Der Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow (Autor) schildert Moskau der 1930er Jahre. Der russische Regisseur Timofej Kuljabins und die Dramaturgin Olga Fedyaninas machen aus dem Roman am Schauspiel Frankfurt einen satirischen Kriminalfall im Alltag. Inhaltlich geht es um Woland, der erscheint als „Professor für Schwarze Magie“, begleitet von unheimlichen Gehilfen wie dem riesigen Kater Behemoth, während die Stadt durch Zauberei aus den alltäglichen Bahnen gerät.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
In Timofej Kuljabins Adaption von Bulgakows Weltroman wird das Bild einer korrupten Gesellschaft, in der die Unberechenbarkeit allgegenwärtiger Gewalt zum System geworden ist, nachgezeichnet. Eine forensische Rekonstruktion legt er die Mechanismen heutiger totalitärer Herrschaft frei.
Im Roman wird der Lebensweg des Meisters verfolgt, der erst im zweiten Drittel wirklich in Erscheinung tritt: einst Historiker und Schriftsteller, gerät er nach brutalen Anfeindungen und dem Scheitern seines Romans in Verzweiflung, psychische Zerrüttung und schließlich in die psychiatrische Klinik.
In der Frankfurter Fassung ist er nur ein wichtiger Zeuge in dem Kriminalfall. Seine Überlebenskunst besteht nicht darin, ungeschehen zu machen, was passiert ist, sondern im Festhalten an einer inneren Wahrheit; im Schreiben, im Erinnern, und im Weiterleben zwischen Scham, Verlust und Hoffnung, obwohl niemand ihm Raum für beides lässt. Margarita wiederum steht als letzte große Figur für die Überlebenskunst im Handel mit dem Unmöglichen: Sie ist materiell versorgt, aber innerlich unzufrieden, liebt den Meister und geht einen Deal mit Woland ein, um ihn wiederzuholen. Als Ballkönigin wird sie zur Hexe, erfüllt Aufgaben, die sie physisch und emotional an die Grenze bringen. In der Bühnenfassung wird sie zwar erwähnt kommt aber überhaupt nicht vor.

Gerade darin berührt die Inszenierung das Seminar-Kernthema „Krise und Hoffnung – über Lebenskunst in bewegten Zeiten“. Denn Hoffnung ist hier nicht naiv, sondern praktisch: Lebenskunst bedeutet, in widrigen Strukturen handlungsfähig zu bleiben, ohne sich vollständig von ihnen definieren zu lassen. Wer erlebt, wie Zeugen geführt, Beweise gedreht und Möglichkeiten eingeschränkt werden, versteht plötzlich, was mit „überleben“ gemeint ist: nicht nur körperlich, sondern geistig. Nicht das Fantastische wird entkräftet, weil es falsch wäre, sondern weil das System nur das gelten lässt, was es beherrschen kann.
Etwas muss die Moskauer verrückt gemacht haben: Wer ist der Täter? Hinkender Fremder, Woland, unsicherer Blick, und doch diese Gewissheit: Er sagt die Zukunft voraus – zu genau, um Zufall zu sein. Seine unheimliche Räuberbande hinterlässt in der Stadt ein Chaos: Ein riesiger, auf zwei Beinen gehender Kater, Hexen auf dem Besen, und dazwischen Ereignisse, die sich wie ein Kriminalfall anfühlen, nicht wie ein Märchen. Menschen seien „beweisbar“ innerhalb eines Augenblicks von Moskau nach Jalta weggezaubert worden; 1500 Kilometer, als sei die Entfernung nur ein Irrtum im Protokoll.
Der Abend erzählt das alles nicht als Fantasie, sondern als Aktenproblem. Eine Varietévorstellung, in der Pariser Modellkleider verschenkt werden: Wer eins erwischt, steht am nächsten Tag nackt in der Öffentlichkeit. Rubelscheine verschwinden und andere Währungen verwandeln sich in Papierschnipsel. Und wieder ein Bericht, wieder eine Zeugenaussage: Verwandlung; ein Zeuge in ein Schwein verwandelt, als wäre das die logischste Konsequenz der vergangenen Nacht. Vorgetragen wird das im Brustton der Selbstverständlichkeit, mal verbunden mit Forderungen nach Schadenersatz für abhanden gekommene Garderobe, mal als Gelegenheit zur schrillen Selbstdarstellung. Man merkt schnell: In dieser Ordnung ersetzt „Erklären“ das Leben, aber „Zustimmen“ kann es zerstören.
Das ist der dramaturgische Kniff von Timofej Kuljabins und Olga Fedyaninas Fassung von Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“: Die beiden Titelhelden treten gar nicht erst auf, ebenso wenig Woland und seine Entourage. Stattdessen wird erzählt, gleichsam im Nachhinein – als Nachtrag zu einem Vorgang, den das System nicht lassen kann, weil er sich nicht sauber abheften lässt.
Im Mittelpunkt steht eine polizeiliche Ermittlung: drei Kommissar*innen in NKWD-Uniformen, angetrieben von Protokollen, Befragungen und der altbekannten Gewissheit, dass Wirklichkeit sich ordnen lässt. Alles an Ausstattung und Auftreten erinnert an die Zeit des stalinistischen Staatsterrors – nicht als Zitat, sondern als Atmosphäre, die den Raum bestimmt. Die fantastischen Ereignisse erscheinen deshalb nicht auf der Bühne, sondern als Aktenvermerk: Berichtet wird, was angeblich geschehen ist, und in jedem „angeblich“ steckt der Versuch, das Unbegreifliche in etwas Verwertbares zu verwandeln.
Und genau hier zeigt sich die Überlebenskunst der Menschen. Denn während das Verhörteam Wahrheit wie einen Gegenstand sucht, müssen die Befragten ihren Alltag und ihre Identität neu sortieren: Was darf gesagt werden, was wird gefährlich, was überlebt nur, wenn man es so erzählt, dass es ins Verfahren passt. Der Abend macht dabei sichtbar, wie dünn die Grenze ist zwischen Aussage und Selbstschutz ist, und wie sehr selbst Hoffnung in bewegten Zeiten zur Frage wird, wie man durch das nächste Verhör kommt, ohne sich dabei zu verlieren.
Ausgangspunkt ist ein repressiver Staat, in dem Verhöre nicht der Aufklärung dienen, sondern der Ordnung. Der Abend macht die Verhörsituation zur Grundform: eine Kriminalfall-Ablaufmaschine, in der die Befragten Figuren einer Geschichte werden, die man festhalten will. Repressiv wirkt nicht nur das Offensichtliche – sondern vor allem das, was zwischen den Fragen steht: die subtile Beeinflussung der Zeugen, die unterschwellige Lenkung ihrer Antworten, die ständige Bedrohung, die niemals laut ausformuliert werden muss, weil sie durch Blick, Protokoll, Tonfall und Wartezeit schon da ist. Und genau so entsteht ein Eindruck, als ginge es nicht um das Ereignis, sondern um die Haltung dazu: Was darf gesagt werden, was muss verschwiegen werden, was wird schon allein durch die falsche Reihenfolge verdächtig?
Im Zentrum stehen dann die drei Ermittler, und auch bei ihnen geht es weniger um Charaktertiefe im klassischen Sinn als um Rollenlogik: Manja Kuhl wirkt als kühl protokollierende Ermittlerin wie eine Maschine, die Sprache nach Aktenmuster sortiert. Ihre Stimme und Haltung lassen kaum Raum für Begegnung. Sie richtet die Fragen so, dass Antworten nicht „wahr“ werden, sondern „passend“. Dadurch entsteht eine eigene Art von Druck: subtil, aber dauerhaft. Wahrheit wird nicht gesucht, sondern abgerufen, überprüft, eingeordnet.
Wolfgang Vogler gibt dem Chefermittler eine aufgeregte Tonlage als müsse das Verfahren sich ständig selbst bestätigen, um nicht an der Wirklichkeit zu zerbrechen. Und Stefan Graf lässt die Rolle des Ermittlers gleichzeitig verständlich und erschreckend werden: Er wirkt zunehmend verzweifelt, nicht weil er das Fantastische glaubt oder ablehnt, sondern weil er merkt, dass sich ein Kriminalfall seine Karriere zerstören kann. In dieser Dreierkonstellation wird „Suche nach Wahrheit“ zur Prüfung der eigenen Handlungsfähigkeit.
Die weiteren Figuren – besetzt in Mehrfachrollen – tragen den Abend über die Verhörform hinaus. Christoph Bornmüller gestaltet Iwan Bezdomnij so, dass dessen innere Zerrissenheit nicht behauptet wird, sondern sichtbar bleibt: als Riss zwischen dem Wunsch nach Erklärung und der Erfahrung, dass Erklärungen hier keine Sicherheit geben. Gerade weil Bezdomnij in einer Art Zwischenzustand gefangen ist, spürt man die Hoffnung als Lebenskunst: nicht als großen Rettungsplan, sondern als zähes Weiterdenken gegen das eigene Zerbrechen.
Auch die anderen Rollen entwickeln Profil, obwohl sie schnell wechseln: Isaak Dentler, Heidi Ecks, Christina Geiße, André Meyer, Rokhi Müller, Eva Maria Nikolaus, Matthias Redlhammer, Sebastian Reiß, Uwe Zerwer. Sie sorgen dafür, dass die Geschichte nicht zur reinen Abfolge von Befragungen erstarrt. Jede Figur bringt einen anderen Ton in das Gefüge: mal Kleingeistigkeit, mal Starrsinn, mal Angst, mal Trotz. So entsteht eine bürokratische Gesellschaft im Kleinen – nicht als Kulisse, sondern als Dynamik, in der selbst das Merkwürdige nicht freies Denken hervorruft, sondern Misstrauen und Aktenmäßigkeit.
Der inhaltliche Sog kommt dabei aus der Struktur: Die Inszenierung arbeitet die Ereignisse wie einen „Cold Case“ ab – von Ende zu Anfang, in 26 kurzen Verhörszenen. So werden „Kriminalfall“ und „Verhörsituation“ nicht nur Form, sondern Aussage. Die fantastischen Elemente werden protokolliert, aber nicht als Erklärung anerkannt: Sie tauchen auf wie Beweismittel, die man einordnet, ohne ihnen wirklich Raum zu geben. Genau das legt offen, wie ein repressiver Staat mit Wirklichkeit umgeht: Er akzeptiert nicht, was ist, sondern das, was sich verwalten lässt.
Doch der Abend zeigt zugleich, dass die Suche nach Wahrheit trotzdem möglich bleibt, wenn auch als zähes Durchhalten, als Wiederholen, als innerer Widerspruch.
Auch die Gegenwart spürt man dadurch stärker. Man denkt unweigerlich an Deutschland, an die Erfahrungen vieler Menschen mit sozialleistungen, an Anträge, Bescheide, Fristen, Rückfragen—an die leise Form der Verdachtslogik, die sich in Verfahren verbergen kann. Wenn die Realität des eigenen Lebens zu einem Datensatz reduziert wird und erst nach Aktenmaß „anerkannt“ ist, was zuvor erlebt wurde, dann ist man schnell bei derselben Grundspannung: bürokratische Maßgabe statt menschlicher Wirklichkeit. Die Inszenierung macht das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der Kunst, die Mechanik sichtbar zu machen.
Und die Lebenskunst der Figuren zeigt sich besonders dort, wo sie nicht in großen Erklärungen aufgeht, sondern in Handlungen: im Behaupten, im Erinnern, im Festhalten an einem inneren Maßstab.
Und damit trifft der Abend das Thema „Krise und Hoffnung“ besonders präzise: Hoffnung ist hier kein Gefühlszustand, sondern eine Praxis. Während die Ermittler versuchen, Wahrheit in Aktenform zu pressen, bleibt für andere Figuren nur der Weg, im Widerspruch zu bleiben – weiterzusehen, weiterzusprechen, weiterzuhalten. Lebenskunst bedeutet: den Druck auszuhalten, ohne sich völlig in die Logik des Systems einzufügen.
Mit freundlichen Grüßen vom Kulturbotschafter des UniWehrsEL



