Du betrachtest gerade Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ (nach Oscar Wilde) Spiegel und Bild als Auslöser eines Bewusstseinwerdens und Bewusstseinwandels

Der Zwerg“ entstand nach einer Erzählung von Oskar Wildes „Der Geburtstag der Infantin“ und ist Alexander Zemlinskys bekannteste Oper. Sie handelt von einer spanischen Prinzessin, die einen kleinen Menschen als besonderes Geschenk erhält. Seine kleine Statur ist ihm selbst nicht bewusst; zum großen Amusement aller anderen. Als sich Gefühle zwischen den beiden entwickeln stellt sich die Frage nach einer Beziehungschance in einer Welt, in der das Äußerliche so bedeutsam ist. Für den Kulturbotschafter des UniWehrsEL ein Einstieg in Fragen der Entwicklungspsychologie und der Ethnografischen Felkdforschung.

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

als Zuschauer, der 2015 die Aufführung von Alexander von Zemlinskys Der Zwerg am Staatstheater Mainz erlebt hat, blieb mir eine zentrale Szene lange im Gedächtnis: das erste Sehen des eigenen Spiegelbilds, das dem Zwerg nicht nur die Einsicht in sein Aussehen bringt, sondern sein gesamtes Selbstbild zerstört. Diese Oper fasst in Musik und Szene die bittere Erkenntnis zusammen, die auch die Entwicklungspsychologie beschäftigt: der Moment, in dem ein Mensch sich als ein getrenntes Ich erkennt, ist ein Wendepunkt zwischen Illusion und Realität.

Der Psychologe Charles Fernyhough ist fasziniert von der Entwicklung des kindlichen Bewusstseins und hat dazu das interessante Sachbuch „Das Kind im Spiegel: Wie Bewusstsein entsteht – die ersten drei Lebensjahre“ geschrieben. Der Klappentext beschreibt die Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter Athena. Direkt beobachtend und mit den Augen der Liebe zeigt er die bedeutsamen Transformationen des Kleinkindalters auf, „durch die sich ein schreiendes Neugeborenes in eine soziale, moralische, intelligente und seiner selbst bewussten Person verwandelt.“ (Bild von Bergadder auf Pixabay)

Vor Beginn der Inszenierung sah man die Infantin glatzköpfig und im Negligé; ein verstörender, provokanter Auftakt. Dieses bewusst verletzte Bild der Prinzessin sprengt die erwartete Oberfläche: Schönheit ist hier keine natürliche Gabe, sondern eine Maske, die erst hergestellt wird. Wenn sie sich dann für die Feier eine Perücke aufsetzt und in ein herrliches Kleid steigt, wird die Verwandlung zum Akt der Selbstinszenierung; die Perücke wird zur Währung gesellschaftlicher Anerkennung. Die Mainzer Regie macht so sichtbar, wie sehr das äußere Bild konstruiert und fragil ist und wie abhängig die Figuren von dieser Konstruktion sind.

Die Infantin versucht dem Zwerg dennoch zu helfen; ihre Hilfe ist zart, unsicher und zutiefst menschlich. Ohne Perücke, in den Momenten, in denen sie nackt und verletzlich auf der Bühne erscheint, wirkt ihr Mitgefühl am ehrlichsten: sie hört ihm zu, lässt sich von seinem Gesang berühren, gewährt ihm Nähe und kleine Gesten der Anerkennung. Diese unbewehrte, unmaskierte Infantin verbindet etwas Echtes mit dem Zwerg, – nicht äußerliche Gemeinsamkeit, sondern die Erfahrung von Verwundbarkeit und das Bedürfnis, gesehen zu werden. Beide leben hinter Fassaden; beide kennen die Einsamkeit, die aus ihr erwächst. Ihre Beziehung gründet auf stiller Empathie: sie erkennt in seiner Stimme und seiner Kunst eine Würde, die die Gesellschaft ihm verweigert, und er findet in ihr Momente, in denen sein Menschsein nicht zur Kuriosität gemacht wird. Doch die Prinzessin kann die tiefere Kluft zwischen Innen‑ und Außenbild nicht aufheben; ihre Nähe bleibt ambivalent, gebrochen von der Welt, die beide formt.

Als Kind aufwachsen, ohne je ein Spiegelbild gesehen zu haben. Ich stelle mir vor, wie das ist, als würde einem ein Teil der Welt fehlen, eine stille Rückmeldung, die uns sagt: „Du existierst.“ Ich denke an die ersten unsicheren Schritte, an das Lachen, das nachhallt, an das Spielen vor anderen Augen; und dennoch bleibt das Gesicht, das diese Bewegungen begleitet, eine unsichtbare, unbenannte Präsenz. Die Vorstellung trifft mich tief: kein schüchternes Verstecken vor dem Spiegel, kein stolzes Aufsetzen einer imaginären Krone vor dem Spiegelglas, sondern ein Erwachen des Selbst ohne diese unmittelbare, harmlos scheinende Gewissheit. Wenn dieses Kind dann plötzlich seinem eigenen Abbild begegnet, wie der Zwerg in Zemlinskys Oper, muss das Gefühl überwältigend sein. Die Freude, die Verwirrung, die Enttäuschung, vielleicht sogar das Entsetzen, wenn das innere Bild nicht mit dem übereinstimmt, was die gespiegelte Welt zurückwirft.

