Du betrachtest gerade Auf den Spuren von Goethes Eltern, mürrischen Philosophen, Kiosk-Kultur: Frankfurts grüne Wallanlagen

Wer an Frankfurt denkt, hat oft nur die gläserne Skyline im Kopf. Doch es gibt ein Geheimnis, das diese Stadt wie ein schützender, grüner Gürtel umschließt: die fünf Kilometer der Frankfurter Wallanlagen. Wo einst finstere Festungsmauern die Stadt abriegelten, wandelt man heute durch lichte, englische Landschaftsgärten. Es ist eine Reise durch die Jahrhunderte, die man am eigenen Leib spüren muss – am besten an der Seite von jemandem, der die Steine und Bäume zum Sprechen bringen kann.

Unser persönliches Abenteuer begann am imposanten Eschenheimer Turm, diesem spätgotischen Überlebenswunder aus dem Mittelalter. Von dort ging es hinein in das grüne Herz der Stadt, die Eschenheimer Anlage. Wer hier aufmerksam wandelt, verlässt die Pfade der klassischen Postkartenmotive und taucht tief in das echte Frankfurter Lebensgefühl ein:

Da ist das charmante, weiße Wasserhäuschen „fein frankfurt“ – ein historischer Kiosk, der seine Bänke und Tische im Sommer direkt auf die Parkwiese zaubert. Man sitzt mit Weinschorle unter alten Baumkronen, direkt im Schatten zweier wunderbarer, moderner Skulpturen: der rundlichen Bronzefigur „Betty“ und dem wuchtigen „Sitzenden“ – Kunst, die man hier ganz ohne Museumsschranken einfach anfassen darf.

Denkmal Anton Kirchner

Nur wenige Schritte weiter reibt man sich erstaunt die Augen: Ein echtes Maurisches Haus mit orientalischen Ornamenten und Hufeisenbögen blitzt durch die Blätter, gefolgt vom Denkmal des großen Stadthistorikers Anton Kirchner, über den schon Goethe sagte, er sei der „klügste Schelm in Frankfurt“.

Heilig Geist Krankenhaus rückwärtige Ansicht

Der Weg führt weiter vorbei am traditionsreichen Hospital zum Heiligen Geist, bis man schließlich am Mainufer vor einem architektonischen Phänomen steht: Dem prachtvollen Portikus der Alten Stadtbibliothek (heute das Literaturhaus). Jahrzehntelang stand dieser antike Säulenvorbau nach dem Krieg einsam wie ein Mahnmal in der Stadt – heute ist das Gebäude drumherum wiederaufgebaut.

Louises letzte Ruhestätte – Foto: A. Winckler

Mein tiefster Dank gilt unserer wunderbaren Führerin Anne Winckler. (natürlich waren da auch unsere Erinnerungen an die gemeinsame Stadtforschung im Projekt ÜberLebensKunst an der U3L)
Liebe Anne, ohne deinen wachen Blick, deine Begeisterung und dein tiefes Wissen wäre dieser Spaziergang nur ein Weg durch einen Park gewesen. Erst durch dich wurden die Denkmäler lebendig, bekamen die alten Bäume eine Geschichte und der Kiosk-Kaffee schmeckte nach purer Frankfurter Identität. Du hast uns gezeigt, wie viel Poesie und Geschichte in fünf Kilometern Heimat stecken können. Danke für diese unvergessliche Tour! Im Namen der Flanierenden grüßt Dich Elke

Mein Ratschlag: Wer Frankfurt wirklich verstehen und lieben lernen will, sollte sich genau hierhin auf den Weg machen. Schnappt euch gute Schuhe, haltet die Augen offen – und wenn ihr ganz viel Glück habt, habt ihr eine Führerin wie Anne an eurer Seite.

Als Kulturanthropologin frage ich mich welche Bedeutung die Frankfurter Wallanlagen für die Frankfurter selbst haben? Für die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt haben sie eine herausragende historische, ökologische und soziale Bedeutung. Der rund fünf Kilometer lange, ringförmige Grünzug umschließt die Innenstadt und bildet einen faszinierenden Kontrast zur modernen Skyline der Finanzmetropole.

