Im Staatstheater Darmstadt begegnet dem Zuschauer mit „Unerhört“ (auch unser Beitrag zu Juliana Hayn) eine Frau, die Geschichte nicht nur erzählt, sondern in Sprache, Klang und Heilwissen formt: Hildegard von Bingen. Der Abend „Unerhört! – Hildegard von Bingen – Begegnungen mit Komponistinnen“ fand am 16. Juni 2026 im Foyer des Großen Hauses statt und spannt so eine spannende Begegnung zwischen ihrer Lebensgeschichte und ihrem Werk als Komponistin und anderen zeitgenössischen Komponistinnen durch den Chor des Staatstheaters Darmstadt.
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
Die Lebensgeschichte von Hildegard von Bingen wird durch die Operndramaturgin Frederike Prick-Hoffmann vom Staatstheater Darmstadt vorgetragen. Die Reihe Unerhört“ holt ihre Zeit in unsere Gegenwart zurück – und macht dabei etwas, das heute besonders zählt: dass Überleben nicht bloß Durchhalten heißt, sondern Umwandeln. Hildegard wird an diesem Abend nicht zur historischen Ikone, sondern zur Person gelebter Überlebenskunst.

Damit schlägt „Unerhört“ eine Brücke zum Seminar „Überlebenskunst in bewegten Zeiten“: In bewegten Zeiten braucht es nicht nur Mut, sondern Übersetzungsfähigkeit. Hildegard macht das vor, weil sie Grenzen nicht bloß erträgt, sondern in Sinn verwandelt. Sie verbindet Körper und Seele, Naturwissen und Glauben, Denken und Klang. Ihre Schriften zur Heilkunst erzählen, dass Welt nicht nur verstanden, sondern genutzt werden will – nicht als Warenkatalog, sondern als Beziehung. Und ihre Musik zeigt, dass Selbstbehauptung auch hörbar sein kann: Tugenden als „Reigen“, Tugendlehre als Theater – Gemeinschaft entsteht nicht nur über Argumente, sondern über gemeinsame Erfahrung.

