Ellen saß am Küchentisch und korrigierte den dreißigsten Aufsatz über Hans Christian Andersens Die Schneekönigin (auch in unserem Beitrag „Unter lauter Spiegelbildern“ …“). Sie hatte das Hitze-Koma im Frankfurter Nordend am Siebenschläfer gut überstanden. Geblieben war aber die schon seit Monaten andauernde bleierne, seelenlose Müdigkeit. Als sie aufblickte und zufällig in den alten, barocken Wandspiegel im Flur sah, erschrak sie. Das Gesicht, das ihr dort entgegenblickte, wirkte maskenhaft, glatt und seltsam fremd.
„Ein funktionaler Doppelgänger“, murmelte Ellen müde. Sie hatte vor Jahren ein Seminar bei Professor Rolf Haubl in Frankfurt besucht. Seine Worte über die „riskante Arbeitswelt“ und das Aufwachsen „unter lauter Spiegelbildern“ waren ihr im Gedächtnis geblieben.
Der neolibere Geist des Schulsystems hatte Ellen längst eingeholt. Sie sollte nicht mehr nur Wissen vermitteln. Sie musste sich permanent selbst optimieren, digitale Portfolios anlegen, Evaluationsbögen ausfüllen und in Elterngesprächen die perfekte, stets belastbare, empathische Pädagogin mimen. Das System forderte ihre gesamte Persönlichkeit – und gab ihr als Echo nur leere Bürokratie zurück. Sie war, wie Haubl es nannte, zur „Unternehmerin ihrer selbst“ geworden. Ihre Identität existierte nur noch im Spiegelbild des Erfolgs ihrer Schüler und den Erwartungen des Ministeriums.
Sie blickte zurück auf den Aufsatz eines Schülers. Er hatte über den zerbrochenen Koboldspiegel aus der Schneekönigin geschrieben. „Wenn ein Splitter das Herz trifft“, hieß es da, „wird das Herz zu Eis und man sieht in allem nur noch das Hässliche und Fehlerhafte.“
Ellen schluckte. Genau das passierte gerade mit ihr. Sie korrigierte nur noch Fehler. Sie sah in den Augen ihrer Schüler nicht mehr deren Neugier, sondern die Angst, im sozialen Vergleich zu versagen. Und in den Gesichtern der jüngeren Kolleginnen spürte Ellen einen schleichenden, giftigen Neid – das Schneewittchen-Syndrom des Lehrerzimmers. Die Jungen neideten ihr die Verbeamtung und die Erfahrung; Ellen neidete ihnen die jugendliche Energie, die ungezähmte Kraft, die sie selbst längst an das System verloren hatte. Sie lebte in einer Echokammer aus Missgunst und Leistungsdruck.
Plötzlich begriff sie Haubls Märchenanalyse auf einer ganz neuen Ebene. Ihr Burnout, diese lähmende Erschöpfung, war kein individuelles Versagen. Es war kein Mangel an „Resilienz“, den man mit einem Yoga-Kurs reparieren konnte.
Es war ihr unbewusster Streik. Ihr Körper zog die Notbremse, weil ihr inneres, reales Ich sich weigerte, weiterhin als Dorian Gray des Bildungswesens zu fungieren – außen makellos funktionierend, während die Psyche hinter der Fassade kollabierte.
Ellen stand auf und trat direkt vor den Flurspiegel. Sie wischte den Staub von der Glasfläche. Sie sah die Falten um ihre Augen, die Müdigkeit, aber auch den Funken Trotz, der noch in ihr steckte. Sie beschloss, morgen nicht in die Schule zu gehen. Sie würde sich krankschreiben lassen. Nicht aus Schwäche, sondern als Akt des Widerstands. Sie würde aufhören, sich in den Erwartungen des Systems zu bespiegeln.
Sie lächelte ihr echtes, müdes Spiegelbild an. Der Splitter der Schneekönigin begann zu schmelzen.
Das gläserne Labyrinth
Der erste Morgen ihres „unbewussten Streiks“ brach an. Ellen lag wach und lauschte dem fernen Summen des Berufsverkehrs. Ihr Körper fühlte sich tonnenschwer an – ein psychosomatischer Bleimantel, den die Psychoanalyse als klassischen Abwehrmechanismus deutet. Indem die Psyche die Libido, die Lebensenergie, radikal abzieht, schützt sie das verbliebene Ich vor der totalen Fragmentierung. Ellen funktionierte nicht mehr, weil das Funktionieren sie krank gemacht hätte.