1. Das „Grüne Herz“ und die grüne Lunge der City

Zuflucht in die Natur, wenn ringsherum der Verkehr tobt

In einer dicht bebauten und von Hochhäusern geprägten Stadt wie Frankfurt („Mainhattan“) fungieren die Wallanlagen als unverzichtbare grüne Lunge. Sie verbessern das Stadtklima spürbar und bieten einen direkten Zufluchtsort in die Natur. Die sieben Abschnitte – von der Untermainanlage bis zur Obermainanlage – sind geprägt von altem Baumbestand, Weihern, Promenaden und Liegewiesen.

2. Oase der Naherholung und sozialer Treffpunkt

Die Wallanlagen sind ein demokratischer Raum der Begegnung für alle Bevölkerungsschichten: Für Berufstätige: Bankangestellte aus dem angrenzenden Bankenviertel nutzen die Parks traditionell für ihre Mittagspause im Grünen. Für Sportler und Familien: Sie bieten zentrale Laufstrecken für Jogger sowie Spielplätze für Kinder. Als Gemeinschaftsort: Seniorinnen, Senioren und Studierende nutzen die Bänke und Wiesen für Austausch und Entspannung. Sie dienen als „Reallabor“ für städtisches Zusammenleben und Partizipation (wie bei aktuellen Projekten wie Off the Wall).

3. Historisches Erbe und Identität

Die Wallanlagen sind ein lebendiges Geschichtsdenkmal. Sie entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Gelände der ehemaligen, geschleiften Stadtbefestigung. Wo einst Mauern die Stadt abriegelten, wurde bewusst ein offener Raum für die Bürger geschaffen.
Zudem sind die Anlagen ein Freiluftmuseum: Zahlreiche Denkmäler bedeutender Persönlichkeiten (wie Schiller, Goethe, Mozart oder dem Gartenarchitekten Sebastian Rinz) sowie historische Bauwerke wie das Nebbiensche Gartenhaus spiegeln das Frankfurter Bildungsbürgertum und die Stadtgeschichte wider.

4. Das „Wallservitut“: Ein Symbol für Bürgersinn

Für die Frankfurter haben die Wallanlagen auch eine symbolische Bedeutung für den Schutz des öffentlichen Raums. Das im Jahr 1827 verabschiedete und bis heute gültige Wallservitut ist eine städtische Satzung, die eine Bebauung der Grünflächen strengstens verbietet. Dieses Gesetz gilt als eines der ältesten Denkmalschutz- und Umweltgesetze Deutschlands und sichert den Frankfurtern ihren Grüngürtel dauerhaft gegen Investoreninteressen.

Schauen wir uns einige historische Stationen und ihre spannendsten Details im Überblick näher an:

1. Start: Der Eschenheimer Turm – Das Überlebenswunder

Der Eschenheimer Turm (erbaut 1426–1428 von Madern Gerthener) war das prächtigste Stadttor der spätgotischen Frankfurter Stadtbefestigung.

  • Das spannende Detail: Dass er heute noch steht, grenzt an ein Wunder. Als die Festungsmauern ab 1806 abgerissen wurden, sollte auch der Turm weichen. Doch der französische Gesandte Graf Hédouville setzte sich persönlich für seinen Erhalt ein.
  • Die Sage vom Neunschüsser: Die Wetterfahne auf der Turmspitze zeigt eine durchlöcherte „9“. Die Legende besagt, dass der Wilddieb Hans Winkelsee im Turmarrest saß und ihm die Todesstrafe drohte. Er durfte begnadigt werden, weil er es schaffte, mit neun Gewehrschüssen eine perfekte „9“ in die Wetterfahne zu schießen.