In der Forschung zum Selbstbewusstsein bei Kindern spielt das Spiegelbild eine besondere Rolle. Kinder beginnen, sich selbst im Spiegel zu erkennen und damit einfache Formen von Selbstbewusstsein zu zeigen, meist gegen Ende des zweiten Lebensjahres. Dieses visuelle Erkennen ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einer vollständigen Identität; es ist der Startpunkt für ein sich entwickelndes Ich-Gefühl, das später durch soziale Interaktion, Sprache und kulturelle Erfahrungen geformt wird. Ähnlich wie Zemlinskys Zwerg, der bis zum Blick in den Spiegel in einer inneren Illusion lebt, markiert das Spiegelbild für das Kind einen Übergang: Die Wahrnehmung des eigenen Körpers als Objekt und die wachsende Vorstellung eines beständigen Selbst.

Eine Projektgruppe um die Entwicklungspsychologin Prof. Monika Knopf stellt in Forschung Frankfurt (2005), dem Uni-Magazin der Goethe Universität in Frankfurt am Main, die Frage:

„Weiß denn schon der Säugling, der sich nicht verbal artikulieren kann, wer er ist?“ Und erläutert, das Selbstbewusstsein des gesunden Säuglings beschränke sich noch auf das Orientierungsbewusstsein, was er lautstark unter Beweis stelle, wenn er sich uneins mit der Welt fühle. Die Die entwicklungspsychologische Forschung zeige, dass die physische Verfassung es erst langsam erlaube, ein Selbstkonzept zu entwickeln. Auch intakte Gehirnfunktionen, körperliche Pflege und Ernährung seien notwendige, aber keine hinreichenden Voraussetzungen dafür, ein solches Selbstbewusstsein auszuformen. Darüber hinaus brauche das Kind eine stabile emotionale Bindung, ohne die seine emotionalen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten unzureichend bleiben, um ein adäquates Leben in menschlicher Gemeinschaft selbstständig führen zu können. (Bild Traumland-de from Pixabay)

Wie sich das unittelbare Selbstbewusstsein oder objektiviertes Ich entwickelt zeigt der Rouge-Test: „Das Kind bekommt Rouge auf die Wange aufgetragen und wird dann vor den Spiegel gestellt. … Erst Kinder ab dem 18. Monat wischen spontan an ihrer Wange. Das heißt: Sie beginnen, sich als »objektiviertes Ich« wahrzunehmen und zu verstehen, wie sie anderen erscheinen. … Zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen findet eine wechselseitige signalorientierte Handlungsregulation auf emotionaler, motivationaler und kognitiver Ebene statt. Von Beginn an ist der Säugling also integraler Teil einer sozialen Einheit, aus deren Begrenztheit er sich allmählich herauslöst.“

Besonders eindrücklich sind ethnologische Berichte von Forscherinnen und Forschern, die mit Menschen in Neuguinea arbeiteten, die vorher niemals Spiegel oder Fotografien von sich gesehen hatten. Studien und Feldbeobachtungen (die in verschiedenen Regionen und zu unterschiedlichen Zeiten durchgeführt wurden) zeigen, dass Menschen ohne frühere Erfahrung mit Bildern ihres eigenen Gesichts Spiegelreaktionen anders interpretieren können: Manche reagieren verwundert, manche sehen die Darstellung als ein fremdes Gesicht oder als eine soziale Darstellung, nicht sofort als „eigenes Ich“. Erst durch wiederholte Erfahrung und durch kulturelle Einbettung lernen sie, die zweidimensionale Darstellung mit ihrem Ich zu verknüpfen. Diese Befunde unterstreichen, dass Selbstwahrnehmung kein rein visueller Reflex ist, sondern kulturell vermittelt und kognitiv aufgebaut wird — ein Prozess, den Zemlinsky in musikalischer Form nachzeichnet.

Edmund Snow Carpenter (1922–2011) – geprägt durch eine frühe Begegnung mit Marshall McLuhan – war ein nonkonformistischer Anthropologe, der im Verlauf einer zutiefst unkonventionellen Laufbahn die Verbindung zwischen Anthropologie und Medienwissenschaften ergründete. Als Mitstreiter bei der Gründung der legendären Zeitschrift *Explorations* (1953–59) legten Carpenter und McLuhan das Fundament für die Medienwissenschaften. Nach zehn Jahren, in denen er an der University of Toronto Anthropologie lehrte, Radio- und Fernsehsendungen für die CBC moderierte und umfangreiche Forschungsarbeiten in der Arktis durchführte, verließ Carpenter Toronto und wurde zum „wandernden Anthropologen“.

