Du betrachtest gerade Bockenheimer Depot Manfred Trojahns Oper „Enrico“ (2018): Identität und Rollenspiele mit Doppelgängern

Im Feuilleton Frankfurt wurde „Enrico„, die dramatische Komödie in neun Szenen von Manfred Trojahn (*1949), hoch gelobt. Ihre Uraufführung war in  Schwetzingen, im Bockenheimer Depot geriet sie zu einer „wahnwitzigen, virtuosen Frankfurter Erstaufführung“. Intendant Bernd Loebe begeistert, weil er das Haus immer wieder für moderne Werke öffnet. Der Kulturbotschafter greift die Inszenierung im Kontext des Doppelgänger-Seminars wieder auf.
 

Liebe Leserschaft des UniWehrsEL,

Image K. W.

im Rahmen des Seminars „Doppelgänger: Identität im Duplikat“ möchte ich von einer Opernaufführung berichten, die bereits im Januar 2018 im Bockenheimer Depot zu sehen war: Enrico. Regisseur Tobias Heyder gelingt dabei eine psychologisch-spannende Inszenierung mit einer sehr überzeugenden Personenführung. Obwohl die Vorstellung bereits einige Jahre zurückliegt, erscheint ihre zentrale Frage weiterhin aktuell: Wie entsteht Identität, und was geschieht, wenn ein Mensch dauerhaft in die Rolle eines anderen versetzt wird?

Enrico ist ein Opernkrimi nach Luigi Pirandellos Schauspiel Enrico IV, das 1922 uraufgeführt wurde. Es gab auch 1984 eine Filmfassung davon. Die Musik stammt von Manfred Trojahn und wurde 1991 komponiert. Enrico ist ähnlich wie ein klassischer Krimi aufgebaut. Zu Beginn wird eine rätselhafte Ausgangssituation geschaffen: Enrico lebt seit zwanzig Jahren in der Rolle des Königs Heinrich IV., und zunächst bleibt offen, ob er tatsächlich verrückt ist oder seinen Wahnsinn nur vorspielt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer müssen nach und nach herausfinden, was wirklich geschehen ist und welche Motive die einzelnen Figuren verfolgen.

Die Spannung entsteht deshalb weniger durch die Frage, wer der Täter ist, sondern vielmehr durch die Frage, wer die Wahrheit kennt und wer nur eine Rolle spielt. Im Verlauf der Handlung werden die Maskierungen und Täuschungen schrittweise aufgedeckt. Gleichzeitig verwischen die Grenzen zwischen Realität und Spiel immer stärker. Der eigentliche Höhepunkt ist der Mord an Belcredi. Enrico ersticht ihn im Affekt, wodurch die Handlung in eine Katastrophe mündet.

Eine klassische Auflösung gibt es jedoch nicht. Der Mord schafft vielmehr eine neue Realität: Damit Enrico nicht wegen der Tötung Belcredis ins Gefängnis muss, muss er von nun an tatsächlich den Verrückten spielen. Die Rolle, die er zuvor freiwillig angenommen hatte, wird damit zu einer Überlebensstrategie. Gerade diese offene Auflösung verstärkt den Bezug zum Seminar „Doppelgänger: Identität im Duplikat“.

Schauspieler Image by BuchArena from Pixabay

Enrico ist nun zugleich Täter, Schauspieler und vermeintlich Kranker. Es bleibt unklar, ob er noch Enrico ist, weiterhin Heinrich IV. verkörpert oder nur noch die Kopie eines Verrückten darstellt.

Die kurze Aufführungsdauer von etwa neunzig Minuten entspricht dabei ungefähr der Länge eines spannenden Krimis. Die Handlung ist konzentriert und führt schnell von der geplanten Heilung über die Enthüllung von Enricos Bewusstsein bis zur tödlichen Eskalation. Trotzdem beantwortet das Ende die zentralen Fragen nicht eindeutig, sondern lässt sie bewusst offen.