2. Die Eschenheimer Anlage und der versteckte „Tiefgarten“

Hinter dem Turm beginnt die Eschenheimer Anlage. Gehen Sie hier ein Stück nach Osten, stoßen Sie auf eine landschaftliche Besonderheit: den Tiefgarten. Das spannende Detail: Der Park liegt hier deutlich tiefer als das Straßenniveau. Das ist kein Zufall, sondern der originale Verlauf des alten Festungsgrabens, der bei der Umgestaltung durch Sebastian Rinz nicht zugeschüttet, sondern als architektonisches Stilelement genutzt wurde. Hier befindet sich auch ein Wandbrunnen, der aus Resten (Spolien) des zerstörten Löwenstein’schen Palais erbaut wurde.

3. Friedberger Anlage: Das Bethmann-Museum und jüdische Geschichte

das Odeon

Der Weg führt weiter südöstlich in die weitläufige Friedberger Anlage.

  • Das spannende Detail: Hier passiert man das Odeon. Es wurde 1856 erbaut und war das erste eigenständige Museumsgebäude Frankfurts – errichtet vom Bankierssohn Simon Moritz von Bethmann, um darin die berühmte Marmorstatue „Ariadne auf dem Panther“ von Johann Heinrich Dannecker auszustellen
  • Erinnerungskultur: Am Rande der Anlage stand einst die monumentale Synagoge Friedberger Anlage, die 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Heute erinnert ein Mahnmal in Form eines Bunkers und einer Gedenkstätte an die jüdische Geschichte dieses Ortes.

4. Obermainanlage und Ziel: Das Hospital zum Heiligen Geist

Der Spaziergang endet im südlichen Teil der Obermainanlage an der Langen Straße. Hier steht das Hospital zum Heiligen Geist.

Das spannende Detail: Es ist das älteste Krankenhaus Frankfurts, gegründet im Jahr 1267 (ursprünglich nahe dem Mainufer in der Altstadt). Erst im Jahr 1835 zog die Stiftung an diesen heutigen Standort in den Wallanlagen um. Es wurde damals als hochmodernes Krankenhaus nach neuesten europäischen Standards errichtet. Medizinische Pioniere: Im späten 19. Jahrhundert wirkte hier unter anderem der weltberühmte Arzt und Nobelpreisträger Paul Ehrlich. Er forschte im Hospital an Therapien gegen Infektionskrankheiten und legte den Grundstein für die moderne Immunologie.

das Uhrtürmchen

Spannend sind die historischen Details und überraschenden Entdeckungen rund um das Uhrtürmchen, das Rinz-Denkmal und die weiteren Denkmäler auf diesem Wegabschnitt der Wallanlagen:

Das Uhrtürmchen (Friedberger Anlage)ist ein echtes Wahrzeichen im östlichen Teil der Wallanlagen und steht unweit der Kreuzung Friedberger Anlage / Zeil.

Die Geschichte: Es wurde im Jahr 1894 im historisierenden Stil (Spätrenaissance/Barock) erbaut. Es war ein Geschenk von Frankfurter Bürgern an ihre Stadt und diente dazu, den Fußgängern in den Parkanlagen die genaue Uhrzeit anzuzeigen – in einer Zeit, in der Armbanduhren noch ein absoluter Luxus waren.

  • Das spannende Detail: Das Uhrtürmchen war ursprünglich nicht nur eine Uhr, sondern eine meteorologische Station. Neben den Ziffernblättern besaß es eingebaute Instrumente wie ein Barometer, ein Thermometer und einen Hydrometer zur Luftfeuchtigkeitsmessung. Es ist eines der ganz wenigen funktionstüchtigen Denkmäler dieser Art in Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden hat.
Denkmal Sebastian Rinz

Das Sebastian-Rinz-Denkmal (Friedberger Anlage)

Ohne diesen Mann würden die Wallanlagen heute nicht so aussehen, wie wir sie kennen. Das Denkmal für den Stadtgärtner befindet sich unweit des Uhrtürmchens.

