Du betrachtest gerade Filmtipp „Rosalie“, die Dame mit dem Bart (Hirsutismus) – Überlebenskampf im kleinen Dorf in der Bretagne

Stéphanie Di Giusto (»La Danseuse«) stellt in ihrem ihrem Drama Rosalie eine Frau vor,  die unter Hirsutismus leidet. Eine Frau mit Bart gilt in einer Kleinstadt im ausklingenden 19. Jahrhundert als Freak. Das eigene Gesicht zu zeigen, wie es ist, wird zu einem Akt der Emanzipation. Als Inspiration für den Film über Liebe und Anerkennung diente die 1865 geborene Clémentine Delait, die als „Frau mit Bart“ eine Bar betrieb. Eine Geschichte, in der weibliche Selbstermächtigung mit dem gesellschaftlichen Klima des ausklingenden 19. Jahrhunderts kollidiert. Dazu ein Leserbrief mit bestem Dank!

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Okay, die nächste Hitzewelle im Rhein-Main-Gebiet ist absehbar: bald wieder über 35 Grad. Und ganz ehrlich – da hat man am Wochenende oft keine große Lust auf „raus gehen und die Gegend unsicher machen“, sondern eher auf: einen kühlen Drink und einen interessanten Film. Warum also nicht einen Film aus der Arte-Mediathek ansehen? Rosalie zum Beispiel ist eine Geschichte, die einen nicht nur mitnimmt, sondern auch kurz wachrüttelt. Denn sie zeigt sehr deutlich, welche Kräfte in einem Menschen stecken, wenn er nicht „passt“, wie es andere wollen – und wie Überlebenskunst manchmal damit beginnt, nicht zu verschwinden.

Rosalie aus der ARD-Mediathek passt dafür gut, gerade weil wir im Seminar „Über Lebenskunst in bewegten Zeiten“ genau über solche Fragen sprechen: Wie bleibt man handlungsfähig, wenn gesellschaftlicher Druck über einen hinwegrollt? Welche Formen von Überlebenskunst gibt es, wenn Scham, Starrheit und Fremdbestimmung zum Alltag werden?

Rosalie (Nadia Tereszkiewicz) erwacht mitten in der Nacht aus einem Alptraum. Im warmen Schein der Kerze streicht sie zärtlich über das gerahmte Porträt eines jungen Mannes in Uniform. Selbst das Kreidekreuz, das ihr Vater Paul (Gustav Kevern) auf den Holzboden gemalt hat, kann ihre innere Unruhe nicht vertreiben. Am nächsten Morgen versucht sie, die Dinge wenigstens scheinbar normal zu halten. „Gefällt ihm mein Kleid?“, fragt sie Paul, während sie sich für die Fahrt in eine ungewisse Zukunft zurechtmacht. Doch natürlich geht es längst nicht nur um Stoff und Farbe. Die Frage bleibt ohne echte Antwort, weil das Wichtigste unausgesprochen bleibt.

Enge des Dorflebens und Hoffnung auf ein selbstgestaltetes Leben

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So fährt Rosalie mit dem wenigen, was sie besitzt, mit der Pferdekutsche durch den Wald, bis sie in einem Dorf ankommt, das ihr künftig Schutz und Käfig zugleich sein soll: das Haus des Dorfwirts. Ihre Ehe ist kein Versprechen von Liebe, sondern ein Vertrag aus Zweckmäßigkeit. Abel (Benoît Magimel), ein versehrter Kriegsheimkehrer, verliert mit seiner schlecht gehenden Kneipe zunehmend den Überblick – Schulden türmen sich, und ohne Hilfe droht der Ruin. Dafür ist er bereit, eine stattliche Summe und weitere Mitgift in Kauf zu nehmen und eine Frau zu heiraten, die er nicht kennt. Der Brautvater setzt darauf, dass Versorgung und Sicherheit für seine Tochter damit gesichert sind – ungeachtet der Dinge, die sie selbst vor der Welt verborgen hält.

Rosalie´s Geheimnis

Denn Rosalie hat ein Geheimnis, das Abel erst im Moment der Hochzeitsnacht endgültig begegnet. Schon seit ihrer Kindheit leidet sie an extremer Körperbehaarung. Was ihr im Gesicht durch sorgfältige Rasur und Make-up gelingt, reicht nicht bis in die Öffentlichkeit: Dort sind es lange, hochgeschlossene Kleider, die den dichten Flaum über ihrem Körper verstecken sollen. Doch als Abel den Anblick nicht ertragen kann, bricht die Demütigung über Rosalie herein. Aus Wut und Abscheu fordert er, dass sie den Hof verlässt.

