Du betrachtest gerade Thomas Mann und seine Kinder: Emigration, Heimatverlust und Gedanken zu Chronos, Kairos und Aion

Nach der Führung durch die Deutsche Nationalbibliothek und der Besprechung des Films „Vaterland“ bleibt Thomas Mann und seine Lebenssituation weiterhin ein spannendes Recherchethema. Die Verbindung zwischen der Emigration der Familie Mann, dem Verlust ihrer Heimat und den drei griechischen Zeitkonzepten Chronos, Kairos und Aion (unser Seminar im Wintersemester 26/27) ist ein tiefgründiges Zusammenspiel aus literarischen Motiven und realen, oft tragischen Schicksalen. In der Kulturwissenschaft und Literaturtheorie werden diese drei philosophischen Dimensionen der Zeit genutzt, um die traumatische Erfahrung des Exils zu beschreiben, die Thomas Mann und seine Kinder (insbesondere Erika und Klaus Mann) durchlebten.

Chronos, Kairos und Aion sind Begriffe, die in das Leben und Werk der Familie Mann eingreifen. Chronos ist kein antiker Zeitgott, sondern eine neuzeitliche Allegorie. Der eigentliche Zeitgott der griechischen Mythologie war der Titan Kronos. Durch kulturelle Umdeutungen und künstlerische Darstellungen ab der Renaissance verschmolzen beide Figuren zur Symbolgestalt «Gevatter Zeit». Er wird oft als „Vater Kronos“ dargestellt, der seine eigenen Kinder verschlingt.

Bezogen auf die Manns geht es um den Verlust der Heimat. Die Emigration im Jahr 1933 riss die Familie Mann abrupt aus ihrer gewohnten, linearen Lebenschronologie. Plötzlich tickte die Zeit in der Fremde anders. Die Hoffnung der Kinder, das Exil sei nur eine kurze Episode und man würde „bald“ zurückkehren, wurde von der zermürbenden Chronos-Zeit des 12-jährigen NS-Regimes zerschlagen.

Von Bedeutung ist der Generationenkonflikt. Klaus Mann stand zeit seines Lebens im übermächtigen Schatten seines Vaters, des literarischen „Über-Vaters“. Literaturwissenschaftler beschreiben den Versuch von Klaus und Erika, sich literarisch zu behaupten, oft als einen symbolischen Kampf gegen „Vater Kronos“ (in Doppelfunktion als die vergehende Zeit und der alles dominierende Thomas Mann). Während Chronos Thomas Mann im Exil zu einer zeitlosen Institution reifen ließ, zerbricht Klaus Mann an der verrinnenden Zeit und nimmt sich 1949 das Leben.

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(Im vierten Beitrag von Heiner Schwens begegnen wir Klaus Mann (1906-1949); dem vielseitigen Schriftsteller und Publizisten, der in der Weimarer Republik und im Exil eine wichtige Rolle spielte. Er bewegte die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wie kaum ein Zweiter. Er wählte mit 42 Jahren in Cannes den Freitod.)

Aber es gibt auch Kairos, als den flüchtigen Moment des Widerstands und der Entscheidung. Kairos ist der Gott des „günstigen Augenblicks“, der richtige Zeitpunkt für eine Entscheidung, den man „beim Schopf packen“ muss, bevor er unwiderruflich verstreicht.

Man könnte diese Momenta als die Stunde der Kinder bezeichnen. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, erkannten Erika und Klaus Mann den Kairos des politischen Widerstands viel schneller als ihr Vater. Erika gründete sofort das antifaschistische Kabarett „Die Pfeffermühle“. Sie nutzten den flüchtigen Moment, um zu handeln.

Ihr Vater zögerte. Thomas Mann hingegen verpasste diesen ersten Kairos fast. Er zögerte jahrelang, sich im Schweizer Exil offen und politisch gegen Hitler auszusprechen, aus Angst, seine deutschen Leser und seinen Verleger zu verlieren. Erst als er den Moment für gekommen sah, brach er radikal mit dem Regime. Im US-Exil nutzte er dann den medialen Kairos, um in seinen berühmten Radioansprachen „Deutsche Hörer!“ über die BBC direkt zu den Menschen in der Heimat zu sprechen.

Auch Aion kommt als die Ewigkeit der Kultur in Bezug auf die Ersatz-Heimat zum tragen. Aion bezeichnet die zyklische, unendliche Zeit, die Sakralzeit oder die raumlose Ewigkeit. Im Gegensatz zu Chronos altert Aion nicht. „Wo ich bin, ist die deutsche Kultur“, dieser berühmte Satz von Thomas Mann, den er 1938 bei seiner Ankunft im US-Exil formulierte, ist das perfekte Äquivalent zu Aion. Indem er die deutsche Kultur und Sprache nicht an das Territorium des „Dritten Reiches“ koppelte, sondern an seine eigene Person, flüchtete er aus der zerstörerischen Gegenwart (Chronos) in die Ewigkeit des Geistes (Aion). Seine großen Exilwerke – wie die Joseph-Romane oder Doktor Faustus – sind tief im Mythos und in der überzeitlichen, aionischen Sphäre verwurzelt.

