Bei „Nestor und die göttlichen Zwillinge“ (griechischer Paralleltitel: O Νέστωρ και τα θεία δίδυμα) handelt es sich um einen zweisprachigen Lyrikzyklus des Autors Peter Völker. Das Werk erschien im Engelsdorfer Verlag und wurde von Martin Knapp ins Griechische nachgedichtet. Das Werk befasst sich auf poetische Weise mit der griechischen Mythologie und befördert die antike Figur des weisen Königs Nestor in eine neue, gegenwärtige Ebene. Auf dieses Buch machte uns Nahid Ensafpour aufmerksam, die auch eine Rezension dazu geschrieben hat.
Der Kern der Handlung und des Inhalts
Im Zentrum steht der greise König Nestor aus Pylos, der in der klassischen Mythologie (etwa bei Homer) als Inbegriff für Altersweisheit, Eloquenz und Besonnenheit gilt. Die Handlung ist stark in die Landschaft des Peloponnes eingebettet. Das Buch verändert die klassische göttliche Bestimmung des Helden. In seiner Sterbestunde trifft Nestor auf den Gott Apollon

(den Gott des Lichts, der Heilkunst und der schönen Künste). Anstatt dass der Mensch blind den Göttern gehorcht, bietet Nestor der Gottheit mit seiner Klugheit die Stirn. Apollon wird in dieser Begegnung selbst zum Lernenden. Er erkennt die tiefe menschliche Weisheit Nestors an, ändert seine göttliche Einstellung und macht Nestor ein „göttliches Geschenk“. Durch dieses Geschenk erhält Nestor eine neue, selbstbestimmte Chance und wird aus seinem antiken Rahmen herausgerissen, um schließlich in unserer heutigen Zeit zu landen.
Peter Völker nutzt die Mythologie vor allem als Metapher, um universelle Fragen zu beleuchten wie das bewusste Verschwimmen der Grenzen zwischen Menschlichkeit und Gottheit. Es nutzt die philosophische Idee, dass der Mensch sich seine Götter nach seinen eigenen Erfahrungen und Sehnsüchten formt. Dabei liefert es eine tiefgründige Reflexion über Vergänglichkeit, Hoffnung, Alter und die Schönheit des Lebens. Es ist nach Agamemnon, Odysseus und Achilleus der vierte Lyrikband von Peter Völker, der sich auf diese moderne Weise mit den großen Helden der Antike auseinandersetzt.

Den Autor Völker erwähnten wir auch im Kontext des Weltpoesiefestivals, bei dem auch Nahid Ensafpour und Elke Wehrs teilnahmen (2016): Verstehen an der Grenze. Kulturwissenschaftliche Betrachtungen über Grenzen und das Fremde in der eigenen Kultur. In: Kern, R. and Völker, P.: Between our words…poetry overcomes borders. A worldwide anthology. Leipzig 2016 .
Rezension zu “Nestor und die göttlichen Zwillinge” von Nahid Ensafpour
Der alte Nestor lernt das Leben neu
Nestor, einer der großen homerischen Helden und Inbegriff des weisen und klugen Ratgebers, tritt in Peter Völkers Prosagedichtzyklus Nestor und die göttlichen Zwillinge in einer neuen Gestalt hervor. Aus dem bekannten Helden der homerischen Epen wird ein Mensch, der von der leidvollen Geschichte der Menschheit und den Erfahrungen von Gewalt, Schmerz und Trauer gezeichnet ist. Peter Völker greift die antike Figur auf, verändert jedoch ihr Schicksal und eröffnet Nestor die Möglichkeit, sein Leben noch einmal neu zu erfahren.
Nestor versucht, die Last der Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich wieder der Schönheit und Ästhetik des Lebens zuzuwenden. Das Erlebte bleibt dabei allgegenwärtig und bildet einen spannungsvollen Gegensatz zu seiner Wahrnehmung von Licht, Natur und Leben. Auf seiner Reise trifft er auf göttliche Gestalten, die eng mit seinen Sehnsüchten und seiner Suche nach einem erfüllten Leben verbunden sind. Die Begegnung mit Artemis, der Zwillingsschwester Apollons, führt zu einer tiefen emotionalen Verbundenheit und gegenseitigen Zuneigung, die von Vertrauen, inniger Nähe und einer wachsenden gegenseitigen Bedeutung geprägt ist.
Besonders eindrucksvoll ist Nestors Begegnung mit Apollon in seiner Todesstunde. Der Gott des Lichts, der Weissagung und der Heilkunst begegnet hier nicht dem Menschen als überlegene Gottheit. Vielmehr kehrt sich das Verhältnis um: Apollon wird zum Lernenden und erkennt die Weisheit Nestors. Aus dieser Begegnung erwächst für Nestor ein göttliches Geschenk, und damit eine neue Möglichkeit des Lebens.
Gerade in dieser Umkehrung liegt eine der faszinierendsten Ideen des Buches. Völker lässt die Grenzen zwischen Mensch und Gottheit bewusst verschwimmen. Der Mensch erschafft sich seine Götter nach seinen eigenen Vorstellungen, Erfahrungen und Sehnsüchten. Was der Mensch im irdischen Leben denkt und versteht, prägt auch sein Bild von der Gottheit. In diesem Sinne gewinnt auch H. W. Stolls Gedanke aus Mythologie der Griechen und Römer eine besondere Bedeutung: „So wie er ist auch sein Gott; was im irdischen Leben denkt und versteht, bildet auch die Grundlage für seine Ansichten von der Gottheit.“
Peter Völker gelingt es, die homerische Mythologie aus ihrem antiken Rahmen zu lösen und ihr eine neue, gegenwärtige Bedeutung zu geben. Mit dichterischer Kraft pflanzt er den Garten der Poesie neu und lädt den Leser ein, über Menschlichkeit, Vergänglichkeit, Hoffnung und die Schönheit des Lebens nachzudenken. Nestor und die göttlichen Zwillinge ist damit weit mehr als eine Neuinterpretation eines alten Mythos: Es ist eine poetische Suche nach dem, was den Menschen über alle Zeiten hinweg mit den Göttern verbindet.
Nahid Ensafpour, Köln September 2026