  • Die Geschichte: Sebastian Rinz (1782–1861) war ab 1806 fast 50 Jahre lang der verantwortliche Stadtgärtner Frankfurts. Er verwandelte die ehemaligen, düsteren preußischen und französischen Festungsanlagen in den lichten, englischen Landschaftsgarten, den wir heute noch durchwandern.
  • Das spannende Detail: Rinz setzte bei der Gestaltung der Wallanlagen auf „Social Distancing“ im positiven Sinne des 19. Jahrhunderts: Er legte geschwungene Wege an, um intime Ecken für Spaziergänger zu schaffen, pflanzte exotische Bäume aus aller Welt und schuf Sichtachsen, die damals den Blick auf das Umland freigaben. Das Denkmal – eine klassische Porträtbüste – wurde ihm zu Ehren 1892 von Frankfurter Bürgern gestiftet.

Weitere spannende Denkmäler auf diesem Wegabschnitt

bezaubernde Momente

Wenn Sie die Route vom Eschenheimer Turm zum Krankenhaus zum Heiligen Geist ablaufen, begegnen Ihnen noch weitere steinerne Zeugen der Frankfurter Identität:

  • Das Guiollett-Denkmal (Taunusanlage / Übergang zur Eschenheimer Anlage):
    Es erinnert an Jakob Guiollett, den Frankfurter Maires (Bürgermeister) zur Zeit der französischen Besatzung. Er war der politische Initiator, der gegen den Widerstand vieler konservativer Bürger den Abriss der Stadtmauern und den Bau der Wallanlagen durchsetzte. Ohne ihn gäbe es den Grüngürtel nicht.
  • Das Bethmann-Denkmal (Friedberger Anlage):
    Unweit des alten Odeons erinnert es an die Bankiersfamilie Bethmann. Sie finanzierte nicht nur Kunst und Kultur, sondern spendete auch riesige Summen für die Pflege und den Erhalt der Wallanlagen.

Auf Ihrem Weg vom Eschenheimer Turm zum Hospital zum Heiligen Geist passieren Sie eine faszinierende Mischung aus historistischer Prachtarchitektur, moderner Wohnkultur und brutalistischer Nachkriegsmoderne.

Hier sind die wichtigsten architektonischen Highlights direkt am Wegesrand:

1. Das „Odeon“ (Friedberger Anlage 22)

Dieses klassizistische Kleinod liegt direkt in der Friedberger Anlage und fällt sofort durch seine tempelartige Architektur auf.

  • Architektur-Stil: Klassizismus (Erbaut 1855–1856 vom Architekten Rudolf Heinrich Burnitz).
  • Das Besondere: Es wurde als eines der weltweit ersten Gebäude gezielt für ein einzelnes Kunstwerk errichtet – die Skulptur „Ariadne auf dem Panther“. Die Architektur nutzt eine halbrunde Apsis und eine Oberlicht-Kuppel, um das Tageslicht perfekt auf die Marmorstatue zu lenken. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde es außen originalgetreu rekonstruiert und dient heute als exklusiver Veranstaltungsort.

2. Das Volksbildungsheim / KDP (Eschenheimer Anlage 40)

Direkt an der Grenze zur Eschenheimer Anlage steht ein monumentaler Bau, der heute das Kino Metropolis und eine Schule beherbergt.

  • Architektur-Stil: Neoklassizismus / Reformarchitektur (Erbaut 1907–1908).
  • Das Besondere: Das Gebäude wurde als „Palast für das Volk“ konzipiert, um Arbeitern Zugang zu Bildung und Kultur zu ermöglichen. Die wuchtige Sandsteinfassade mit ihren monumentalen Säulen sollte bürgerlichen Prachtbauten in nichts nachstehen. Im Inneren verbirgt sich ein riesiger Kuppelsaal, der einst über 1.500 Menschen Platz bot.

3. Das Scheffeleck und die Gründerzeit-Villen

An der Kreuzung, wo die Eschenheimer in die Friedberger Anlage übergeht (Scheffelstraße / Merianstraße), öffnet sich der Blick auf die Bebauung entlang der Parks.