Rosalie geht nicht fort. Trotz der Verletzung bleibt sie – und versucht, sich ihren Platz im Alltag zurückzuerobern.

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Das erinnert uns stark an den Film „Maudi„, der Lebensgeschichte der tapferen Malerin Maud Lewis (1903–1970), die ihren Platz im Leben auch erst erkämpfen musste.

Auch Rosalie beginnt, sich so nützlich zu machen, dass aus Fremdheit zumindest Aufmerksamkeit wird. Ihr Weg führt sogar so weit, dass sie sich einen Bart wachsen lässt, um die neugierigen Dorfleute ins Wirtshaus zu locken. Anfangs funktioniert es. Der Laden brummt, das Interesse ist da, das Publikum kommt und starrt, als wäre Rosalie eine Sensation, die man konsumieren kann.

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Doch der Reiz des Neuen ist vergänglich. Und während das Dorf zuerst staunt, kippt die Stimmung rasch: Aus Neugier wird Ablehnung, aus vorübergehender Bewunderung wird Misstrauen. Rosalie merkt, wie schnell ein Ort, der sie „braucht“, bereit ist, sie wieder fallen zu lassen.

Der Film zeigt nicht nur die äußere Enge, sondern auch, wie sie sich ins Innere frisst. Rosalie hat Mut und gleichzeitig Angst. Sie träumt, ihr Vater würde sie erschießen, weil sie sich so zeigt, wie sie von Natur aus ist zeigt; so als hätte ihre Selbstbestimmung selbst in der Nacht keinen Platz. Gleichzeitig versteckt sie ihr Gesicht nicht, sondern taucht überall dort auf, wo sie trotz ihres Äußeren geschätzt wird. Obwohl ihre Anwesenheit im Dorf unerwünscht ist, erscheint sie zu einem Vorsingen des Mädchenchors im Kloster, weil sie dem Mädchen, das Rosalie und Abel adoptieren wollten, zugesagt hat zu kommen. Auch dadurch wird sichtbar, wie sehr Rosalie sich ein Kind wünscht, dass sie bedingungslos liebt. Sie glaubt an Bindungen und Liebe, selbst wenn andere sie ausgrenzen.

Abel und Rosalie kommen sich schließlich im Privaten näher. Erst da, nach dem formalen Eheversprechen, wird die Beziehung wirklich vollzogen. Doch die Hoffnung, die daraus entsteht, hält nicht stand. Nachdem die Adoption scheitert, bricht etwas in Rosalie auf: Sie unternimmt mehrere Selbstmordversuche. Die Entscheidungen, die über sie getroffen werden, nehmen dabei zu. Vater und Abel beschließen offenbar, dass Rosalie ins Kloster gehen soll, als könne man mit einem Ort die Unruhe einfach aus der Welt schaffen. In dieser Sackgasse für Rosalie endet die Geschichte in einer letzten großen Geste, die zugleich Flucht und Kapitulation ist. Am Ende springt Rosalie von einer Brücke in den Fluss. Abel kann sie nicht aufhalten und springt hinterher. Rosalie weiß, dass Abel nicht schwimmen kann, trotzdem muss sie nicht alleine bleiben. Sie schwimmt zu ihm. Das Ende bleibt offen

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Die französische Regisseurin Stéphanie Di Giusto erzählt eine wahre Begebenheit: Clément Delait (1865–1939), die in ihrem Dorf in Lothringen ein Café führte und durch selbst verkaufte Postkarten als „Frau mit Bart“ bekannt wurde. Für den Film verlegt Di Giusto die Handlung in die Bretagne der Zeit um 1870. Dort dominiert Barcelin (Benjamin Biolay), der Chef der örtlichen Textilfabrik, das Dorf nach seinen Regeln. Rosalie, von seiner Art ebenso angezogen wie abgestoßen, gerät schnell in die Mühlen seiner Kontrolle. Nadia Tereszkiewicz spielt sie mit einer Mischung aus Stolz und Verletzlichkeit, mit Naivität – und mit dem klaren Willen, sich nicht einfach anzupassen.

Hormonstörung?