Was mich als Zuschauer besonders in der Reihe „Unerhört!“ bewegt hat, ist: Hildegard wird nicht romantisiert, sondern als reale Person gezeigt. Sie ist nicht ‚unberührt‘ vom Schmerz ihrer Zeit, sie ist geprägt von Krankheiten und harter Arbeit, und trotzdem schreibt, komponiert, streitet, gründet sie. Überlebenskunst wird hier greifbar: nicht als Individualheldentum, sondern als Fähigkeit, das ‚Andere‘ in die Welt zu bringen, ohne die eigene Richtung zu verlieren.
Musikalische Umrahmung durch den Chor des Staatstheaters
Umrahmt wird die Lebensgeschichte von Hildegard von Bingen im Staatstheater Darmstadt durch den Chor des Hauses. Die musikalische Dramaturgie verbindet dabei alte Stimmen und klingende Bilder: gleich zu Beginn „O pastor animarum“ und „O viridissima virga“ von Hildegard von Bingen, begleitet von Kyrie und „O magnum mysterium“ derselben Komponistin. Dazwischen setzt Sed Diabolus (Drehleier Solo) von Hildegard von Bingen einen dunkleren Akzent und lässt die Handlungsvorlagen der Texte kurz wie in einem anderen Licht erscheinen.
Nach diesen Hildegard-Passagen weitet sich der Klangraum: „Amo Christum“ und „Ave verum“ von Lucrezia Vizzana bringen eine andere Art von Innigkeit ins Gespräch. Es folgt mit „Sweeping Swallows“ (Drehleier solo) eine Solostelle, die mit Caterina Assandra verbunden ist, bevor „O tu illustrata“ von Hildegard von Bingen wieder den zentralen Bezugspunkt setzt.
Nicht der gewohnte Operngesang
Dass das gelingt, liegt auch an den musikalischen Stimmen des Abends: Lydia Ackermann zeigt als Solo-Sopran, was die Musik von Hildegard von Bingen bedeutet. Was zu hören ist, klingt dabei in eine ganz andere Richtung als gewohntem Operngesang – nicht wie ein Repertoirestück wie z.B. Carmen, das sich allein über vertraute, notierte Noten sich dem Sänger automatisch erschließt. Gerade weil Hildegards Musik oft nicht die gewohnten „Notennotizen“ bietet, wird das Ein- und Aufeinander-Hören zur Aufgabe: Atem, Textdeutung, Musik und der nächste Ton müssen zugleich entstehen. Man merkt, wie viel Arbeit und Sensibilität es erfordert, in den mittelalterlichen Klang hineinzufinden. Dann aber wirkt Hildegards Gesang nicht wie etwas Fremdes, sondern wie etwas Vertrautes.
Besonders nahbar wurde das im Nachgespräch: Die Drehleier, vorgestellt und gespielt von Tobie Miller, entlockte den Gästen einen ganz konkreten Eindruck vom Klangmechanismus. Die Dramaturgin Frederike Prick-Hoffmann erklärte dazu verständlich, dass es sich um ein mechanisiertes Streichinstrument aus der Klasse der Lauteninstrumente handelt, bei dem die Saiten von einem eingebauten Rad angestrichen werden, das über eine Kurbel gedreht wird. So wurde nicht nur zugehört, sondern nachvollziehbar, wie der Klang entsteht – und warum er in diesem Abend so präzise wirken kann. Eine Drehorgel kommt im normalen Opernbetrieb nicht vor, sondern wird an diesem Abend von einer Expertin gespielt um die Musik aus dem Mittelalter für die Zuschauer erlebbar zu machen.
So bleibt der Chor nicht nur ein Rahmen für die Lebensgeschichte, sondern zeigt die Begabung von Hildegard von Bingen als Komponistin: Die Musik berührt uns menschlich, die andere Komponistinnen ergänzen den Eindruck über die Kraft der mittelalterlichen Musik. Genau dadurch entsteht am Ende dieses Gefühl von „angekommen“: als würde man nach vielen Stationen schließlich ruhiger werden und etwas besonders musikalisch erleben. Gestärkt wird dieses Gefühl durch das letzte Lied O tu illustrata.
Lebensgeschichte von Hildegard von Bingen
Denn Hildegard kennt frühe Enge und freiwillig gewählte Unfreiheit: Mit acht Jahren wird sie an Jutta von Sponheim übergeben, mit vierzehn „eingeschlossen“ in der Klause von Disibodenberg. Wer heute nur auf die Freiheit als Maßstab schaut, verpasst die andere Seite: Wie aus dem Verzicht eine Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung wird. Wie aus dem Begrenzten ein Ort der Fähigkeiten entsteht. Gerade das macht sie so aktuell. Überlebenskunst zeigt sich bei Hildegard nicht im spektakulären Ausbruch aus den Verhältnissen, sondern im konsequenten Lernen im Stillen, im Beten, in Handarbeit, in der Ausdauer, die eine innere Linie zieht, wenn außen alles eng ist.
Als sie mit Ende vierzig beginnt, ihre Visionen niederzuschreiben, geschieht mehr als literarische Produktivität. Es ist eine Wende, die zeigt, wie aus Verletzlichkeit eine Praxis werden kann: Sie hält fest, was andere wegdrücken würden. Sie deutet, ordnet, übersetzt für andere – zunächst gegen alle strukturellen Hürden ihrer Zeit: Pergament ist teuer, Wissen braucht Abschriften, Worte müssen mühsam wachsen. Und doch wächst daraus ein Werk, das nicht nur Trost spendet, sondern Orientierung: das Buch Scivias, das „Wisse die Wege des Herrn“, ist buchstäbliche Handlungsfähigkeit für Menschen in Bild und Deutung.
Die Reihe Unerhört stellt Hildegard dabei sichtbar als Kämpferin ihrer Zeit dar. Ihr Name breitet sich außerhalb der Klostermauern aus, Briefe gehen hinaus in Europa, Predigten erreichen weit entfernte Städte. Doch Überlebenskunst heißt hier auch: Selbstbehauptung im Gegenwind. Neid, Misstrauen, wirtschaftliche Abhängigkeiten und kirchlicher Streit gehören zu ihrem Lebensweg dazu. Das bedeutet viel Zeit zu verbringen im Kampf mit den kirchlichen Institutionen.

Besonders eindrücklich ist die Episode der Reformsynode, in der die Echtheit ihrer Visionen durch Papst Eugen III. bestätigt wird – eine politische Entscheidung, die Hildegards Handlungsraum erweitert.
Später führt auch ihr Konflikt um die Exhumierung eines exkommunizierten Edelmanns zum Interdikt gegen ihr Kloster. Musik und Lobgesang werden untersagt. Hildegard widersetzt sich trotzdem. Dass am Ende die Bannlösung aufgehoben wird, wirkt weniger wie Glück als wie Konsequenz: Überleben durch Hartnäckigkeit, nicht durch Anpassung.
Wenn Hildegard von Bingen im Staatstheater Darmstadt als Stimme ihrer Zeit spricht, dann nicht, um fernes Mittelalter zu romantisieren, sondern um den Menschen gerade jetzt Halt zu geben. Man spürt: Diese Frau hat Enge ausgehalten, Zweifel überlebt und trotzdem gearbeitet – mit Worten, Musik und Wissen. Und genau darum wirkt „die Begegnung mit Hildegard von Bingen“ so nahe an dem Seminar „Überlebenskunst in bewegten Zeiten“.
Denn es geht nicht nur darum, durch unruhige Phasen zu kommen, sondern darum, sich dabei nicht selbst zu verlieren. Hildegards Lebensweg erinnert daran, dass Kreativität auch ein Rettungsweg sein kann: etwas in sich finden, ein Projekt das weitergeht, auch wenn man sich dabei mit kirchlichen Institutionen anlegen muss.
Mit freundlichen Grüßen
Elisabeth