  • Architektur-Stil: Historismus und Gründerzeit (Spätes 19. Jahrhundert).
  • Das Besondere: Nach dem Abriss der Stadtmauer wurden die Grundstücke mit direktem Blick auf die neuen Wallanlagen zu den teuersten Pflastern der Stadt. Reiche Frankfurter Kaufleute bauten hier prachtvolle, mehrstöckige Villen mit Elementen aus Renaissance und Barock (wie kunstvollen Erkern und Balkonen), um ihren Wohlstand zu zeigen. Einige dieser Fassaden sind trotz der Kriegszerstörungen prachtvoll erhalten.

4. Die City-Höfe und der Wandel zur Moderne

Wenn Sie sich dem Hospital zum Heiligen Geist in der Obermainanlage nähern, verändert sich die Architektur radikal. Hier treffen Sie auf Bauten der 50er- und 60er-Jahre-Moderne.

  • Architektur-Stil: Nachkriegsmoderne / Funktionalismus.
  • Das Besondere: Nach 1945 wurde Frankfurt als moderne, autogerechte Stadt neu geplant. Entlang des Anlagenrings entstanden elegante, sachliche Bauten mit Rasterfassaden und großen Glasflächen. Sie stehen im bewussten Kontrast zu den weichen, geschwungenen Linien des Parks von Sebastian Rinz und zeigen den radikalen Bruch mit der historischen Architektur.

Ein Highlight Kult-Kiosk „fein frankfurt“ in der Eschenheimer Anlage!

Genau dort, wo das Café seine Bänke auf der Wiese verteilt, stehen zwei markante moderne Kunstwerke: „Betty“: Die überlebensgroße, rundliche Frauenfigur aus Bronze von der Frankfurter Bildhauerin Wanda Pratschke (errichtet 1983). Sie ist ein echter Blickfang und wegen ihrer glatten Oberflächen ein beliebtes „Kunstwerk zum Anfassen“.

der große Sitzende

Der große „Sitzende“: Nur wenige Meter daneben befindet sich die wuchtige, abstrakte Sandsteinskulptur eines sitzenden Mannes von Michael Siebel (ebenfalls von 1983).

Dieser Abschnitt der Wallanlagen – die Eschenheimer Anlage rund um das Wasserhäuschen „fein“ und die angrenzenden Denkmäler – hütet einige der faszinierendsten Geschichten der Frankfurter Stadtentwicklung. Hier wandelte sich Frankfurt im 19. Jahrhundert von einer mittelalterlich geprägten Festung zu einer modernen, offenen Bürgerstadt.

1. Der radikale Wandel: Vom Todesstreifen zur Flaniermeile

Wo Sie heute entspannt Ihren Kaffee trinken, durfte jahrhundertelang niemand verweilen. Hier befand sich das Glacis – ein freies, unbebautes Vorfeld vor den Stadtmauern, das Angreifern keine Deckung bieten sollte.

  • Der Wendepunkt (1806): Als die französischen Truppen unter Napoleon die Stadt besetzten, ordneten sie den Abriss der Festungsmauern an. Der Frankfurter Gouverneur Jakob Guiollett erkannte die historische Chance. Statt das Land als teures Bauland an Investoren zu verkaufen, setzte er durch, dass ein durchgehender Landschaftspark für die Bürger entstehen musste.
  • Die Geburtsstunde des Wasserhäuschens: Die heutigen Kioske (wie das „fein“) gehen direkt auf diese Zeit zurück. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in den Anlagen sogenannte Trinkhallen genehmigt. Ihr ursprünglicher, sozialer Zweck: Sie sollten der arbeitenden Bevölkerung sauberes, kohlensäurehaltiges Mineralwasser (oft als Heilwasser vermarktet) anbieten, um den damals extrem hohen Alkoholkonsum (insbesondere von Branntwein) einzudämmen.

