Du betrachtest gerade Ausflug nach Bad Kissingen – „Der Club der toten Dichter“ präsentiert „Galgenlieder“ von Christian Morgenstern

Ein Ausflug in das UNESCO-Weltbad Bad Kissingen ist eine faszinierende Reise in die Glanzzeit der europäischen Kurkultur. Das Kurtheater am Theaterplatz 1 ist dabei ein architektonisches Juwel, das volles Insider- und Hintergrundwissen verdient. Ein Rundgang durch die alte Kurstadt lohnt sich immer!Besonders dann, wenn Christian Morgenstern zudem mit seinen „Galgenliedern“ die Seele zum Klingen bringt. Gemeinsam mit Markus Runzheimer am Bass und Perkussion sowie Reinhardt Repke an der Gitarre, der die Gedichte neu vertont hat, entstand ein musikalisch-literarischer Abend voller Leichtigkeit und feinsinnigem Humor.

Kurtheater in Bad Kissingen Foto E. W.

Das Kurtheater in Bad Kissingen hat einen interessanten Hintergrund. Das heutige Theater wurde 1904/1905 vom Münchner Stararchitekten Max Littmann erbaut. Es ersetzte ein baufälliges Schweizerhaus-Theater aus Holz. Die Baukosten betrugen damals rund 509.000 Mark. Littmann musste ein „dem Weltbad angemessenes“ Gebäude auf extrem engem Raum (nur etwa 320 m² Grundfläche) errichten. Er löste das meisterhaft, indem er ein modernes Reformtheater mit höfischer Tradition kreierte. Das Parkett steigt steil an (wie in antiken Amphitheatern für beste Sicht), gleichzeitig gibt es aber prunkvolle Proszeniumslogen – ein Zugeständnis an die adligen Kurgäste, die damals weniger das Stück sehen, sondern vielmehr gesehen werden wollten.

Wer das Theater betritt, wird von einer ungewöhnlichen Farbkomposition überrascht. Die Wände sind mit grünem Jugendstil-Stoff bespannt und mit Silberornamenten verziert. Die Sitze wiederum leuchten in Dunkelrot. Schauen Sie unbedingt nach oben! Das Deckengemälde „Der Zug der Kraniche“ stammt vom berühmten Münchner Maler Julius Mössel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die US-Streitkräfte das Gebäude. Zwischen 1951 und 1970 wurde das edle Theater sogar zweckentfremdet und zeitweise als Lichtspielhaus (Kino) genutzt.

Altes Rathaus Altstadt im Sommer Foto E. W.

Vorschlag für Ihren perfekten Ausflugstag

Um den Tag perfekt abzurunden, verbinden Sie das Theater am besten mit den weiteren Highlights des Kurviertels:

Start am Kurtheater: Bewundern Sie die Sandsteinfassade im fränkischen Barockstil. Wenn Sie Glück haben, läuft gerade ein Gastspiel des Theaterring Bad Kissingen.

Foto E. W.

Arkadenbau im Winter Foto E. W.

Schlendern Sie zum Kurgarten & Arkadenbau. Nur wenige Schritte weiter liegt das Herzstück des Welterbes. Der Arkadenbau umschließt den majestätischen Kurgarten. Hintergrundwissen: Hier flanierten einst Kaiserin Sisi von Österreich, Zar Alexander II. und Reichskanzler Otto von Bismarck.

Wandelhalle im Winter Foto E. W.

Genießen Sie die Brunnen- und Wandelhalle. Die größte Wandelhalle Europas beherbergt die berühmten Heilquellen. Denken Sie daran, wie traditionell die „Brunnenfrauen“ das Heilwasser frisch ausgeschenkt haben.

Ihr Ausklang liegt im Rosengarten. Direkt an der Fränkischen Saale gelegen, lädt der Rosengarten mit seinem Multimedia-Brunnen (Wasser- und Lichtspiele) zum Entspannen ein. –

Und ein UniWehrsEL Leser hatte tatsächlich Glück. Wärend seines Ausflugs nach Bad Kissingen präsentierte „Der Club der toten Dichter(nicht zu verwechseln mit dem bekannten Film gleichen Titels mit Robin Williams von 1990) Galgenpoesie von Christian Morgenstern.

Liebe Leserschaft des UniWehrsEL,

Am 14. September 2026 durfte ich im Kurtheater Bad Kissingen einen besonderen Abend erleben: Der „Club der toten Dichter“ feierte sein 20-jähriges Bestehen mit einem Programm rund um Christian Morgensterns Galgenlieder. Dieser Abend hat mir erneut gezeigt, welche Bedeutung Poesie auch heute noch haben kann. Gedichte unterbrechen den Alltag, geben Gedanken einen neuen Klang und eröffnen oft einen Blick auf die Welt, der im hektischen Leben verloren geht. Sie müssen nicht immer sofort verständlich sein. Manchmal wirken sie gerade dadurch, dass sie Fragen stellen, irritieren oder einen zum Lachen bringen. Im Mittelpunkt des Jubiläumsprogramms standen die Galgenlieder von Christian Morgenstern. Reinhardt Repke, Markus Runzheimer und der Schauspieler Hans-Werner Meyer verbanden Gedichte, Gesang und Instrumentalmusik zu einem Abend, der weit über eine gewöhnliche Lesung oder ein Konzert hinausging.

