Du betrachtest gerade Filmempfehlung: „Auf zwei Rädern“ (Originaltitel: À bicyclette!, Regie: Mathias Mlekuz)

In der „Harmonie“ (Arthouse-Kinos) in Frankfurt läuft im Juli 2026 die ‚quasidokumentarische‘ Tragikomödie „Auf zwei Rädern“. Inhaltlich geht es um die wahre Tragödie des Regisseurs, dessen Sohn sich das Leben nahm. In Gedenken an ihn fährt er dessen alte Radroute nach. Es geht um Trauerbewältigung und eine wunderbare Freundschaft.

Auf zwei Rädern“ (im Original À bicyclette !) gehört zu den Filmen, an die man lange zurückdenkt. Zwei unkonventionelle Freunde um die 60 (Mathias und Philippe) und der Terrier Lucky radeln von der französischen Atlantikküste bis nach Istanbul. Sie folgen exakt der Route von Mathias’ verstorbenem Sohn Youri anhand von dessen altem Fotobuch. Der Film verzichtet dabei auf eine stringente, spannungsgeladene Story oder touristische Postkartenmotive. Das einzige Kontinuum ist die Reiseroute und das emotionale Sortieren der Gedanken während der Fahrt.

In diesem Film scheinen Realität und Fiktion zu verschwimmen. Da ist zunächst das ungleiche Duo. Die Männer wirken komplett unsportlich für eine solche Mammuttour. Mathias kämpft mit Übergewicht, Philippe raucht Kette und trägt teilweise Anzug und Krawatte auf dem Rad. Gezeigt wird eine ungewohnte Facette von Männerfreundschaften im Kino. Die Protagonisten offenbaren sich als zutiefst verletzlich, weinen hemmungslos vor der Kamera und fangen sich im nächsten Moment durch absurden Humor wieder auf. Philippe agiert als emotionaler Anker, der ohne Floskeln Trost spendet. Männliche Emotionalität erscheint in einem Kinofilm als ungewöhnlich.

Da Mathias Mlekuz seine echte Trauer verarbeitet, oszillieren die Schauspieler fließend zwischen ihren realen Persönlichkeiten und improvisiertem Schauspiel. Dabei bleibt die lose geführte Handkamera von Florent Sabatier stets auf Augenhöhe der Figuren. Sie erzeugt eine intime, dokumentarische Spontaneität, die auf künstliche Dramatisierung verzichtet.

Dabei werden bestimmte  Sinnbilder als Motive deutlich. So gilt das Fahrrad  hier weniger als Sportgerät, sondern als Werkzeug der Entschleunigung und Metapher für den Lebensweg (Weitermachen, Balance halten). Auch die improvisierten Clowns-Auftritte der Freunde haben eine tiefere Bedeutung. Unterwegs treten die beiden in Schulen als Clowns auf – ein direktes Erbe des Sohnes, der ebenfalls Clown war. Es symbolisiert das bewusste Erzeugen von Freude trotz innerem Schmerz.

Der Zuschauer spürt die zentralen Themen und Kernbotschaften. Es geht vor allem um Trauerarbeit versus Lebensfreude. Der Film beweist, dass tiefer Verlust und Humor sich nicht ausschließen. Die Trauer lässt sich nicht „davonstrampeln“, aber sie wird durch das Unterwegssein verarbeitet. Eine ultimative Antwort auf die Frage „Warum“ bleibt eine Illusion. Der Film verweigert dem Zuschauer ein klischeehaftes Happy End oder die „eine große Erkenntnis“. Er zeigt stattdessen, dass Trost in kleinen, zwischenmenschlichen Momenten und im Zulassen von Gefühlen liegt.

Ein wesentlicher Aspekt liegt in der Trauerbewältigung durch physische Bewegung. Das folgt einem bestimmten Konzept. Die kilometerlange Radtour von Frankreich bis nach Istanbul fungiert als Katalysator für den inneren Heilungsprozess. Für den Zuschauer bewirkt dies die Erkenntnis, dass Trauer nicht statisch in einem geschlossenen Raum bewältigt werden muss. Durch das „Strampeln“ und die körperliche Erschöpfung wird der Schmerz externalisiert. Die Bewegung nach vorne symbolisiert das Weiterleben, ohne das Andenken an den verstorbenen Sohn zurückzulassen.

