Ellen ist Lehrerin, kurz vorm Ruhestand. Jahrzehntelang hat sie jungen Menschen beigebracht, zu hinterfragen, zu analysieren und nach logischen Mustern zu suchen. Doch wenn Ellen heute auf ihr Land blickt, findet sie keine Logik mehr. Sie findet nur noch Sorgen. Die sucht sie durch Literatur, Psychologie und Gedankenexperimente zu lösen.
Es begann mit einer scheinbaren Kleinigkeit, eine Zahnfüllung war herausgefallen. Dann brach die Zahnwand und der Zahnarzt erklärte, Ellen benötige eine Parodontitisbehandlung. Das kannte sie schon, von allen ihren Bekannten ihres Alters. Ihr Zahnarzt erklärte ihr die neue, moderne Dreijahrestherapie. Klingt gut, so eine Art ‚Kundenbindung‘, dachte Ellen, und weiter, dabei bleibt es bestimmt nicht, bei einem so alten Gebiss lässt sich bestimmt noch mehr finden, was erneuert werden müsste. Allerdings, die Realität könnte zum Schock werden: Als Privatpatientin bliebe sie eventuell trotz Premium-Versicherung auf einem Großteil der Kosten sitzen. Warum? Weil die Gebührenordnung für Zahnärzte ihres Wissens nach seit 1988 nicht an die Inflation angepasst wurde und Praxen den 3,5-fachen Satz verlangen müssen, um nicht pleitezugehen. „Eine „schöne neue Praxiswelt“, ausgetragen auf dem Rücken der Patienten“, seufzte Ellen. Und es bestätigt sich eine alte Weisheit: ein Arztbesuch kommt selten alleine.

Ellens Zahnbehandlung setzte voraus, dass sie ihre Kiefergelenkbeschwerden in den Griff bekomme, so erfuhr sie. Gerade im höheren Lebensalter sei eine Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) durchaus noch behandelbar. Sie wurde zur Weiterbehandlung an eine Physiotherapeutin überwiesen. Sie sprach mit ihrer Physiotherapeutin, einer engagierten Selbstständigen. Diese erzählte ihr von den neuesten Honorarkürzungen der Politik bei gleichzeitiger Budgetierung. Und von dem finanziellen Genickbrecher: 1.300 Euro Krankenkassenbeitrag im Monat – wohlgemerkt als Soloselbstständige, ohne dass bisher ein einziger Cent in die Altersvorsorge geflossen ist. Das konnte Ellen später auch in Facebook nachlesen.
Für ein Folgerezept musste Ellen zum Hausarzt. Im Wartezimmer keuchte und schniefte es beängstigend. So stellte sie der Ärztin als erstes die Frage: „Warum haben wir mit Bakterien inzwischen so viele Probleme?“
Trotz vollem Wartezimmer ging die junge Ärztin auf sie ein: „Dass wir in der Medizin und im Alltag immer größere Probleme mit Bakterien haben, liegt an einer Kombination aus biologischer Evolution und menschlichem Fehlverhalten. Das Kernproblem lässt sich mit einem Begriff zusammenfassen: Antibiotikaresistenz.

Während Bakterien früher durch die Entdeckung von Antibiotika (wie Penicillin) leicht zu bekämpfen waren, entwickeln sie sich heute rasant zu sogenannten „Superkeimen“ (multiresistenten Erregern), gegen die Standardmedikamente nicht mehr wirken.
Der Grund dazu ist der massive Über- und Fehlgebrauch von Antibiotika. Jedes Mal, wenn Antibiotika eingesetzt werden, entsteht ein enormer Selektionsdruck. Die empfindlichen Bakterien sterben ab, aber die wenigen, die durch Zufallsmutationen unempfindlich sind, überleben und vermehren sich rasant weiter. In der Humanmedizin werden oft Antibiotika bei viralen Infekten (wie Erkältungen oder Grippe) verschrieben, gegen die sie völlig wirkungslos sind. Auch das eigenmächtige, zu frühe Absetzen der Medikamente führt dazu, dass widerstandsfähige Bakterien im Körper überleben.