Sie stand auf und vermied bewusst den Blick in den großen Flurspiegel. Haubl hatte in seinen Vorlesungen oft betont, dass der moderne Mensch zunehmend unter einem „Suchtverhalten der Selbstbespiegelung“ leidet. Wir vergewissern uns unserer Existenz nicht mehr durch inneres Spüren, sondern durch den ständigen, narzisstischen Kontrollblick von außen. Wer bin ich, wenn mich niemand evaluiert, niemand benotet und kein Spiegelbild mir Bestätigung schenkt?
Ellen setzte Teewasser auf und nahm ein altes Märchenbuch der Brüder Grimm zur Hand. Sie suchte nach einer tieferen Wahrheit jenseits des Schneewittchen-Neids. Ihr Blick fiel auf das Märchen „Das Mädchen ohne Hände“.
Die Analogie des Verstümmelten Ichs
In Haubls kulturhistorischer Lesart ist dieses Märchen eine drastische Parabel auf die Subjektivierung der Arbeit. Der Vater hackt der eigenen Tochter die Hände ab, um einen Pakt mit dem Teufel (dem System, dem Profit) zu erfüllen. Ellen begriff: Genau das tat sie seit Jahren. Sie hatte ihre eigenen „Hände“ – ihre kreative, intuitive und unberührte Beziehungsfähigkeit als Pädagogin – bereitwillig amputiert, um den bürokratischen Pakt der permanenten Optimierung zu erfüllen. Sie hatte nur noch nach Lehrplan funktioniert, Noten generiert und standardisierte Kompetenzen abgehakt. Das System hatte sie „handlungsunfähig“ gemacht, indem es ihr die Autonomie raubte.
Die Flucht in die Projektion
Am Nachmittag hielt sie die Stille ihrer Wohnung nicht mehr aus. Sie ging im Stadtpark spazieren. An einem kleinen Ententeich blieb sie stehen. Das Wasser war spiegelglatt. Ellen erinnerte sich an Haubls Analyse des Narziss-Mythos. Das tragische Missverständnis des Narziss liegt darin, dass er die Sehnsucht nach Resonanz mit einer Sehnsucht nach Verschmelzung verwechselt. Er verliebt sich nicht in sich selbst, weil er so eitel ist, sondern weil er in der Umwelt kein echtes, antwortendes Gegenüber findet. Er projiziert sein Liebesbedürfnis in ein starres Bild.
„Wir Lehrer sind alle wie Narziss am Teich“, flüsterte Ellen. Im neoliberalen Schulsystem spiegeln sich Lehrer und Schüler nur noch gegenseitig ihre Defizite. Die Schüler spiegeln der Lehrerin ihre Überforderung; die Lehrerin spiegelt den Schülern deren mangelnde Leistung. Es ist eine intersubjektive Tragödie: Keiner sieht mehr den anderen als Subjekt, alle benutzen einander nur noch als Objekte zur Stabilisierung des eigenen, brüchigen Selbstwerts.
Der Ausweg: Das Märchen von „Allerleirauh“
Auf dem Rückweg verstand Ellen, welches Märchen ihr den Weg aus der Krise weisen konnte: Allerleirauh. Die Königstochter flieht vor den inzestuösen, verschlingenden Ansprüchen ihres Vaters, indem sie sich in einen Mantel aus tausend Pelzarten hüllt und ihr Gesicht mit Ruß schwärzt. Sie macht sich unsichtbar, unlesbar für das System.
Haubl würde diesen Rückzug als einen notwendigen Schutzraum des Ichs deuten. Manchmal muss man sich der permanenten Spiegelung entziehen, die eigene Identität unter einem „Mantel aus Allerleirauh“ verstecken, um sie vor dem Zugriff der Außenwelt zu retten. Die Krankschreibung war Ellens Rußschicht. Sie war die Verweigerung, weiterhin als perfektes, glänzendes Anschauungsobjekt im gläsernen Labyrinth der Schule zu dienen.
Als Ellen an diesem Abend nach Hause kam, ging sie bewusst zum Flurspiegel. Sie blickte hinein, aber sie suchte nicht mehr nach Fehlern, Falten oder dem müden „funktionalen Doppelgänger“. Sie sah ein Ich, das begonnen hatte, sich den verzerrten Spiegeln einer riskanten Arbeitswelt zu entziehen. Es war ein verletzliches, trauriges Gesicht – aber es war endlich wieder ihr eigenes.
Der Raum hinter dem Glas
Die Praxis von Dr. Becker, dem Supervisor, lag im vierten Stock eines gläsernen Neubaus. Ellen saß in einem der Sessel von Le Cobussier. Zwischen ihnen stand kein Tisch, keine Dokumentenmappe, kein Laptop. Für Ellen, die an die permanente mediale Vermittlung ihres Berufsalltags gewöhnt war, fühlte sich diese leere Präsenz im Raum fast bedrohlich an.
Rolf Haubl beschreibt die Supervision in einer „riskanten Arbeitswelt“ als einen der letzten Schutzräume für unzensiertes Nachdenken. Sie ist kein Coaching zur Leistungssteigerung. Arbeitswelten erscheinen zuweilen weniger als Ort der Selbstoptimierung, sondern das Gegenteil: ein Laboratorium zur Demontage des funktionalen Selbstbildes.
„Sie wirken heute sehr still, Frau Brand“, begann Dr. Becker leise. Seine Stimme war ruhig, frei von dem drängenden Tonfall, den Ellen aus Konferenzen kannte.
Ellen spürte ein Ziehen in der Brust. Das Phänomen, das nun einsetzte, nennt die Psychoanalyse Übertragung. Sie suchte im Gesicht des Supervisors automatisch nach dem vertrauten, kritischen Blick ihres Schulleiters oder der fordernden Eltern ihrer Schüler. Sie suchte den Spiegel, der ihr Defizite aufzeigte. Doch Dr. Becker blieb ein „neutraler Spiegel“ – er bewertete nicht.
„Ich habe das Gefühl, mein ganzes Berufsleben war ein Märchen, das schlecht ausgegangen ist“, sagte Ellen und starrte auf ihre Hände. Sie erzählte ihm von ihrer Erschöpfung, von Haubls Thesen und von der Schneekönigin. Sie sprach über den unbewussten Streik ihres Körpers.
Dr. Becker nickte langsam und Ellen fährt fort:. „Haubl spricht in Bezug auf Institutionen wie Schulen gerne von einer ‚organisierten Unverantwortlichkeit‘. Das System lagert seine strukturellen Widersprüche in die Psyche des Einzelnen aus. Die Schule verlangt von Ihnen, unlösbare Probleme – wie Lehrermangel, soziale Ungerechtigkeit und Überlastung – durch persönliches Engagement zu kompensieren. Wenn sie daran zerbrechen, spiegelt das System Ihnen zurück: Sie sind nicht resilient genug.“ Sie seufzt. „Genau so fühlt es sich an“, flüsterte Ellen. „Als wäre mein Burnout eine persönliche Schande.“
„Das ist die neoliberale Falle“, erwiderte der Supervisor. „Die Therapeutisierung des Strukturellen. Man bietet Ihnen Resilienztraining an, damit Sie klaglos in einem System weiterfunktionieren, das eigentlich grundrenoviert werden müsste. Das ist die Dynamik von Schneewittchens Stiefmutter: Das System duldet kein Altern, keine Schwäche, keine Erschöpfung. Es verlangt die ewige, produktive Jugendlichkeit.“
Ellen lehnte sich zurück. In diesem geschützten Raum der Supervision passierte etwas Entscheidendes, das Haubl als das Ziel jeder supervisorischen Praxis definiert: Szenisches Verstehen. Ellen verstand plötzlich, dass ihre Erschöpfung kein medizinisches Defekt-Symptom war, sondern eine hochgradig sinnvolle, psychosomatische Antwort auf eine kranke Struktur.
„Wenn mein Burnout ein unbewusster Streik ist“, sagte Ellen nach einer langen Pause, „dann ist meine Krankschreibung der Verhandlungstisch. Ich streike nicht, weil ich die Arbeit mit den Kindern hasse. Ich streike gegen den Doppelgänger, zu dem ich erzogen wurde.“
Dr. Becker lächelte leicht. „Damit haben Sie den Koboldspiegel der Schneekönigin entmachtet, Frau Brand. Sie weigern sich, die Schuld für die Mängel des Systems bei sich selbst zu suchen. Sie fangen an, den Blick umzudrehen und die Institution zu analysieren, statt sich von ihr pathologisieren zu lassen.“
Als Ellen die Praxis verließ und auf die Straße trat, fühlte sich die Luft frischer an. Der psychosomatische Bleimantel wog spürbar leichter. In der Supervision hatte sie gelernt, dass man den Zwang der permanenten Selbstbespiegelung nur durchbrechen kann, wenn man den Mut aufbringt, die eigene Verwundbarkeit nicht als Versagen, sondern als zutiefst menschlichen Widerstand zu begreifen.

Das Ende der Illusion
Nach sechs Wochen kehrte Ellen an die Schule zurück. Sie trug keinen Ruß mehr im Gesicht wie Allerleirauh, aber sie trug eine innere Rüstung. Das Gespräch mit dem Schulleiter, Herrn Dr. Meyer, verlief exakt so, wie sie es in der Supervision mit dem Konzept der „organisierten Unverantwortlichkeit“ seziert hatte. Meyer blickte sie besorgt an und schob ihr sofort eine Broschüre über ein schulinternes Gesundheitsprogramm zu: „Achtsamkeit im stressigen Schulalltag“.
„Schön, dass Sie wieder da sind, Frau Brand“, sagte er. „Wir müssen schauen, wie wir Ihre Resilienz stärken, damit so etwas nicht wieder vorkommt. Das Pensum wird ja nicht weniger.“ Früher hätte Ellen diese Bemerkung als verdeckten Vorwurf verstanden, nicht leistungsfähig genug zu sein. Sie hätte sich geschämt. Doch diesmal griff die psychoanalytische Distanz. Sie sah die Broschüre an und erkannte sie als das, was sie war: der Versuch der Institution, das strukturelle Versagen auf ihre Psyche abzuwälzen.
„Ich benötige keine Resilienz-Kurse, Herr Meyer“, sagte Ellen ruhig und schob die Broschüre zurück. „Meine Erschöpfung war keine Schwäche, sondern die völlig gesunde Reaktion auf ein ungesundes System. Ich werde meine Arbeitsweise anpassen, um die Qualität meiner Lehre und meine Gesundheit zu schützen. Das bedeutet auch, dass ich für zusätzliche administrative Sonderaufgaben ab sofort nicht mehr zur Verfügung stehe.“
Meyer erstarrte kurz. Einem erschöpften, weinenden Mitarbeiter konnte das System mit therapeutischen Phrasen begegnen. Einer Mitarbeiterin, die dem System nüchtern seine eigenen Widersprüche spiegelte, war es machtlos ausgeliefert.

Die Kunst, sich von Allmachtsfantasien zu lösen
In den folgenden Monaten vollzog Ellen das, was Haubl in seinen Spätwerken als „die Kunst des Abdankens“ beschrieb – den schrittweisen, selbstbestimmten Abschied von narzisstischen Allmachtsfantasien. Sie verabschiedete sich von der Illusion, sie müsse jede Kinderseele im Alleingang retten und gleichzeitig die perfekte Bürokratin sein.
Wenn sie heute in den Flurspiegel blickte, sah sie keine unfehlbare Heldin mehr. Sie sah eine gealterte, erfahrene Frau, die ihre Grenzen akzeptiert hatte. Sie war nicht mehr die „Unternehmerin ihrer selbst“. Sie war wieder Lehrerin.
Im Unterricht las sie mit den Schülern das Ende der Schneekönigin. Sie besprachen, dass Kay und Gerda am Ende des Märchens nach Hause zurückkehren und feststellen, dass sie erwachsen geworden sind.
„Das Erwachsenwerden im Märchen“, erklärte Ellen der Klasse, „bedeutet, die magischen Kindheitswünsche hinter sich zu lassen. Man erkennt, dass die Welt nicht perfekt ist. Aber man verliert sich nicht mehr in den Eispalästen der falschen Versprechungen.“
Als die Glocke zur Pause läutete, packte Ellen ohne Eile ihre Tasche. Sie ging nicht ins Lehrerzimmer, um am kollektiven Jammern und dem verdeckten Neid teilzunehmen. Sie ging zum Fenster, blickte hinaus auf den Schulhof und spürte zum ersten Mal seit Jahren wieder eine tiefe, ruhige Resonanz mit sich selbst – ganz ohne Spiegel.