Er nahm eine Stelle in Papua-Neuguinea (Image by Jarka21) from Pixabayan, wo er der gängigen anthropologischen Praxis entgegentrat, indem er seine Kamera den Papua in die Hand gab. Ihre erstaunliche Arbeit führte 1973 zu seinem Buch „Oh What a Blow that Phantom Gave Me!“. 

Alexander von Zemlinsky selbst steht mit seiner Lebensgeschichte im Zentrum dieser Deutung: Sein persönliches Empfinden von Anderssein, seine vergleichsweise geringe Körpergröße (je nach Quelle etwa 1,56 bis 1,58 m) und die damit verbundenen Unsicherheiten, fließt unmittelbar in die musikalische Gestaltung des Zwerges ein. Indem Zemlinsky dem Zwerg eine Sängerstimme gibt, verbindet er biografische Sensibilität mit künstlerischer Empathie; die Musik artikuliert nicht nur Wildes literarische Metapher des „Andersseins“, sondern macht daraus ein zutiefst persönliches psychologisches Porträt. Dadurch entsteht die schwer zu beantwortende, aber eindringliche Frage: Ist Zemlinsky selbst der Zwerg? Eine ausschließliche Identifikation würde zu einfach sein, aber die biografischen Parallelen verleihen der Figur eine zusätzliche Schicht — man spürt, dass die existentielle Verletzlichkeit des Zwerges auf persönlichen Erfahrungen des Komponisten beruht.

Zemlinsky macht dieses Zerbrechen hörbar. Seine Musik trägt die Nähe zu eigener Verwundung: die biografische Resonanz ist spürbar, – seine geringe Körpergröße, seine Empfindung des Andersseins, die Fragen, die ihn begleiteten, verleihen dem Zwerg eine bittere Authentizität. Ob Zemlinsky nun gleichsam selbst der Zwerg ist, lässt sich nicht einfach beantworten, – aber die Nähe ist so deutlich, dass die Figur wie ein geöffnetes Herz des Komponisten wirkt. Wenn der Zwerg singt, hört man nicht nur die literarische Metapher Oscar Wildes, man hört eine persönliche Klage, ein Ringen mit der Welt, die nicht nur ablehnt, sondern auch blind hält.

Und die Oper ist gleichzeitig ein Spiegel unserer Zeit: Der Damenchor, die infantile Suche nach Bestätigung, die Infantin, die ihre Schönheit permanent versichern lässt, all das riecht nach der heutigen Like‑Ökonomie, nach einer Oberfläche, die zum wichtigsten Maßstab wird. Man kann das Stück als scharfe Gesellschaftskritik lesen: Hier kreist alles um Schein und Bestätigung, während das Wesentliche unsichtbar bleibt. Zugleich ist es ein Künstlerdrama: ein Sänger, der mit seiner Kunst sich selbst vorstellt.

Am Ende bleibt eine universelle, schmerzliche Einsicht: Fast alle Figuren tragen einen inneren Riss zwischen dem, wie sie sich sehen wollen, und dem, wie die Welt sie tatsächlich sieht. Beim Zwerg ist dieser Riss am größten, und gerade deshalb trifft sein Untergang so tief: Er ist nicht nur eine Einzelschicksalstragödie, sondern eine Metapher für etwas Vertrautes in uns allen. Jeder kennt die Eigenschaften, die wir nicht ansehen wollen — die Spuren, die wir uns nicht eingestehen mögen. Je länger wir sie verdrängen, desto vernichtender der Moment, in dem das Spiegelglas uns zwingt, ehrlich zu sein.

Die Parallele zur Inszenierung in Mainz drängt sich auf: Die Infantin und ihr Zwerg leben in verschiedenen Wirklichkeiten; eine von äußerer Maske und Publikumserwartung, die andere von innerer Vorstellung und künstlerischem Selbstbild. Die eindringliche Musiksprache Zemlinskys und die szenische Gestaltung (von Kostüm und Licht bis zur offenen Bühne), die ich 2015 erlebte, machten spürbar, wie zerbrechlich die Identität ist, sobald das Bild des eigenen Selbst erstmals mit der Außenwelt in Konflikt gerät. (Bild Pixabay)

Kurz: Spiegel und Bild dienen als Auslöser eines Bewusstseinwerdens und Bewusstseinwandels; bei Kindern ein Schritt zur Selbstwahrnehmung, bei Menschen ohne (medialer) Bilderfahrung ein prägender Lernprozess und in Zemlinskys Oper die folgenschwere Konfrontation von Illusion und harter Realität. Die Inszenierung von Rebeka Bienek in Mainz brachte diese Themen kraftvoll auf die Bühne und machte deutlich, wie verletzlich das Ich ist, wenn es sich selbst zum ersten Mal erkennt.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL