Du betrachtest gerade „Die Farben der Zeit“ (2025) – ein filmisches Portrait über Impressionismus, zur Lebenskunst und dem kulturellen Gedächtnis (Jan Assmann)

Im Film „Die Farben der Zeit“ bringt eine unerwartete Erbschaft vier Personen in einem Landhaus in der Normandie zusammen. Gemeinsam entdecken sie eine mysteriöse Familiengeschichte. Cédric Klapischs Kostümfilm ist ein Lehrstück über eine Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts. Als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen französischen Filmemacher verknüpft Cédric Klapisch leichte Unterhaltung mit sozialen Aspekten. Im Leserbrief im UniWehrsEL stellt sich die Frage: Dient das Haus als bloße Ressource für Entwicklung (ein Einkaufszentrum mit großem Parkplatz), oder eröffnet es als kulturelles Gedächtnis neue Möglichkeiten für Wünsche, Erinnerung und gemeinschaftliche Lebenskunst?

Liebe Leser, Liebe/r Leser/in, Liebe LeserIn, Liebe(r) Leser(in); oder wie würden Sie gerne angesprochen werden?

Gerade hat Netflix den Film Die Farben der Zeit von Cédric Klapisch in sein Filmangebot aufgenommen. (Image by mitchkoff from Pixabay) Es ist ein besonders schön inszenierter Kunstfilm und gleichzeitig ein Werbefilm für die Landschaft der Normandie und die Hauptstadt Paris. Denken wir an „Impression, Sonnenaufgang“, ein Atemzug aus Licht und Nebel, ein Bild, das die Kunstwelt erschütterte und einer ganzen Bewegung ihren Namen schenkte. 1872 malte Claude Monet den nebligen Hafen von Le Havre: flackernde Farbfetzen, ein roter Sonnenpunkt, die See wie ein halb erlöschender Traum. Das Gemälde ist kein stilles Abbild; es ist ein Aufschrei der Wahrnehmung, ein Versprechen, dass Farbe, Licht und vergängliche Stimmung die Wirklichkeit neu erschaffen können. In diesem Flimmern beginnt unsere Geschichte; und mit ihr die Suche nach Identität, Herkunft und den Farben, die ein Leben malen. Es ist ein zentrales Bild für den neuaufkommenden Impressionismus.(übrigens zeigt das Städel Museum gerade in einer Ausstellung „Monets Küste Die Entdeckung von Étretat“)

Monets Gemälde des Hafens von Le Havre spiegelt sich im Film: Die flirrenden Farbfetzen und das zerbrechliche Licht von „Impression, Sonnenaufgang“ werden zur Stimmung, in der Adèles Suche nach Herkunft und Selbst beginnt. Wie Monet das Nebelmeer von Le Havre nicht einfach wiedergibt, sondern neu deutet, so verwandelt der Film Erinnerungsfragmente wie Briefe, Fotografien, ein mögliches Monet-Gemälde, in lebendige Bilder einer Biografie. Adèles Begegnungen mit Malern und Fotografen, ihr Besuch in Monets Villa und das Porträt, das er von ihr malt, setzen die Motive des Films in Bewegung um: Unschärfe wird zur Frage, Farbe zur Identität, Licht zur Enthüllung. So verwebt sich Monets revolutionäres Tableau mit der filmischen Erzählung und macht aus künstlerischer Revolution und persönlicher Suche ein gemeinsames Leuchten. (zu Monet können sie auch unseren Beitrag „Visual Storytelling, Wabi Sabi und Monet“ lesen)

In einem verwilderten Landhaus an der Küste der Normandie (Image by Dylanleagh from Pixabay) öffnet sich ein Fenster zwischen Epochen: ein seit 1944 verlassenes Heim, gefüllt mit Fotografien, Briefen und einem möglichen Bild des Impressionismus, ruft Nachfahren zusammen, die einander kaum kennen. Aus der Distanz der Gegenwart reisen vier Vertreter einer weit verzweigten Erbengemeinschaft an, um über den Verkauf des Anwesens zu entscheiden. Ihr Auftrag scheint profan, ein Grundstück für ein Einkaufszentrum mit großem Parkplatz, doch das Haus selbst entsperrt eine andere Ordnung: die Farben und Schichten der Zeit, die sich in Gegenwart und Erinnerung überlagern.

Adèle ist die treibende Figur einer Suche, die persönlich und künstlerisch zugleich ist. In Paris begegnet sie der lebendigen Welt der Impressionisten: Atelierzirkel, Seerosenbilder und lebhafte Debatten über Licht, Farbe und Wahrnehmung prägen ihren Alltag. Sie freundet sich mit Malern und Fotografen an, die ihr künstlerisches Denken formen und ihr Sinnbild für Identität liefern: nicht als starres Erbe, sondern als fluide Mischung aus Bildern, Begegnungen und Entscheidungen.

Getrieben von dem Wunsch, ihre Herkunft zu klären, sucht Adèle zuerst nach ihrer Mutter; eine Frau, die sie nie gekannt hat und die sich, wie sich herausstellt, in einem Bordell verdingen muss. Die Enthüllung ist schmerzhaft und öffnet zugleich Räume des Mitgefühls und der Verwandlung: Adèle lernt, dass Herkunft kompliziert und ambivalent sein kann, dass Scham und Überleben nebeneinander existieren.

Die Suche nach dem Vater bringt die größte Erkenntnis: Er entpuppt sich, überraschend und skandalös, als Claude Monet. Adèle besucht ihn in seiner Villa, wo die Welt der Impressionisten sich unmittelbar zeigt, Gärten, Seerosenteiche, gemalte Farbflächen, die das Licht selbst zu atmen scheinen. (Bild E.W. aus Beitrag Teil X Schreibwerkstatt:Tatort Frankfurt und die Magie der Musik Enlightmentshow Lichtinstallation zu Monets Garten)

Monet porträtiert seine Tochter; das Gemälde hält nicht nur ihr Antlitz fest, sondern setzt sie bildlich in die Tradition einer Kunst, die Identität als Werk versteht. Die Begegnung mit Monet konfrontiert Adèle mit der Frage, wie viel von ihr durch Herkunft bestimmt ist und wie viel sie selbst als gestaltende Kraft einbringen kann.

Für die heutige Erbengemeinschaft wirft Adèles Biografie grundsätzliche Fragen auf: Was soll mit dem Haus und den Hinterlassenschaften geschehen? Soll das Erbe verkauft, dem Staat überlassen oder privater Nutzung zugeführt werden?

Die Gegenwartsmenschen diskutieren nicht nur ökonomische Interessen, sondern auch Werte: Dient das Haus als bloße Ressource für Entwicklung (ein Einkaufszentrum mit großem Parkplatz), oder eröffnet es als kulturelles Gedächtnis neue Möglichkeiten für Wünsche, Erinnerung und gemeinschaftliche Lebenskunst? (Image by geralt from Pixabay)

Das erinnert an Jan Assmanns Broschur „Das kulturelle Gedächtnis“ mit der Fragestellung: Welche Rolle spielt die Erinnerung bei der Herausbildung kultureller Identitäten? Welche Formen kultureller Erinnerung gibt es, wie werden sie organisiert, welchen Wandlungen sind sie unterworfen? Rituale, Feste, Mythen, Bilder und Texte sind Formen des kulturellen Gedächtnisses. Jan Assmann beschreibt in seinem bahnbrechenden Buch, welche Bedeutung das kulturelle Gedächtnis und insbesondere die Schrift für die Identität von Kollektiven sowie die Entstehung von Staaten und Religionen hat. Das Goethe Institut schreibt über ihn: „In einer Gesellschaft, die all ihre Hoffnungen in die Zukunft setzt, behaupten allerdings Akademiker wie Jan Assmann, dass es wichtig ist, zurückzuschauen.“

Das Erbe stellt die Erben vor die Wahl, ob sie konservieren, transformieren oder teilen wollen; und ob sie bereit sind, aus Adèles komplexer Geschichte eine Grundlage für kollektive Zukunftsentwürfe zu machen.

So verbindet sich Imagination und Entscheidung: Adèles Beziehung zu den Impressionisten, die Enthüllung über Mutter und Vater, und Monets Porträt ihrer Tochter machen das Haus zu einem Knotenpunkt von Kunst, Herkunft und Verantwortung. In bewegten Zeiten wird das Erbe nicht nur als Besitz verstanden, sondern als Palette für neue Wünsche. Die Frage bleibt, welche Farben die Erben daraus mischen.

Die Gegenwartspersonen – ein junger Film- und Videokünstler, eine nüchterne Betriebswirtin, ein kunstinteressierter Lehrer und ein idealistischer Imker – verkörpern unterschiedliche Lebenshaltungen und Weltdeutungen. Jeder bringt eine eigene Farbpalette mit: Skepsis, Kalkül, Wissensdurst, Empathie. Ihr anfängliches Rätselraten über die Gesichter an den Wänden verwandelt sich bald in eine leise Öffnung. Indem sie sich der Herkunft und den Spuren Adèles zuwenden, entdecken sie gemeinsam eine Ressource, die in bewegten Zeiten Halt gibt: das Wissen um Verbundenheit, das Gefühl, Bestandteil einer Geschichte zu sein.

Auf der historischen Erzählebene entfaltet sich das Paris um 1895 (Image by Alexas_Fotos from Pixabay); ein Ort, an dem Moderne und Aufbruch sichtbar werden. Adèle, Anfang zwanzig, fährt die Seine hinauf, trifft Fotografen und Maler, erlebt die elektrisch erleuchtete Stadt und mischt sich frei unter die Avantgarde. Ihre Suche nach der Mutter und später nach dem Vater führt sie in Atelierzirkel, zu Begegnungen mit zeitgenössischen Künstlern und ins Zentrum ästhetischer Debatten: Malerei gegen Fotografie, Tradition gegen neue Technik. Diese Konflikte erscheinen nicht nur als historische Kuriositäten, sondern als wiederkehrende Fragen: Wie ordne ich meine Welt? Welchen Wert hat das Echte gegenüber dem Reproduzierten? Wie verändert sich Wahrnehmung, wenn die Farben der Zeit neu gemischt werden?

Der Film (Trailer „Die Farben der Zeit) verknüpft beide Ebenen nicht bloß chronologisch, sondern chromatisch: Farben werden zu Metaphern für Haltung und Zeitbewusstsein. Das schimmernde Rotbraun des Eiffelturms, die Seerosen, deren Töne im Museumskubus neu verhandelt werden, selbst die digitale Nachbearbeitung eines Werbefotos, all das zeigt, wie Farben Bedeutung tragen, manipuliert werden können und doch Spuren der Herkunft bewahren. In der Gegenwart erzeugt die Konfrontation mit Originalen wie Briefen, Fotos, Gemälden, eine Art ästhetische und existentielle Resonanz: Die Erben erkennen, dass Herkunft keine bloße Fußnote ist, sondern ein Möglichkeitsraum für Gemeinschaft.

Vor dem Hintergrund des Seminars „Krise und Hoffnung. Über Lebenskunst in bewegten Zeiten“ tritt einer zentrale Einsicht zutage: Lebenskunst ist nicht nur individuelles Geschick, sondern ein kollektives Arrangement von Erinnerung, Urteilskraft und Gestaltung. In Krisenzeiten braucht es die Fähigkeit, alte Farbschichten zu lesen, auszuwählen und neu zu mischen. Nicht um nostalgisch zu verharren, sondern um aus Vergangenem Kraft für gegenwärtiges Handeln zu schöpfen. So wie Adèle zwischen Tradition und Moderne navigiert und die Erben lernen, durch das Haus hindurch ihre Verbindung zueinander zu färben, verlangt Lebenskunst, Widersprüche auszuhalten, Entscheidungen über Nutzung und Erhalt zu treffen und dabei ästhetisches Urteilsvermögen mit ethischer Verantwortung zu koppeln.

Der Film bleibt skeptisch gegenüber ungebrochenem Fortschrittsglauben: Moderne Mittel werden in Frage gestellt, Authentizität und Ursprünglichkeit geraten unter Argwohn;  zugleich feiert das Werk Neugier, gemeinschaftliche Suche und das Teilen von Sinnstiftung. Die Farben der Zeit sind weder rein pastos noch blass; sie changieren. In diesen Farbwechseln zeigt sich, wie Menschen in unruhigen Zeiten Halt finden: durch gemeinsame Narrative, durch das Bewahren von Artefakten, durch das Erzählen von Lebenslinien, die über Generationen reichen.

Für das Seminar bedeutet das: Lebenskunst in bewegten Zeiten verlangt ein praktisches Interesse an Herkunft und Ästhetik, ohne in konservative Bewahrung zu verfallen; sie fordert die Bereitschaft, Erinnerungsräume zu öffnen, sie kritisch zu befragen und zugleich kreativ zu nutzen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit liefert Werkzeuge wie Erinnerung, Empathie, künstlerische Sensibilität, die helfen, Gegenwart und Zukunft zu gestalten. So werden die Farben der Zeit zu einem Instrument: nicht zur Flucht in die Vergangenheit, sondern zur Palette, mit der man eine tragfähige, gemeinsame Zukunft mischt.

 Mit freundlichen Grüßen

Izzi Neven