Du betrachtest gerade Identität im Spiegel: „Hamlet“ bei der Dramatischen Bühne, von Lars Eidinger und im Schauspiel „Prince of Denmark“

Die Auseinandersetzung mit „Hamlet“ in unserem Beitrag „Sein oder Nicht-Sein im Grüneburgpark: Wie Die Dramatische Bühne Shakespeares Hamlet entstaubt“ hat zur nachhaltigen Beschäftigung mit dieser Figur angeregt. Insbesondere, weil in dieser Figur eine Unsicherheit deutlich wird, die erstaunlich gegenwärtig erscheint zeitgemäß erscheint und die Frage stellt: Kann man heute eigentlich noch seiner eigenen Wahrnehmung vertrauen? Wer bin ich eigentlich wirklich?

Sehr geehrte Redaktion des UniWehrsEL,

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Im Seminar Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“ gilt unsere Frage

dem „Fragmentierten Ich im Spiegel„.

Mich beschäftigt die Frage wie Menschen ihr eigenes Ich wahrnehmen, wenn ihnen ständig verschiedene Abbilder ihrer selbst begegnen. Für mich ist Hamlet ein früher Vertreter dieses Problems: Er weiß nicht mehr, wer er eigentlich ist, welche Rolle er spielen soll und ob er seinen eigenen Wahrnehmungen vertrauen kann. (Identität im Spiegel – Zwischen Narziss, Lacan und Baudrillard)

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Hamlet ist nicht einfach nur der Sohn, der den Tod seines Vaters rächen muss. Durch den Verlust, den Verrat seiner Mutter und die Forderung des Geistes gerät seine gesamte Identität ins Wanken. Er soll trauern, handeln und Rache üben, gleichzeitig aber auch herausfinden, ob der Geist überhaupt die Wahrheit sagt. Dabei nimmt er immer neue Rollen an: Er ist der melancholische Sohn, der vorsichtige Beobachter, der Schauspieler, der Wahnsinnige und schließlich selbst ein Täter. Besonders beunruhigend finde ich, dass Hamlet seine eigene Verstellung nicht mehr vollständig kontrollieren kann. Er spielt den Wahnsinnigen, um die anderen zu täuschen – doch je länger er diese Rolle spielt, desto weniger klar ist, wo das Spiel endet und sein echtes Ich beginnt.

Hamlet übertragen auf 2026

Auch der Mensch des Jahres 2026 taucht häufig in digitale Spiegelwelten ab. In sozialen Medien begegnen uns ständig sorgfältig ausgewählte Bilder von Menschen: Fotos, Profile, Videos und Meinungen, die ein bestimmtes Ich darstellen sollen. Auch in Podcasts berichten manche Personen von ihrem scheinbar perfekt inszenierten Leben, streuen dabei aber zugleich persönliche Unsicherheiten und Selbstzweifel ein. Dadurch werden private Krisen öffentlich und zu einer Art digitalem Spiegel, in dem sich viele Zuhörerinnen und Zuhörer selbst wiedererkennen können.

Ein Beispiel dafür ist der Podcast Im Bett mit Anna-Maria und Anis Ferchichi“. In aktuellen Schlagzeilen, unter anderem bei BILD.de, wurde berichtet, dass ein anstrengender Familienurlaub die Ehe von Bushido und Anna-Maria Ferchichi belastet habe. Nach Streit und einer angespannten Stimmung gestand Anna-Maria sogar, über ihre Ehe nachgedacht zu haben. Solche Aussagen zeigen, wie persönliche Zweifel heute öffentlich geteilt und von einem großen Publikum verfolgt werden. Die Zuhörer werden dadurch vielleicht nicht automatisch zu Philosophen wie Hamlet, beginnen aber ebenfalls, über Beziehungen, Entscheidungen und die eigene Identität nachzudenken.

Der Unterschied besteht darin, dass Hamlet seinen inneren Konflikt in einem Monolog allein durchdenkt, während Menschen der Gegenwart ihre Unsicherheit über soziale Medien und Podcasts mit anderen teilen. Trotzdem geht es in beiden Fällen um ähnliche Fragen: Bin ich mit meinem Leben zufrieden? Welche Rolle spiele ich für andere? Und wie lange kann ich ein nach außen funktionierendes Bild von mir aufrechterhalten?

Die digitale Spiegelwelt

Die digitale Spiegelwelt (im Englischen „Mirrorworld“) bezeichnet eine vollständige, digitale Eins-zu-eins-Kopie unserer physischen Welt, in der jeder Ort, jedes Gebäude, jede Straße und jeder Gegenstand als virtueller, digitaler Zwilling existiert. Geprägt und populär gemacht wurde dieser Begriff in seiner heutigen technologischen Bedeutung maßgeblich von dem bekannten IT-Futuristen und WIRED-Mitbegründer Kevin Kelly im Jahr 2019.

Wofür steht die digitale Spiegelwelt?

