Du betrachtest gerade Kinodrama „Vaterland“ (2026) von Paweł Pawlikowski

Nach der Führung in der Deutschen Nationalbibliothek und den beeindruckenden Bildern im eingegliederten „Exil“, war es fast ein „Muss“ sich auch den gerade in den Arthouse Kinos laufenden Film „Vaterland“ anzusehen, denn es geht um ein Stück Zeitgeschichte. Unter der Regie des Oscar-Preisträgers Paweł Pawlikowski (bekannt für Ida und Cold War) wurde dieser Film beim Festival in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Das Drama zeigt die historische Reise des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann (gespielt von Hanns Zischler) im Jahr 1949 aus dem amerikanischen Exil zurück in das zerstörte Nachkriegsdeutschland.

Pawlikowski erlaubt sich hier eine bewusste, geniale Abweichung von der Historie: Statt von seiner Ehefrau Katja lässt er Thomas Mann von seiner willensstarken Tochter Erika Mann (brillant verkörpert von Sandra Hüller) begleiten. Dies verwandelt das historische Biopic in eine hochemotionale, psychologische Familienaufstellung.

Krieg Bild von TheDigitalArtist auf Pixabay

Während moderne Historienfilme oft episch und überlang sind, fasziniert Vaterland durch eine ökonomische Kürze (unter 90 Minuten) und eine Inszenierung, die auf Leerstellen, Blicke und Pausen setzt. Gefilmt in Traumartig kompromisslosem, kontrastreichem Schwarz-Weiß und im klassischen 35-mm-Normalformat, erzeugen die Bilder eine betörende, unheimliche und dennoch verstörende Schönheit, die das zerbombte Deutschland fast traumartig einfängt. Der Film fasziniert, weil er Thomas Mann eben nicht als makellosen Musterdemokraten auf ein Podest stellt. Er zeigt einen egozentrischen, innerlich zerrissenen Künstler, der sich im beginnenden Kalten Krieg gegen die politische Vereinnahmung von Ost und West wehren muss und mit dem Suizid seines Sohnes Klaus Mann (August Diehl) ringt.

Dass der Regisseur Paweł Pawlikowski die historische Realität verbiegt – und Erika Mann statt der Ehefrau Katia an die Seite von Thomas Mann setzt –, wird von Kritikern und Mann-Experten als der entscheidende, geniale Kniff des Films gelobt. Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe, die aus einer drögen Geschichtsstunde ein packendes Psychodrama machen:

Erika Mann (gespielt von Sandra Hüller) war – anders als ihre Mutter – eine glühende, kompromisslose politische Aktivistin. Sie hasste die Nationalsozialisten tief und verachtete die Deutschen, die nach dem Krieg so taten, als wäre nichts gewesen. Thomas Mann reist als der „große, milde Repräsentant“ an, lässt sich von Ost und West feiern und sucht nach einer versöhnlichen, diplomatischen Sprache für das zerstörte Land. Erika Mann sitzt am Steuer des Wagens und schleudert den Altnazis, Opportunisten und beiden neuen Staatsapparaten puren Zynismus entgegen. Es kommt zum Aufeinanderprallen zweier radikaler Haltungen. Durch diese Konstellation sitzt der politische Konflikt des geteilten Deutschlands direkt mit im Auto. Erika fungiert als das unbarmherzige Gewissen ihres Vaters. Sie verhindert, dass er sich in seiner eigenen Eitelkeit und im Pathos seiner Reden verliert.

Alles überschattend schwingt die ungesagte Tragödie mit, der Tod von Klaus Mann. Der Film spielt im Sommer 1949. Genau in diesem Zeitraum (im Mai 1949) nahm sich Thomas Manns ältester Sohn Klaus Mann (gespielt von August Diehl) im Exil das Leben. Die Familie Mann reagierte darauf historisch mit einer eisigen, fast schon grausamen Verdrängung – man reiste einfach weiter.

Erika Mann war Klaus Manns Zwillingsseele. Die beiden waren zeitlebens unzertrennlich. Dass sie nun ihren egozentrischen Vater durch die Trümmer kutschiert, während der gemeinsame Bruder und Sohn gerade im Sarg liegt, erzeugt eine unerträgliche, emotionale Hochspannung im Auto. Jeder Blick zwischen Hüller und Zischler transportiert diese unausgesprochene Schuld.

Historisch reiste Thomas Mann 1949 tatsächlich sowohl nach Frankfurt am Main (Westen) als auch nach Weimar (Osten), um jeweils den Goethe-Preis entgegenzunehmen. Beide entstehenden deutschen Staaten wollten den weltberühmten Nobelpreisträger als moralisches Aushängeschild für ihr jeweiliges System einspannen. Der dramaturgische Geniestreich der Route liegt in der Entzauberung beider Systeme durch das Auge der Familie:

Holzhausenpark Bild von auxamlech auf Pixabay

Der Westen (Frankfurt) präsentiert sich den Manns als satt, restaurativ und voller unbelehrbarer Altnazis im neuen Gewand.


Ilmpark Weimar Bild von TillVoigt auf Pixabay

Der Osten (Weimar) versucht Thomas Mann mit sozialistischem Kultur-Pathos zu umgarnen. Doch ausgerechnet in Weimar wurde Klaus Manns berühmter Roman Mephisto (eine Abrechnung mit dem opportunistischen Theaterstar Gustaf Gründgens) gefeiert, während er im Westen verboten war.

Die Fahrt über die Zonengrenze hinweg zeigt die absolute Zerrissenheit und Unmöglichkeit einer echten „Heimkehr“. Weder im kapitalistischen Westen noch im sowjetisch kontrollierten Osten gibt es für diese Dichterfamilie noch ein echtes „Vaterland“. Erika Mann erkennt das im Film sofort, während ihr Vater sich an die Illusion klammert, die deutsche Kultur könnte das Land noch einen.

Sandra Hüller verleiht Erika Mann im Film eine fast unheimliche Modernität. Sie legt die Rolle keineswegs als liebevolle, pflichtbewusste Tochter an, sondern als eine intellektuelle und physische Urgewalt, die das emotionale Zentrum dieses minimalistischen Roadmovies bildet. Kritiker und Kinogänger fasziniert an Hüllers Performance vor allem das kunstvolle Zusammenspiel aus Härte und tiefer Verwundbarkeit. Sie transportiert Erikas Charakter stark über ihre Körperlichkeit. Im Film sitzt Erika fast durchgehend am Steuer des wuchtigen schwarzen Buick. Die Art, wie sie den Wagen mit finsterer Entschlossenheit durch die Schlaglöcher und Trümmerlandschaften steuert, wirkt wie ein Akt des permanenten Protests. Sie chauffiert nicht einfach ihren berühmten Vater – sie treibt ihn vor sich her und zwingt ihn zur Konfrontation mit der Realität.

Da Paweł Pawlikowski eher dialogarm inszeniert, verlagert Hüller die gesamte Tragödie der Familie in ihre Mimik. Wenn Hanns Zischler (als Thomas Mann) versucht, mit den Repräsentanten im Osten Smalltalk über Literatur zu führen, reicht ein einziger, eisiger Blick von Sandra Hüller in den Rückspiegel, um die tiefe Verlogenheit der Situation offenzulegen. In den Momenten, in denen das Gespräch flüchtig auf den verstorbenen Bruder Klaus fällt, sieht man in Hüllers Augen keinen lauten Schmerz, sondern eine starre, fassungslose Trauer, die das Publikum regelrecht frösteln lässt.

Hüller beweist in Vaterland erneut ihr Genie für Figuren, die sich weigern, sympathisch sein zu wollen (ähnlich wie in Anatomie eines Falls –

Danke für den Border Collie von Jörg Begoin auf Pixabay!

unser Beitrag aus der Sicht des Hundes Snoop – oder The Zone of Interest). Sie spricht Erikas Sätze mit einer messerscharfen, fast arroganten Ironie. Wenn Thomas Mann im sowjetisch besetzten Weimar mit sozialistischem Kultur-Pathos überschüttet wird, bricht Hüllers Erika die pathetische Stimmung mit trockenem, politischem Realismus. Sie demaskiert die Funktionäre im Osten genauso gnadenlos wie die Altnazis im Westen.

Das Faszinierendste an ihrer Darstellung ist, dass Hüller trotz all dieser Härte nie die tiefe, beinahe symbiotische Liebe zu ihrem Vater verliert. In den seltenen Momenten der Ruhe – etwa wenn sie abends in den provisorischen Hotelzimmern rauchend beieinandersitzen – wandelt sich ihr Blick. Dann sieht man eine Tochter, die verzweifelt versucht, den gealterten „Zauberer“ vor seiner eigenen Eitelkeit und der Instrumentalisierung durch die Politik zu beschützen.

Dem Zuschauer vermittelt der Film vor allem Trauer und Distanz, was den Kern der echten Familiendynamik erstaunlich gut vermittelt. Die Familie Mann funktionierte oft weniger wie eine liebevolle Gemeinschaft und mehr wie ein hochentzündliches, von Traumata und Eitelkeiten geprägtes Firmenunternehmen.

Historischen Antworten zeigen, wie eng Realität und Fiktion im Film verwoben sind. Katia Mann stammte aus einer hochangesehenen, extrem wohlhabenden jüdischen Familie. Ihr Vater war der berühmte Münchner Mathematikprofessor Alfred Pringsheim. Obwohl die Familie assimiliert war, Katia liberal erzogen und evangelisch getauft wurde, spielte ihre Herkunft eine fundamentale Rolle: Nach den Rassengesetzen der Nationalsozialisten galt sie als Jüdin. Dies war der primäre, zwingende Grund, warum die Familie Mann Deutschland nach Hitlers Machtergreifung 1933 sofort verlassen musste, da Katia in akuter Lebensgefahr schwebte.

Thomas Mann erntete Lob, aber auch viel Kritik wegen seiner Emigration.  Als er im amerikanischen Exil (in einer Luxusvilla in Pacific Palisades) lebte, wurde ihm von den in Deutschland verbliebenen Autoren der sogenannten „Inneren Emigration“ (Schriftsteller, die das NS-Regime ablehnten, aber im Land blieben) vorgeworfen, er habe Deutschland im Stich gelassen. Berühmt wurde sein stolzer Satz im Exil: „Wo ich bin, ist die deutsche Kultur.“ Das empfanden viele Daheimgebliebene als arrogant. Als er nach dem Krieg 1945 die pauschale These einer deutschen Kollektivschuld vertrat und sich weigerte, dauerhaft in das zerstörte Land zurückzukehren, schlug ihm in den deutschen Medien teilweise offener Hass entgegen. Man warf ihm vor, vom sicheren Amerika aus moralisierend über das leidende deutsche Volk zu urteilen.

Lesung – Danke für das Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

(mehr über Thomas Mann in unserem Beitrag Lesung von Dieter Borchmeyer über Thomas Mann im Literaturhaus Darmstadt)

Die Familie Mann kehrte nicht dauerhaft wieder in die USA zurück. Thomas Mann war zwar US-Staatsbürger geworden, doch das politische Klima in Amerika änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg dramatisch. Mit dem beginnenden Kalten Krieg geriet die Familie Mann in das Visier des FBI und des berüchtigten Ausschusses für unamerikanische Umtriebe (McCarthy-Ära). Weil Thomas, Erika und Klaus Mann sich konsequent weigerten, blinden Antikommunismus zu predigen, wurden sie als vermeintliche „Sowjet-Sympathisanten“ denunziert. Enttäuscht und tief besorgt über einen neuen amerikanischen Faschismus kehrten Thomas und Katia Mann 1952 endgültig nach Europa zurück – sie zogen jedoch nicht nach Deutschland, sondern ließen sich in der Schweiz nieder, wo Thomas Mann 1955 starb.

