Du betrachtest gerade KI-Festival „End of Life“ – Virtual Reality, ein  Spiel mit Ängsten in bewegten Zeiten?

Lost Places sind genauso faszinierend wie beängstigend. Aber wie  fühlen sich verlassene virtuelle Orte an? Was geschieht, wenn wir das digitale Abbild von Verstorbenen entdecken? Und was hat im künftigen Metaverse der großen Konzerne keinen Platz? Ein Besucher des Gastspiels „End of Life“ (EOL) beim KI‑Festival im Staatstheater Darmstadt war gleichermaßen fasziniert und beunruhigt zurückgekehrt.

Sehr geehrte Redaktion,

unter einer VR‑Brille (Image by BrianPenny from Pixabay) wandelte ich durch eine virtuelle Ruinenlandschaft, nicht als bloßer Voyeur, sondern mit einem Auftrag. Für die Tech‑Firma „IRL“ sollen wir die alte Metaverse‑Version 1.0 aufräumen. Raum für Raum entscheiden wir als Besucher, was gelöscht und was zur Übernahme in Version 2.0 empfohlen wird. Diese scheinbar banale Wahl wird zur moralischen Prüfung.

Vor meinem Besuch von EOL stellten wir im Seminar „Krise und Hoffnung“ die Frage nach Bewahrung von Würde und Hoffnung in bewegten Zeiten. Während ich mir die grundlegenden Fragen stelle, denke ich zudem an den Deutschlandfunk‑Essay „Ich bin dann mal tanzen! Wie wir uns der dystopischen Gegenwart stellen“ über Klimakatastrophe, Krieg und das Wiedererstarken autoritärer Kräfte. Diese Debatten hallten noch in meinem Kopf nach, als ich ins Darmstädter Theater ging.  

Bevor ich die Installation „End of Life“ (EOL) betrete, schießen mir ein paar grundsätzliche Fragen durch den Kopf: Habe ich überhaupt Lust, mich mit dem Weltuntergang auseinanderzusetzen; auch wenn er nur virtuell ist? End of Life klingt so apokalyptisch wie eine ‚Mad Max Verfilmung‘ aus den 1980er Jahren. Warum muss gerade ein normaler Typ wie ich als Besucher am Ende der Welt starten? Ich bin kein Actionheld à la Mad Max, der locker durch die Apokalypse rast und seinen inneren Kompass immer richtig ausrichtet. Ich habe Zweifel; kein Patentrezept parat, und in diesem Endzeitspiel finde ich auch keine einfache Lösung.

Wird mich das stimmungsmäßig runterziehen, wo ich doch eigentlich positiv und mit Neugier an ein Festival mit so einem selbstironischem Titel „Komm zu meinem Festival oder ich hacke deinen Toaster“ herangehen möchte? Was macht das mit mir, innerlich und gedanklich? Was sagt die Installation über menschliche Verletzlichkeit aus? War das Metaverse nicht ursprünglich als ein fröhlicher, verspielter Ort gedacht? Kann ich die Aufgabe, Vergangenheit zu retten, nicht an ein Expertengremium übergeben, an Menschen mit Sachverstand, an Kuratorinnen und Museumsexperten, die abwägen können, was würdig ist, zu bleiben? Oder verlangt die Installation genau das; dass der Besucher, als Laie, spürt, wie brüchig Verantwortung ist, und dass Lebenskunst heute vielleicht bedeutet, kollektive Entscheidungen zu organisieren, statt sie einzeln zu tragen?

Schon die ersten Szenen schaffen Unbehagen. In einem ländlichen Idyll treibt ein toter Fisch (Image by mariya_m from Pixabay) verpixelt im Wasser. Reicht das, um zu sagen: „Nein, solche ‚alberne‘ Ökologie darf nicht übernommen werden“? Mein bewusstes ‚Nein‘ ruft Missfallen bei der firmeneigenen Avatar‑Tutorialleiterin hervor. Die glatte, kommerzielle Oberfläche, die an das Tech-Unternehmen ‚Meta‘ und ähnliche solcher Techunternehmen erinnert, provoziert Widerspruch. Und tatsächlich verleitet das Stück zur Umgehung der vorgegebenen Pfade; über diese Abwege sollte der Besucher am besten unbefangen bleiben, um sich die Erfahrung nicht vorwegzunehmen.

Technisch und erzählerisch ist „End of Life“ das anspruchsvollste VR‑Theaterstück, das mir im Rahmen des KI-Festivals (vgl. auch „Anfänge„) begegnet ist. Neunzig Minuten in VR klingt im Vorfeld nach Überforderung: die klobige Brille, die begrenzte reale Bewegungsfläche, die Gefahr von Schwindel. Doch die Umsetzung ist beeindruckend: ruckelfrei, von einer nostalgischen Computerspiel-Aura der 1990er-Jahre durchzogen und atmosphärisch dicht, kein Moment zieht sich unnötig in die Länge. Der Thriller‑Plot fesselt, und die technische Inszenierung verstärkt die moralischen Fragen, die das Stück stellt.

Denn „End of Life“ wirft handfeste ethische Kernfragen auf: Wann ist Bewahren der Vergangenheit gerechtfertigt, wann ist das Löschen ein sinnvoller Vorgang? Werde ich selbst zu einem „Hamlet“ (mit der Frage „Sein oder Nichtsein“), der sich durch die KI steuern lässt? Die Erfahrung zeigt uns, das Bewahren von Gedächtnis bzw. Erinnerung  verwandelt sich schnell in ein ambivalentes Verhältnis zwischen Fürsorge und Bedrohung.

Das Stück ist mehr als ein technologisches Gimmick. Es skizziert eine mögliche Zukunft als Performancekunst. Nicht länger nur Mensch‑zu‑Mensch, sondern theatral, interaktiv und stark Feedback getrieben. Es fordert die Zuschauer nicht nur zur Beobachtung, sondern zur Entscheidung und zwingt sie, die Verantwortung für ein digitales Gedächtnis und dessen Konsequenzen zu übernehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Simon Syntax

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:30. Mai 2026
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