Die Aufführung Die Passagierin von Mieczysław Weinberg (1919–1996) an der Oper Frankfurt hat ein UniWehrsEL Leser gesehen und möchte gerne seine Erfahrung mit den Lesenden teilen. In einer Welt, die oft von Dunkelheit und Verzweiflung geprägt ist, strahlt die Aufführung von „Die Passagierin“ an der Oper Frankfurt wie ein Hoffnungsschimmer in düsterer Nacht. Hoffnung ist das innere Licht, das uns antreibt, selbst in den tiefsten Abgründen der Menschlichkeit die Kraft zu finden, hinaus aus der Dunkelheit zu gehen. Diese Inszenierung entführt den Zuschauer auf eine emotionale Reise, die das Publikum mit atemberaubender Spannung im Frankfurter Opernhaus verfolgen darf. Es wird deutlich, dass selbst in den tiefsten Abgründen der Menschlichkeit Licht durchbricht – ein Licht, das uns daran erinnert, wie wichtig es ist, die Geschichten von Verlust, Trauma und letztlich auch von Resilienz und Hoffnung zu erzählen.
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
Die Protagonistin Marta, meisterhaft von Amanda Majeski verkörpert, hilft uns, die hinter den Kulissen verborgen bleibenden menschlichen Geschichten in den Vordergrund zu rücken. Ihre anrührende Stimme verleiht der Darbietung eine fast mystische Qualität. Die Musik von Mieczyslaw Weinberg ist dabei nicht nur Zuspielung, sondern ein kraftvolles Element, das Stimmungen einfängt und Gedanken in Klang fast. Die Musik kann auf beeindruckende Weise Charaktere und ihre inneren Zustände illustrieren, was das Publikum beinahe zu Tränen rührt.
Der Regie unter Amselm Weber ist es gelungen, mit einer feinfühligen Hand die schreckliche Handlung im Konzentrationslager auf die Bühne zu bringen, ohne dabei zu schockieren oder einen Überdruss zu erzeugen.
Schon der Paukenschlag gleich zu Beginn erschüttert das ganze Opernhaus. Eine schneidende Violinen-Melodie jagt uns in einen Strudel von Emotionen und führt sofort hinein in das Drama. Es ist ein Psychodrama, in dem die Vergangenheit Lisa, eine ehemalige KZ-Aufseherin, in Gestalt der tot geglaubten KZ-Insassin Marta auf einem Überseeschiff nach Brasilien einholt. Die unverhoffte Begegnung wirft dunkle Schatten auf Lisas vermeintlich heile Welt.
Die opulente Schiffswand öffnet sich und enthüllt kahlköpfige, ausgezehrte Häftlinge in lumpigem Streifenleinen, die als mahnende Zeugen der Vergangenheit auftreten. Lisas dunkle SS-Vergangenheit könnte ihren Mann Walter, einen BRD-Diplomaten, in Schwierigkeiten bringen. Er verlangt die Wahrheit zu erfahren, und während der Schiffsbauch rotiert, wird die Barackenwelt von Auschwitz für den entsetzten Zuschauer sichtbar. Das riesige Holzschiebetor im Hintergrund und die überheblichen Gestapo-Uniformierten verdeutlichen dem Zuschauer, dass sich Geschichte nicht einfach vergessen lässt.
Es lässt lässt sich auch bitterböse Ironie im Gesang der Lisa ausmachen, die ihre SS-Vergangenheit in eine groteske Parodie verwandelt. In diesem Zusammenspiel wird die Lage der Häftlinge, die mit sechsstelligen Nummern aufgerufen werden, noch tragischer. Marta, die ‚Madonna‘ der Bedürftigen, versucht verzweifelt, ihre Mitgefangenen zu beschützen, während Lisa sie instrumentalisiert für ihre eigenen Zwecke.
Musikalische Vielfalt und Emotionalität
Die Instrumentierung, die Weinberg gewählt hat, ist bemerkenswert: Xylophone und Marimba spiegeln die inneren Turbulenzen der KZ-Insassen wider, während die Trompeten und Posaunen die grausamen Kommandos der Aufseher darstellen. Diese Mischung von Klängen ist nicht nur polyglott, sondern auch ein Spiegel der diffus gelebten Erinnerungen an die Grausamkeiten des Nationalsozialismus. Die einzigartige Frankfurter Inszenierung, in mehreren Sprachen umgesetzt – Deutsch, Polnisch, Russisch und Jiddisch – erweist sich als eine kraftvolle Reflexion der multikulturellen Geschichte.
Zwischen Luxusreise und unsagbarem Leid
Regisseur Anselm Weber hat die dramatische Geschichte, die Zofia Posmysz verfasst hat, eindrucksvoll umgesetzt. Einmal der Luxusliner (das erinnert an die Titanic und unseren Beitrag darüber)
und dann wieder das Konzentrationslager sind dabei nicht nur Kulissen, sondern verkörpern einen inneren Monolog von einer schuldbeladenen Lisa, die auf der Oberflächenebene eine Vernügungsreise unternimmt, während sie gleichzeitig in ihren schmerzhaften Erinnerungen verweilt. Die Wendungen zwischen diesen Welten, häufig durch die Musik signalisiert, ermöglichen eine tiefere Reflexion über Schuld und Opferrolle und schaffen so eine große Emotion.
Die visuelle Umsetzung, ergänzt durch subtile Video-Einblendungen, schafft eine Verbindung zwischen den historischen Verwerfungen und der introspektiven Reise der Charaktere. Die Darstellerinnen, die die Insassinnen verkörpern, tragen nicht nur die Last ihrer Figuren, sondern stellen auch eine universelle menschliche Tragödie dar.
Fazit: Ein notwendiger Hoffnungsstrahl
Die Oper „Die Passagierin“ ist ein besonderer Opernabend. Der Abend birgt trotz dramatischen Erschreckens einen Hoffnungsschimmer. Weinbergs Musik und die berührenden Darbietungen schaffen eine Atmosphäre der Reflektion, laden das Publikum ein, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es gelingt der Inszenierung, die Nähe zur Tragödie zu halten und gleichzeitig Raum für menschliche Emotionen zu schaffen. Der Zuschauer verlässt das Opernhaus Frankfurt nicht nur betroffen, sondern auch ermutigt, über die Geschichten zu sprechen, die unbedingt erzählt werden müssen.
In tiefer Bewegtheit
Karl Esser