Wunderbar wird in diesem Film die Dekonstruktion klassischer Männlichkeitsbilder gezeigt. Das Roadmovie

(ein Genre, das wir auch im Film „Das tiefste Blau“ von Gabriel Mascarobricht erlebten) bricht radikal mit dem filmischen Stereotyp des emotional verschlossenen, unbezwingbaren Mannes. Mathias und Philippe sind weder sportliche Vorbilder noch unnahbare Helden. Sie weinen offen vor der Kamera, zeigen Erschöpfung und extreme Verletzlichkeit. Ihre Freundschaft basiert auf bedingungsloser emotionaler Unterstützung und dem mutigen Zulassen von Schwäche, was eine moderne, sensible Form von Männlichkeit im Kino etabliert.

Der Film verknüpft die tiefe Tragik des Suizids direkt mit absurdem Humor und Clownsauftritten.

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(Humor als Überlebenskunst zeigten wir auch in unserem Beitrag „Zack. Eine Sinfonie“ von Daniil Charms). Darin zeigt sich die Dualität von Schmerz und Humor. Da der verstorbene Sohn Clown war, führen die Väter diese Kunst auf der Reise fort. Dies verdeutlicht die Kernthese des Films: Lebensfreude und tiefe Trauer schließen sich nicht aus, sondern existieren nebeneinander. Der Humor dient hierbei nicht als Verdrängungsmechanismus, sondern als überlebenswichtiges Ventil.

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In dem bewegenden Roadmovie „Auf zwei Rädern“ (À bicyclette!) führt die emotionale Reise der beiden Freunde quer durch den europäischen Kontinent. Sie legen dabei eine Strecke von rund 3.000 Kilometern zurück. Auf ihrem Weg durchqueren Mathias und Philippe insgesamt 7 Länder: Frankreich (Start an der Atlantikküste, entlang der Loire); Deutschland (vorbei an der Donau); Österreich (inklusive eines Zwischenstopps in Wien); Ungarn; Rumänien (durch die Karpaten); Bulgarien; Türkei (Zielort Istanbul).

Da der Film im quasidokumentarischen Stil ohne feste Drehbücher entstand, spiegeln die Stationen echte, oft zufällige und teils absurde Begegnungen der Reise wider: Der Start in La Rochelle: Die Reise beginnt an der französischen Atlantikküste. Die Freunde brechen direkt nach einer emotionalen Abschiedsfeier mit der Familie auf. Als Kompass dient ihnen ausschließlich das alte Fotobuch des verstorbenen Sohnes Youri. Sie legen einen Zwischenstopp in Wien (Österreich) ein. Hier prallen Welten aufeinander. Das Duo mietet sich in ein Airbnb ein und trifft auf eine extrem strenge Wiener Vermieterin. Sprachbarrieren und deren strikte Hausregeln sorgen für eine der humorvollsten und skurrilsten Szenen des Films (inklusive eines unerwarteten gemeinsamen Nachtbads). Weiter geht es nach Budapest (Ungarn).  Die Stadt markiert einen visuellen Wendepunkt, an dem die beiden Freunde realisieren, wie weit sie bereits aus ihrer gewohnten französischen Heimat herausgekommen sind. Schließlich landen sie in einem Dorf in den Karpaten (Rumänien. Inmitten der rauen, melancholischen Berglandschaft treffen Mathias und Philippe auf einen ausgewanderten Franzosen. Sie sitzen gemeinsam vor dessen abgebranntem Haus und philosophieren tiefgründig über das Leben, Verlust und das Altern.