Freundschaft als Leitmotiv der Galgenbrüder

Diese Gedichte haben ihren Ursprung in einem ungewöhnlichen Freundeskreis, dem Bund der sogenannten Galgenbrüder. Bereits ab 1895 trafen sich Christian Morgenstern und sieben Freunde bei Ausflügen zum Galgenberg in Werder an der Havel. Sie gaben sich skurrile Namen wie „Gurgeljochen“, „Verreckerle“ oder „Raabenaas“, versammelten sich in Kneipen und veranstalteten ironische, schön-schaurige Rituale. Sie sangen, musizierten und trugen Morgensterns Gedichte vor – zunächst ausschließlich im privaten Kreis. Gedanklich versuchen die drei „toten Dichter“ Reinhardt Repke, Markus Runzheimer und der Schauspieler Hans-Werner Meyer an diesen Freundschaftsbund anknüpfen.

Gerade diese Entstehungsgeschichte macht deutlich, dass die Galgenlieder von Anfang an mehr waren als bloße Nonsensgedichte. Sie entstanden aus Freundschaft, gemeinsamer Fantasie und dem Wunsch, die gewöhnlichen Regeln des Alltags für einige Stunden außer Kraft zu setzen. Der Galgen wurde dabei zum Symbol für eine andere Sicht auf das Leben. Vom Galgen aus, so könnte man sagen, betrachtet man die Welt mit Abstand: Man erkennt ihre Absurditäten, kann über sie lachen und entdeckt vielleicht gerade dadurch ihre ernsten Seiten.

Die Galgenbrüder schufen sich eine eigene kleine Gegenwelt mit eigenen Namen, Ritualen und einer besonderen Sprache. Ihre Manuskripte wurden in ein Hufeisen oder zwischen Metallplatten in Form eines Henkersbeils gebunden. Was zunächst nur für den Freundeskreis bestimmt war, fand später auch beim Publikum großen Anklang. Nach erfolgreichen Lesungen im Berliner Kabarett „Überbrettl“ gab Morgenstern die Texte zur Veröffentlichung frei. 1905 erschienen die Galgenlieder erstmals als Gedichtband und begründeten seinen literarischen Ruhm

Geheimnisvolle Sprache von Christan Morgenstern

Christian Morgenstern, der von 1871 bis 1914 lebte, war ein Dichter mit einer außergewöhnlichen sprachlichen Fantasie. In seinen Galgenliedern verband er kindlich wirkenden Sprachwitz mit philosophischer Tiefe. Gedichte wie „Der Lattenzaun“, „Das Nasobēm“, „Der Werwolf“ und „Fisches Nachtgesang“ spielen mit Sprache, Logik und den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Hinter dem scheinbar Unsinnigen verbergen sich Fragen nach Wirklichkeit, Wahrnehmung und den Grenzen der Sprache. Morgenstern selbst bezeichnete seine Dichtung als „Spiel – und Ernst=Zeug“: Sie darf unterhalten, fordert aber zugleich zu einem zweiten und dritten Blick heraus. Bei genauerer Betrachtung zeigen sie jedoch eine große gedankliche Tiefe. Morgenstern macht sichtbar, dass Sprache nicht nur etwas beschreibt, sondern selbst eine Welt erschaffen kann. Die drei Helden des Abends nehmen die Zuschauer mit in diese skurrile Welt. Sie haben Musikinstrumente wie ein Schlagzeug, eine Trommel, ein Taburin mitgebracht. Zu den „verrückten Texten kommt so ein außergewöhnlicher Sound komponiert von Reinhardt Repke. Mit seiner herrlichen Vortragsstimme verkündet der Schauspieler Hans-Werner Meyer die Texte im Ton von Christian Morgenstern.

„O schauerliche Lebenswirrn, wir hängen hier am roten Zwirn!“ – bereits diese Zeile aus dem Bundeslied der Galgenbrüder macht deutlich, was das Publikum erwartete: Sprachwitz, schwarzen Humor, überraschende Bilder und zugleich eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens. Gedichte wie „Der Lattenzaun“, „Das Nasobēm“, „Der Werwolf“ und „Fisches Nachtgesang“ erscheinen zunächst spielerisch und absurd. Bei genauerem Hinhören eröffnen sie jedoch neue Sichtweisen auf Sprache, Wirklichkeit und menschliches Denken.

Gerade darin lag die besondere Verbindung zum Seminar Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“. Der Alltag ist häufig vom Chronos bestimmt: von Uhrzeiten, Terminen, Verpflichtungen und einer zunehmenden Beschleunigung. Auch der Weg ins Kurtheater, der Blick auf die Uhr und der festgelegte Beginn der Veranstaltung gehören zunächst zu dieser messbaren Zeit. Doch mit dem Beginn der Musik und der Gedichte veränderte sich die Wahrnehmung der Zeit. Für die Dauer des Abends – also für rund 90 Minuten – trat der Chronos in den Hintergrund.

Das Konzert wurde zu einem Glücksmoment. Ein solcher Moment wird im modernen Sprachgebrauch und in der Wissenschaft oft als Serendipität (engl. Serendipity) bezeichnet. Während der griechische Begriff Kairos den perfekten, flüchtigen Augenblick beschreibt, den man aktiv beim Schopfe packen muss, steht die Serendipität für eine völlig unerwartete, glückliche Entdeckung oder einen Zufallsfund, nach dem man gar nicht gesucht hat, der einen aber sofort froh stimmt und bereichert.

Für mich geriet dieser Abend zu einem besonderen, erfüllten Augenblick. Im Kurtheater entstand ein Raum, in dem das Publikum innehalten konnte. Die Besucher mussten nichts leisten, keine Aufgabe erledigen und keine eindeutige Lösung finden. Sie durften zuhören, lachen, staunen und sich von Morgensterns Sprachspielen anregen lassen.

Was erwartete das Publikum an diesem Abend?

Vielleicht wollten die Zuhörer bekannte Gedichte wiedererkennen. Vielleicht hoffte man auf gute Unterhaltung oder auf eine ungewöhnliche musikalische Erfahrung. Möglicherweise erwarteten manche Zuschauer aber auch, für kurze Zeit Abstand vom Alltag zu gewinnen. Genau diese Offenheit ist für einen Kairos-Moment entscheidend: Man weiß nicht vollständig, was geschehen wird, und lässt sich auf die Begegnung mit Kunst ein.

Morgensterns Galgenpoesie schafft dafür einen besonderen Zugang. Sie fordert dazu auf, Gewohntes nicht einfach hinzunehmen. Im Gedicht „Der Lattenzaun“ wird sogar der Zwischenraum zum eigentlichen Gegenstand der Betrachtung. „Fisches Nachtgesang“ kommt ohne Wörter aus und stellt damit die gewöhnliche Vorstellung von Sprache auf den Kopf. Das Publikum wird gezwungen, genauer hinzusehen und hinzuhören. Die Gedichte unterbrechen eingefahrene Denkweisen – und genau darin kann eine Form von Wohlbefinden liegen.

Wohlbefinden bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur Entspannung oder gute Laune. Es kann auch heißen, geistig beweglich zu bleiben, sich irritieren zu lassen und neue Perspektiven zu gewinnen. Humor hilft dabei, Abstand zu Problemen zu schaffen, ohne sie zu verleugnen. Der Blick vom „Galgen“ ist deshalb nicht nur makaber, sondern auch befreiend: Er ermöglicht es, die eigenen Sorgen mit etwas mehr Distanz zu betrachten.

Christian Morgenstern wollte mit seinen Galgenliedern „geistige Leichtigkeit, Heiterkeit und Freiheit“ verbreiten. Diese Absicht passt unmittelbar zum Seminarthema. Kultur kann Räume schaffen, in denen Menschen aus dem engen Takt des Alltags heraustreten. Musik und Literatur schenken keine fertigen Antworten, aber sie können Wahrnehmung verändern, Gemeinschaft stiften und neue Kraft geben.

Der Auftritt des „Clubs der toten Dichter“ im Kurtheater Bad Kissingen war somit nicht nur ein Jubiläumskonzert. Er war eine Einladung, das Verhältnis zur eigenen Zeit neu zu erleben: vom getakteten Chronos in einen erfüllten Kairos zu gelangen. Vielleicht bestand die nachhaltigste Wirkung des Abends darin, dass die Zuschauer anschließend anders in den Alltag zurückkehrten – aufmerksamer, heiterer und mit etwas mehr Mut, die Dinge aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten.

Denn manchmal entsteht Wohlbefinden gerade dann, wenn man für einen Augenblick innehält, über ein absurdes Gedicht lacht und erkennt, dass auch im scheinbaren Unsinn ein Stück Wahrheit verborgen sein kann.

Besonders faszinierend ist Christian Morgensterns geheimnisvolle Sprache. Sie wirkt oft leicht, verspielt und scheinbar unsinnig, öffnet aber zugleich einen Raum für eigene Deutungen. Wörter werden neu erfunden, vertraute Zusammenhänge aufgelöst und Gegenstände zum Leben erweckt. Dadurch fordert Morgenstern dazu auf, genauer hinzuhören und sich nicht mit dem ersten Eindruck zufriedenzugeben. Hinter dem Lachen verbirgt sich häufig eine tiefere Bedeutung.

Vielleicht liegt gerade darin die zeitlose Kraft seiner Galgenlieder: Sie holen uns aus dem gewohnten Denken heraus und führen uns in einen besonderen Augenblick. Für einen Moment müssen wir nichts planen, nichts bewerten und nichts leisten. Wir dürfen einfach zuhören, staunen, lachen und den Augenblick genießen. In diesem bewussten Innehalten wird aus der verrinnenden Zeit des Chronos ein erfüllter Kairos – ein Moment, der Wohlbefinden schenkt und noch lange nachklingt.

Mit freundlichen Grüßen

Simon Syntax

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:18. September 2026
  • Lesedauer:9 Min. Lesedauer