen aufzugeben; beständig handeln statt laut zu demonstrieren; kleine Gesten statt Machtdemonstration. Fördern wir diese Haltung, stärken wir Beziehungen und erschaffen Räume, in denen Hoffnung nicht nur Gefühl, sondern Überlebenskunst wird.
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