Du betrachtest gerade Antwort für Ellen: ‚Mutmacher‘ durch Literatur,  Selbstwirksamkeit und „Circle of Control“ (Stephen Covey)

Im Beitrag Ellens Sorgen „Schöne neue Praxiswelt“ oder was geht da eigentlich schief? kam unsere Protagonistin Ellen heftig ins Grübeln. Um Ellen und ihrer tiefen Frustration über das System, die Medizin und die Politik etwas entgegenzusetzen, hilft oft kein rationales Argument mehr. In solchen Momenten braucht es Perspektiven, die den Blick weiten – weg vom ohnmächtigen Starren auf das große, kaputte System, hin zu dem, was wir selbst gestalten können. Eine Antwort für Ellen.

Liebe Ellen!

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Ihre Beiträge machen uns eigentlich immer Mut, darum wird es Zeit, Ihnen auch einmal etwas anzubieten, das Sie aus der momentanen trüben Stimmung herausheben könnte. Hier sind drei kraftvolle und aufbauende Impulse aus der Literatur, dem Theater und der Psychologie, die Ihne neuen Halt geben können, auch wenn ich sagen möchte: Ich kann Ihre Bedenken, Gedanken und Sorgen sehr gut nachempfinden!

Denken wir an ein Beispiel aus der Literatur, den „Straßenkehrer-Effekt“. In Michael Endes weltberühmtem Buch Momo gibt es die Figur des Straßenkehrers Beppo. Seine Arbeit ist eine perfekte Metapher für jemanden, der vor einem riesigen, scheinbar unlösbaren Problem steht (wie dem kollabierenden Gesundheitssystem oder der blockierten Politik). Beppo sagt:

„Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder an den nächsten. […] Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“

Mein Trost für Sie, liebe Ellen: Wir können die „ganze Straße“ (die Bundespolitik oder die Krankenkassenbürokratie) nicht an einem Tag fegen. Das überfordert uns und macht depressiv. Aber man kann sich auf den „nächsten Besenstrich“ konzentrieren: den einzelnen Menschen, den sie heute vor sich sehen, die kleine positive Veränderung im eigenen Umfeld. Dort ist sie wirksam.

Ein weiteres Beispiel lässt sich im Theater finden, Bertolt Brecht und der Mut zur Veränderung. Auch wenn Bertolt Brecht oft scharf und politisch war, steckt in seinen Werken ein unerschütterlicher Glaube daran, dass kein System für immer so bleiben muss, wie es ist. In seinem Gedicht/Lied Lob des Lernens (hier gesungen von Nina Hagen) schreibt er:

„Verlange nicht, dass die Dinge sich ändern, wenn du immer dasselbe tust. […] Wer noch lebt, sage nicht: niemals! Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht.“

Mein Trost an Sie, liebe Ellen: Die aktuelle Starre und Hilflosigkeit der Parteien fühlt sich an wie Zement. Aber das Theater und die Geschichte zeigen: Systeme, die sich nicht bewegen, brechen irgendwann auf. Nichts bleibt, wie es ist. Die Frustration, die sie (und viele andere) spüren, ist oft der notwendige Treibstoff für den Zusammenbruch des Alten und den Beginn von etwas Neuem.

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Schauen wir auf die Psychologie und Konzepte wie „Selbstwirksamkeit“ und Kontrollkreis.

„Selbstwirksamkeit“ (self-efficacy) spielt eine gewichtige Rolle, wenn es um die Gesundheit des Menschen geht. Eine hohe Selbstwirksamkeit beeinflusst biologische Prozesse auf günstige Weise, weil sie Stressreaktionen mindert und Einfluss auf Reaktionen des Immunsystems hat. Gebildet werden auch bestimmte Neurotransmitter, wie die Endorphine, die wesentlich im Umgang mit Stress und Krankheit sind. (dazu auch unser Beitrag Good Vibrations: Die heilende Kraft der Musik)

In der Resilienzforschung und der Positiven Psychologie gibt es das Konzept des Circle of Control (Kreis der Kontrolle) nach Stephen Covey. Es teilt unsere Gedanken in drei Kreise:

  1. Der Kreis der Besorgnis: Dinge, die uns ärgern, die wir aber null beeinflussen können (Krankenkassenbeiträge, Parteiverbote, Gesetzesreformen). Wer hier seine Energie verbringt, brennt aus und wird bitter.
  2. Der Kreis des Einflusses: Dinge, die wir indirekt beeinflussen können (die Stimmung im Team, das Vertrauen der eigenen Patienten, das eigene Konsumverhalten).
  3. Der Kreis der Kontrolle: Dinge, die wir direkt steuern (die eigene Reaktion auf Ärger, Pausen, die wir uns gönnen, die Art, wie wir mit uns selbst sprechen).

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Psychologen raten in Phasen von Systemverdrossenheit zu einer radikalen Diät: Raus aus dem Kreis der Besorgnis (z. B. weniger politische Talkshows oder Nachrichten konsumieren) und volle Kraft in den Kreis der eigenen Kontrolle. Wenn das System versagt, wird die Qualität der Mikro-Beziehungen (die Familie, die Freunde, die unmittelbare Arbeit) zum rettenden Anker.

Mit herzlichen Grüßen

Elisabeth

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:19. September 2026
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