Vorgeschichte

In der Vorgeschichte hat sich Enrico bei einem Maskenumzug als König Heinrich IV. verkleidet. Nach einem Sturz vom Pferd sprechen ihn seine Freunde weiterhin als Heinrich IV. an. Was zunächst als Scherz beginnt, wird zunehmend ernst: Enrico hält sich tatsächlich für den mittelalterlichen König und verlangt von seiner Umgebung, ihn entsprechend zu behandeln.

Zwanzig Jahre später versuchen seine Freunde, ihn von seinem vermeintlichen Wahnsinn zu heilen. Sie treffen sich in Enricos Bibliothek. Zu der Gruppe gehören Mathilda, Enricos damalige Angebetete, ihr Ehemann Belcredi, Enricos Neffe Carlo, Mathildas Tochter Frida und ein Arzt.

Der Arzt entwickelt einen Plan: Zunächst sollen sich alle in historische Kostüme kleiden und ihre jeweiligen Rollen einnehmen. Danach wollen sie die Maskerade schrittweise auflösen und Enrico mit der Realität konfrontieren.

Mathilda soll zunächst in ihrem damaligen Kostüm als Markgräfin mit Enrico sprechen. Später soll ihre Tochter Frida dasselbe Kostüm tragen und Enrico dadurch zeigen, dass zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein Fehler entstanden ist. Die äußere Verdopplung der Figur Mathildas soll Enricos Wahn sichtbar machen und ihn zugleich heilen. Bereits hier zeigt sich ein zentrales Motiv des Seminars: Die Identität einer Person wird durch ihr Duplikat instabil. Frida ist nicht Mathilda, sieht ihr in diesem Moment aber zum Verwechseln ähnlich. Das Kostüm erzeugt eine künstliche Gleichheit, die die zeitliche Differenz zwischen beiden Frauen verdecken soll.

Als Enrico erscheint, verhält er sich jedoch ganz anders als geplant. Er fragt Mathilda, warum sie ihn so lange nicht besucht habe. Mathilda ist verwirrt, bekommt Schuldgefühle und läuft davon. Danach gesteht Enrico seinen Angestellten, dass er ihre Maskerade längst durchschaut hat. Er ist sich bewusst, dass sie keine historischen Personen sind, sondern Menschen aus seiner Gegenwart, die ihre Rollen nur spielen. Trotzdem entscheidet er sich, weiterhin Heinrich IV. zu sein.

Dadurch verschiebt sich die Frage: Ist Enrico tatsächlich verrückt, oder spielen die anderen die Wirklichkeit nur überzeugend genug? Die vermeintlich gesunden Personen verkleiden sich, sprechen in historischen Rollen und versuchen, Enrico mit einer künstlich hergestellten Realität zu täuschen. Enrico dagegen erkennt diese Inszenierung. Er ist vielleicht nicht deshalb wahnsinnig, weil er die Wirklichkeit nicht erkennt, sondern weil er sich bewusst weigert, in sie zurückzukehren.

Als Frida wie geplant die Rolle Mathildas übernimmt, kommt es zu einer unbeabsichtigten Kettenreaktion. Frida verliert die Fassung, während Enrico scheinbar unberührt bleibt. Belcredi wird dadurch misstrauisch. Er vermutet, dass Enrico seinen Wahnsinn nur vorspielt, und will ihn zur Rede stellen. Das führt zur Katastrophe: Enrico ersticht Belcredi im Affekt.

Mord schafft neue Realität

Mit diesem Mord entsteht eine neue Realität. Wenn Enrico nicht ins Gefängnis will, muss er nun tatsächlich den Verrückten spielen. Seine Rolle, die zunächst freiwillig gewählt war, wird zur Überlebensstrategie. Damit wird das Verhältnis von Original und Duplikat endgültig umgekehrt: Enrico spielt nicht länger einen Verrückten, sondern muss sich als derjenige ausgeben, der er angeblich immer gewesen ist. Die Darstellung des Wahnsinns wird zu seiner wirklichen gesellschaftlichen Identität.