Wie war die Beziehung zwischen Erika und ihrem Vater? Die Wahrnehmung von Distanz und Trauer im Film spiegelt die Realität wider. Die Beziehung war hochkomplex: Erika war Thomas Manns Lieblingstochter, seine Sekretärin, seine politische Beraterin und Organisatorin. Sie opferte ihre eigene Karriere als Schauspielerin und Autorin fast vollständig auf, um den „Zauberer“ (so der familiäre Spitzname für Thomas Mann) zu managen. Es war eine symbiotische, aber auch erdrückende Beziehung. Thomas Mann war emotional oft kalt, extrem egozentrisch und schätzte seine Kinder vor allem danach ein, wie nützlich sie seinem literarischen Werk waren. Nach dem Selbstmord von Klaus Mann im Mai 1949 ging ein tiefer Riss durch diese Beziehung. Erika war von tiefer Trauer und Bitterkeit erfüllt.

Und wie verhielten sich die anderen Geschwister, die außer Klaus im Film nicht gezeigt, aber (zumindest Michael) kurz erwähnt wurden. Thomas und Katia Mann hatten insgesamt sechs Kinder.

Klaus: Der älteste Sohn, Erikas Zwillingsseele und ebenfalls Schriftsteller. Er litt Zeit seines Lebens unter dem übermächtigen Schatten des Vaters und seiner Heroinsucht, bis er sich 1949 das Leben nahm. Golo: Wurde später ein weltberühmter Historiker und Publizist. Er hatte das wohl schwierigste Verhältnis zum Vater, der ihn zeitlebens kaum beachtete.

Danke auch an das Städelmuseum für Käthe Kollwitz Der Ruf des Todes aus der Digitalen Sammlung des Städel Museums. Näheres dazu auch in der Staatsgalerie Stuttgart.

(dazu auch unser Beitrag von Heiner Schwens Teil 4: Klaus Mann: Todessehnsucht und Tod – Jean Améry: den Freitod vorwegnehmen)

Monika, Elisabeth und Michael: Führten ebenfalls hochgradig komplizierte Leben im Schatten des Geniekults ihres Vaters. Zwei von Thomas Manns Kindern (Klaus und Michael) nahmen sich letztlich das Leben.

Der Geniestreich des Films, ausgerechnet Erika Mann ans Steuer zu setzen (obwohl historisch eigentlich die Mutter Katia im Auto saß), verdichtet genau dieses historische Familiendrama. Der Film zeigt keine heile Welt, weil es sie im Hause Mann nie gab – im Auto sitzen zwei zutiefst einsame Menschen, die durch die Trümmer ihrer eigenen Familie und ihres Heimatlandes fahren.

Ausschnitt Foto Thomas Mann aufgenommen in DNB von E. W.

Der Filmtitel „Vaterland“ von Regisseur Paweł Pawlikowski symbolisiert das schmerzhafte und verlorene Verhältnis des Autors Thomas Mann zu seiner alten Heimat im zerstörten Nachkriegsdeutschland des Jahres 1949. Einst sagte Thomas Mann („Wo ich bin, ist Deutschland“), dass er die deutsche Kultur in sich trage. Bei seiner Rückkehr aus dem US-Exil muss er erkennen, dass von diesem geistigen Vaterland nach dem NS-Terror und im geteilten Land (Ost und West) nur eine verfremdete, zerstörte Kulisse geblieben ist. Der Begriff „Vaterland“ steht im Film ironisch und tragisch zugleich für den Ort, der für die Familie Mann zur Unheimat wurde. Thomas Mann und seine Tochter Erika ringen auf ihrer Reise mit der politischen Vereinnahmung und der moralischen Last der Vergangenheit. Im Zentrum steht auch der familiäre Bezug zwischen einem „Vater“ (Thomas Mann) und seinen Kindern sowie das Ringen der Dichterfamilie um Identität, nachdem das vertraute Fundament zerbrochen ist.