Über Lucrezia Borgia, die ein UniWehrsEL Leser am Nationaltheater Mannheim gesehen hat, gibt es Vorurteile. Wurde doch schon lange popkulturell davon erzählt – z.B. in der ZDF-Serie Die Borgias von 2011 – sie sei eine Giftmischerin, Mörderin, Femme fatale, Intrigantin und Lügnerin. Bekannt wurde sie zudem als Tochter und Konkubine des Papstes und Geliebte ihres Bruders. Doch am Nationaltheater Mannheim entwickelt sich in der Oper Lucrezia Borgia das Gegenteil der bloßen Skandalstory.
Regisseurin Rahel Thiel und ihr Team lassen erkennen, wie sehr Lucrezia nicht nur handelt, sondern immer wieder negativ bewertet wird; und wie diese Blicke, Spiegelungen, Zuschreibungen sie einengen.
Diese ungeheuerlichen Zuschreibungen hat sie ihrem Nachnamen zu verdanken. Denn die Borgias gelten als eine der wohl einflussreichsten und deshalb meist gehassten Familien der Renaissance. Manche nennen sie auch „die erste Mafia des Vatikans“. Und genau hier setzt die Inszenierung an: Bleibt da überhaupt Platz für die Vermutung, dass Lucrezia Borgia in Wirklichkeit eine zutiefst unglückliche Frau und eine leidenschaftlich liebende Mutter gewesen sein könnte?

Der Seminar-Titel Unter Spiegeln trifft den Kern dieser Inszenierung: Spiegel sind hier nicht bloß Requisiten, sondern ein System. Sie vervielfältigen nicht nur einen Eindruck, sondern legen fest, welche Perspektive überhaupt als „Wahrheit“ gilt. Lucrezias Ruf, der von der Nachwelt zur „bösen“ Projektionsfläche gemacht wurde, wirkt wie ein öffentliches Schaufenster. Wer sie sieht, sieht zwar scheinbar Verschiedenes, doch im Ergebnis bestätigt jeder wieder dasselbe Klischee. So verwandelt sich Lucrezia von einer Person in eine Projektionsfläche für die Wünsche, Träume und Sehnsüchte des Zuschauers.
Vermeintliche Lucrezia Borgia im Städl-Museum Frankfurt?
Im Städel Museum lassen sich zwei Gemälde betrachten, die zeigen, wie stark solche Zuordnungen mitwirken. Das „Lucrezia Borgia“-Bildnis wird dort mit dem berühmtesten Werk von Anselm Feuerbach verbunden: Bildnis einer Römerin in weißer Tunika und rotem Mantel (ca. 1862–1866).
Daneben besitzt das Museum Idealbildnis einer Kurtisane als Flora (um 1520) von Bartolomeo Veneto: Traditionell galt dieses Gemälde als Porträt der skandalumwitterten Renaissance-Fürstin Lucrezia Borgia. Tatsächlich zeigt es jedoch – nach heutiger Auffassung – eine unbekannte Kurtisane. Gerade diese Diskrepanz macht den Mechanismus des Spiegelns deutlich: Der Blick der Betrachter wird auf ein Gemälde durch eine vertraute Legende beeinflusst, bis aus einem vermeintlich gesichteten Motiv eine scheinbar „passende“ Figur wird.
So wird an die kontroverse Figur „Lucrezia Borgia“ im Museum nicht nur erinnert, sondern ihr Skandalleben fortgeschrieben und weitererzählt. Der Name sorgt für Aufmerksamkeit beim Betrachter, die ein anderer Titel wohl nicht erregt hätte. Genau mit dieser Idee der Aufmerksamkeit durch den berühmten Namen spielt auch die Inszenierung: Die Kunstfigur Lucrezia wirkt wie das Ergebnis solcher Zuschreibungen wie schillernd, skandalumwoben. Doch was ist die Ursache für diese Einstellung des Publikums zur Person Lucrezia Borgia und wie deutet die Regie die Figur in der heutigen Medienwelt?
Donizettis Interpretation von Lucrezia Borgia
Gaetano Donizetti nähert sich der Titelfigur in seiner Oper Lucrezia Borgia (1833) mit psychologischer Präzision. Er bricht mit der Tradition der Opera seria und schafft ein psychologisch ausgefeiltes Porträt einer Frau, die zwischen Macht, Schuld und Sehnsucht gefangen ist. Das ist mehr als ein guter Stoff für ein Operndrama: Es ist die Suche nach dem Menschen hinter dem schrillen Ruf. In der Inszenierung am Nationaltheater Mannheim erzählt Regisseurin Rahel Thiel die Geschichte einer Einzelgängerin in einer von Männern dominierten Welt, die sich dem Verhängnis ihres Namens widersetzen will. Und dieser Wille zeigt sich nicht zuletzt über das Motiv des Spiegelns: nicht als Deko, sondern als Haltung. Lucrezia fühlt sich beobachtet und verurteilt. Und das Beobachten ist hier wie ein Spiegel, der kein Mitgefühl zulässt, sondern nur das produziert, was andere sehen wollen.
