Du betrachtest gerade Filmtipp: „Der Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam“ -Pragmatismus statt Autoritarismus (R. Rotry)

Als Tipp fürs Seminar „Krise und Hoffnung – Lebenskunst in bewegten Zeiten“ eignet sich der Film „Der Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam“ wunderbar: er bietet eine kurzweilige, lehrreiche Vorlage, um Krise, Hoffnung und gemeinschaftliches Handeln zu besprechen. Die Filmhandlung von 1995 basiert auf dem gleichnamigen Buch von Christopher Monger; Monger übernahm die Erzählung aus den Geschichten seines Großvaters über das reale Dorf Taff’s Well und den benachbarten Garth Hill in Wales, was dem Film seine Verwurzelung in lokaler Tradition und kollektiver Erinnerung verleiht.

Liebe Leser des UniWehrsEL,

Für unser Seminar zu Hoffnung und Krise lässt sich der Film weniger als bloße Handlung zusammenfassen, denn als Ensemble von Persönlichkeiten, die exemplarisch zeigen, wie Gruppen unter Druck funktionieren. Zwei durchreisende Vermesser treten als Impulsgeber auf: Ihre nüchterne Messung löst die Krise aus, die das Dorf in Bewegung bringt. Der eigentliche Fokus liegt aber auf der Reaktion der Dorfbewohner; sie organisieren sich, improvisieren und nutzen dabei Humor, List und kollektive Energie, um ihre Würde zu retten — ein Muster, das sich in vielen realen Situationen von Krisenmanagement wiederfinden lässt.

1917 treffen die durchreisenden königlichen Landschaftsvermesser Reginald Anson und George Garrad im Dorf Ffynnon Garw ein, um den angeblichen einzigen Berg in Wales zu vermessen. Als sie mitteilen, dass dem Gipfel 20 Fuß fehlen und er streng genommen nur ein Hügel sei, lösen sie eine Identitätskrise aus. Die Bewohner reagieren mit Überlebenskunst: Sie organisieren sich, improvisieren und setzen auf gemeinsame, praktische Maßnahmen — sie kippen so lange Erde auf den Gipfel, bis er hoch genug ist. (Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay)

Angeführt wird die Aktion von Morgan, der als pragmatische Narr- oder Harlekinfigur durch Schalk und Taten die Dorfgemeinschaft mobilisiert. Neben ihm tragen Menschen wie Thomas Tumb I und II, Jones „das Gesetzbuch“, Johnny „Granatkoller“, Tommy „Zweitakter“ und Evans „das Weltende“ mit unterschiedlichsten Temperamenten und Fähigkeiten dazu bei, dass aus individueller Anstrengung kollektive Wirkung entsteht. Betty fungiert dabei als emotionale Brücke: ihre Anwesenheit bindet den jungen Anson an den Ort, während Garrad eher mit Bierzufriedenheit durchs Leben geht. Um den Verbleib der Vermesser zu sichern, greift Reverend Jones zu manipulativem Pragmatismus und der lokale Mechaniker, Jones „das Petroleum“, erklärt, dass das benötigte Ersatzteil nicht binnen zwei Wochen zu bekommen sei — eine kleine Täuschung, die Zeit verschafft und das gemeinsame Ziel fördert.

Nach drei Tagen Dauerguss, in denen alle bisherigen Maßnahmen vergeblich bleiben, sammelt der Reverend die Menschen am Sonntag zu einem kurzen Gebet. Motiviert durch seine Worte und die neu belebte Entschlossenheit der Gemeinde, greifen alle wieder zu Schaufeln und Körben. In der Aufregung und Anstrengung erliegt der Reverend seinem Herzleiden; die Dorfbewohner begraben ihn feierlich auf dem Hügel, und die Trauerzeremonie verwandelt das Begräbnis zugleich in einen Akt der Solidarität: beim Aufschütten des Grabes und der Abschiedsfeier werden zusätzliche Erdschichten aufgebracht, die den Hügel spürbar erhöhen. (Image by lizzyliz from Pixabay)

Am Ende zeigt sich, dass Überlebenskunst oft weniger aus großem Pathos als aus alltäglicher Kreativität, Solidarität, gelegentlicher Regelbrechung und dem Mut zur Hoffnung besteht; durch gemeinsames Handeln, Rituale und Abschied wird aus Ffynnon Garw wieder ein Berg.

Die wichtigsten Figuren

Morgan erscheint als Narr- beziehungsweise Harlekinfigur: Als Pubbesitzer verbindet er Schalk, Pragmatismus und eine theatralische Überhöhung der Dorfehre. Seine Rolle als Narr erlaubt ihm, Normen zu dehnen; durch Provokation, Witz und Eigeninitiative motiviert er die Menschen und führt durch Beispiel, sodass aus seiner Laune politische Wirkung wird.