Hinzu kommt die Massentierhaltung: In vielen Teilen der Welt werden Antibiotika in großen Mengen in der Tiermast eingesetzt – oft nicht nur zur Heilung, sondern vorbeugend. Diese resistenten Tierkeime gelangen über Fleischprodukte, das Abwasser oder Gülle auf die Felder und letztlich zum Menschen.
Blicken wir auf die faszinierende (und unheimliche) Biologie der Bakterien. Sie sind evolutionäre Überlebenskünstler. Sie vermehren sich unter idealen Bedingungen alle 20 Minuten. Das bedeutet, Mutationen treten extrem schnell auf. Zudem besitzen sie die Fähigkeit zum horizontalen Gentransfer. Das bedeutet: Bakterien müssen eine Resistenz nicht mühsam an ihre eigenen Nachkommen vererben. Sie können kleine DNA-Ringe – Plasmide – , die den „Bauplan“ für die Immunität gegen ein Medikament enthalten, einfach wie eine E-Mail an völlig andere Bakterienarten in ihrer Umgebung weitergebe
Wir Ärzte sprechen von ‚Schmuggelhilfe‘ durch harmlose Umweltbakterien. Jüngere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen ein neues Problem: Im Körper tauchen immer wieder eigentlich harmlose Umweltbakterien auf (z. B. durch Nahrung oder die Luft). Diese sind im Boden oder Wasser oft schon von Natur aus gegen verschiedene Stoffe resistent. Treffen sie im menschlichen Körper auf krankmachende Keime, geben sie ihre extremen Resistenzen an diese ab. Dadurch wird ein zuvor leicht behandelbarer Erreger schlagartig um das Tausendfache resistenter gegen Medikamente.
Und hinzu kommt ein wenig bekanntes Phänomen: der Mangel an neuen Medikamenten. Seit Jahrzehnten wurden kaum neue Klassen von Antibiotika auf den Markt gebracht. Für Pharmaunternehmen ist die Forschung wirtschaftlich unattraktiv: Die Entwicklung kostet Hunderte Millionen Euro, ein Patient nimmt das Medikament aber nur wenige Tage lang ein (im Gegensatz zu chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck). Zudem müssen neue, wirksame Mittel als „Reserveantibiotika“ im Schrank eingeschlossen werden, damit Bakterien nicht auch gegen sie sofort Resistenzen entwickeln – womit kein Geld verdient.
Nicht zu vergessen sind Globalisierung und Hygienemängel. Durch weltweites Reisen und den globalen Lebensmittelhandel können sich multiresistente Keime, die in Ländern mit laxen Antibiotika-Vorschriften entstanden sind, innerhalb weniger Stunden über den gesamten Globus verbreiten. Gleichzeitig führen Hygienemängel (insbesondere in Krankenhäusern) dazu, dass sich diese Keime dort ausbreiten, wo besonders geschwächte Menschen liegen.

Aber lassen Sie uns bitte zum Ende kommen, denn wie Sie gesehen haben, das Wartezimmer ist überfüllt und ich will jetzt nicht auch noch die Thematik des Ärztemangels besprechen. Eine schlechte Prognose durch mangelnde Studienplätze, geringe Bildung, etc.. Ein Satz zum Schluss: Wir haben den Bakterien durch den massiven Einsatz von Antibiotika einen perfekten Trainingsplatz geboten, um immun zu werden, während uns gleichzeitig die biologischen Waffen ausgehen, um sie zu bekämpfen – und genau diese Schwäche, lässt sich inzwischen auf fast alle anderen Lebensbereiche übertragen!“
Ellen verlässt die Ärztin einerseits dankbar für die gewonnenen Einsichten andererseits mutlos, weil so viele Fragen offen bleiben. Sie grübelt über das „Therapeutengesetz“ und die Honorarkürzungen nach; die 1.300-Euro-Krankenkassen-Falle für Selbstständige. Und das Schlimmste: Die Altersvorsorge der Selbstständigen fehlt komplett. Das ist der absolute Wahnsinn an diesem System. Nach Abzug von Miete, Personal, Praxisstrom und diesen horrenden 1.300 Euro für die Gesundheit ist noch kein einziger Cent in die Altersvorsorge geflossen. Wer als Selbststäniger im Alter nicht verarmen will, muss zusätzlich noch einmal Hunderte (oder Tausende) Euro in private Rentenversicherungen oder Versorgungswerke stecken.