Fabian Wendlings Bühnenbild macht aus dieser intriganten Männerwelt einen Raum, in dem Lucrezia stets „durch“ Blicke hindurch erfährt, was sie sein soll. Ein Ort, an dem Macht, Liebe und Schicksal aufeinanderprallen wie in einem Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Übergroße Schlagzeilen in schwarz-weiß-roten Lettern kleiden die Bühne aus; wie Lettern, die schon vorher festlegen, wie man die Figur zu lesen hat. „Lucrezia Borgia – Heilige oder Hure“, „Wer hat Angst vor Lucrezia Borgia?“, „Die Borgia wollen den französischen Hof infiltrieren“, „Orgia“.
Das sind nicht bloß Zitate, sie verdeutlichen wie heute der Boulevard-Journalismus funktioniert: Buchstaben werden aus dem Kontext herausgelöst, hin- und hergeschoben, Möbelstücken gleich. So wird aus Sprache ein Urteil über einen Menschen. Die Oper wird dadurch zu einem Drama, über das die Presse berichtet. Und was in der Presse steht, erscheint als tatsächliche Realität. Lucrezia wird zur Projektionsfigur für Ängste, Faszination und Vorurteile der Leser des Boulevard-Journalismus.
Donizettis Musik, besonders im Belcanto-Gewand der Koloratur, macht diesen Konflikt für den Zuschauer hörbar. Lucrezia wirkt nicht wie ein eindimensionales Monster, sondern wie eine Frau, die zwischen Macht und Sehnsucht, zwischen Schuld und dem Wunsch nach einem letzten Ausweg steht. In der Inszenierung wird das dadurch das Motiv des beobachtet Werdens zugespitzt: Fabian Wendlings Bühnenbild wirkt wie ein Raum, in dem Lucrezia sich selbst nicht entkommen kann, weil ständig „über sie“ gesprochen und geschrieben wird. Die übergroßen Schlagzeilen in schwarz-weiß-rot sind dabei mehr als eine profane Kulisse: die Schlagzeilen sind Abbilder der Medienöffentlichkeit. Sie zeigen nicht, was Lucrezia ist, sondern was die Presse behauptet, dass sie sei.
Victor Hugos Theaterstück und der Mechanismus der Schlagzeile
Die eindringliche Story der Oper geht auf Victor Hugos gleichnamiges Theaterstück von 1833 zurück. Dort wird Lucrezia zur unfreiwilligen Mörderin ihres eigenen Sohnes. Inkognito rettet sie ihn zunächst, aber das wird später ihr zum Verhängnis. Gerade dieses Wechselspiel von Erkenntnis und Verkennung wird in der Oper Mannheim als Spiegelbild für die moderne Gesellschaft lesbar gemacht: Lucrezias Inkognito ist nicht nur Handlung, sondern ein Gleichnis dafür, wie sehr prominente Menschen im Spiegel der öffentlichen Wahrnehmung leben.

Negativ-schrille Schlagzeilen prägen das öffentliche Bild ihrer schillernden, aber umstrittenen Persönlichkeit.
Besonders deutlich wird das in dem Moment, in dem Lucrezia als „maskierte Diva“ in der zentralen Szene ihren Sohn sieht. Die Maske gleicht einem zweiten Spiegel: ein Bild, das Lucrezia selbst darstellt, während die Wirklichkeit dahinter – die echte Mutterliebe – im Verborgenen bleibt. Für Gennaro beginnt damit ein Seelendrama, das wie ein Echo wirkt: Er verliebt sich nicht einfach in eine wunderschöne Frau, sondern in eine Projektion—und merkt doch, dass in diesem Bild etwas Ursprüngliches versteckt ist. Gerade weil Lucrezias Identität zunächst verborgen bleibt, prallen zwei Wahrheiten aufeinander: das, was der Name vorgibt, und das, was das Herz erkennt. Erst spät, wenn der Sterbende alles verliert, wird die Maskerade aufgelöst: Lucrezia ist nicht nur eine schillernde Schlagzeile, sondern ein echter Mensch – und die Tragik liegt darin, dass dieser Mensch nur dann sichtbar werden darf, wenn es bereits zu spät ist.
So wird die Oper zur Kritik an dem System des Boulevard-Journalismus. „Lucrezia Borgia“ zeigt, wie Geschichte und Kultur aus Menschen Ikonen machen; und wie solche Ikonen wieder auf die Gesellschaft wirken, als wären sie Fakten. Die Inszenierung macht klar: Spiegel sind nicht neutral. Sie können entstellen, stempeln, festschreiben. Aber Spiegel können – im Wechsel von Ignoranz zu Erkenntnis – auch kurz den Raum öffnen, in dem ein anderer Blick auf eine Person möglich wird.
Die Inszenierung von Regisseurin Rahel Thiel ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen das bequeme Urteil. Und sie stellt eine interessante Frage: Wie viel von uns ist Selbstbild und wie viel wahrhaftig? Bei Lucrezia scheint die Antwort bitter, aber konsequent: Ihr Leben wird von schrillen Schlagzeilen der Boulevardpresse dominiert. Der Mensch Lucrezia Borgia und ihr brennendes Bedürfnis nach Liebe verschwinden hinter der Maschinerie des Boulevards.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL




