Welche Hoffnung bleibt, wenn gewohnte Gewissheiten wegbrechen? Wie lernt man, im Abstieg ins Trauma einen Aufstieg in die Hoffnung zu finden? Das fragten wir schon im Kontext des Films „Paris Murder Mystery„. Es ging um eine akute Krise einer Psychologin, bei der alle ihre bisherigen Gewissheiten ins Wanken kamen. Nun geht es um das krisenhafte Schicksal von Thomas Newton im Musical „Lazarus“, aufgeführt am Staatstheater Darmstadt.
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
das Musical „Lazarus“ fußt auf Liedern von David Bowie und einer bewusst bruchstückhaften Dramaturgie von Enda Walsh; beides spinnt die Handlung des Romans „The Man Who Fell to Earth“ von Walter Tevis weiter und verwebt sie mit biografischen Bezügen zu Bowies Leben, insbesondere seinen Jahren in Berlin. Die Produktion verbindet Bowies Songs mit surrealen Szenen, Projektionen und einem stimmlich starken Ensemble, sodass Musik und Bild die fragmentarische Erzählung tragen.

Das Staatstheater Darmstadt zeigt mit Lazarus eine Aufführung, die in ihrem Kern wie geschaffen wirkt für das Seminar „Krise und Hoffnung„. Sascha Hawemanns Inszenierung entfaltet einen Schwebezustand zwischen absurder Realität und Rauschfantasie, in dem sich das Selbstbildnis des Protagonisten als ein Fiebertraum darstellt: Newton, ein gefühltes Alien und Außenseiter, lebt in einem selbstgewählten Gefängnis aus Luxus und Leere. Seine Tage sind geprägt von Alkohol, Fernsehen und Erinnerungen – ein Abstieg in das Trauma, der zugleich die Voraussetzung für einen möglichen Aufstieg in die Hoffnung bildet.
Inhaltlich spinnen David Bowie und Enda Walsh eine bruchstückhafte, traumartige Erzählung um die Hauptperson Newton: Der unsterbliche Außerirdische ist auf der Erde gescheitert, weil seine Mission – Wasser für seinen Heimatplaneten – erfolglos ist und ihn der Verlust seiner großen Liebe Mary‑Lou innerlich zerbrochen zurückließ. Die Handlung bleibt fragmentarisch: Szenen wechseln zwischen Newtons steriler Wohnung, Rückblenden, Probenräumen und einer nachgebildeten U‑Bahn‑Station;

Figuren tauchen auf und verschwinden, als wären sie Projektionen seiner Psyche. Manche Figuren wie die Haushälterin/Assistentin Elly, das „Mädchen“, der bedrohliche Valentine als mörderisch romantischer Luzifer und Verführer im Funny Game Liebe, erscheinen teils real, teils bloß eingebildet. Elly gleicht sich zunehmend Mary‑Lou an; das „Mädchen“ bietet Newton Halt und die Aussicht auf Ausbruch aus seiner Apathie; Valentine wird zum stilisierten Todesengel. Nebenhandlungen wie Ellys Eheprobleme lenken teils ab, doch sie eröffnen auch zusätzliche Perspektiven auf Entfremdung und Beziehungsbrüche.
Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit E. T. A. Hoffmanns surrealen Erzählungen (auch ergänzender Beitrag “ … Facetten des Bösen“) , in denen Wirklichkeit und Einbildung verschwimmen und die Liebe zu idealisierten, vielfach verwandten Frauenfiguren zentrale Rolle spielt. Hoffmann liebt in der gleichnamigen Oper von Offenbach mehrere Wesenszüge derselben Frau – etwa Olympia, die Automatenfrau, die todkranke Antonia und die Kurtisane Giulietta – die in der Erzähllogik zusammenspielen und Identität, Begierde und Projektion verhandeln. Diese Dreieinheit der Frauenfiguren entspricht Newtons Beziehung zu Mary‑Lou: Wie bei Hoffmann ist die Geliebte zugleich Projektionsfläche und Chiffre für verlorene Nähe, Sehnsucht und die Unmöglichkeit, die andere Person wirklich zu besitzen. Beide Künstler Bowie und Hoffmann nutzen surreale Situationen und verrückte Figuren, um das Zerbrechen rationaler Gewissheiten zu thematisieren – der Automat Olympia als technisches Ebenbild, Antonia als idealisierte Traumfrau, Giulietta als verführerische Teufelin, die Hoffmann den Schatten stielt: analog dazu schwanken in Lazarus reale Personen und eingebildete Erscheinungen, bis eine Unterscheidung unmöglich wird.
Diese Hoffmann‑Parallele macht deutlich, wie die Liebe in beiden Werken nicht nur persönliche Bindung ist, sondern auch Symptom einer existenziellen Krise: Die Fixierung auf eine verlorene oder unerreichbare Frauenfigur führt ins selbstgewählte Gefängnis, verstärkt Selbstzweifel und das Gefühl, ein Alien in der eigenen Welt zu sein. In Hoffmann wie in Lazarus öffnet das intensive Verharren in Sehnsucht und Illusion zugleich den Weg in Traum, Wahnsinn und schließlich – potenziell – in eine neue Hoffnung: Nur wenn die Projektionen auseinandergerissen und die Grundlagen der eigenen Identität geprüft werden, kann ein Aufstieg aus dem Abstieg beginnen.
Die musikalische Umsetzung trägt die verworrene Storyline: Die siebenköpfige Band erzeugt psychedelische Klangräume und setzt Bowies Lieder als emotionale Kommentare zu seinem Seelenleben ein. Die Songs funktionieren mal als innere Monologe, mal als Kollektivchor, der Newtons innere Gefühlswelt spiegelt. So werden Selbstzweifel, Verzweiflung über den Zustand der Erde und die Frage nach Identität nicht nur erzählt, sondern hörbar und körperlich erfahrbar. Konrad Kästners Projektionen wie Nachrichtenbilder, Filmausschnitte, das sich aus Synapsenchaos formende Gesicht Mary‑Lous, visualisieren Newtons Erinnerungskaskaden und den Zerfall rationaler Gewissheiten, die wegbrechen und Raum für neue Deutungen lassen. Das ist in der Tat ein außergewöhnlicher Stoff für ein Musical: Die Sinnkrise wird hier geradezu zelebriert.
Die Verbindung zur tatsächlichen Biografie David Bowies, insbesondere zu seinen Berlin‑Jahren, ist ein bewusst eingesetzter Interpretationsrahmen der Inszenierung. Hawemann legt Deutungsfäden aus: Bowies Aufenthalt in Berlin (DLF) in den späten 1970er/ frühen 1980er Jahren, seine Suche nach künstlerischer Neuorientierung, der Rückzug in ein Umfeld zwischen Kreativität und Drogenexzess, spiegelt sich in Newtons Rückzugsort. Kostüme, Anspielungen auf Bowies Bühnenalter‑Egos wie Ziggy Stardust (BR). Details wie schwarze Limousinen oder Verweise auf Stanley Kubricks Uhrwerk Orange,
– das häufig verbotene Werk von Anthony Burgess’, dieser dystopische Klassiker Uhrwerk Orange, in dem es um Gut und Böse, Freiheit und Zwang geht, – verknüpfen Newtons persönliche Krise mit der visuellen und biografischen Ikonographie Bowies. Diese Verbindung lässt die Frage auftauchen, inwiefern Newtons Zustand ein Spiegel auf Bowies Leben ist: ein Künstler, der in Isolation seine Identitäten ausprobiert, in Selbstzweifeln schwelgt und die Grenzen zwischen Realität und Kunst bisweilen auflöst.
Hawemann nutzt Bowies Leben nicht als bloße Biografik, sondern als instrumentalen Kontext: Die Bühnenfigur wird dadurch vieldeutiger, – ist Newton nur ein literarischer Außerirdischer oder auch ein metaphorischer Doppelgänger Bowies, dessen biografische Brüche und künstlerische Selbstexperimente eingeflossen sind?