Di Giusto überlässt es den Figuren rund um Rosalie, ihre „Erklärung“ zu finden. Der Arzt denkt an eine Hormonstörung, die prüde Dorfgemeinschaft spricht ihr dagegen schlicht das Frausein ab. Rosalie wirkt in all dem auffällig gefasst, als habe sie sich auf eine Weise mit ihrem Schicksal arrangiert. Das zeigt sich auch an ihrem Kruzifix: der bärtigen Volksheiligen „Kümmernis“, einer mittelalterlichen Legende zufolge eine Jungfrau, die in Gebeten um Verunstaltung flehte, um der erzwungenen Ehe zu entgehen – bis sie, als ihr tatsächlich ein Bart wuchs, vom Vater gekreuzigt wurde. Rosalie geht in ihrer Selbstermächtigung zwar weiter als diese Erzählung, doch dem Druck ihrer Zeit kann auch sie nicht vollständig entkommen. So zeichnet der Film das Bild einer Person, die sich gegen Regeln und Schönheitszwänge stemmt und trotzdem um Anerkennung und persönliches Glück kämpft. In der zweiten Hälfte kippt die Geschichte jedoch stellenweise in melodramatische Muster – und verliert dabei etwas an der Härte, mit der sie am Anfang die eigene Haltung behauptete.

Rosalie wird in eine Ehe gedrängt, die nicht aus Liebe, sondern aus Sicherheiten besteht. Diese Form von „praktischer Ordnung“ ist die erste Gewalt: Ihr Schicksal wird verhandelt, bevor sie selbst überhaupt sprechen darf. Doch Rosalie lernt schnell, dass stille Anpassung keine Lösung ist. Ihr Überleben beginnt dort, wo sie sich Handlungsmöglichkeiten schafft – erst im Verborgenen, dann im Kleinen, dann im Widerstand. Sie bleibt, obwohl ihr ab dem Moment der Offenbarung Demütigung zuteil wird; sie macht sich nützlich, nicht als Unterwerfung, sondern als Strategie. Wenn sie den Hof verlassen soll, bleibt sie. Wenn sie ausgestoßen wird, versucht sie Anschluss herzustellen – und sei es zunächst über eine Rolle, die andere für sie bestimmen wollen. Das ist keine Kapitulation, sondern ein gefährliches Ausprobieren: „Wenn die Leute starren, kann ich es vielleicht umdrehen.“

Gerade hier zeigt der Film seine eigentliche Stärke: Rosalie wird nicht zum Objekt erklärt, sondern als Person ins Bild gesetzt. Ihre Nähe zur Kamera macht deutlich, dass es in diesem Leben nicht um ein Spektakel geht, sondern um Entscheidungen unter Druck. Das Kruzifix, die Volksheiligenlegende, die Rituale im Hintergrund – all das ist nicht nur Folklore, sondern eine Art inneres Koordinatensystem. Überlebenskunst braucht nicht immer laute Revolution; sie braucht oft Glauben, Bilder, Gewohnheiten, kleine Standpunkte im eigenen Kopf, die verhindern, dass man ganz verschwindet.

Aufgeben ist keine Option?

Und doch bleibt der Film nicht bei bloßer Stärke stehen. Di Giusto lässt erahnen, wie begrenzt der Handlungsspielraum ist, wenn das gesellschaftliche Klima weiter an der gleichen Schraube dreht: Ausgrenzung, Gerüchte, Besitzlogik. Rosalie kann einzelne Räume verändern, aber sie kann die Ordnung ihrer Zeit nicht von heute auf morgen sprengen. Genau diese Spannung macht den Film so anschlussfähig an das Seminar: „Überlebenskunst in bewegten Zeiten“ bedeutet nicht, dass alles gelingt. Es bedeutet, nicht aufzugeben, während das Gelingen noch ungewiss ist.

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In Rosalie trifft Gesellschaft auf Person, Blick auf Würde, Scham auf Überlebenswillen. Der Film zeigt Prinzipen, die man als Zuschauer mitnehmen kann: Dass du trotz Druck deinen eigenen Weg finden musst, auch wenn er erst klein aussieht. Dass Selbstermächtigung nicht bedeutet, nie verletzt zu werden, sondern nicht zu verschwinden. Dass Mut manchmal heißt, zu bleiben und das eigene Handeln anzugehen – Schritt für Schritt. Und vor allem: dass dein Körper, deine Herkunft, deine Besonderheit kein Grund sind, dich entwerten zu lassen, sondern Anlass sein können, dir selbst wieder Raum zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Simon Syntax

Ganz herzlichen Dank an dieser Stelle an alle Schreibenden im UniWehrsEL, die für spannende und nachdenkliche Inhalte sorgen. Und natürlich an die vielen, unsere Beiträge untermalenden, Bilder auf Pixabay. Danke liebe Künstler für Euere Eindrücke und Ideen!

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:10. Juli 2026
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