    Die Musik im Film

    Die musikalische Untermalung ist ein zentrales Element des Films und wurde beim Festival du film francophone d’Angoulême sogar mit dem Preis für die beste Filmmusik ausgezeichnet.  Die originale Partitur wurde von dem französischen Komponisten Pascal Lengagne erschaffen, einem langjährigen Freund des Regisseurs. Die Musik spiegelt die emotionale Balance des Films zwischen tiefer Trauer, Intimität und Humor perfekt wider. Die Basis bilden ein melodiöses Piano, sanfte Folk-Gitarren und ein lockeres Pfeifen, was das Gefühl des gemütlichen Vorankommens auf dem Fahrrad untermalt. Je weiter die beiden Freunde nach Osten vorankommen, desto mehr verändert sich der Soundtrack und greift die Musik der jeweiligen Regionen auf. Dazu gehören: Jazz Manouche (Sinti-Jazz, z.B. im Stück „Château de bran“ in Rumänien); Jahrmarkt- und Zirkusmusik (passend zum Clown-Motiv des verstorbenen Sohnes); Griechische Tänze („Au hammam“); Arabisch-orientalische Klänge („Danse avec Marzieh“), wenn sie sich dem Ziel in der Türkei nähern.

    Foxterrier von vamosrayitoo0 auf Pixabay

    Im „Rad-“ bzw. Roadmovie Auf zwei Rädern entfaltet sich die emotionale Dynamik vor allem durch die skurrilen Begegnungen an den einzelnen Zwischenstationen und durch den heimlichen Star des Films: den Hund. Der mitreisende Vierbeiner ist ein Foxterrier namens Lucky. Er ist weit mehr als nur ein Haustier; er erfüllt eine tragende erzählerische und psychologische Funktion im Film.  Er ist der emotionale Puffer. Wenn die Gespräche zwischen Mathias und Philippe zu schmerzhaft oder die Schuldgefühle wegen des Suizids des Sohnes zu erdrückend werden, lenkt Lucky die Aufmerksamkeit zurück ins Hier und Jetzt. Lucky dient als das verbindende Glied. Als stummer, treuer Begleiter schweißt er das ungleiche Duo noch enger zusammen. Er klagt nicht über die Strapazen der 3.000 Kilometer und symbolisiert die bedingungslose Loyalität der Freunde. Zudem sorgt er für den Humor-Faktor. Lucky sorgt für visuelle Komik – sei es, weil er ungerührt im Fahrradkorb thront, während die beiden Männer sich völlig unsportlich die Berge hinaufquälen, oder weil er bei den improvisierten Clownsauftritten der Väter eine Statistenrolle einnimmt. Lucky ist stets dabei und dominiert in den wichtigsten Stationen der Reise.

    Inspiriert von Youri, der selbst als Clown gearbeitet hatte, halten die beiden Väter immer wieder an Grundschulen an. Sie werfen sich in Kostüme und bringen die Kinder zum Lachen – ein rührender Versuch, das Erbe des Sohnes lebendig zu halten. Ihr Ziel ist Istanbul (Türkei).  Am Schwarzen Meer angekommen, verweigert der Film ein kitschiges Hollywood-Finale. Stattdessen treffen sie Youris letzte große Liebe. Diese Begegnung bringt keine magische Heilung, liefert Mathias aber den nötigen, tröstlichen Abschluss seiner Spurensuche.

    In der Struktur von „Auf zwei Rädern“ spielen sowohl der überlebende Sohn als auch die letzte Freundin des Verstorbenen eine entscheidende, tief emotionale Rolle. Da der Film die reale Tragödie des Regisseurs Mathias Mlekuz verarbeitet, fließen auch hier Realität und Fiktion eng ineinander: Der überlebende Sohn heißt im echten Leben wie im Film Josef Mlekuz. Hier wird die Tragik einer emotionalen Bürde deutlich. Für den verbliebenen Bruder ist die Situation extrem komplex. Während der Vater (Mathias) versucht, den Schmerz durch die Reise aktiv zu verarbeiten, trägt der überlebende Sohn oft die Last der Zurückgebliebenen. Der Film thematisiert subtil das Phänomen, dass Geschwister von Suizidopfern in ihrer eigenen Trauer manchmal „übersehen“ werden, weil der Fokus der Eltern so stark auf dem Verlust liegt.

    Wesentlich ist hier die gemeinsame Aufarbeitung. Regisseur Mathias Mlekuz reiste im echten Leben nach dem Tod seines Sohnes Youri zunächst mit Josef nach Brasilien, um Zeit miteinander zu verbringen und das Trauma als Familie zu greifen. Im Film selbst fungiert Josef als wichtiger Ankerpunkt, der zeigt, dass das Leben für die verbliebene Familie trotz der riesigen Lücke weitergehen muss.