Zum Doppelgängermotiv passt wiederum unser Beitrag zu E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“, der sich nach den Theorien zu Schatten analysieren lässt.
Die Inszenierung legt nahe, dass Bowies biografische Erfahrungen, – Berliner Exil, musikalische Wandlung, die Suche nach Stabilität, – Newtons innere Gefühlswelt mitprägen. Dadurch gewinnt das Stück eine zusätzliche Ebene: Die Verzweiflung über den Zustand der Erde und das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, erscheinen nicht nur als fiktionale Zustände, sondern als Echo realer künstlerischer Existenzkrisen.
Der Zuschauer jedoch muss im Hintergrund einen Bildersturm aushalten: Projektionen spülen aktuelle Nachrichten in die sterile Bühne wie Bilder von Donald Trump neben Szenen des Krieges in Gaza. Das erinnert hart daran, dass die Welt nicht in einem nostalgischen 1980er‑Retroparadies verharrt. Ist es ein Wunder, dass Newton an der Welt verzweifelt? Kaum, die Verzweiflung über den Zustand der Erde wird hier unmittelbar nachvollziehbar. Dennoch bleibt ihm, wie dem Publikum, die Flucht per Rakete verwehrt; diesen Einschnitt teilt Newton mit dem Zuschauer und macht die Inszenierung zu mehr als einer Biografie‑Rückschau: Sie spiegelt das Gefühl vieler, in einer Dauerkrise gefangen zu sein.

Die Verbindung zu Seminarthemen wie „Krise und Hoffnung“ wird dadurch deutlich, dass Lazarus existentielle Fragen von Selbstzweifel und Verzweiflung über den Zustand der Erde in dichter, fast verstörender Bildsprache verhandelt. Bowies Lieder und Enda Walshs bewusst bruchstückhafte Erzählung erlauben es, rationalen Gewissheiten beim Zerbrechen zuzusehen; gerade dieses Wegbrechen bildet den dramatischen Motor, der zu neuen Deutungen führt. Die Bühnenbilder, ein kalter, steriler Weißraum, Projektionen, die zuweilen Bildergewitter entfesseln, und das Entstehen eines Gesichts wie aus unkoordinierten Synapsen, verwandeln innere Krisen in sichtbare Räume. So wird die Bühne zum Labor für Überlebenskunst: Wie hält ein Mensch an Identität fest, wenn das Umfeld und die eigenen Sicherheiten zerfallen?
Auch wenn Enda Walshs Buch sich gelegentlich in Nebenhandlungen verstrickt und Figurenfragmente den Fokus trüben, gelingt der Aufführung etwas Wesentliches: Das starke Ensemble und die hervorragende Band machen die musikalische Umsetzung zur überzeugendsten Kraft des Abends. Die singstarken Stimmen und die psychedelischen Klangräume geben Newtons Apathie und seelischen Qualen eine unmittelbare, fühlbare Form. Besonders die Figur des „Mädchens“ wirkt als Hoffnungsträgerin, die Newton aus seinem selbstgewählten Gefängnis zu lösen verspricht, während Figuren wie Elly und Valentine zwischen Realem und Einbildung changieren und so Fragen nach Authentizität und Wahrnehmung aufwerfen.
Für unser Seminar liefert Lazarus reichhaltiges Material:
Die Inszenierung fordert dazu auf, über Selbstzweifel, Außenseitertum und das Gefühl, ein Alien in der eigenen Welt zu sein, zu reflektieren; sie zeigt, wie Wer sich mit Überlebenskunst in bewegten Zeiten auseinandersetzt, findet hier nicht nur eine ästhetische, sondern eine ethische und existenzielle Diskussionsgrundlage – und die Frage, ob die Rettung von außen kommt oder als innerer Aufbruch möglich ist. Ob dieses Musical für die klassischen Musicalfans geeignet ist, sei dahingestellt, weil es den Zuschauer mehr mit existenziellen Fragen als mit einem Gefühl der guten Laune zurücklässt.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL



