ein Beitrag von I. Burn
Seit Jahrhunderten fasziniert die Gestalt der Medusa Künstlerinnen und Künstler: von Da Vinci über Caravaggio und Rubens bis zu Rodin und Picasso. Mal als schreckliches Ungeheuer, mal als Symbol weiblicher Wut oder als Objekt ästhetischer Bewunderung – die Medusa spiegelt stets kulturelle Vorstellungen von Schönheit, Macht und Abweichung. Ihre steinerne Fratze diente der Bildenden Kunst als dramatisches Motiv; ihr Haar, zur Schlange gewandelt, wurde zur Metapher für das Andere, das Furcht und Faszination gleichermaßen auslöst.
Liebe Leser des UniWehrsEL,

Lange Rezeptionslinien zeigen: Medusa ist kein statisches Symbol, sondern ein kulturelles Produkt, in dem sich Geschlechterbilder, Gewalt- und Schutzvorstellungen sowie Moralvorstellungen spiegeln und verändern.
Zu den Ikonen der Popkultur gehört auch Frankensteins Monster, welches in der nächsten Spielzeit am Schauspiel Frankfurt und am Schauspiel Darmstadt aufgeführt wird. Vermeintliche Monster und Außenseiter sind beim Publikum stets beliebt und werden auf der Bühne gerne gezeigt. Das dachte sich sicher auch die preisgekrönte Regisseurin Lydia Steier, die bei Medusa nicht nur Platz auf dem Regiestuhl nahm, sondern auch das Libretto zur Oper Medusa beitrug. Lydia Steiers Regiearbeiten war bereits mehrfach Thema im Blog z.B. in der Frankfurter Aida oder beim Wiener Tannhäuser.
Die Oper zeigt Medusa als persönliche Erzählung und verbindet Medusas Verwandlung mit dem Seminar „Unter Spiegeln“ . Die Welt spiegelt ihr Urteil über die Person Medusa, nicht ihr Leid. Das Leid wird übersehen. Spiegel werden hier nicht nur reflektierende Objekte, sondern Instrumente sozialer Zuschreibung. Medusa wird als „hässlich“ dargestellt, obwohl ihre Stimme, ihr Wort und ihr Inneres Schönheit tragen – eine schmerzliche Umkehrung, bei der Gesellschaft das Opfer zum Monster formt. Ihre Schwestern, die sie beschützen wollen, erreichen das Gegenteil: Aus Schutz wird Exil; aus Rettung wird Isolierung.
Vor diesem kunsthistorischen Hintergrund gewinnt die neue Oper Medusa von Ian Bell und der Regisseurin Lydia Steier besondere Bedeutung. Statt die Geschichte nur vom Ende her zu lesen, lässt die Oper Medusa selbst sprechen; eine Perspektive, die die alten Bilder herausfordert. Die Oper erzählt von einer Frau, die Opfer sexueller Gewalt wird, die von ihren Schwestern in vermeintlichem Schutz ins Heiligtum gebracht wird und dort erneut zu leiden hat: Poseidons Übergriff und Athenes Vergeltung verwandeln sie in das, wofür sie geächtet wird. Diese Täter‑Opfer-Umkehr, die Medusa nicht als angeborenes Monster, sondern als Produkt von Macht und Bestrafung zeigt, bricht mit der traditionellen Ikonografie.
Die Bühne wird von Flurin Borg Madsen bestehend aus zwei Spielflächen, die von neun schwarzen Gestalten ständig in Bewegung gehalten werden, dargestellt.

Dabei kann es sich um eine imaginäre Insel handeln. Mein erster Gedanke war Bocklins Prometheus, der sich im Landesmuseum Darmstadt befindet. Denn auch Prometheus gehorchte nicht dem Willen der Götter und wurde dafür bestraft. Dieses Schicksal teilt er mit Medusa. Auf diesem Ödland leben Medusa und ihre unsterblichen Schwestern. Die fürsorgliche Euryale (Paula Murrihy) und die praktische Stheno (Angela Denoke). Im Tempel der Athene passiert etwas ganz Ungeheuerliches. Die junge, naive Frau wird wegen Ungehorsams zur Nachtwache abgestellt. Alleine und schutzlos wird sie vom Meeresgott Poseidon vergewaltigt. Diese Szene ist sehr eindringlich aus Sicht von Medusa dargestellt. Für den Meeresgott dagegen ist die Tat eine Ehre, die Medusa widerfahren ist. Der Sänger Konstantin Gorny spielt den Poseidon als alten, weißen Mann, der skrupellos die Situation ausnutzt.
Außergerechnet direkt nach dieser Schandtat des Poseidons erscheint eine wütende Göttin Athene als riesengroße in Gold gehüllte Figur. Wer jetzt glaubte die Athene würde nun Poseidon die Meinung sagen, wird eines Besseren belehrt. Statt des Täters wird das Opfer beschuldigt, den Tempel mit seinen Liebesspielen entweiht zu haben. Das dies nicht freiwillig geschah, ist der Göttin (Mary Elisabeth Williams) ganz egal. Zunächst wird die hohe Priesterin (Anu Kosmi) bestraft. Die erboste Athene belegt sie mit Wahnsinn und die anderen Tempeldienerinnen mit Blindheit. Doch für Medusa ist so eine Strafe zu einfach. In ihrem Zorn verwandelt die rasende Göttin Medusa in ein Monster und beraubt sie so ihrer Weiblichkeit. Die Librettistin Lydia Steier zeigt, wie weibliche Solidarität auch funktionieren kann: Die Schwestern stehen zu Medusa und bleiben bei ihr auf der Insel und das unter widrigen Bedingungen. Zu sehen sind aus Stein erstarrte Männer. So wird durch den Willen der Athene Medusa zur Täterin. Sie bringt den Männern ohne eigene Schuld den Tod. Einzig Perseus (Josh Lovell) kann Medusas Blick widerstehen. Das liegt an seinem Einfühlungsvermögen. Er erkennt als einziger Mann die Frau hinter dem Monster. Zwar ist auch er gekommen, um Medusa zu töten. Doch er will dies für seine Mutter tun. Diese ist auch ein Opfer der Willkür eines Gottes geworden.
Deshalb findet Medusa Perseus sympathisch und beschließt sich selbst zu opfern, damit Perseus seiner Mutter helfen kann. Medusa kann durch den Fluch der Athene nicht selbst Kinder kriegen oder Mutter werden. Medusa sieht Perseus als Erlöser an. Daher ist sie bereit, sich von ihm töten zu lassen. Sie fragt nicht nach der Einwilligung der Schwestern. Diese finden im Schlussbild die enthauptete Medusa vor und brechen zusammen.

Medusa in der griechischen Mythologie, gilt als die einzige Sterbliche der drei Gorgonen. Laut Hesiod in seiner Theogonie waren Medusa und ihre Schwestern die Schwestern der Graien und lebten „jenseits des Okeanos am harten Rand der Welt bei Nacht, wo die klarstimmigen Hesperiden sind“ (Theogonie, 270). Zu Theogonie und Hesiod lesen Sie auch unseren Beitrag über Pandora.
Der Zuschauer sieht die Oper Medusa als Stimme einer jungen, wehrlosen Frau – nicht als Figur aus der griechischen Mythologie, sondern als Medusa selbst, die ihr Leben erzählt.Diese Perspektive ist neu, radikal und notwendig: Endlich verschiebt sich die Täter-Opfer-Erzählung. Medusa ist kein Monster per Natur, sondern das tragische Ergebnis sexueller Gewalt, patriarchaler Macht und göttlicher Vergeltung.
Als Schutz suchende Schwester wird sie von Stheno und Euryale weggeschickt; ihre Fürsorge führt ins Unheil. Poseidon nimmt sich, was er will, und die Priesterinnen des Tempels, denen Schutz anvertraut war, werden Zeugen der Schändung. Statt Mitleid erhält Medusa Strafe: Athene verwandelt ihr Haar in Schlangen, ihren Blick in eine tödliche Macht – eine Verwandlung, die zugleich Ausgrenzung und unfreiwillige Selbstermächtigung ist. Die einstige Unschuldige bleibt allein mit einer Kraft, die sie selbst nicht gewählt hat.

Die Oper zeigt auch, wie Selbstermächtigung grotesk gelesen werden kann: Medusas neue Kraft verängstigt und zerstört, weil eine verletzte Frau zum Objekt männlicher Furcht wird. Die Versteinerung der Blickenden ist eine Allegorie dafür, wie die Gesellschaft den Blick auf Opfer einfriert — keine Entwicklung, kein Verstehen, nur Verurteilung. Zugleich bleibt in der Figur eine tiefe Menschlichkeit: Medusa, innerlich schön und verletzt, sehnt sich nach Erinnerung, nach Erlösung; ihr „Sternenkind“ wird Hoffnung und Urteil zugleich. Über die Thematik der Selbstermächtigung können Sie im Beitrag zu „Written on Skin“ mehr erfahren.
Besonders schmerzhaft ist die Darstellung der Vergewaltigung und der doppelten Opferrolle der Medusa – erst durch Poseidon, dann durch Athene. Das Werk bricht die klassische Heroisierung: Heldenlust wird dekonstruiert, wenn Männer aus Neugier und Eroberungsdrang die Verbannte aufsuchen. Medusa bleibt Zeugnis eines Systems, das Täter schützt, Opfer bestraft und Unrecht ästhetisch zum „Monströsen“ stilisiert.
Die Oper fordert den Zuschauer auf, den Blick zu ändern: Weg vom Kampf Mann gegen die Bestie, hin zur Stimme der Frau, die ein Leben verlor. Wer Medusa in die Augen blickt, sieht nicht nur das „Monster“, sondern die gesellschaftlichen Spiegelungen, die aus Verletzung Ausgrenzung formen. Vielleicht besteht wahre Menschlichkeit darin, diese Spiegel zu zerbrechen und Opfer nicht länger in Stein zu verwandeln.
Claudia Boyle gibt dieser Medusa eine verletzliche, unermesslich starke Stimme, ein Appell an Zuschauer und Gesellschaft: Hört hin. Blickt genauer. Und fragt euch, welche Mythen wir weiterschreiben, wenn wir Leiden zu Legenden machen.
Die Oper lehrt den Zuschauer, mitfragend hinzusehen: sie entlarvt, wie schnell Gesellschaft Opfer zu Tätern stempelt, und wie Machtverhältnisse (sexuelle Gewalt, Institutionen, Mythen) Erzählungen formen, die Ausgrenzung legitimieren. Das Seminar „Unter Spiegeln“ wird so zur Aufforderung, eigene Reflexe zu prüfen – wer spiegelt wen, welche Zuschreibungen übernimmt der Einzelne unkritisch, und welche Bilder reproduzieren Gewalt?
Diese Thematik besprachen wir ebenfalls im Kontext Täter-Opfer am Beispiel der Oper „Turandot“ und der Interpretation von Vera King. Vergeltung wird zum kulturellen und unbewussten Motiv, denn Vergeltung wird hier nicht nur als individuelle Rache verstanden, sondern als kulturelles Muster: Es geht um die Wiederholung von Gewaltverhältnissen zwischen den Geschlechtern. King sieht darin ein Spiegelbild moderner Gesellschaftskonflikte, etwa in Bezug auf Geschlechterrollen, emotionale Kontrolle und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit.
Übertragen auf heute zeigt die Inszenierung von Lydia Steier, dass Täter-Opfer-Umkehr, Scham und das Starren auf äußere Erscheinung fortbestehen: Medien, soziale Netzwerke und politische Diskurse verfestigen mitunter Vorurteile, anstatt zuzuhören. Zugleich erinnert die Oper daran, dass Selbstermächtigung von Frauen häufig als Bedrohung missverstanden wird. Die Oper fordert ganz praktisch: mitfühlen statt verurteilen; aktiv gegen Vorurteile arbeiten.


