Im 35. Beitrag unserer Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ geht es um Burn, Ritter und die Vase mit dem Medusa Motiv. Grundlage ist Burns Rezension über die Oper Medusa: Er beschreibt die Oper als Stimme der Medusa, verweist auf die Metapher von Spiegeln, von Verurteilung und Tater-Opfer-Umkehr. Er endet mit einem Satz, der in den Zeitungen zitiert wird: „Wenn Gesellschaft Opfer zu Tätern formt, trägt sie am Ende dafür auch die Verantwortung selbst.“
Im Archäologischen Museum Frankfurt. Eine Abteilung mit griechischen Vasen. Burn – der Opernkenner und Kritiker – steht mit gesenktem Blick vor einer griechischen Amphore, Ritter – der Kommissar – streift beiläufig durch die Gänge. Beide betrachten auf der Vase eine Frau mit Schlangenhaaren und erkennt darin eine Medusa, nur Burn sieht eine Oper, Ritter sieht einen Kriminalfall.
Burn: (leise, andächtig) Siehst du, Ritter? Diese Locken – nicht Haar, Schlangen. Was für ein Bild. Medusa spukt mir die ganze Zeit durch den Kopf. Stell dir vor: eine Oper, die nicht das Monster zeigt, sondern eine Frau als Opfer.
Ritter: (blinzelt) Medusa? Kenne ich… war das nicht dieses Ungeheuer in so einer Hercules-Serie? Oder war das die Hydra? Die hatte doch – na, Köpfe nachwachsende Köpfe, richtig?
Burn: (schmunzelt) Die Hydra und ihre Köpfe sind was anderes. Medusa ist die, deren Blick Menschen versteinert. Seit Jahrhunderten Stoff für Künstler, von Da Vinci bis Picasso. Aber in Ian Bells neuer Oper, inszeniert von Lydia Steier, ist sie die Frau, die erzählt, Opfer zuerst von Poseidon, dann von Athene. Kein natürliches Monster, mein lieber Ritter, sondern das Ergebnis von Gewalt und Macht.
Ritter: (zieht die Stirn kraus) Hm. Klingt kompliziert. Also … Vergewaltigung, göttliche Rache, Versteinerung. Klingt eher nach Theatersache als nach Tatort. Apropos Tatort, es liegt hier etwas im Museum, das nicht hingehört.
Burn: (blickt auf) Was meinst du?

Ritter: (zeigt auf einen Seitengang) Da drüben, im Raum mit den Vasen; Licht an, Wache weg. Komm mit!
(Sie gehen in die griechische Vasenabteilung. Die Amphoren reihen sich wie stumme Zeugen. Ein Wärter liegt zusammengesunken neben einer Vitrine; ein schiefer Lampenschein zeichnet die Konturen eines zerbrochenen Spiegelrahmens.)
Burn: (setzt sich, flüstert) Er ist noch warm. Kein offensichtlicher Stich, keine Schusswunde. Nur dieser Rahmen, der da liegt … zerbrochenes Glas. Als ob jemand … sich wehren wollte.
Ritter: (unbeeindruckt-professionell) Keine Papiere, kein Ausweis. (überlegt) Wärter des Hauses, Markus Henze, 47. Inventarliste, laut: alleine im Nachtdienst. Schau: eine Vase ist fehlend … oder? Die Sockel sind leer. (beugt sich zu einer Amphore mit einem Medusahaupt darauf) Diese Vase fehlte auf dem Inventarzettel der letzten Tour. Wer hat Zugang? Nur Direktorin, Kuratorin, Reinigungsdienst, Sicherheitsdienst. Und wer hat etwas zu verbergen?
Burn: (die Hände aneinander legend) Die Vase… hier ist ein Lorbeerblatt eingeritzt. Bei Bell und Steier in der Oper Frankfurt steht die Medusa für die ungehörte Stimme der Frau. Was, wenn die Vase … symbolisch ist? Vielleicht hat jemand sie als Requisite für ein Stück ausgeliehen … oder gestohlen. Aber Mord?
Ritter: (genaues Hinschauen) Mord. Ich sag’s dir, Burn: niemand wird über einen zerbrochenen Spiegel stolpern und so enden, wenn nicht jemand nachgeholfen hat. Sie hat Blut an der Schläfe … stumpfe Gewalt. Es gibt etwas, das der Täter nicht wollte: dass der Wärter den Täter sah. Vielleicht hat Henze jemanden überrascht, der die Vase entwendete. Vielleicht war sie nicht nur Vase … vielleicht war darin ein Zettel, ein Beweis.
Burn: (leise, fast zu sich) Ein Beweis, der Geschichten erzählt. In der Oper ist Medusa Opfer. Wer profitiert davon, Medusa wieder als Monster zu zeigen? Wer will, dass ihr Frauenschicksal schweigen?
Ritter: (schaut zu den Überwachungskameras) Kameras offline – vorsichtig abgeschaltet. Jemand, der wusste, wo die toten Winkel sind. Jemand mit Zugang oder jemanden im Museumsbetrieb. (hält inne) Sag, Burn — du sprachst von der Inszenierung: In Bell/Steiers Medusa verwandelt Athene das Opfer, schränkt ihre Weiblichkeit ein, macht sie zur Bedrohung. Weißt du, wer in der Stadt an so einer Erzählung gerade arbeitet? Wer könnte eine Verbindung zur Oper haben?
Burn: (nickt) Die Regisseurin Lydia Steier inszeniert in Frankfurt Aida, hat das Libretto mitgeschrieben. Bei einer solchen Produktion gibt es Proben, Requisiten, Leihgaben. Auch das Schauspiel Frankfurt thematisiert Monster — Frankenstein steht demnächst auf dem Spielplan. Wenn jemand die Grenzen zwischen Kunst und Realität übertritt, könnte das… gefährlich werden.
Ritter: (notiert) Also: Wärter tot, Vase fehlt, Kameras manipuliert. Verdächtige mit Zugang: Museumsleitung, Sicherheitsfirma, Leihnehmer aus Theater- und Opernkreisen. Motive: Kunstraub, Erpressung, ideologische Auseinandersetzung um die Darstellung von Opfern und Tätern.
Burn: (nachdenklich) Oder es ist persönlicher. Wer wollte, dass ein Wärter schweigt? Wer wusste, dass er bestimmte Besucher sah? Vielleicht Henze hatte etwas entdeckt: Gespräche am Telefon, einen anonymen Brief, eine Aufforderung, eine Wegnahme.
Ritter: (knurrt) Gut. Ich lass das Haus absperren. Du bleibst hier und führst mir die Ordnung der Vasen vor — ich will wissen, welche fehlt. Und Burn— wenn du etwas über die Oper herausfindest, das nach Drohung klingt — sag es mir sofort.
Burn: (leise) In der Oper gibt es die Szene, in der Athene als goldene Statue erscheint — ein vermeintlicher Schutz, der zum Urteil wird. Vielleicht hat unser Täter auch die Aufführung am Theater Théâtre Royal de La Monnaie live gesehen oder den Stream bei Operavision verfolgt? Könnte die Aufführung den Täter angeregt haben einen Mord zu begehen oder ist das ein seltsamer Zufall? Spielt sich der Täter als Richter auf?
Ritter: (ironisch) Ein Richter, der keine Köpfe nachwachsen lässt, sondern Leute zum Schweigen bringt. Du und deine Opernmetaphern, Burn. Aber gut — finde heraus, wer zuletzt mit Henze gesprochen hat. Ich spreche mit der Direktion und checke Alibis.
Am nächsten Tag: Ritter liest Burns Rezension über die Oper Medusa.
Er liest die Überschrift, legt die Zeitung nieder und denkt kurz an die Fernsehserie Medusa, die er verwechselt hatte: Hydra, Köpfe, Sensationsmuster. Er lächelt kurz, korrigiert die Verwechslung in seinem Kopf – Medusa ist keine Hydra.
Übrigens: Die Autorin dieses Beitrags in unserer Schreibwerkstatt hat absichtlich auf Anführungszeichen verzichtet , um die Distanz zwischen Lesern und Erzählern zu erkunden und sogar Hierarchien aufzulösen. Sie versteht diesen Verzicht der Anführungszeichen als „umfassenderes Formexperiment“. Wie empfinden Sie dies, halten Sie das Experiment für gelungen und wie gefällt Ihnen ihre Geschichte um Ritter und Burn?