Das Ergebnis dieser „schönen neuen Praxis-Welt“ findet Ellen: Immer mehr Therapeuten flüchten aus dem Kassensystem. Sie geben ihre Kassenzulassung ab und arbeiten nur noch als reine Privatpraxen. Genau wie bei der CMD-Behandlung führt das am Ende dazu, dass der normale Kassenpatient monatelang auf einen Platz wartet, während Selbstständige im System verheizt werden.
Als Lehrerin hat Ellen gelernt, Systeme zu verstehen. Was sie hier sieht, ist kein Systemfehler mehr. Es ist das sehende Auge, mit dem die Politik den demografischen Kollaps auf dem Rücken der Leistungsträger und Therapeuten abstüzt. Die Regierung scheint keine Lösungen mehr zu finden – oder steckt ein Plan dahinter, den ein normaler Verstand nicht mehr versteht? Und dann ist da die politische Frage, die Ellen nachts wachhält.
Immer mehr Menschen in ihrem Umfeld wählen die AfD. Nicht, weil sie alle Radikale sind, sondern weil sie sich nach dem ursprünglichen Grundgedanken dieser Partei sehnen: nach einer echten, vernünftigen Alternative für Deutschland, wenn die etablierten Kräfte nur noch Mangelverwaltung betreiben. Ellen beobachtet fassungslos, wie die etablierten Parteien keine politischen Antworten auf die brennenden Fragen des Alltags finden – sei es im Gesundheitssystem oder bei den Abgaben –, sondern all ihre Energie in sinnlose Debatten wie die eines potentiellen Parteiverbots stecken. Ellen hat gelesen, „eine Partei kann nicht wie ein Verein durch Verbotsverfügung des zuständigen Bundesinnenministers oder Landesinnenministers verboten werden. Dies kann nur das Bundesverfassungsgericht durch Urteil tun (Art. 21 Abs. 4 GG)“.
Als Pädagogin fragt sie sich: Wöre dieser Ausschluss wirklich gerechtfertigt? Warum demaskiert man diese Partei nicht durch die harte Realität der Regierungsmitverantwortung? Ellen weiß, dass man sich mit solchen Fragen heute zwischen alle Fronten setzt. Wer das System kritisiert, erfährt selbst Kritik. Andererseits bleibt Ellens Skepsis auch gegenüber dieser ‚bewussten‘ Partei in Deutschland riesig. Da teilt sie die Meinung mit Teresa Haußmann von der Uni Potsdam: „Alle anderen Parteien sind eine politische Elite, gegen die man arbeiten muss“, so fasst die Politikwissenschaftlerin die Einstellung der AfD zusammen. Also Eine gegen Alle oder Alle gegen die Eine?
Ellen schweigt ratlos. Trotzdem denkt sie: Wenn die Mitte der Gesellschaft aufhört, die offensichtlichen Absurditäten unseres Alltags zu hinterfragen, dann hat die Demokratie bereits verloren.
Liebe Leserschaft des UniWehrsEL!
Um Ellen und ihrer tiefen Frustration über das System, die Medizin und die Politik etwas entgegenzusetzen, hilft im Moment wohl kein rationales Argument mehr. Jetzt braucht es Perspektiven, die den Blick weiten – weg vom ohnmächtigen Starren auf das große, kaputte System, hin zu dem, was wir selbst gestalten können. Können Sie Ellen mit kraftvollen und aufbauenden Impulsen aus der Literatur, dem Theater und der Psychologie helfen, die Ellen neuen Halt geben können?
Bitte schreiben Sie Ellen unter Kontakt im UniWehrsEL!