Der Harlekin ist eine Figur aus der Commedia dell’arte, die für ihre Vielschichtigkeit, Maskerade und die Fähigkeit steht, zwischen Lachen und Traurigkeit zu wechseln. (dazu auch unser Beitrag zu Hedda Gabler am Staatstheater Darmstadt Bild des Harlekin von Jim Cramer auf Pixabay)

Reginald Anson verkörpert den jungen Idealisten. Zunächst belustigt und distanziert, entwickelt er Empathie und bleibt, weil er die menschliche Dimension der Krise erkennt; seine Wandlung bietet Anlass, über die Bedeutung persönlicher Bindungen in politischen Entscheidungen zu sprechen. George Garrad steht dem als pragmatischer Zyniker gegenüber: Er repräsentiert die bürokratische, trinkfeste Seite des Establishments, beobachtet skeptisch und bleibt doch nicht ohne Anteilnahme — ein nützlicher Kontrapunkt zur romantischen Haltung Ansons.

Betty ist mehr als ein bloßes Liebesinteresse für den jungen Vermesser; sie übernimmt die Rolle einer Venus, die mit ihrer Präsenz Anson emotional bindet und so mitverantwortlich dafür ist, dass er im Ort bleibt. Die Venus kann man nicht nur am Himmel beobachten, sie ist auch Teil der „Göttinnenbewegung“, wie wir in einem anderen Beitrag darlegten. (Image by WikiImages from Pixabay)

Für Garrad hingegen genügen ein paar Gläser und die örtliche Geselligkeit — er ist leicht zu befriedigen, während Anson wirkliche Gefühle entwickelt. Die Dorfbewohner sehen Betty jedoch nicht als gleichwertige Heiratskandidatin; sie gilt als zu arm, denn sie hat sich als Dienstmädchen in einem herrschaftlichen Haus verdingt und hatte deshalb kaum Chancen, hier einen Mann kennenzulernen. Auf Morgans Bitte kehrt sie in ihre Heimat zurück und wird dadurch zur sozialen Brücke: Anson, zurückhaltend und verlässlich, erscheint als idealer Anwärter auf eine beständige Verbindung. So wird der Hügel selbst zum Beziehungsstifter; aus dem gemeinsamen Projekt wächst nicht nur ein Berg, sondern auch die Möglichkeit für neue, stabile Bindungen innerhalb der Gemeinschaft.

Reverend Jones und sein „Gesetzbuch“ symbolisieren moralische Legitimation und die Bereitschaft, Regeln flexibel auszulegen; Reverend Jones’ Manipulationen sind moralisch ambivalent und werfen die Frage auf, wann ein angenommenes Gemeinwohl das Brechen kleiner Regeln rechtfertigt.

Die Nebenfiguren wie Thomas Tumb I und II, Johnny „Granatkoller“, Tommy „Zweitakter“ oder Evans „das Weltende“ bilden zusammen die Bandbreite lokaler Temperamente: Eigensinn, Eifer, Aberglaube und Übermut zeigen, wie heterogene Charaktere gerade durch ihr Zusammenwirken die Resilienz einer Gemeinschaft stärken.

Krisen zeigen, wer eine Gemeinschaft wirklich ist, und bieten zugleich die Chance, sie zu stärken. Eine Krise muss nicht in Resignation enden; sie kann als Aufforderung zum Handeln verstanden werden. Hoffnung wird praktisch durch konkrete Schritte; wenn Menschen zusammenarbeiten, entstehen spürbare Veränderungen. Teamarbeit ist kein bloßes Ideal, sondern ein funktionales Mittel: gemeinsame Arbeit erzielt deutlich mehr als Einzelaktionen.

Mut bedeutet hier vor allem, Verantwortung zu übernehmen und mitanzupacken, nicht spektakuläre Heldentaten zu vollbringen. Listen und unkonventionelle Mittel mögen moralisch fragwürdig erscheinen, sind aber dann wirksam, wenn sie dem Gemeinwohl dienen. Führung überzeugt durch Vorbild: Wer selbst arbeitet und anpackt, bewegt andere stärker als bloße Worte. Identität und Würde werden durch gelebte Praxis erhalten; oft sind es kleine, gemeinsame Taten, die beides bewahren.

Für die Seminardiskussion bieten sich einfache Fragen an: Wann ist List im Dienst der Gemeinschaft gerechtfertigt, und wann nicht? Wann sollten Prinzipien dem Pragmatismus weichen, und wann ist genau das Gegenteil richtig? Was bedeutet es konkret, „Hoffnung“ im Alltag zu leben? (Bild Mohamed_hassan from Pixabay)

Diese Lektionen machen den Film zur brauchbaren Grundlage, um im Seminar Theorie mit konkreten Beispielen von Pragmatismus statt Autoritarismus; Mut, Zusammenarbeit und kreativem Umgang mit Widrigkeiten zu verbinden.

Mit freundlichen Grüßen

Elisabeth  

Danke, liebe Elisabeth! Das erinnert mich an Richard Rotry, der mit phantasievollen Vorschlägen aufwartet, um intellektuelle Sackgassen zu durchstoßen, wie der von Ihnen erwähnte Pragmatismus anstelle von Prinzipien. Rotry kennt sich aus in der philosophischen Literatur, Geschichte und Literatur. Seine Aufsätze bieten Verweise und Bezüge auf Hegel, Dewey, Kant (unser Beitrag „sapere aude!„). Ihre Anregungen aufgreifend könnte der DLF mit der Buchkritik zu Richard Rortry „Pragmatismus als Antiautoritarismus“ vielleicht hilfreich sein.

Buchkritik – „Pragmatismus als Antiautoritarismus“ von Richard Rorty