Die Kinder scheitern dagegen tragisch. Während es dem Vater gelang, sich im Exil einen eigenen, zeitlosen Kosmos (Aion) zu erschaffen, gelang dies seinen ältesten Kindern nicht. Erika und Klaus Mann waren Künstler des Kairos – sie schrieben für den Tag, für den Journalismus, für den akuten Kampf gegen den Faschismus. Als der Krieg 1945 vorbei und der Gegner besiegt war, verloren sie ihre Aufgabe. Sie fanden keine Heimat im ewigen „Aion“ der reinen Literatur und blieben im Zustand der permanenten, inneren Heimatlosigkeit gefangen.

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Lassen Sie uns näher betrachten, wie Thomas Mann das Motiv der Zeit konkret in Meisterwerken wie „Der Zauberberg“ verarbeitet hat, und einen Blick auf das konkrete Schicksal von Klaus und Erika Mann im amerikanischen Exil werfen.

1. Das Motiv der Zeit im „Zauberberg“ (Chronos, Kairos und Aion im Sanatorium)

Obwohl der Roman Der Zauberberg bereits 1924 veröffentlicht wurde – also fast ein Jahrzehnt vor Thomas Manns tatsächlicher Emigration –, nimmt er die existenzielle Zeiterfahrung des Exils auf geniale Weise vorweg. Das Sanatorium Berghof in den Schweizer Alpen funktioniert wie ein zeitloser Raum, in dem die normalen Gesetze der Welt aufgehoben sind.

Im Flachland tickt die Zeit linear und produktiv. Auf dem Zauberberg hingegen verschwimmt Chronos. Die Patienten liegen in Decken gehüllt auf den Balkonen; Tage, Wochen und Monate verschmelzen ineinander. Hauptfigur Hans Castorp will eigentlich nur für drei Wochen bleiben, verliert aber jegliches Zeitgefühl und bleibt sieben Jahre. Thomas Mann zeigt hier, wie die physische, messbare Zeit bedeutungslos wird, wenn der Mensch aus seinem geregelten Alltag (seiner „Heimat“) gerissen wird – eine Erfahrung, die er ab 1933 im echten Leben teilen sollte.

Auf dem Berghof gibt es keinen Kairos – keinen Moment der echten, lebensverändernden Entscheidung oder Tat. Die Krankheit und die Abgeschiedenheit lähmen den Willen. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs am Ende des Romans ist der brutale, historische Kairos, der Hans Castorp aus seiner Lethargie reißt und zurück in die Realität zwingt.

Das Sanatorium ist ein eigener, hermetischer Kosmos. Die Abgeschiedenheit von der Welt ermöglicht Hans Castorp eine geistige Reise durch die Menschheitsgeschichte, die Philosophie und die Biologie. Er verlässt die Gegenwart und tritt ein in Aion – das Reich des überzeitlichen Mythos und der ewigen Fragen über Leben und Tod.

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Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag Thomas Mann „Der Zauberberg“: Sehnsucht nach Leben und Liebe in Zeiten der Krankheit

2. Klaus und Erika Mann im US-Exil (Das tragische Schicksal der Kinder)

Im amerikanischen Exil ab Ende der 1930er Jahre zeigte sich die Tragik der Geschwister Erika und Klaus Mann besonders deutlich. Sie waren „Krieger des Kairos“ – sie lebten und schrieben für den akuten Moment des Widerstands. In den USA wurden Erika und Klaus zu gefragten politischen Rednern, Journalisten und Dozenten. Sie reisten durch das Land, hielten Vorträge und versuchten, die US-Öffentlichkeit vor der Gefahr des Nationalsozialismus zu warnen. Erika arbeitete später sogar als anerkannte Kriegskorrespondentin in Europa. Sie nutzten jede Sekunde des historischen Kairos, um gegen Hitler zu kämpfen. Mit dem Sieg über Nazi-Deutschland verloren die Geschwister schlagartig ihre Lebensaufgabe. Der Kairos des Antifaschismus war vorbei, und die westliche Welt glitt in den Kalten Krieg ab. In den USA der McCarthy-Ära gerieten Erika und Klaus wegen ihrer linken Ansichten plötzlich selbst ins Visier des FBI und wurden als „unamerikanisch“ diffamiert. Das Deutschland der Nachkriegszeit war ihnen fremd geworden. Die Menschen dort wollten von den Exilanten oft nichts wissen.

