In unserem Beitrag zur Veranstaltung in Bad Vilbel ging es bei „Replik:A – der erste Versuch“ um eine faszinierende Mischung aus Figurentheater, Robotik und KI. Das Stück der Compagnie Meinhardt & Krauss regt zu einem Versuch an, eine Verbindung zu den Forschungen von Prof. Vera King zu finden. Sie ist eine renommierte Soziologin und Psychoanalytikerin, die sich intensiv mit der Optimierung des Selbst und der Digitalisierung befasst.
Beginnen wir mit Vera Kings Thesen, welche die Ideen hinter „Replik:A“ auf theoretischer Ebene ergänzen könnten:
Digitale Selbstdarstellung und Doppelgänger: In ihrer Forschung (z. B. im Rahmen des Projekts „Aporien der Perfektionierung“) untersucht sie, wie Menschen durch soziale Medien und digitale Technik optimierte Versionen ihrer selbst erschaffen. Diese digitalen Avatare fungieren als moderne Doppelgänger, die oft mehr über die Wünsche und den gesellschaftlichen Druck aussagen als über das „wahre Gesicht“.
Der Körper als Produkt: King beschreibt, dass der menschliche Körper in Zeiten von Robotik und technologisch erweiterter Biologie (Cyborg-Vorstellungen), zunehmend als ein zu optimierendes Produkt wahrgenommen wird. Das deckt sich mit dem Motiv in „Replik:A“, in dem der Mensch durch technisch überlegene Repliken ersetzt oder ergänzt werden soll.
Der Idee der Cyborg-Vorstellung folgt auch die Romanautorin „Ira Leven: Die Frauen von Stepford„). Joanna, neu am Ort, beginnt die dunklen Geheimnisse von Stepford zu ergründen. Sie entdeckt, dass die Frauen durch Hightech und Microchips in ihren Gehirnen zu willenlosen Cyborgs gemacht wurden.
Scham und Entfremdung: King analysiert die Kluft zwischen dem realen Erleben junger Menschen und der perfekten digitalen Maske. Das Unbehagen, das Zuschauer bei „Replik:A“ empfinden (Uncanny Valley), lässt sich mit Kings Analysen zur Entfremdung durch technische Selbstoptimierung erklären.
Während Vera King keine Rezension zu dem Stück Replik:A verfasst hat, liefern ihre Arbeiten zur Adoleszenz, Digitalisierung und dem Drang zur Perfektion das soziologische Fundament, um zu verstehen, warum uns das Thema der Repliken heute so stark beschäftigt. Sie thematisiert zwar nicht den „Roboter auf dem Stuhl“, der auf der Bühne in Replik:A sitzt und von einem Schauspieler umtanzt wird, aber den „Menschen im Netz“, der sich in seinen eigenen digitalen Abbildern verliert. Dazu ist es spannend ihre Konzepte zur Selbstoptimierung oder zum psychoanalytischen Verständnis des Doppelgängers zu interpretieren.
Im Beitrag von Vera King geht es darum, dass digitale Medien neue Kulturen des Sich-Zeigens hervorgebracht haben, in der bei der Selbstdarstellung und dem Optimierungswahn auch Schamgefühle auftreten können. King beschreibt in Forschung Frankfurt über ihr Forschungsprojekt „Das vermessene Leben“, in dem sie zusammen mit ihren Kooperationspartnern Hartmut Rosa und Benigna Gerisch über tausend Frauen und Männer befragte: „Subjektiv mögen sie versuchen, sich kritisch von dieser Art der Selbstdarstellung und Vermessung zu distanzieren, aber sie können sich dem doch nicht ohne Weiteres entziehen“. Ein weiteres Projekt in diesem Kontext ist ihr Buch „Lost in Perfektion“, in dem es um die Grenzen der Selbstoptimierung in Gesellschaft, Kultur und Psyche geht.
Im mehrfachen Sinne erweist sich Scham als eine Kehrseite des Sich-Zeigens, Vergleichens und Vermessens. Das wird deutlich, wenn man den Beitrag zu Körperphantasien liest. In Zeiten von Smartphones und social web ist eine neue Qualität erreicht: Jeder kann nun sein Leben und seinen Körper medial in Szene setzen. Vera King hat das Thema „Doppelgänger“ im Kontext der Digitalisierung und modernen Optimierungskultur umfassend analysiert. In ihren Arbeiten – wie dem Projekt „Aporien der Perfektionierung“ – beschreibt sie den digitalen Doppelgänger als ein zentrales Phänomen unserer Zeit.
Zu Forschung Frankfurt

In Themenheften wird in diesem von der Goethe-Universität herausgegebenen Magazin immer über aktuelle wissenschaftliche Forschungen berichtet. So auch der Beitrag zum Städelprojekt „Artemis„, der auch einen Beitrag zu Demenzkranken unter der Überschrift „Zugang zu den inneren Bildern finden“ im.Artikel in „Forschung Frankfurt“ (PDF) enthält.

Oder auch in Forschung Frankfurt zu finden ein Beitrag zu einem Projekt in der Erwachsenenbildung: „Geschichtenerzählen im Café Sagenhaft„. Hier geht es um eine Entwicklung durch moderne Technologien, die zunehmend alte Traditionen – wie etwa das Geschichtenerzählen zwischen den Generationen – zunehmend verdrängen.
Diese Artikel, die vor etwa 10 Jahren aktuell waren, sind auch gleichzeitig ein Spiegel der Zeit und der unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte.

Aktuelle Konzepte von Vera King drehen sich um Digitalisierung und Optimierung
1. Der digitale Doppelgänger als „Optimierungs-Ich“
King beschreibt, dass Menschen in sozialen Medien und durch Self-Tracking eine Art künstliches, optimiertes Ich erschaffen:
Die Maske: Wir generieren digitale Repliken, die „perfekter“ sind als unser reales Selbst. Dieser Doppelgänger wird zum Maßstab, an dem das reale Ich oft scheitert.
Scham durch Entfremdung: King thematisiert die Scham, die entsteht, wenn man das Gefühl hat, sein „wahres Gesicht“ hinter der digitalen Replik verstecken zu müssen, um Anerkennung zu finden.
2. Körperoptimierung und „Lost in Perfection“
In ihrem Buch „Lost in Perfection“ untersucht sie, wie die Grenze zwischen Mensch und Maschine durch technische Verbesserungen verschwimmt:
Instrumentelle Logik: Der eigene Körper wird wie eine Maschine behandelt, die durch „Repliken“ (z. B. Prothesen, digitale Überwachung oder ästhetische Korrekturen) verbessert werden muss.
Bindungsverlust: Der Fokus auf die technische Perfektion der eigenen Replik führt laut King oft zu einer Verarmung realer zwischenmenschlicher Beziehungen.
3. Psychoanalytisches Verständnis: Das Unheimliche
King knüpft an Freuds Begriff des Unheimlichen an, der auch für das „Uncanny Valley“ zentral ist:
Verlust der Autonomie: Die Begegnung mit einer Replik oder einem Doppelgänger löst Angst aus, weil sie uns unsere eigene Ersetzbarkeit und den Mangel an Kontrolle über unser Bild vor Augen führt.
Narzisstische Kränkung: Dass wir Maschinen erschaffen, die uns täuschend ähnlich sehen, wertet King als eine der großen modernen Kränkungen, da die Einzigartigkeit des menschlichen Subjekts infrage gestellt wird. (Image by kalhh from Pixabay)
Zusammenfassend sieht Vera King in den Repliken unserer Zeit weniger eine technische Spielerei als vielmehr ein Symptom für einen gesellschaftlichen Zwang zur Selbstoptimierung, der psychische Krisen und ein Gefühl der Leere auslösen kann.
In ihren Studien, insbesondere im Projekt „Aporien der Perfektionierung“, beschreibt Vera King das Fallbeispiel der „digitalen Selbstinszenierung“ bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Hier ist die Dynamik, die sie analysiert:
Der optimierte Doppelgänger: Junge Menschen erschaffen in sozialen Medien ein digitales Ebenbild (eine Replik), das durch Filter und Inszenierung makellos wirkt. Dieser Doppelgänger ist das „ideale Ich“.
Die psychische Schere: Das reale, physische Ich mit all seinen Fehlern und Unsicherheiten kann mit dieser perfekten Replik nicht mithalten. Es entsteht ein tiefer Entfremdungsprozess.
Das Paradoxon: Je mehr Anerkennung (Likes) der digitale Doppelgänger bekommt, desto minderwertiger fühlt sich das reale Individuum, da die Bestätigung nur der „Maske“ gilt, nicht der echten Person.
Erschöpfung: King zeigt auf, dass der Zwang, diesen künstlichen Doppelgänger ständig „upzudaten“ und zu füttern, zu massiver psychischer Erschöpfung (Burnout-Symptomen) führt.

Dieser theoretische Ansatz erklärt perfekt, warum das Publikum in Bad Vilbel beim Anblick des Roboters so beunruhigt reagiert: Der Roboter auf der Bühne ist die physische Manifestation dieser unheimlichen, technisierten Selbstoptimierung, die wir im Alltag bereits digital betreiben.
Das wichtigste Werk von Vera King zu diesem Thema trägt den passenden Titel:
„Lost in Perfection – Optimierungswelten zwischen Idealisierung und Entfremdung“
(Herausgegeben gemeinsam mit Benigna Gerisch und Hartmut Rosa, erschienen im Suhrkamp Verlag).
Warum dieses Buch für das Thema „Repliken“ relevant ist:
Die „Optimierungsfalle“: King beschreibt darin detailliert, wie der Drang, eine perfekte Version (eine Replik) von sich selbst zu erschaffen, Paradoxien erzeugt: Man will freier und besser werden, endet aber in Erschöpfung und digitaler Abhängigkeit.
Interdisziplinärer Ansatz: Das Buch verbindet Soziologie (Hartmut Rosa/Beschleunigung) mit Psychoanalyse (Vera King/Subjektivität). Es erklärt, warum wir uns heute technisch „vervielfältigen“ und optimieren müssen, um gesellschaftlich dazugehören zu glauben.
Das „Unheimliche“ im Alltag: Sie analysiert, dass das Gefühl der Entfremdung, das man im Theater vor einem Roboter-Doppelgänger hat, längst in unseren Alltag mit Smartphones und Algorithmen eingesickert ist.
Ein weiteres ergänzendes Werk ist „Aporien der Perfektionierung“, das sich spezifisch mit den psychischen Folgen dieser modernen „Selbst-Replizierung“ befasst.
Kurze Zusammenfassung der Kernaussagen aus „Lost in Perfection“ und Interview/Vortrag von Vera King dazu auf YouTube
In diesem Werk beschreibt Vera King die Schattenseiten der modernen Selbst-Replikation:
Die paradoxe Freiheit: Wir glauben, durch Technik und Optimierung (Fitness-Tracker, KI-Abbilder, OPs) freier zu werden. Tatsächlich landen wir in einem Optimierungszwang, der uns versklavt.
Entfremdung vom Körper: Der reale Körper wird zum „Material“, das hinter der perfekten digitalen Replik zurückbleibt. Das führt zu einer tiefen inneren Leere.
Verlust des Unverfügbaren: King warnt davor, dass wir versuchen, alles (auch unsere Persönlichkeit) berechenbar und kopierbar zu machen. Dabei geht das Lebendige und Spontane verloren – genau das, was der Tänzer in Replik:A gegenüber dem Roboter zu verteidigen versucht.