Kevin Kelly beschreibt die Spiegelwelt als die „dritte große Technologie-Plattform“ der Menschheit:

Die erste Plattform digitalisierte Informationen (das klassische weltweite Web, dominiert von Google). Die zweite Plattform digitalisierte Beziehungen und Menschen (Social Media, dominiert von Plattformen wie Facebook/Meta). Die Spiegelwelt als dritte Plattform digitalisiert nun den physischen Raum und die Dimensionen der Erde.

Es lassen sich Kernmerkmale und Funktionsweisen identifizieren:

  • Verschmelzung durch Augmented Reality (AR): Die Spiegelwelt wird nicht zwingend als isolierte Virtual Reality (VR) erlebt. Stattdessen legt sie sich über AR-Brillen oder Smartphones wie eine unsichtbare, intelligente Datenschicht direkt über unsere echte Umgebung.
  • Maschinenlesbare Welt: Die physische Realität wird für Algorithmen und künstliche Intelligenz (KI) suchbar und manipulierbar. Autonome Autos, Roboter und KI-Systeme nutzen diese Spiegelwelt, um sich in der echten Welt zu orientieren und physikalische Gesetze zu verstehen.
  • Zeit als vierte Dimension: In der Spiegelwelt ist die Zeit scrollbar. Man kann mit einer Handbewegung an einem historischen Ort virtuell in das Jahr 1800 zurückreisen, um zu sehen, welches Gebäude damals dort stand, oder künftige Architekturentwürfe in Echtzeit vor Ort betrachten.
  • Kollektive Erschaffung: Die Spiegelwelt wird permanent und in Echtzeit durch die Sensoren, Kameras und Lidar-Scanner von Milliarden Endgeräten aktualisiert und zusammengesetzt.

Während Teilaspekte heute bereits in Ansätzen existieren – wie digitale Zwillinge von Fabriken, Google Earth oder Spiele wie Pokémon Go – beschreibt das Konzept der Spiegelwelt die Vision eines gigantischen, allumfassenden und vernetzten Ökosystems, das die Grenzen zwischen Physischem und Digitalem komplett auflöst.

Meine Fragen dazu sind mehr alltäglicher Art:

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Ich frage mich manchmal, ob Menschen sich noch zeigen wie sie tatsächlich sind in dieser digitalen Spiegelwelt oder ob sie bereits eine Version von sich inszenieren: ein Bühnenstück von dem sie glauben, dass andere sie so sehen wollen. Wie Hamlet bewegen wir Menschen uns zwischen verschiedenen Identitäten und wissen nicht immer, welche davon die „wahre“ ist. Die digitale Welt vermittelt dem aktiven Gestalter seiner Selbst zwar das Gefühl, sein Image selbst zu formen und kontrollieren zu können. Gleichzeitig werden Menschen in sozialen Netzwerken ständig beobachtet, bewertet und mit anderen verglichen.

Diese Unsicherheit wird durch die allgemeine Stimmung unserer Zeit noch verstärkt. Politische Krisen, Kriege, gesellschaftliche Konflikte und der rasante technische Wandel machen es schwer, sich sicher zu orientieren. Das Abtauchen in digitale Räume kann dann wie ein Rückzug vor einer unübersichtlichen Wirklichkeit wirken. Hamlet flüchtet sich in seine gespielte Verrücktheit; der Mensch in 2026 flüchtet sich vielleicht in sein Online-Profil, in virtuelle Welten oder Scheinwelten, die wie die Serie Games of Thrones aufgebaut sind. Doch auch dort findet der Mensch aus 2026 keine endgültige Sicherheit. Er begegnen nur weiteren Spiegelungen, Rollen und widersprüchlichen Wahrheiten.

Gerade deshalb halte ich die psychologische Betrachtung Hamlets für besonders interessant für die heutige Zeit. Die Inszenierung der Dramatischen Bühne Frankfurt scheint Shakespeare nicht einfach zu modernisieren, sondern die Figur von ihrem verstaubten Denkmalcharakter befreien zu wollen.

Lars Eidingers Hamlet als sprunghafter Antiheld?

Besonders beeindruckt mich Lars Eidingers Darstellung des Hamlet. Er fasziniert als außergewöhnlicher Schauspieler durch seine radikale Körperlichkeit und seine vollständige Hingabe an die Rolle. Seit der Premiere im Jahr 2008 unter der Regie von Thomas Ostermeier verkörpert er Hamlet als modernen, verletzlichen und sprunghaften Antihelden. Für mich wirkt es dabei wie ein Paradoxon, dass Eidinger auf der Bühne oft verletzlicher und zugleich mehr als er selbst erscheint als im wirklichen Leben. Gerade dadurch entsteht eine starke Nähe zum Publikum, die mich gleichzeitig berührt und irritiert.