Bibliothek Image by StockSnap from Pixabay

Auch die Ausstattung unterstützt diese Thematik. Zu Beginn sieht man eine ehrwürdige, beinahe erdrückende Bibliothek. Der Raum wird von Büchern und lebensgroßen Porträts Heinrichs IV. und der Markgräfin dominiert. Die Figuren wirken in dieser Umgebung selbst wie Bestandteile einer historischen Darstellung. Sie treten nicht einfach als Individuen auf, sondern werden durch Kostüme, Bilder und Rollen zu Duplikaten vergangener Personen.

Verwandlung der Bibliothek als Sinnbild für Geisteszustand

Besonders eindrucksvoll ist die spätere Verwandlung der Bibliothek. Als sich Enricos Geisteszustand scheinbar bessert, werden die Bücher der Reihe nach umgedreht. Hinter den Buchrücken erscheint nicht mehr das Wissen der Bibliothek, sondern das Gesicht Mathildas. Dieses Gesicht wird selbst zu einer Art Doppelbild: Es zeigt nicht nur Mathilda, sondern auch Enricos Erinnerung an sie. Die reale Mathilda ist zwanzig Jahre älter geworden und hat ein eigenes Leben mit Belcredi geführt. Enricos Bild von ihr ist dagegen in der Vergangenheit stehen geblieben.

Hier stellt sich die Frage, ob Enrico wegen Mathilda nicht in die Gegenwart zurückkehren will. Müsste er sich eingestehen, dass er die vergangenen zwanzig Jahre verloren hat? Ist er in seiner Rolle als Heinrich IV. vielleicht sogar glücklicher, weil er dort selbst bestimmen kann und von den anderen gehuldigt wird? Seine Identität als König erlaubt ihm, die Zeit anzuhalten und die schmerzhafte Veränderung der Wirklichkeit zu verweigern.

Gleichzeitig bleibt offen, ob Enrico Belcredi wirklich nur im Affekt getötet hat. Vielleicht war der Mord auch eine verspätete Rache: Belcredi hat die letzten zwanzig Jahre mit der echten Mathilda gelebt, während Enrico in seiner Fantasie an einer vergangenen Liebe festhielt. Belcredi wäre dann nicht nur sein Rivale, sondern auch das Gegenbild zu Enricos eigener Existenz. Er verkörpert das reale Leben, das Enrico nicht geführt hat.

Interpretation von Enrico

Die Inszenierung lässt viel Raum für diese Fragen. Wer ist hier eigentlich der Verrückte: Enrico, der bewusst in seiner Rolle bleibt, oder die anderen, die sich für ihn verkleiden und sein Spiel mitmachen? Die Figuren erscheinen als Doppelgänger ihrer selbst und anderer: Frida wird zum Duplikat ihrer Mutter, die Freunde werden zu historischen Personen, und Enrico wird zum Doppelgänger Heinrichs IV. Zugleich existieren mehrere Versionen Enricos nebeneinander – der Mann vor dem Unfall, der vermeintlich wahnsinnige König, der bewusste Schauspieler und schließlich der Mörder, der wieder den Wahnsinnigen spielen muss.

In diesem Sinne zeigt Enrico, dass Identität nicht unbedingt ein fester innerer Kern ist. Sie entsteht durch Wiederholung, Darstellung und die Reaktionen anderer Menschen. Wer lange genug eine Rolle spielt, kann in ihr gefangen werden. Das Duplikat verdrängt dabei zunehmend das Original: Die gespielte historische Figur wird wichtiger als Enricos eigenes früheres Ich, und Mathildas Bild wichtiger als die reale Mathilda.

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Die Musik passt sehr gut zu dieser Geschichte, weil auch sie zwischen Wiederholung und Veränderung vermittelt. Die Vorstellung dauert nur etwa neunzig Minuten – ungefähr so lange wie ein Krimi. Trotzdem wirkt die Handlung nicht abgeschlossen. Der Mord löst den Konflikt nicht, sondern stellt Enrico vor eine neue, noch radikalere Identitätsfrage: Ist er nun wirklich Enrico, Heinrich IV. oder nur noch die Kopie eines Verrückten, den er selbst erfunden hat?

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:10. September 2026
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