2. Das Geheimnis hinter den Denkmälern „Betty“ und „Der Sitzende“

Die beiden Skulpturen, an die Sie sich erinnert haben, stehen nicht zufällig genau dort. Sie sind Teil eines historischen Wendepunkts in der Frankfurter Kunstgeschichte:

  • Die „Bilderbänke“ von 1983: In den frühen 1980er-Jahren startete die Stadt Frankfurt eine Initiative, um zeitgenössische Kunst direkt in den Alltag der Bürger zu integrieren. Die Bronzefigur „Betty“ von Wanda Pratschke und der „Große Sitzende“ von Michael Siebel wurden im Jahr 1983 dort aufgestellt.
  • Kunst zum Anfassen: Das Besondere an beiden Skulpturen ist ihre Haptik. Im Gegensatz zu den strengen, historisierenden Denkmälern des 19. Jahrhunderts (wie dem nahen Schillerdenkmal) wurde hier bewusst auf Sockel verzichtet. Die Kunstwerke stehen direkt auf dem Rasen, damit die Frankfurter sie im Vorbeigehen berühren, sich an sie lehnen oder Kinder auf ihnen klettern können.

3. Ein düsteres Kapitel: Der „Alte Friedhof“ direkt nebenan

Nur wenige Schritte von Ihrem Sitzplatz am Kiosk entfernt, an der Petersstraße, befindet sich der Peterskirchhof.

  • Wenn Sie vom Kiosk aus durch die Bäume blicken, sehen Sie die alten Mauern dieses Friedhofs, der von 1518 bis 1828 der Hauptfriedhof der Frankfurter Bürger war.
  • Hier liegen unter anderem die Eltern von Johann Wolfgang von Goethe (Johann Caspar Goethe und Catharina Elisabeth Goethe) begraben. Als Sebastian Rinz die Eschenheimer Anlage gestaltete, band er den Friedhof als romantisches, melancholisches Element bewusst in die Parklandschaft ein.

Wir haben das Maurische Haus (auch bekannt als die orientalische Villa) entdeckt. Es befindet sich tatsächlich in direkter Nachbarschaft zu Ihrem Kiosk-Sitzplatz und den Skulpturen! Dieses Bauwerk zieht mit seinen hufeisenförmigen Bögen, den verschnörkelten Fensterrahmen und der gestreiften Fassade sofort alle Blicke auf sich. Die Geschichte dahinter ist voller Mythen:

  • Die Entstehung (1856/1857): Das Haus wurde von dem Frankfurter Maurermeister J. F. Weinsperger errichtet. Damals war der „orientalische Stil“ (auch bekannt als orientalischer Historismus oder Maurischer Stil) in Europa extrem modern, um den Reichtum und den weltmännischen Geschmack des Besitzers zu zeigen.
  • Die Legenden: Weil die Architektur so exotisch wie aus Tausendundeiner Nacht wirkte, rankten sich in Frankfurt schnell wilde Gerüchte um das Gebäude. Die bekannteste Sage besagt, ein reicher Frankfurter Kaufmann habe die Villa eigens für seine wunderschöne, orientalische Geliebte bauen lassen, die er von einer Fernreise mitgebracht hatte und dort vor den neugierigen Blicken der Frankfurter Gesellschaft versteckte.
  • Das Überlebenswunder: Wie durch ein Wunder überstand dieses filigrane, ungewöhnliche Gebäude die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs fast unbeschadet, während die umliegenden Gründerzeit-Viertel in Schutt und Asche fielen.
  • Die heutige Nutzung: Nachdem dort lange Zeit eine Steuerberatungsgesellschaft saß, wurde das Haus vor einigen Jahren saniert. Heute befinden sich darin exklusive Wohnungen. Im Souterrain ist zudem eine Frankfurter Parkinson-Selbsthilfegruppe ansässig, die dort regelmäßig Veranstaltungen organisiert.

Mein Fazit: Es ist genau diese Mischung aus preußischen Festungsresten, modernen Kunstwerken („Betty“), dem gemütlichen Wasserhäuschen und solchen architektonischen Exoten wie dem Maurischen Haus, die die Eschenheimer Anlage zu einem der spannendsten Abschnitte der ganzen Tour macht.

Copyright © Bilder Dr. Elke Wehrs