Eidinger überschreitet bewusst die Grenzen zwischen Hochkultur und Pop. Er hält sich nicht an die Vorstellung, ein klassischer Hamlet müsse würdevoll, zurückhaltend und erhaben auftreten. Stattdessen zeigt er einen Menschen, der sich windet, schreit, provoziert und manchmal geradezu unangenehm offen wirkt. Seine Körperlichkeit macht Hamlets innere Krise unmittelbar spürbar: Der Schmerz bleibt nicht nur in seinen Worten, sondern wird durch jede Bewegung sichtbar. Ich habe den Eindruck, dass Eidinger Hamlet nicht einfach eine Rolle spielt, sondern sich ihm aussetzt. Dadurch wirkt die Figur nicht wie ein ferner Held aus einem alten Drama, sondern wie ein Mensch aus unserer Gegenwart – widersprüchlich, überfordert und auf der Suche nach sich selbst.

Gerade diese Reibung zwischen Kunst und Kommerz, zwischen großer Theatertradition und beinahe popkultureller Wirkung, macht seine Interpretation so spannend. Eidinger polarisiert, weil er Hamlet nicht gefällig darstellt. Er zwingt das Publikum dazu, hinzusehen, auch wenn sein Spiel unangenehm oder übertrieben wirkt. Seine Darstellung passt damit besonders gut zum Thema des Seminars „Doppelgänger“. Auf der Bühne erschafft Eidinger einen Hamlet, der zugleich Rolle und Persönlichkeit ist. Vielleicht liegt genau darin seine Wirkung: In dem Moment, in dem er sich völlig verwandelt, scheint er uns paradoxerweise am wahrhaftigsten zu begegnen.

„Prince of Denmark“ ein Spiegel auf wichtige Themen der Gegenwart

Die Darmstädter Inszenierung Prince of Denmark von Tue Biering aus der Spielzeit 21/22 geht noch einen Schritt weiter.

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Der dänische Hof wird dort zur künstlichen Hotelanlage mit Kunstrasen, Planschbecken, Cola, Pizza und grellen Kostümen. Die Figuren erscheinen als überzeichnete Karikaturen einer Gesellschaft, die von Konsum, Kapitalismus und politischen Widersprüchen geprägt ist. Hamlet wird von Morten Burian nicht als stiller Melancholiker, sondern als lauter und aggressiver Provokateur gespielt. Dadurch wird die Figur zwar radikal in die Gegenwart geholt, zugleich droht sie aber zwischen den vielen Anspielungen auf die Gegenwart verloren zu gehen.

Die Darmstädter Aufführung verweist auf Kapitalismus, Corona, patriarchale Strukturen, Umweltzerstörung und die europäische Flüchtlingspolitik. Diese Themen sind zweifellos wichtig. Trotzdem hatte ich beim Lesen des Programmhefts den Eindruck, dass die Inszenierung manchmal mehr mit den großen Themen der Gegenwart als mit Hamlets inneren Gefühlswelt beschäftigt ist. Wenn Hamlet nur noch als Projektionsfläche für gesellschaftliche Kritik dient, gerät die Frage aus dem Blick, warum er selbst nicht handeln kann. Sein Zögern ist schließlich nicht bloß eine verstockte Haltung, sondern ein existenzielles Problem: Er weiß, dass Rache ihn selbst zu einem Teil der Herrschaftswelt seiner Umgebung machen würde, die er verurteilt.

Für mich sind die verschiedenen Hamlets deshalb Doppelgänger voneinander. Der Hamlet im Grüneburgpark, Lars Eidingers Hamlet und der „Prince of Denmark“ sehen unterschiedlich aus und werfen jeweils einen anderen Blick auf unsere Gegenwart und auf die eigene Rolle. Wie definiert es Eidinger so trefflich: „Am Ende guckt der Spiegel in den Spiegel“. Trotzdem spiegeln sie denselben grundlegenden Konflikt: den Versuch, in einer widersprüchlichen Welt eine stabile Identität zu bewahren. Jede Inszenierung ist ein neuer Versuch Hamlet zu deuten und verändert dabei zugleich das Bild des Zuschauers auf die Person Hamlet.

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Hamlet ist für mich deshalb bis heute aktuell, weil Menschen oft zwischen verschiedenen Rollen und Selbstbildern leben. Wie er fragen sie sich, ob sie handeln oder lieber abwarten sollen, ob sie anderen ihr wahres Ich zeigen können oder sich lieber hinter einer Rolle verstecken. Manchmal flüchten sich Menschen in digitale Spiegelwelten, weil die Wirklichkeit zu unsicher oder zu belastend erscheint. Genau darin berührt mich Shakespeare: Hamlet ist kein ferner Held aus einer alten Zeit, sondern ein Mensch, der zweifelt, Angst hat und trotzdem nach einem Weg sucht. Seine Unsicherheit macht ihn menschlich – und sie zeigt, dass Menschen mit ihren eigenen Fragen nicht allein sind.

Mit freundlichen Grüßen

Simon Syntax

Danke für den Beitrag und wieder einmal die Bitte, selbst auch zu antworten oder einen eigenen Beitrag zu schreiben. Wie immer auch danke an die tollen Bilder und Images der Schreibenden und natürlich auch an Pixaby „Nice work“!.