    Auch die Freundin des Toten (Marziyeh) bekommt eine besondere Bedeutung. Youris letzte große Liebe wird im Film von Marziyeh Rezaei gespielt und taucht am finalen Zielort der Reise auf. Das Treffen mit ihr in der Türkei ist der emotionale Höhepunkt und gleichzeitig der bewusste Antiklimax des Films. Mathias sucht sie auf, um durch ihre Erinnerungen noch einmal eine Verbindung zu seinem Sohn herzustellen. Dabei gibt es keine magische Heilung. Der Film verzichtet auf ein kitschiges Hollywood-Ende, in dem dieses Treffen alle Wunden schließt. Stattdessen zeigt sich die Begegnung zweier Menschen, die denselben geliebten Menschen vermissen. Sie teilen Anekdoten und Trauer.

    Der Abschluss erscheint tröstlich. Für Mathias wird diese Freundin zum lebenden Beweis dafür, dass sein Sohn auf seiner Reise Spuren hinterlassen hat – dass er geliebt wurde und glückliche Momente erlebte. Es gibt dem Vater den nötigen Frieden, um die Reise zu beenden und das Schicksal seines Sohnes schrittweise zu akzeptieren.

    Die Aufarbeitung der Schuldgefühle in der Familie

    Das Thema der Schuldgefühle und die Einbindung der realen Familie stehen im absoluten Zentrum der emotionalen Kraft von „Auf zwei Rädern“. Da Regisseur Mathias Mlekuz seinen eigenen, realen Verlust verarbeitet, greift der Film die quälende Frage nach dem „Warum“ mit einer beispiellosen Radikalität und Ehrlichkeit auf.  Der Film bricht mit dem Tabu, dass Trauernde „stark“ sein müssen, und beleuchtet die Zerrissenheit der Hinterbliebenen. Es gibt keine Antwort auf die quälende Frage nach dem Versäumnis.  Erst im späteren Verlauf der Reise wird der genaue Hintergrund von Youris Tod explizit thematisiert. Während der langen, monotonen Stunden auf dem Fahrrad brechen die Schuldgefühle aus Mathias heraus. Er stellt sich die klassische, zerstörerische Frage aller Eltern nach einem Suizid: „Was habe ich übersehen? Warum habe ich die Signale meines eigenen Kindes nicht verstanden?“

    Deutlich wird die unbewusste Überforderung des Umfelds. Der Film zeigt feinfühlig, wie schwer es für die Familie ist, mit dieser Schuld umzugehen. Der Schmerz droht alles andere zu überschatten. Genau hier wird die Figur des besten Freundes Philippe so wichtig: Er korrigiert Mathias’ verzerrte Selbstwahrnehmung nicht mit psychologischen Floskeln, sondern erträgt die Schuldzuweisungen einfach mit ihm und fängt ihn auf, wenn der emotionale Druck zu groß wird. Es gibt keine Auflösung der Schuld.  Der Film liefert bewusst keine rationale Antwort. Die Erleichterung entsteht nicht dadurch, dass die Schuld verschwindet, sondern dadurch, dass Mathias lernt, sie als Teil seiner veränderten Realität zu akzeptieren, statt sie ‚wegzustrampeln‘.

    Die tiefe Bedeutung des überlebenden Sohnes (Josef)

    Die Besetzung von Mathias‘ echtem Sohn Josef Mlekuz verleiht dem Film eine fast schmerzhafte Authentizität. Dabei wird die Abschiedsszene zum Schlüsselmoment. Am Anfang des Films gibt es eine große Abschiedsfeier in Frankreich. Hier wird die Dynamik sofort spürbar: Josef bleibt zurück, während der Vater aufbricht. Es thematisiert die Einsamkeit des überlebenden Geschwisterkindes. Während der Vater auf Spurensuche geht, muss der Sohn im Alltag mit der Lücke leben. Es geht im Film auch um den Schutz der Lebenden. Josef im Film zu haben, ist für Mathias Mlekuz ein erzählerisches Statement: Es ist eine Liebeserklärung an das Kind, das noch da ist. Es zeigt den inneren Konflikt des Vaters, der sich einerseits nach dem toten Sohn sehnt, aber gleichzeitig begreift, dass er für den lebenden Sohn eine Verantwortung hat. Josefs Präsenz erinnert den Zuschauer daran, dass die Trauerarbeit der Eltern nicht dazu führen darf, die Lebenden aus den Augen zu verlieren.