Klaus Mann schrieb resigniert, er fühle sich nirgwege mehr zu Hause. Er besaß nicht die Fähigkeit seines Vaters, sich in die zeitlose Sphäre der Weltliteratur (Aion) zurückzuziehen. Ohne Heimat, ohne politische Aufgabe und im ständigen Ringen mit seiner Drogensucht nahm sich Klaus Mann im Mai 1949 in Cannes das Leben. Erika Mann überlebte ihren Bruder, gab aber ihre eigene literarische Karriere weitgehend auf. Sie verbrachte ihre letzten Lebensjahre im Schweizer Exil als engste Mitarbeiterin, Nachlassverwalterin und „Hüterin“ ihres Vaters Thomas Mann. Sie half ihm dabei, sein monumentales, überzeitliches Werk für die Nachwelt zu ordnen und zu sichern – ein finaler Dienst am Aion ihres Vaters.

Betrachten wir nun Klaus Manns Meisterwerk Mephisto als literarischer Kampf im Kairos und die erschütternde, widersprüchliche Reaktion seines Vaters Thomas Mann auf den Freitod seines Sohnes.

1. Klaus Manns „Mephisto“: Ein Roman des opportunistischen Kairos

Image by Dreblow from Pixabay Mephisto

Der 1936 im Amsterdamer Exil erschienene Roman Mephisto – Roman einer Karriere ist Klaus Manns berühmtestes Werk. Er fungiert als scharfe Abrechnung mit dem intellektuellen und künstlerischen Opportunismus im Dritten Reich. Der Roman erzählt den Aufstieg des hochtalentierten, aber völlig gewissenslosen Schauspielers Hendrik Höfgen. Höfgen ordnet seine Kunst, seine Moral und seine Beziehungen komplett dem Karriereerfolg unter und wird zum gefeierten Star des Nazi-Regimes. Die Figur war eine kaum verhüllte, bösartige Parodie auf Gustaf Gründgens – den damals berühmtesten Schauspieler Deutschlands, der einst Klaus Manns Geliebter und kurzzeitig mit Erika Mann verheiratet gewesen war. Höfgen ist ein Meister darin, den Kairos (den günstigen Moment) für seinen persönlichen Vorteil auszunutzen.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, erkennt er sofort, wo der Wind herweht. Er verrät seine linken Ideale und wirft sich den neuen Machthabern an den Hals. Er glaubt, er könne den Teufel (das NS-Regime) austricksen, um „nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler“ zu bleiben. Am Ende wird er jedoch zur willenlosen Marionette der Diktatur. Der Roman erlitt nach dem Krieg ein absurdes juristisches Schicksal. Gründgens‘ Erben klagten in den 1960er Jahren wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. In Westdeutschland wurde das Buch daraufhin gerichtlich verboten – ein verheerendes Zeichen für die Exilanten. Erst 1981 konnte Mephisto regulär in der Bundesrepublik erscheinen und wurde kurz darauf mit Klaus Maria Brandauer weltberühmt verfilmt. (aktuell DLF„Mephisto“ – Frank Castorf inszeniert nach Klaus Mann am Berliner Ensemble)

2. Thomas Manns Reaktion auf den Freitod seines Sohnes (1949)

Als sich der 42-jährige Klaus Mann am 21. Mai 1949 in einem Hotel in Cannes mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm, reagierte Thomas Mann auf eine Weise, die von Kritikern oft als kalt empfunden wurde, die aber die tiefe Komplexität und Zerrissenheit des Vaters offenbart.

Thomas Mann hielt sich zum Zeitpunkt des Suizids auf einer Vortragsreise in Stockholm auf. Er unterbrach seine Reise nicht für die Beerdigung seines ältesten Sohnes, was ihm in der Familie und der Öffentlichkeit schwere Vorwürfe einbrachte. In seinen privaten Tagebüchern mischte sich Trauer mit bitterem Groll. Er warf Klaus vor, „rücksichtslos“ gehandelt zu haben – eine Parallele zur Reaktion auf den Freitod seiner eigenen Schwester Carla Jahrzehnte zuvor. Er sah Klaus’ Homosexualität, seine unheilbare Morphiumsucht und seine psychische Instabilität als eine Art genetisches, unaufhaltsames Verhängnis, dem Klaus nicht genügend Willenskraft entgegengesetzt habe.

Erst mit zeitlichem Abstand wich die Härte tiefer Empathie und intellektuellem Respekt. Für einen von Erika Mann herausgegebenen Gedenkband verfasste Thomas Mann ein berührendes Vorwort. Darin ordnete er das Schicksal seines Sohnes philosophisch ein und prägte das berühmte Resümee:

„Er starb gewiss auf eigene Hand und nicht, um als Opfer der Zeit zu posieren. Aber er war es in hohem Grade.“

Das Fazit des Vaters: Marcel Reich-Ranicki fasste Klaus Manns Tragik später in dem berühmten Satz zusammen: „Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen.“ Thomas Mann verstand letztlich, dass Klaus an der bleiernen, perspektivlosen Nachkriegszeit (Chronos) zerbrochen war. Indem der Vater seinen Sohn posthum in seinen Essays würdigte, holte er ihn symbolisch aus der Schande des vergessenen Exils ab und gab ihm einen bleibenden Platz in der Ewigkeit der Literatur (Aion). (dazu auch Andreas Noßmann Zeichnungen)