Du betrachtest gerade Philosophie im Alltag: „Menschliches, Allzumenschliches“ (Nietzsche) – Ellens Ansichten und Einsichten

Nietsches Credo „Wer Neues schaffen will, muss Altes zerstören“ ist für Ellen eine Anleitung nicht nur wissenschaftlich, sondern auch im Alltag „Menschliches, Allzumenschliches zu überdenken. Nicht nur Nietzsche unterzieht zuweilen alles Geglaubte, Gehoffte und Gefürchtete einer gnadenlosen Kritik. Auslöser für seine „Philosophie am Vormittag“ war sein Bruch mit Wagner, dessen Kunst er vorher vergöttert hatte. In der Krise einer langjährigen Freundschaft erinnert sich Ellen dessen, staunt über Nietzsches Mut und sein Ideal eines „freien Geistes“, der sich zu Neuem bekennt und Krisen als Herausforderung versteht.

Ellen sucht Trost in der Literatur, der Kunst und zuweilen auch in der Philosophie, Kant, Bloch, Nietzsche sind große Vordenker, deren Zitate ihr in so mancher Lebenslage bereits geholfen haben. Sie weiß, dass sie eigentlich „nichts weiß“ (Sokrates), aber es Zeit ist, aus ihrer Komfortzone auszusteigen und einen neuen Kurs einzuschlagen. Sie will versuchen, sich den eigenen psychologischen Beobachtungen zu stellen und ‚das Verstehen zu verstehen lernen‘.

Gerade hat sie hier im UniWehrsEL gelernt, wie man Kant im Alltag verstehen kann. Kant glaubte, dass wir nur dann wirklich motiviert sind moralisch zu handeln, wenn wir hoffen dürfen, dass das Gute am Ende siegt. Da die Welt aber oft ungerecht ist (Gute leiden, Böse sind glücklich), postuliert Kant, dass wir die Existenz Gottes oder ein Leben nach dem Tod nicht beweisen können, aber in der praktischen Vernunft (also in unserem Handeln) als notwendig annehmen dürfen. Ein Glück im ‚Jenseits‘ könnte also durchaus erhofft werden.

Auch über Nietzsche und Bloch hat sie im Kontext der Oper „Written on skin“ erhellendes gelesen. Friedrich Nietzsches berühmtes Textstück aus der „Fröhlichen Wissenschaft. lässt einen Narren Unerhörtes verkünden: „Gott ist tot! Gott bleibt tot!“ Das bedeutet, der Mensch muss sich selber helfen und nicht auf ein gutes Jenseits vertraunen. Ellen stellt die Verbindung zum Seminar „Krise und Hoffnung“ her, zu Kritik an der Zivilisation und Religionskritik. Sie denkt an Ernst Bloch, der in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ beschrieb: „Die Wahrheit des Gottesideals ist einzig die Utopie des Reichs, zu dieser ist gerade die Voraussetzung, dass kein Gott in der Höhe bleibt, indem ohnehin keiner dort ist oder jemals war.“ Wenn also Gott nicht als ‚Retter in der Not‘ erscheint, wer dann?

Ellen versteht sich als Literaturliebhaberin.Sie ist eine leidenschaftliche Leserin von Romanen (z. B. von Siri Hustvedt) und nutzt diese als „anthropologische Quellen“, um ihre eigene Lebenssituation und Identität besser zu verstehen. Durch „Ellens Tagebuch“ werden psychologische Themen wie Metathesiophobie (Angst vor Veränderungen), Zweifel oder die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen anschaulich dargestellt.

Sie beschreibt ihre Gefühle wie in „Sommerlügen“ (Schirach) und versteht Gelesenes als Medium für Selbstanalyse und Intersubjektivität.

Ellen begann ihre Überlegungen mit dem Beitrag Stell Dir vor, es ist Weihnachten und keiner kommt), wo sie erkannte, das Betteln um ein Gespräch nichts bringt.

Während Ellen zu Beginn ihres Schreibens eher die Einsamkeit thematisiert, entwickelte sie sich in späteren Texten (wie in den „Sommerlügen“) zu einer komplexeren Protagonistin weiter, die aktiv Literatur nutzt, um ihre Identität und ihre Zweifel (z. B. Metathesiophobie) zu verarbeiten.

Ellen nutzt Hustvedts Romane (vor allem „Die gleißende Welt“ oder „Damals“), um ihre eigene psychische Verfassung zu objektivieren. Sie versteht die Literatur und nun auch die Philosophie als einen Spiegel. Sie erkennt durch die Lektüre, dass ihre Krisen keine Einzelschicksale sind, sondern tief in der menschlichen Natur verwurzelte Phänomene.

In der Krise und der Identitätssuche lernt Ellen, die „Brüchigkeit“ ihrer eigenen Identität zu akzeptieren. Sie versteht durch die Bücher, dass man mehrere „Ichs“ haben kann. Ihre Erkenntnisse nutzt sie als wissenschaftlichen Anker, mit dem Ziel komplexe Theorien wie beispielsweise die zur Intersubjektivität (Hustvedt; wie wir durch andere zu uns selbst werden) in eine alltagsnahe Sprache zu übersetzen.

Ellens Entwicklung manifestiert sich in der Auseinandersetzung mit der Metathesiophobie (Angst vor Veränderung)

Als Hustvedt-Effekt versteht sie: Anstatt vor der Veränderung zu fliehen (wie noch am einsamen Weihnachten), lernt Ellen durch die Romanfiguren, den „Zwischenraum“ zwischen Altem und Neuem auszuhalten. Damit gelingt es ihr, sich von der Opferrolle zu lösen. Ellen ist nicht mehr nur diejenige, die darauf wartet, dass „jemand kommt“, sondern sie wird zur Beobachterin ihres eigenen Lebens und selbst aktiv.

Ellen möchte mit ihren Problemen zur Identifikation einladen. Ihre Idee, auf dem UniWehrsEL durch ihre Geschichte weg von der Krise hin zur ÜberLebensKunst einladen. Dazu las sie „Fragen zu ‚Corpus Delicti‘ das neue Buch von Juli Zeh, indem sie sich selbst mit den Betrachtungen, Bedingungen und Mentalitäten auseinandersetzt, die heute unser Leben bestimmen – ein fiktives Interview, das wir vielleicht alle in Zeiten der „ÜberLebensKunst“ mit uns selbst führen sollten.

Das bedeutet Krisen nicht nur auszuhalten, sondern ihnen mit einer inneren Freiheit und Offenheit zu begegnen. In ihrer selbstgewählten Rollefungiert sie als psychologische Wegweiserin, die durch ihr eigenes Beispiel zeigt, wie man in „bewegten Zeiten“ (auch Seminar Krise, Hoffnung) stabil bleibt. Souveränität soll der Anker sein: Indem Ellen ihre Krisen nicht als Niederlage, sondern als Teil des Lebens akzeptiert, nimmt sie den Ereignissen ihren Schrecken. Das soll Lesern helfen, die Angst vor der Krise zu verlieren und sie mit   „offenen Arme“ empfangen. Diese Haltung ist ein direktes Angebot an andere. Ellen will vermitteln, dass Hoffnung nicht bedeutet, dass alles gut geht, sondern dass man bereit ist, das, was kommt, mit erhobenem Haupt zu empfangen. Ellen gibt den Lesern Werkzeuge an die Hand, um ihre eigenen Gefühle besser einordnen zu können.

Was braucht es dazu: Authentisch bleiben: nicht vorgeben, dass keine Probleme existieren. Versöhnung vorleben: Aussöhnung mit der Vergangenheit und der Unvollkommenheit der Gegenwart. Sinn stiften: Krisen als „anthropologische Quelle“ nutzen, um über sich selbst hinauszuwachsen. Mut machen: Jeder Mensch kann Souveränität in seinem eigenen Leben finden.

Und was würde nun der eingangs erwähnte Philosoph Nietzsche dazu sagen?

Nietzsche würde dem „Prinzip Hoffnung“ (Bloch) sehr skeptisch begegnen, da er sie oft als Vertröstung auf ein Jenseits oder eine bessere Zukunft ablehnte. Sein Umgang mit der Krise ist stattdessen radikal aktiv und bejahend.

Sein Ansatz liegt im „Amor Fati“ (Liebe zum Schicksal). Nietzsche fordert nicht nur, die Krise zu ertragen, sondern sie zu lieben. Man soll das Schicksal so annehmen, wie es ist. Nichts soll anders sein, auch nicht die schmerzhafte Krise.Souveränität bedeutet hier: „Ja“ zu sagen zu allem, was war und was ist. So wird die Krise zum „Geburtshelfer“. Für Nietzsche ist Leiden eine notwendige Voraussetzung für Größe. Er sieht die Krise als Wachstumsbeschleuniger. Sein berühmtes Motto: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Ohne Widerstand und Chaos kann kein „tanzender Stern“ geboren werden.

Nietzsche übt Kritik an der Hoffnung. In Menschliches, Allzumenschliches bezeichnet Nietzsche die Hoffnung als das „übelste aller Übel“, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Hoffnung ist für ihn oft passives Warten. Sein Gegenentwurf ist der Wille zur Macht: Die aktive Gestaltung der Krise, statt auf Erlösung zu hoffen. Die liegt für ihn in der Chance zur Selbstüberwindung. Der Mensch ist etwas, das „überwunden werden muss“. Die Krise zwingt uns, alte Werte abzuwerfen und neue, eigene Werte zu schaffen.

Und wo liegt nun die Verbindung zu Ellen? Während Ellen die Arme versöhnlich öffnet, würde Nietzsche sie eher herausfordernd öffnen. Beide teilen jedoch die Souveränität: Die Krise wird nicht als Ende, sondern als Material für ein stärkeres, tieferes Leben begriffen.

Ellen schreibt in ihr Tagebuch

Meine Gedanken kreisen darum wie Nietzsches harte Philosophie sich mit meiner eher versöhnlichen Art verknüpfen lässt.

Heute saß ich lange am Fenster und dachte an dieses eine Weihnachtsfest zurück. Das Fest, an dem keiner kam. Damals öffnete ich die Arme für die Stille, und es fühlte sich versöhnlich an. Aber heute begegnete mir in meinen Büchern Friedrich Nietzsche, und er stellte mir eine unbequeme Frage: „Ellen“, schien er zu flüstern, „bist du nur versöhnt, weil du hoffst, dass es nächstes Mal besser wird? Oder liebst du diesen Moment der Leere wirklich?“

Nietzsche ist hart. Er nennt die Hoffnung das „übelste der Übel“, weil sie uns im Wartesaal des Lebens gefangen hält. Er will kein sanftes „Es wird schon wieder“, sondern ein donnerndes „Amor Fati“ – die Liebe zum Schicksal, genau so, wie es ist. Mit allen Rissen und Enttäuschungen.

Zuerst erschreckte mich diese Radikalität. Aber dann verstand ich die Verbindung zu meiner eigenen Haltung: Wenn ich die Arme weit öffne, während ich allein bin, dann tue ich das nicht, um auf Rettung zu warten. Ich tue es, weil dieser Moment – diese Krise – wertvolles Material ist.

Nietzsche sagt, man müsse „noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“. Vielleicht ist das die wahre Souveränität: Nicht passiv hoffen, dass der Schmerz geht. Sondern aktiv bejahen, dass der Schmerz mich offener für andere werden lässt.

Krisenbewältigung bedeutet bei Nietzsche Selbstüberwindung. Ich bleibe nicht die Ellen, die verlassen wurde. Ich werde die Ellen, die die Einsamkeit nutzt, um ihre eigene Stärke zu finden. Meine Versöhnlichkeit ist kein Nachgeben, sondern mein Sieg über die Angst vor der Veränderung.

Ich halte die Arme offen – nicht für das, was ich mir wünsche, sondern für das, was IST. Und darin liegt eine unerschütterliche Hoffnung, die gar keine Versprechungen mehr braucht.

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