    Das Treffen mit der Freundin des Toten (Marziyeh) in Istanbul

    Die Begegnung mit Marziyeh Rezaei am Zielort am Schwarzen Meer bricht die Einsamkeit der Schuld auf. Die beiden Freunde treffen in Istanbul nicht nur auf Josef, sondern auch auf die letzte große Liebe des Verstorbenen. Es zeigt sich die Spiegelung des Schmerzes. Als Mathias und Josef Marziyeh in Istanbul treffen, eröffnen sich neue Perspektiven auf Youri. Sie kannte eine ganz andere, glückliche und verliebte Seite des Sohnes, die der Vater und der Bruder in dessen letzten Monaten vielleicht nicht mehr gesehen haben. Das bedeutet eine Befreiung von der Exklusivität der Trauer. Durch das Teilen von Erinnerungen mit Marziyeh verstehen die Angehörigen, dass Youris Leben nicht nur aus dem tragischen Ende und der familiären Dynamik bestand. Zu sehen, dass Youri in der Ferne tiefe Spuren hinterlassen hat und geliebt wurde, nimmt ihnen einen Teil der erdrückenden Last. Es verlagert den Fokus von der Frage nach dem Tod hin zur Feier des Lebens, das Youri geführt hat.

    Die Freundschaft und die Gespräche auf der Route

    Weil die Freunde während des Drehs auf ihrer Tour nach Istanbul oft bis zu einer Stunde am Stück bei laufender Kamera sprachen, entwickeln die Dialoge über die Schuld eine ungefilterte, psychologische Tiefe. Die Monotonie einer solchen Reise wirkt als als Katalysator. In den ersten Tagen herrscht noch Aufbruchsstimmung vor. Doch je länger die Straßen werden und je größer die körperliche Erschöpfung ist, desto mehr bröckelt die Fassade. Die Schuldgefühle brechen meistens abends am Lagerfeuer, in billigen Hotelzimmern oder bei quälenden Bergauf-Passagen hervor.

    Dann kommt das „Was wäre wenn“-Gespräch. In einer Schlüsselszene bricht Mathias zusammen und gesteht Philippe seine größte Qual: die Rekonstruktion der letzten Tage vor dem Suizid. Er fragt sich, ob ein bestimmtes Telefonat, ein nicht gesagtes Wort oder seine eigene Karriere als Regisseur den Sohn erdrückt haben. Er drückt die klassische Ohnmacht von Eltern aus, deren Kind eine innere Dunkelheit verbarg, zu der niemand Zugang hatte. Philippe wird seiner Rolle als Blitzableiter gerecht. Die Gespräche sind deshalb so stark, weil Philippe (gespielt von Philippe Rebbot) nicht versucht, die Schuld therapeutisch wegzudiskutieren. In einer Szene, in der Mathias sich wütend selbst die Schuld gibt, sagt Philippe sinngemäß: „Du konntest es nicht verhindern. Aber du bist jetzt hier. Du fährst seine Kurven. Das ist alles, was zählt.“ Er erträgt Mathias‘ Tränen und Wutausbrüche, ohne wegzusehen.

    Ein wesentliches Ventil gegen den überwältigenden Schmerz ist Humor.  Wenn die Schuldgespräche zu erdrückend werden, bricht das Duo sie oft selbst durch absurden Humor auf. Nach einem hochemotionalen Ausbruch über den Verlust folgt im Film oft ein banaler Streit darüber, wer das letzte Hundefutter eingepackt hat oder warum Philippe schon wieder auf dem Fahrrad raucht. Der Film zeigt dadurch meisterhaft: Die Schuld verschwindet auf den 3.000 Kilometern nicht. Aber durch das Aussprechen verliert sie ihre zerstörerische, isolierende Macht.

    • Beitrags-Kategorie:Blog
    • Beitrag zuletzt geändert am:14. Juli 2026
    • Lesedauer:13 Min. Lesedauer